Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 60 (28.5.1893)
- Date
- 1893-05-28
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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S.' Freier Blatt. ~citr 7. Nr. 60. dingt er an viele» £ rten die gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere da, wo dieselben von mililärische» Anschauungen lnherrscht werde», und diejenigen, die den näselnden To» und'den kininmen Arm für vornehm Hallen, die Halle» eS auch für höchst unfein, nicht gelegenllich über die Jude» herzuziehen. Einmal, bei der Nachwahl im ReichslagSivahlkreise Slargard-Perent, wurde auch di» antisemitischer Candidat aufgestellt, und zwar Herr Paasch, der durch seine Anklage für BerleumdnngS Broschüre» und seinen geistigen Desect nnler den Antisemiten hervorragt und also die wesentlichen Eigenschaste» für einen BolkSvei treter besitzt. Die National-Liberalen verwerfen die antisemitische Bewegung n»d werden sic in Westprenße» bekämpfen, wo sic sich öffentlich zeige» sollte. Wir könne» nichts BesiereS.über de» Antisemitismus sagen, alS unser verehrter Herr Parteiführer Minister Hobrecht im Abgesrdneleuhause: „Ter Antisemitismus ist nicht edel, nicht deutsch und nicht christlich," (Die Zudenverfolgnug in ' .) Tein „Rigaer Tagblatt" wird aus Reval geschrieben: „Schon seit sechs bis sieben Jahre» ist die Anzahl der in Reval lebenden Juden, welche seit dein Beginn der letzten Blüthezcit des hiesigen Handels in den Siebziger- Jahren nach Eröffnung der baltischen Eisenbahn in größerer Menge hicher gezogen und einen gewiffcn Wohlstand erlangt hatte», allinälig mehr nnd mehr zurückgegange», so däß, wenn cö hoch kommt, nur »och etwa 100— 150 Familien sich hier aufhalte». Jetzt haben wieder in der letzten Woche 45 Familien durch die Polizei in Folge der schärferen Anwendung der bestehenden Verordnungen AuswcisungS- / befehle erhalten, da ihnen das Recht zum Aufenthalt hicrselbst abgcsprochen worden; noch zwei weitere Ausweisungen von, derartige» Familien sollen demnächst nach gcwiffe» Pausen folge», so daß wohl in nicht ferner Zeit nur »och die wenigen, seit Alters hier angeschricbcnen Familien sowie einige, deren Familicnhäupter als jkanflcute erster Gilde oder Inhaber gelehrter Grade zum Aufenthalt berechtigt sind, hier bleiben dürften." — Wie Petersburger Blätter melden, hat der dortige Senat erklärt, daß der Act der Adoption eines Jude», wodurch diesem alle Rechte eines (Gliedes der Familie des Adoptirendcn gewährt werden, ihm doch nicht das unbeschränkte Wohnrecht verleiht, wenn er hicscs nicht persönlich schon selbst bc scsscn hat. 2lus antisemitischen Oereinen und Oer-, sainmlungen. (Bergani und die Währinger.» In Wie», wo der Schönerer CultuS in der Antisemitenwelt auf den Aussterbeetat gesetzt ist, bestehen »och in Favorite» und Währing Colonien, die ihn'pflegen. Aus der Währinger Colouie bringt das Schönerer'sche Leiborgan einen Bericht, dem wir Folgende« entnehme»: In der Hauptversammlung des Politischen Bezirksvereines Währing, Verla« Georg Spi tschau, »iederösterreichischer LandeSrechnungSrath, eine gegen das Bergani'sche Blatt gerjchtete Entschließung. Gemeinderath Toinola besür wartete dieselbe, indem er auf „Judeninserate" jenes Blattes hinwie« Nachdem ei» Herr Grojer sich Bergani'S augenonnnen hatte, sprach der i» der Aera deS Anlifemitismus zuin LandtagSabgeoidneten beförderte Weinhändler Auto» Bau mann und brachte Intimes ans de» Mysterien der Nacenhetzer zur all gemeinen Kenntniß. Bor einiger Zeit, erzählte Baumann, drohte angeblich daS Zugrundegehen des „Teutschen BolkSblatteS"; er und andere Währinger haben damals viel Geld geopfert. Bezeichnend aber sei es, daß Pertraucusmänuer aller Parteien, auch der clericalc», sich zur Uebernahme deS „Deutschen BolkSblatteS" anheischig gemacht, jedoch alle ohne Nnierschied vollkomnic» übereinstimmend die Bedingung gestellt haben, der Bcrgani müsie fort vom „BolkSblatt". 