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Freies Blatt · 1893-06-04 · 61 (4.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
61 (4.6.1893)
Date
1893-06-04
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Freier Blatt. . i.- außerdem nicht für die Jtide» allein, sondern allen Besitzenden vcxhängnißvoll zu Werder? droht. Ob der Antisemitismus in Sachsen bereits die Höhe erreicht, wo seine ganze Gefahr sich in ihrer vollen Tragweite kundgibt, steht noch nicht fest; allem Anschein nach wird diese Bewegung nicht still stehen, bis sie diese'Höhe erreicht hat. Die sächsischen Inden können nichts weiter thun, als sich in.Handel und Wandel der größten Rechtschaffenheit zu befleißigen, und müffen Alles vermeiden, was dem Borurtheil neue Nahrung zuführen könnte. (Tr. Lueger — Stadtrath.) Noch nie ist ein bramarbasircndcr Charakterbold so willfährig in die Laube gegangen als Herr Dr. Carl Lueger, da er sich in den Stadtrath wätten ließ. Durch mehr als zwei Jahre konnten die gcmeindcräthlichen Antisemiten, die doch sonst wahrhaft lammsfromme Sitten zur Schau tragen, geradezu aus dem Häuschen gcrathcn, wenn auf den Etadtrath die Rede kam. Lichterloh pflegte ihre Entrüstung aufzuflammen, wenn sie dieser Institution gedachten, die nach den Intentionen ihrer Begründer die lästerliche Bcstimmung hatte, der kommunalen Arbeit und nicht der antisemitischen Zungcngymnastik zu dienen, nach den Aussprüchen fünfundzwanzigpfündiger Bezirksautoritäten aber lediglich eine Sinccure für brave Kinder der fff liberalen Partei wäre. £), diese 3000 fl., welche in die Tasche eines nicht antisemitischen StadtratheS flössen, sie verursachten den Gregorig, Jedlicka, Steiner e tutti szuunti sittliche Kränipfc, als bandelte cS sich hier nicht um die bürgerliche Entlohnung einer sauren Arbeit, sondern um ein Pauschale, das ein anticorruptioncllcs Tagblatt einer „jüdischen" Gesellschaft dankend quittirt. Und nun erst der Cato von Margarethen, er soll tagtäglich sein Morgcngebet mit den Worten geschloffen haben: „Führe uns nicht in den Stadtrath, sondern erlöse uns von allem lieben"• — Indessen Lueger denkt und Prix lenkt. Bekanntlich hatte sich in den Reihen der Gemeinderathsmajorität schon lange eine Bewegung fühlbar gemacht, die dahin ging, den Antisemiten einigt' Stadkrathsmandate ' cinznräuuicn, um damit einfür allemal den Berdächtigungcn einen Riegel vorznschieben. AIS eS sich nun in der abgclaufenen Woche darum handelte, einige Sedisvacanzen für den Stadtrath neu zu besetzen, beschloß die liberale Partei thatsächlich über Initiative dcS Bürgermeisters Prir, zweie» Antisemiten ihre Stimmen für den Stadt rath zu geben. Natürlich schlugen die Antisemiten diese Lersuchung aus und riefen dem liberalen Carlellträgcr ein donnerndes: „Xp:i>xe Satanas!" zu'? Nun, zur Ehre der Antisemiten sei eS gesagt, sie bc flisscn sich diesmal urbanerer Sitten; sie lehnten zwar das Anerbieten der Rechten dankend ab, jedoch bloß deshalb, weil sie nicht zwei, sondern—fünf Aspiranten für oberwähnte 3000 fl. „Sinccure" zu befriedigen Hütten. 