Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-05-28 · 60 (28.5.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
60 (28.5.1893)
Date
1893-05-28
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441414--0612-4887127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Freies Blatt. Nr. 66. Seite 6. wehrt, nur in beschränkter Zahl fand er mit seinen Glaubensgenossen Duldung und Wohnrecht in gesonderten Häusern. Waffen' zu tragen war ihm verboten. Pon den Christen nmßte er sich durch die Kleidung und durch Abzeichen an der Tracht unterscheiden, und durch Demuth und Gefügigkeit oder durch Unempfindlichkeit gegen Beleidigungen sich zu schützen suchen. Dennoch wurde der Bcrachtete fast nothwcndig ein reicher Mann, sein Vorrecht dcS Geldhandels und des ZinsgeschäfteS sammelte unablässig das Werthnietall in seinen geheimen Truhen; denn das Geld war selten, die Geschäfte unsicher, der Zinsfuß hoch “ Im weiteren Verlaufe seiner Auseinandersetzung äußerte sich Gustav Freytag wie folgt: „Wie die Juden sich aber in ihrer unzerstörbaren Volks- ' kraft seit 150 Jahren gehoben und Schritt um Schritt bei jeder Steigerung der Bildung und Humanität der deutschen Nation enger verbunden haben, daS ist einer der schönsten Erfolge, welche unsere Geschichte zu verzeichnen hat. In dieser Zeit wurden sie allmälig Verbündete, Freunde, Mitarbeiter auf jedem Gebiete unseres realen und idealen Lebens. Nicht zu zählen sind die Namen der Juden, welche als Gelehrte und Künstler, als Denker und als große Geschäftsleute, als einfache Bürger durch patriotische Hingabe, und menschenfreundliche Thätigkeit zu rühmen sind, lind man darf behaupten, daß jeder Fortschritt, den unsere Gesetzgebung machte, bis ihnen der Vollbesitz bürgerlicher Rechte gesichert wurde, auch die Einverleibung ihres Geistes und Gemüthes in das deutsche Leben vervollständigte. Man vergleiche die Gegenwart mit der nächsten Vergangenheit, in welcher Heine und Börne lebten. Es ist seitdem nur ein Menschenalter vergangen, aber der Unterschied in politischer Sittlichkeit und nianuhaftem Patriotismus zwischen jenen starken Talenten und vielen der jetzt lebenden Schriftsteller ist sehr groß. Es wäre unwahr, zu behaupten, daß in unsere» jüdischen Mitbürgern alle Spuren des tausendjährigen Druckes onsgetilgt sind. Auch an vielen der Besten kann inan Eigenheiten in ihrer geistigen und gcmüthlichen Regsamkeit erkennen. In Scharfsinn, Witz, den Formen, in denen ihre gestaltende Kraft sich äußert, tvelche wir geneigt sind, als jüdische zu bezeichnen, vollends in ihrer Erwerbs thätigkeit sind die Nachwehen alter, arger Zeit nicht völlig überwunden. Noch gibt es deutsche Landschaften, wo die Gewohnheiten deS Geldwuchers der Landbevölkerung zum Unheil gereichen und wo zu -wenig für Herbeiführung besierer Creditverhältnisie geschehen ist. Aber Alles, waS von Besonderheit, von Schwächen und Schäden aus alter, arger Zeit an vielen Einzelnen hängt, das darf die beglückende lleberzcugung nicht beirren, wie unermeßlich viel von den alten Leiden übenvundcn wurde, und wir durften hoffen, daß in wenigen Generationen sich ohne große Störungen die völlige Einverleibung in unser VolkSthum vollziehen würde, nicht nur in Anit und Beruf, auch in de» Herze» und Familien. Jetzt erscheint Vielen diese Hoffnung unsicher. Fast plötzlich ist der Gegensatz zwischen jüdischer, und deutscher Art zum Kampfgcschrei und zum Stichworte politischer Aufregung 'geworden. Zuerst war es die patriotische Beschwerde eines eifrigen hochsinnigen Mannes von reinem