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Freies Blatt · 1893-06-04 · 61 (4.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
61 (4.6.1893)
Date
1893-06-04
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite L. freies Böhmen -mit dcr noch im Kleinbetriebe erzeugten Textilivaare nniherziehenden christlichen Hausirer un^ gar die armen Erzgebirgler, welche von dem Wanderverkaufe ihrer Holzwaaren nnd Spitzen fast ausschließlich ihr kümmerliches Leben fristen, was diese gewiß nicht jüdischen „Ausbeuter", die durch ein Hausirverbol vollends an den Bettelstab gebracht würden, zu den Plänen der Soeialreformcr a la Ebenhoch-Beurlc sagen würde», über? lasten wir unseren Lesern zu beantworte»- Jndeß brauchen die Herren Landbotrn aus ^bcröstcrreich nicht so weit zu gehen um zu sehe», wein sic eigentlich durch ihre ostenbar gegen die Jude» gekehrte Maßregel schaden würden, da ja die armen Weber des Mühlviertels gleichfalls auf de» Hausirhandel angewiesen sind, ohne den sie ihre Jnduslriccrzcugnisse einfach nicht an den Man» zu bringen imstande sein werden. Jndeß wenn vielleicht auch einige hundert Juden darunter leiden, verlohnt cö sich der Mühe, die zehnfache Zahl von armen Christen zu ruiniren! Das ist der Geist, dcr in den spccifisch österreichische» Landen dermalen mm Aber — und das ist daS Jntcrestanleste — auch die böhmischen Landbotcn wollen hinter den österreichischen College» nicht Zurückbleiben; auch auf dem Fünfkirchcnplatz in Prag hat es in dcr letzten Session eine hitzige antisemitische Debatte gesetzt, in welcher die Geister hart aneinander platzten. Zwar schreilet der Anti semilismuö in Böhmen heute »och ausschließlich in nationalem Gewände einher, wobei cs ganz gleichgiltig ist, ob dieses Gewand -er brcilkrämpige Schlapphul des deutschen Turners oder die aufgekrempelle Podicbrodka des, tschechischen Sokolisten ist. In leitenden Prager Kreisen beider nationaler Lager scheint man sich deshalb bezüglich des Antisemitismus noch einem argen Optimismus hinzugcbe». Mit dem Anliscmilisnius als einem Häuflei» nationaler Chauvinisten glaubt man rasch fertig zu werden. Wird er dies aber immer bleiben, und wird nicht der Prager Landtag, dcr bisher in Frciheitsfragcn noch initiier ziemlich um bemakelt dasland, in einige» Jahren auch ei» Höferccht und ein, Hansirverbot oder ein antisemitisches Armengesetz und den Ehceonscns beschließen und Anliseniitendcbattcn erlebe», wie sie i» der Herrcngasse zu Wien bereits etwas Alltägliches sind? Wir haben in dieser Hinsicht wiederholt unsere Bedenken ausgesprochen und können auch heute wieder den Prager leitenden Streifen ein eindringliches caveaut com-ules Zurufen. Oer Antisemitismus in wachsen. Tie ^Allgemeine Zeitung des I udenthuuiS" bringt solgendcn die Verhältnisse im Lande des ossieicltcn Antisemitismus nnd den allgemeinen Charakter des Antisemitismus selbst treffend beleuchtenden Artikel: Cs ist eine cigenthüniliche Erscheinung, daß die Wortführer der antisemitischen Partei am heftigsten und erfolgreichsten arbeite», wo die Juden nur einen verschwindend kleinen Bruchtheil dcr Gesanimtbcvölkerung bilden und schon aus diesem Grunde selten Anlaß zu Klagen geben. Tiefe Wahrnehmung spricht weder für den Muth der antisemitischen Führer, noch für die. Urthcilsfähigkeit derer, welche ihren Anklagen Glauben