3000 fl. habe Bergani angeblich i»S „BolkSblatt" gebracht, und 10.000 fl. Abfindung wollte man ihm geben, wenn er vom Blatic weggche; die 10.000 fl. hätte er schon genommen, aber gehen wollte er durchaus nicht. Lehrner habe trotz seiner nunmehrigen Fügsamkeit nichts zurückgezahlt bekomine», nur einige hundert Gulden als Zinsen; Hauck'S Forderung belause sich aus 27.000 fl., er erhalte nichts zurück, und al» Abschlagszahlungen und Zinse» nur Grobheiten und Jnfainien. Nebensächlich zwar, aber eigentlich bezeichnend sei ein Zwischenfall, der ihm (Baumann) von glaubwürdiger Seile mitgetheilt worden sei. Als sich vor drei. Jahren die Vertrauensmänner au« de» einzelnen Bezirken im Saale des Hotels Hammeiand einfande», um die gesammelten Gelder zur Rettung de« „Deutschen BolkSblatteS" in die Taschen Bergani'S abzuliefern, da war auch i» Bertretung der Josesstadt Gcmeinderach Hawrauek mit einem nicht unbedeutenden Sammlungsbetrage in der Brieftasche erschienen. Der Zufall fügte eS, daß Hawranek gerade dazukam, wie Bcrgani dem Zählkellner feine Nachtmahlzeche bezahlte, die 7 fl, sage sieben Gulden, auemachle. Hawranek, der schon die Hand in der Brnsttasche hatte, um dem Bergani die milde Spende der Iosesstjrdtcr zu überreichen, zog die Hand wieder Hera»« und stellte das Geld mir dein Be inerken seinen Auftraggebern zurück, daß ein Mensch, der für sein Abendbrot 7 fl. ausgibt, nicht Noch hat, seine Parteigenossen zur Rc'tung ausznrufeu. Baumann erzählt ferner, daß er einmal Schneider ans eine im „BolkSblatt" erschienene, Sara Bernhardt „verhimmelnde" Theaterkritik ausineikiam gemacht^ habe; Schneider-sei io empört gewesen^ daß er sich augenblicklich himetzte nnd dem Bergani eiiicn Blies schrieb, den sich' dieler-gewiß nicht vor de» Spiegel gesteckt haben werde. Ernster als diese Bemängelung einer für „Schnor er" z» hohe» Zeche und der gegen die Primipie» des AnliseniiliSmuS verstoßendeu Theaterkritik scheine» uns die Worte zu sein, welche sodann Tr. Räder sprach. Bergani, bemerkte er. beschmutze die g »ize antisemitische Partei. Dar habe ja der Procrß Bergani Schaif deutlich bet liefen. In der Thal sei die Hand,, die vorgeblich das Banner deS Antisemitismus hochhielt, herabgesunken in jene wagrechte Lage,' in der sic hineinlangte i» die jüdischen Gcldsäcke. Und wen» sich Bergani darauf etwa« zugute thue, daß er von jüdischen Unlernehmungen Geld für Inserate erbellelonnd deanoch übe: diese seine Wohlthäter schimpfe, dann beweise da« erst recht die corrupte , »d gemeine Denk- und Handlungsweise Bergani'S. „Wenn ich heule,"-sagte Tr. Räder, „zu Jemandem hingehe, er soll mir 20 fl. borge», und wen» ich die 20 fl i» der Tasche habe, dann hinausgehe und alle» Leuten sage: ,Tcr Kerl! ist «i» Lump, traut ihm nicht! dann ist so etwas einfach gemein!" Ten Anssishrukigen Rader'S schloß sich auch Tr. Earl Hofer an, woraus die oberwähnte Einschließung einhellig gefaßt wurde. Mtt Rücksicht auf diese Kundgebung brachte daS „Deutsche BolkSblatt" i» seiner-' Pfingstnummer folgende Briefkasten-Notizen: 1. Währing Wen» der Bericht i» dem Schöncrer'schtn Revolverblanc richtig ist, dann ist der Anion Baumann ein Lügner. 