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Freies Blatt · 1893-06-04 · 61 (4.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
61 (4.6.1893)
Date
1893-06-04
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Seite Nr. 6l.__|__ ' Freies getauchte BrunncnvcrgiftungS-Märchcn fast in ganz Europa dcn Pöbel gegen die Juden erregte und die Deutschland durchziehenden halbwahnwitzigen Geißlerschaaren überall Grenclthatcnl verübten. Zahlreiche Jndcngemcindcn sind damals durch Brand und Mord vernichtet worden, ohne daß die Behörden imstande waren oder auch nur den Willen zeigten, die wehrlosest Unglücklichen;n schützen. Die Meißner Gemeinde ging im Februar 1340 vollständig zugrunde. Im nächsten Jahrhundert wurden während der Hussitenkriege die »och 1349 erhalten gebliebenen kleinen Ilcbcrrestc der Dresdner Gemeinde vernichtet und die in Frcibcrg angcsicdclten zahlreichen Inden, nach Böhmen getrieben. Die wenigen Juden, welche sich in der nächstfolgenden Zeit un'cr landeSfürstlichcm Schutz in Sachsen anfhaltcn durften,, wurden von der Bevölkerung mit Haß' und Argwohn betrachtet. Die Einführung der Reformation verbesserte daS Vo>J der sächsischen Inden nicht; vielmehr verfuhren die ersten protestantischen Landesherren ungleich strrngcr als ihre Borfahrcn gegen ihre wenigen jüdischen Untcrthancn. Tiefe erfuhren erst eine bessere Behandlung, als Kursürst Friedrich August I. (August der Starke) behufs Erlangung der polnischen Krone zur römischen Kirche übcrtrat. Bon dem Augenblick an, da sich der sächsische Hof nicht mehr zur Landcsrcligion bekannte, machte sich in RcgicrungSkrciscn der Geist der Duldsamkeit geltend. Die Juden durften zwar nur in Leipzig und Dresden wohnen, waren auch noch vielfachen anderen Beschränk»»gen. nntcrworfcn, aber die Regierung machte doch bereits zur Erleichterung dcS Joches einige Bcrsuchc, die nur an dein Widerstande der Stände scheiterten, welche dcn unablässigen Beschwerden der christlichen Krämer und Handwerksmeister über Begünstigung der Juden Rechnung tragen wollten. Dieser seitens der sächsischen Gewerbetreibenden geleistete Widerstand setzte sich, mit kurzen Unterbrechungen, bis zur Rcuzeit fort; er machte sich sogar während der freiheitlichen Bewegung 'des Jahres 1*30 und bei' der Zurücknahme der 1*43 proclamirtcn Grundrechte in schärfster Weise geltend. Während andere Böller frühzeitig erkannte», daß die politische Freiheit nnvercinbar ist mit religiöser Unduldsamkeit, mißgönnten die breiter» BevölkernngSschichtcn Sachsens dcn Juden die Gleichberechtigung. Die rstc wirtliche Bcrbcsterung ihrer bürgerlichen Lage verdankten die >ächsischcn Jude» dem damals in der Sländcvcrsamüilung wirkenden Briuzen Johann nnd dem in der Erste» Kammer vertretene» t^cbnrlS * und Gcj/tcSadcl. Dcn im Jahre 1333 gefaßten menschenfreundlichen Be schlnstcn der Ersten Kammer hat daS sächsische Abgeordnetenhaus erst l ^34 zugestimmt. DaS sächsische Gesetz vom 13. Mai 1337 regelte die Ltellnng der Gemeinden Dresden nnd Leipzig in wohlwollendcin Sinne. Alle aus dein religiösen Bekenntnisse hervorgchenden RcchtSbcschränknngcn entsiclen endlich durch daS Bundesgcsetz vom 3. Juli 1309. Die in den Drcißigcrjahrc» von den sächsischen Eonscrvativen in der Inden »rage ringcnommcnc wohlwollende Haltung ' erfuhr eine vollständige Waiidlstng, mrchdcni die sächsische» Edellcutc durch die weltgeschichtlichen Ereignisse der Jahre 1*00 nnd l*7>h7l veranlaßt worden waren, in innige Beziehungen zu dem Adel und der Geistlichkeit Preußens;n trete». Die wenigen sächsischen Adeligen, welche schon