schenken. -Am auffallendsten tritt diese That sache im Königreich Sachsen hervor, wo bei der Volkszählung im Jahre 1890 bei einer Gcsammtbevölkerung von etwa 31 „ Millionen im Ganzen nur 9368 Juden ermittelt wurden, was auf 1000 sächsische Staatsangehörige noch nicht 3 Juden ergibt. Im Vergleich mit den evangelisch-lutherischen Sachsen, welche 96 3 Perccnt der Gcsamint bevölkernng ansinachcn, erscheint dcr Pcrccntsatz dcr sächsischen Juden 0 27) gewiß sehr unbedeutend. Im ganzen deutschen Reiche bilden die Juden 1‘4 Perccnt, in Scstcrrcich 434, in Ungarn 4'06, in Rußland 3 2, in Polen l l, in Rumänien 741 Percent dcr Gcsainnitbevölkernng. Wie für die dichte Bevölkerung des Königreichs Sachsen eine so steine Anzahl Inden, die keineswegs mit großen Glücksgütcrn gesegnet ist, eine sociale Gcfak^bedcutcn soll, ist schwer verständlich. Das in Sachsen sich neuerdings so gehässig kundgcbendc Borurtheil gegen die winzige Minorität der sächsischen Juden wirkt uni so befremdlicher, als Letztere weder durch übertriebenen Luxus noch durch ihr sonstiges Gcbahrcn Anlaß zu Aergernisten gegeben haben. Einzelne räudige Schafe gibt es am Ende überall; jedenfalls steht aber die Mehrheit der Sachsen jüdischen Bekenntnisses in Bezug auf Geistes¬ und Herzensbildung hinter den Mitgliedern anderer jüdischen Religionsgencinden in Teutschland in keiner Weise zurück. Tie Zahl der von Blatt. _ Nr. 61. ■ Juden begangenen Gcsetzcsvcrlctzungc» ist in Sachsen eine äußerst F geringe. Bon antisemitischer Seite glaubte inan die jüdische Criini nalitätsziffcr durch das Kunststück erhöhen zu inüffen, daß inan bei Feststellung des Antheils dcr Konfession die körperlichen Dclicte und Eigcnthumsvcrgche» ausschied und diejenigen Berbrcchcn, welche bc sonders mit dem Gcschäftslcbcn in Verbindung ..ehe», in Betracht zog. Manches, was anderwärts den Inden zum Corwurf gemacht wird, ist in Sachsen gar. nicht oder nur in ganz geringem Maße vorhanden. Der Wucher auf dein Lande, welcher in Folge der vorhandenen zahlreichen segensreichen, landwirthschaftlichcn Ercditinstitutc in Sachsen überhaupt nur selten vorkmnmt, konnte sächsischen Juden (von denen 8043 in Dresden, Leipzig, Chemnitz, Zittau nnd Plauen» 974 in anderen sächsischen Städten und nur 35)1 in Dörfer» leben) »och niemals nachgcwicscn werden. Aber anch in den sächsischen Städten gibt cs nur noch wenige jüdische Gclddarlcihcr, welche mau mit Recht als Wucherer bezeichnen könnte. Seitdem die Inden in Sachsen bürgerliche (bewerbe treiben dürfen, haben sic sich von dieser Art von Geldgeschäften, auch von dem Pfandleihgcwcrbc, fast vollständig los gesagt — zum Leidwesen vieler Geldbcdnrftige», welche bei ihre» jetzigen nichtjüdischen Gläubigern meist geringere Rachsicht finden. Der Borwurf, daß die Juden durch die Börse und die Presse einen ihnen nicht zukoinniendc» Einfluß anSübcn, trifft in Sachsen gewiß nicht zu. Mit ganz geringen Ausnahmen sind alle sächsischen Blätter in christlichen Händen nnd zähle» äußerst wenige Juden zu Mit arbcitcr». Für die Börsen in Leipzig nnd Dresden wäre cs vielleicht gar kein Unglück, wenn jüdische Finanzkräftc an dcnsclbcu größeren Einfluß ansübtcn. Manches Unzweckmäßige käme dann vielleicht in Wegfall; die Abhängigkeit von dcr Berliner Börse dürfte nicht größer werden, als sic jetzt ist; wahrscheinlich würde cs aber