'Nun beschloß zwar die liberale Partei von der Wahl eines Antisemiten überhaupt abzusehe», trotz dieses Beschlusses aber — also durch einen Act ganz merkwürdiger Parteidisciplin — wurde bei der am 29. Mai vorgenommencn Wahl Tr. Lueger mit 06 Stimmen, wovon 22 von Mitgliedern der Fortschrittspartei abgegeben waren — zum Stadtrathe gewählt. Naive Politiker glaubten noch ein Weilchen, dieselbe Partei, welche tagsvorher noch zwei Mandate für zu wenig erklärt hatte, werde doch jetzt das eine, ihr zugewiesene mit Stolz zurückweisen. Aber siehe da, Lueger nahm mit spanischer Grandezza an. Ten Tank für die Wahl Lueger's statteten die Antisemiten dadurch ab, daß sic wie ein Mann ihre Stimmen nun auf den folgenden liberalen Candidaten Lederer — denselben, den sic im Landtage den „Juden Lederer" genannt hatten — vereinten. Fürwahr, der Casus macht mich lachen! Lueger ist nun durch die Gnade der Fortschrittlichen Mitglied des gotteslästerlichen StadtratheS und zieht fortan dafür den Betrag von 30(0 fl. ein, von dem eS nun wohl heißen wird: „Xon ölet!" Da es der Zufall wollte, daß das dem Margarcthener Aristides zugcfallene Mandat früher just in den Händen eines Juden, des einzigen Juden, der im Stadt rakhe saß, war, sucht nun das Organ Lueger's den Fall so darzustellen, als lüge darin eine hochsymptomatische Demonstration von Seite der Gemeinderathsuiajorität — so eine Art Umschwung ins Antisemitische. In der That, diese Leute können doch Alles, nur das eine nicht — sich gcnircn! (Pfarrer Tcckert und Paulus Meyer.) Ter vom Wcinhauscr Pfarrer Teckcrt im „Vaterland" veröffentlichte Brief des Convertitcn Paulus Meyer begann die Schilderung eines „Ritualmordes", dem Letzterer beigetvohnt haben wollte, mit den Worten: „Es war im Jahre 1x75, als ich nach Lstrowo, Gouvernement Lublin (Russisch- Polen), gebracht wurde zu dem chassidischen Rabbi (Zaddjck, Wnndcrrabbi) Jehoschua, Sohn des Rabbi Schlome Leb in Lentschna" Wie bereits gemeldet, gibt eS im Gouvernement Lublin Nr. 61. kein Ostrowo, wohl aber gehörte früher zu demselben das jetzt in das Gouvernement Siedler einverleibte Städtchen Ostrow. Dort lebte auch vor Jahren der Rabbi Jehoschua, Sohn des Rabbi Schlome Leb aus Lentschna, allein derselbe ist bereits 1873, zwei Jahre vor dem Zeitpunkte, in welchem Paulus Meyer seinen „Ritualmord" abspielcn läßt, in Warschau gestorben. Die letzte Nummer des Warschauer Wochenblattes „Jzraelita" constatirt, daß der Grabstein jenes Rabbi auf dem Warschauer Friedhofe folgende Inschrift enthält: Hier ruht Rabbi Jehoschua, Sohn des Salomo» Jehuda (Schlome Leb) aus Ostrow, gestorben am 28. Nisan 5633 (26. April 1873). — Bon Herrn Pfarrer Dr. Tcckert erhalten wir folgende Zuschrift: Wien, XVIII., 30. Mai 1893. Herrn Ernst Victor Zenker, verantwortlicher Rcdactcur des „Freien BlattcS", I., Scilerstättc 10. Ersuche auf Grund des 8 19 des PrcßgesetzeS in gesetzlicher Form und Frist die in Nr. 6l) Ihres Blattes, S. 5, übermich enthaltene Notiz zu widerrufen. Sic schreiben: „Zur Charakteristik dcS Pfarrers Tcckert bringen wir folgende Details in Erinnerung: Ter Platz zur Kirche in Wcinhaus sowie die zur Kirche gehörigen ' Glocken wurden der Pfarre vor etwa fünf Jahren von einem Inden, Herrn Albert Dnb (111., Ungargasse 14) gespendet; die Glocken wurden in der Glockengießerei Gebr. Gößner in Simmering gegossen