vorher judcn ieindlichc Gesinnungen knndgegebcn halten, kamen nun in dcn Bordcrgrund. Sic vertraten in Rede und Schrift jenen „gemäßigten Anti semiliSmnS", der zwar nicht die Inden mit Stumpf nnd Slicl ans rotten will, ihnen aber wieder jene rechtnnd ehrlose Stellung an weisen möchte, die sic vor der Emaneipation cinnahme». Damit habe» diese Herren ihrer Sache nicht genützt nnd nur dcn Pfad für de» „demagogischen' Antisemitismus" geebnet, dessen rohe Schlagwortc den . Massen verständlichersind. An die schlimmen Jnstinetc Haß, Reid nnd Argwohn appcllirt man ja leider nur selten vergebens! Die entschiedenen Antisemiten brechen mit Borlicbc in die bisher von antiicmitifchen Eonscrvativc» vertretene» .sächsischen Wahlkreise ein nnd meiden die von anderen Parlcicn becinslnßtcn Gebiete, wo ihnen der Boden zu heiß ist. Biclleicht beweist schon der Anöfall der nächsten RcichötagSwahl, daß cS de» sächsischen Eonscrvativen mehr Borthcil gebracht hahcn würde, wen» sie ihrer früherer Haltung treu geblieben wären. Die rasche Zunahme dcS AntiseniitiSinnS in Sachsen ist auch auf (Gründe, socialer Ratur zurückznführc». So lange das jüdische Element in diesem Staat ganz schwach »nd kraftlos war, konnte cs keinen Anstoß erregen. DaS schüchterne, dcmüthigc Wesen der wenigen in Dresden nnd Leipzig geduldeten Juden schaffte ihnen sogar manchen großnküthigen Gönner. Bon dieser Handvoll Menschen war auch nach der rechtlichen Gleichstellung keine fühlbare Eoncurscnz ans geistigem oder gewerblichem Gebiete zu befürchten. DaS änderte sich, alü^Gc- _ wcrbcfrcihcit und Freizügigkeit in Sachsen Geltung erhielte». Die Zahl der in Dresden lebenden Juden, welche noch im Jahre 1303 nur 303 betrug, wuchs bis Ende 1390 ans 2Ö97» a»; die der gesammten in Sachsen lnfindlichcn Inden bezissertc sich bei dieser BolkSzählnng Blatt. auf 9303. Diese Zunahme, durch welche die jüdische Bevölkerung Sachsens noch immer nicht ganz auf der Gcsauinitbcvölkcrung gestiegen ist, würde weniger beachtet worden sein, wenn dieser Zuzug aus Preußen nicht di^ seit 1300 kaum vernarbten Wunden der sächsischen Parlicularistckt berührt hätte. Die meisten von dcn Inden, welche sich außerhalb Dresdens und Leipzigs ansicdcllcn, galten als „Preußen". Einzelne derselben waren wohl auch geschäftliche Schiss . brüchige, welche,. in eine für sic wenig gastfreundliche (siegend verschlagen, die EigcnthüMlichtcitcn ihrer neuen Heimat zu ' wenig berücksichtigten. DaS Borurlhcil »lachte sich aber auch gegen die geistig höher stehenden und die wohlhabenden Inden geltend, welche später aus tcn Rachbarländcrn^.»ach Sachsen zogen und diesem Lande, besonders in industricllcr^Bcziehnng, nur Borthcil. brachten. Einzelne dieser Einwanderer haben durch ihre Eapitalkraft, ihren UnlcrnchmungS- > gcist, ihre kluge Befolgung des (Grundsatzes „Leben nnd leben lasten" die Arbeitsgelegenheit in Sachsen gemehrt, .die Banlust, gefördert, dcn Grundwcrth »nd die Steucrkraft erhöht. Daß ihnen kein Zng jenes stillen demüthigcn Wesens der früheren sächsischen Juden anhastelc, empfand besonders ein Thcil der Beamtcnwclt als Beleidigung. Daß einzelne jüdische Industrielle sich von dcn durch Fleiß und Intelligenz erworbenen GlückSgütcrn Lebensgenüsse. vcrschasstcn, welche sich selbst gutgcstcllte Beamte mit Rücksicht auf allerhand durch StandcSrncksichlen. - gebotene große Ausgaben versagen müstcn, erregte selbst in dcn sogenannten „besseren" Kreisen Mißbehagen. T-icseS Gefühl, gab sich nicht immer in zarter Weise kund *nnd zeigte, daß man nicht gesonnen sei, der rechtlichen Glcichstcllnng