leichter werden, nichtsächsische Capitalisten für anösichtsvollc industrielle Unternehmungen zu, gewinnen, welche nur in Folge dcS Mangels an.baarcn Mitteln, nicht zum vollen Aufschwung gelangen können. Mit Ausnahme einiger Fachlehrer haben Juden an sächsischen Schulen noch keine Anstellung gefunden, so daß anch auf diesem Clebictc von jüdsischcin Einfluß keine Rede sein kann. Achnlich verhält cs sich mit den richterlichen Aeintrrn, > welche Inden bisher in Sachsen nur in den seltensten AusnahmSfällen erlangten. Reicht zu leugnen ist, daß die Zahl dcr jüdischen Rechtsanwälte, Acrztc nud Chemiker in neuester Zeit zugenonnnen hat, aber ihre Zahl ist trotzdem noch in Sachsen weit kleiner als in den meisten anderen Thcilcn Deutschlands. Die Anhäufung in diesen BcrusS zwcigcn erklärt sich unschwer daraus, daß trotz dcr gesetzlichen Gleich stcllnng das den akademisch gebildeten Juden zugängigc Erwcrbsgcbict ein sehr beschränktes ist. In Sachsen wie anderwärts sind anch jetzt »och viele Juden gezwungen, sich dem Handelsstande zu widmen, wobei sie keineswegs, immer eine große Vorliebe oder besondere Befähigung für diesen Bcrufszwcig leitet. Versuche, Landwirthschaft zu treiben, , wie sie von einzelnen Juden in Schlesien, Böhmen und anderen Drten erfolgreich gemacht worden sind, dürften in Sachsen zunächst aussichtslos sein, da sich bei dcr jetzigen antisemitischen Bewegung kaum ein Gutsherr fände, welcher einem jüdischen Volontär Anstellung gewährte. Mit rühmlichem Eifer sind in Dresden nnd Leipzig seit Jahren jüdische Vereine bemüht gewesen, Knaben aus diesen Gemeinden ein Handwerk erlernen zu lassen. Während diese Bestrebungen früher auch vvn christlicher Seite wohlwollend unterstützt wurden und thcilweise von eri; freulichcm Erfolg gekrönt wäre», stoßen dieselben jetzt auf schwer zu besiegende Hcininniffc, weil die sächsischen Handwerksmeister sich durch den hie und da von Juden betriebenen Verkauf von Masienfabricatcn; für schwer geschädigt halten. Ans dein Gesagten geht bereits hinreichend deutlich hervor, daß die y jetzige Stellung der Juden in Sachsen keine erfreuliche ist. Dazu [ kommt »och, daß die antisemitische Partei, welche seit dem Ausscheiden i Stöcker's aus seinem Predigeramt an Einfluß in Preußen verloren, j hat, jetzt .de» Schwerpunkt ihrer Agitation nach Sachsen zu verlegen! strebt, wo sie einen für ihre Pläne nur zu empfänglichen Boden findet.! Warum dies der Fall ist, verdient ernste Erwägung. Zunächst gibt cs für diese Empfänglichkeit geschichtliche Gründe. Unter kaiserlichem > Schutze bereits vor dem Jahr 1000 gclneinsain mit lombardischen , Kaufleuten nach dcr damaligen Markgrafschaft Meißen gekommen, trieben die Juden besonders den damalsschon recht lebhaften Elbl Handel, bildeten bald in dcr Stadt Meißen eine große Gemeinde und; wurden im Jahre 1265) durch die von Heinrich dein Erlauchten er- \ lassene wohlwollende Judcnordnung gegen die Härten des „Sachsen- | spiegcls" geschützt. Während schon am Anfang des XIII. Jahrhunderts in Thüringen Judenverfolgungen stattfanden, erfreuten 'sich bis zur Mitte des XIV, Jahrhunderts die Juden der Markgrafs^aft Meißen einer gesicherten Stellung. Dies änderte sich in furchtbarer Weise, als in den Pestjahren 1347-^-1349 das in Südfrankreich zuerst auf-

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