und der Name dcS Spenders darauf ersichtlich gemacht. Herr» Pfarrer Tcckert hat das aber durchaus nicht gcnirt, —". Diese Notiz ist vom Anfang bis züm Ende erfunden. ES ist unwahr, daß der Platz zur Kirche in'WcinhauS vom Herrn A. Dub oder von irgend einem anderen Juden geschenkt wurde. Der Kirchcnban verein hat ihn vor zehn Jahre» um sein baarcS Geld von einem Christen gekauft. Cs ist unwahr, daß die Kirchcnglockcn in Weinhaus vom Herrn A. Tub oder von irgend einem anderen Inden gespendet wurden. Kein Jude hat meines Wissens dazu auch nur einen Heller beigctragesi. Es ist unwahr, daß unsere Kirchcnglockcn von Gebr. Gößner gegossen, den Namen des chrcnwcrtl)en A. Tub verewigen. Sie sind von Hilzcr in Wiener-Neustadt gegossen, und war kein Anlaß vorhanden, auf denselben den Namen eines jüdischen Spenders ersichtlich zu machen. Es ist daher begreiflich, daß mich eine Spende Dnb's in meiner Broschüre „Ritualmord" und in der sich daran schließenden Polemik gegen Exrabbi Bloch nicht zu ge »iren brauchte. Soweit die Berichtigung. — Bitte zum Schlüsse zur gütigen Kcnntniß nehmen zu wollen, daß ich, wie ich,wicdcrholt betone, kein Racenantiscmit bin und bei »icincm Kampfe um die Wahrheit des Ritualmordes nicht alle Inden, sondern nur die Chassidim im Auge habe. Hochachtungsvoll Tr. Jos. Tcckert, Pfarrer. Herr Dr. Tcckert hat cs nicht erst nöthig zu bethcucr», daß er kein Raccnantisemit sei; dem Gönner eines Paulus Meyer wird das wohl Niemand znmnthcn. Was die berichtigte Mitthcilung anbclangt, so kam sic uns von einem Gcwährsinannc zu, dessen Glaubwürdigkeit uns zweifellos.erschien. (Zsraclitischc Allianz zu Wien.) De», uns vorliegende» zwanzigste» Jahresberichte der „Israelitischen Allianz zu Wien" entnehme» wir folgende an die -noch immer bestehende Thatsache der russischen Judenverfolgungen anknüpfcndc Stelle: „Tie »othwcndige Folge davon ist, daß ein größerer Bruchtheil der so unglücklichen jüdischen Bevölkerung vom Streben und der Sehnsucht nach einem neuen, besseren HcimatSlandc erfaßt wird und alle Mittel aufbictct, um in überseeische Länder auszuwandern. Während nun einerseits die russische Regierung diese Unglücklichen zum Berlasscn 1>er Heimat drängt, werden ihnen andererseits die Bedingungen zur Auswanderung erschwert. Hiezu kommt »och, daß seit der zweiten Hälfte des Jahres 1892 die deutsche Grenze für den Durchzug russischer Emigranten gesperrt ist und daß auch die Schifffckhrtsgesellschaften Auswanderern für die Uebcrfahrt schwere Hindernisse bereiten, indem die Beförderung von Zwischendeck- Passagieren so gut wie eingestellt wurde. So war denn unter dem Drucke traurigster Bcrhältnisse unsere Thätigkcit im Vorjahre nur eine vielfach erschwerte, an Sorgen und Mühen überreiche Fortsetzung der Hilfsaction von 1891. Wir durften uns trotz Alledem nicht abhaltcn lassen, um zum mindesten jenen Emigranten, die den strengsten Sichtnngsinstructionen entsprachen und auf Beförderung harrten, und denen eine Rückkehr nach Rußland unter keiner Bedingung gestattet mar, eine neue Heimat zu verschaffen. Wir beförderten Auswanderer nach 'Nordamerika, nach den Balkanländern und nach der Türkei;

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