auch die gesellschaftliche folgen zu lasten. Reiche wie arme, gebildete wir ungebildete Inden empfinden cü heute, daß man ihnen die Errungenschaften einer menschenfreundlich gesinnten Zeit mißgönnt, und daß man dieselben sehr gern rückgängig ' machen möchte. Daß sie sich für diejenige» Parteien, welche osscu solche rückschrittliche -Gelüste knndgegc», nicht begeistern können, ist ihnen wahrlich nicht 'zu verübeln. Daä Jndcnlhnm an sich hat mit der Politik gar nichts Z» schassen;, cs lehrt mtv Achtung vor Sbrigkeit nnd (besetz. Eü würde Inden in alle» politischen Parteien geben, - wenn einzelne .derselben ihnen, die Zugehörigkeit nicht unmöglich machten. - Jeder 'Bcrsnch, die Inden rechtlos zu machen, wird nur da^i dienen, ihnen die Shmpathicn derjenigen zu erwerben, die ihre eigene Stellung für eine gedrückte halte». Alle diese Bcrhültnisse kamen der antisemitischen Bewegung in Sachsen zn statten; ihre jetzige Schärfe erhält sic aber doch erst durch die „Gcschäftöanliscmitcn"„ welche ein persönliches Interesse daran haben, daß sich die alle» Wunden nicht schließen. Eine lange Friedens zeit nnd der Mangel großer weltgeschichtlicher Ereignisse flößt jetzt viele» Denlschc» eine Alt von politischer Langweile ein, welche de» sensationslüsternen Kannegießern das Anhörcn der bcrn'fömäßigen Wandcrrcdncr und das Lesen voit groben Hetzschriften förmlich als Ergnicknng c>scheinen läßt. Die Unzufriedenheit mit.der wirthichas, . lichcn Lage lenkt sich ohnehin ,.lö leicht gegen die Inden, deren di^ch Mäßigkeit uild Familiensinn günstige geschäftliche Erfolge meisten.S überschätzt werden. Eine» „Prügcljnngen" will die östeniliche Meinung immer haben! Dazu die Juden zn machen, ist die Lieblingsbeschäftigung jener gesinnungslosen Presse, welche jeder Ströini-ng folgt,- von der sie eine Bcrmchlung ihrer Bolksihnmlichkoit erwartet. Tic Folgen dieses Unwesens sind »»absehbar. Die Bcrsnche der sächsischen RcgicruugS prcste, diesem Treiben cntgcgcnzntrelen, blieben bisher wirkungslos, weil die -Masten nicht recht an dcn Ernst der Mitthcilnngen glauben. Die haben Angehörige der vornehmsten Kreise, die ärgsten Hetzreden anhörcn sehen; sic nehmen wahr, daß die „unabhängige" Preise im' Bcrtraucn ans ihren großen Leserkreis nicht nur jede antisemitische Bcrlcnmdnng ungestraft verbreitet, nicht nur hänsig spive-Bfcile nach sonst für unantastbar erachteten Höhen entsendet, sondern auch der eigenen' Regierung gegenüber Acnßcrnngen fallen läßt, lvelchc von Urthcilslosen als Zeichen besonderen Mutheö bejubelt oder eines mächligen Einflusses angcstaunt werden. Die Annahme, daß -'die maßgebenden/ Kreise in Sachsen den Einfluß dieser Zeitungsstimmcn-nicht besonders hoch, anschlagcn, wird durch nichts begründet. In einer >seit, in welcher ein frisches politisches Leben herrscht, in welcher man sich an selbstständiges Denken auf allen Gebieten gewöhnt, wäre» Blätter nnge fährlich, welche ihre Ansichten über Sachen und Personen wie Handschuhe wechseln und sich ihrem Lcscpublic.nm gegenüber bei solchen fast komischen Jnc.onscqucnzcn mit blendenden Phrase-, hinwcghelfcn. Sb der Mehrheit des sächsischen BolkeS auf die Dauer durch diese geistige Rahrnng nicht ernste Rachthcilc zngcfügt wcrd.cn, darüber dürsten von wahren BolkSfrcundcn ernste Bedenken gehegt iverdcn Wie hiebei Abhilfe zn schaffeil ist, darüber gehen die Meinnugeii weit auseinander. Die in Sachsen lebenden 10.000 Inden vermögen wenig gegen eine Strömling, die man' nicht rechtzeitig eingcdäniüit hat, welche

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