2. H. R. lieber diese« ganze Gesindel werde» wir baldigst die iu Währing allbekannnten Geschichtchen bringe», die den Charakter dieser „nationalen" Männer beleuchten werden. — Bei den Herten Anlisemiie» neune» immer die Einen die Andere» „Gesindel"; auch die Drohung mit scandalösen Beröfsent lichungen aus Kosten de« -feindliche» Bruders ist eine antisemitische Eigenart, die in de» Beziehungen Bergani'S zu de» Währinger» nicht fehlen darf. (Epilog;n einer Antisemitenversammlnug.) Ter Kutscher Joses Seewald verantwortete sich am 20. Mai vor Gericht Wege» eine» in der Nacht vom 7. auf den 8. April vorgefallene» Mefleraltentalt», bei welchem der Kuticher Jeremias Böhm und der Käsehändler Johann Werner ernste Berletzungen davontrugen. Ta« Ganze halte sich, wie seinerzeit gemeldet wurde, nach .einer in Margarethen abgehalienen Ankiseniilenversammlung abgespielt, u»d eireS der schamlose» Nadererblätter halte die Frechheit, die Blntthat alS ein von liberaler Seite geplantes Attentat auf den Advocaten Tr. Carl Luegep, den Hauptredner in jener Berfammlung, hinzustelle». Josef Seewald wurde nun zu <vier Jahren schwere» Kerkers, verschalst mit einem Fasttage in jedem Monate, ferner zur Zahlung eine« Schmerzensgeldes vo» 300 fl an Böhm, sowie von 100 fl. an Werner, zum Ersatz -von 72 fl. Berdienstenlgang an Böhm und der durch die Mcfleistiche unbrauchbar gemachte» Kleider verurteilt. Tie Perhandlung förderte aber, auch nicht ei» einziges Moment - zutage, welche« die oberivähnte antisemitische Berdächtigung gegen die Liberalen aus ei» bedauerliches Mißverständniß zurücktühren ließe. Nein, e« liegt eine jener antisemitischen Niederträchtigkeiten vor, wie sie auch Ahlwaidt, Paasch, Drumont :c bewußt verübe». (Das praklischt Cdristenchum de» Vereines „Christliche Familie".) Man schreibt u»S: Jene katholische» Priester, welche im ösientliche» Lebe» zu Gunste» der Christlich-Socialen willen, scheine» alle nach dem AuSspruche de» CooperatorS Schnabl: „Tie llläckstentiebc sängt bei sich selber an", zu'handeln. Hier ein Beispiel: Das HauS im IX. Bezirke, Nußborferstraßc Nr. 53, ging aus Privalhände» i» da« Eigenthltm deS Vereines „Christliche F-miilie" über und wurde--sodann Gemcinderalh Coopcialor Lalschka al« HauSiuspector bestellt. Tie erste Thal deS neuen JuspeclorS war, daß iämmtlichen Parieien der Zi»S erhöht wurde.' Ein im Hause wohnender Tischlermeister, Namen« Franz Slawicek, bezahlte am l. Mai Pünktlich wie immer seinen nicht unbedeutenden Zi»S, bekam -der am Sonntag de» 14. Mai, alio am letzten Tage deS gesetzlichen TermincS, ohne allen Grund, die Kündigung. Wie man hört,,soll Jemand in diiseS Hans kommen, welcher Mitglied des Bereines „Christliche Familie" ist Hier muß bemerkt werde», daß Herr Slawicek icinerzeit ei» eitriger Partei gütiger deS CooperatorS Laischla >var. Jetzt, nachdein erso traurige Erfahrungen gemacht hat, spricht er allerdings anders und gibt'seiner Enttäuschung in heftigen Worte» Ausdruck. O, dieser „schwarze" lindauk! Mit der Zeit durfte» ihn viele Wähler empfinden, welche heute der sogenannten christlichen Socialresorm unenl geltlich Handlangerdienste leiste». (Die Entscheidung kimr sächsisch«» Behörde ) Ter Zinauer Siadtraih hatte vo: einiger Zeit die Statuten des dorj. »eugegründcten anliseniitischkn „Resornwereincs" nicht genehinigt, weil er in dem PaffnS, „daß die- Mitglieder des BereineS nicht bei Juden und Jndengenoflen kaufen sollten", eine directe Aufforderung znm Boykott erblickte Tie königliche Kreishaupimannschast Bautzen-, hat indesien aus die vom Verein eingelegte Berufung die Verfügung de« StadlratsieS aufgehoben, „weil die bctresi'endc Llaintenbestiminnng alS ein sogenannter Boycott nicht anzusehen sei, denn e« fehle derselben der Charakter der Oefseutlichkeit insofern, al« ihr nur die Verbindlichkeit einer bestimmten Zahl zu einem Verein zufammengetretener Personen vi rlicgc". 4979