Wollen, dann wurde eö Gegenstand gelehrter Auseinandersetzung, darauf beniächtigtcn sich eifrige Priester des ThcinaS, endlich sank es herab in den Dunstkreis zorniger und unzufriedener Agitatoren Das Getöse ist so heftig, daß auch verständige Männer sorgenvoll fragen, waS daraus werden solle. Es gibt darauf nur eine runde Antwort: Nichtwird daraus. Für den Eifer und Haß der Feindseligen durchaus nichts. Auch dem tüchtigsten Volke bleiben Erkrankungen des Gemüthes nicht erspart, welche, Fiebern und Phantasien vergleichbar, das llrtheil verstört», leidenschaftlichen Haß aufrcgcn. Solche Krankheiten, haben in der Regel einen acuten Verlauf, aber die Nachwirkungen werden nur langsam überwunden. Tie ^antisemitischen Schreier und Ankläger dieser Tage gleichen in vielen Einzelheiten den unholden Gesellen, welche in England zur Zeit Carls II. die Menge bis nahe an den Wahnsinn brachten, Richter und Geschworene in Angst um das eigene Leben versetzten. Damals wurden nicht die Juden, sondern die Katholiken als Feinde der Nation verklagt und durch falsche Zeugen auf das Schaffst gebracht. Die beschränkten und die argen Gesellen, welche jetzt die Wege der englischen Angeber, der Titus lilates und Dangersicld, wandeln, werden in Verachtung vergehen wie diese." «Zu den Zudknexceilen in Kolin.) Vor dem KreiSgerichtc in Knttenberg fanden in den letzten Tagen neuerliche Verhandlungen gegen Theilnehmer an den Kolincr Ercesicn statt. Vcrurtheilt wurden wegen Verbrechens der öffentlichen Gervaltthätigkeit: der 50 Jahre alte, Töpfer Franz D u s e k zu vier Monaten, der Taglöhner Wenzel U r la n zu fünf Monaten, der Taglöhncr Josef L l a v i k zu sechs Monaten, der Taglöhner Johann Slevicka zu neun Monaten schweren Kerkers. Die Zahl jener Personen, gegen welche beim Kulten berger KreiSgcricht die Untersuchung wegen der antisemitischen Ausschreitungen anhängig ist, beträgt Hunden. (Ein National-Liberaler gegen die Antisemiten.) In einem Berliner Briefe unseres Blattes*) über die Wahibcwcgung in Deutschland ward die laue Haltung allerdings nur eines Bruchtheiles der National-Liberalen gegenüber dem Antisemitismus verzeichnet; mit um so größerer Befriedigung nehmen mir von einem Vortrage Notiz, den kürzlich der Führer oer National-Liberalen in Graudenz, Rechtsanwalt Wagner, in einem dortigen Vereine hielt, und wobei er sich über die antisemitische Bewegung wie folgt äußerte: Antisemitischen Anschauungen waren die Conservativen von jeher zugänglich, seit einigen Monaten aber ist der AntiseinitisnniS, ohne daß seine Ausschreitungen zurückgewiese» worden wären, in da« Programm der Partei ausgenommen. Der Antisemitismus äußert sich bei seinen Anhängern in sehr verschiedener Weise. Die Einen beschränken sich ans verächtliche Redensarten, Andere suchen die Juden gesellschaftlich ziirückzudrängen. Einige verübelt Großthaten der Unhöflichkeit und gemeinen Radau, Viele verfolge» die Juden i» Wort und Schrift, werfe» ihnen Gewinnsucht, Ausbeutung, Gewisienlosigkeit, Vaterlandslosigkeit und Hochverraih vor und löune» sich i» der Verfolgung nicht genug thun. Alle aber sind einig iu dem Haß gegen die Juden, gegen jeden Juden. Keine andere Llaffe der Gesellschaft, keine andere Gruppe unserer Mitbürger wird von ihnen mit folchem Haß verfolgt wie die Juden. Tie Juden stehen außerhalb der Gesellschaft. Die - Regel» der gkwöhnlichen Höflichkeit, die wir unserer selbst willen gegen jede» Menschen beobachte», die Forderungen der einfachsten Gerechtigkeit, auf denen jede menschliche Einrichtung gegründet ist, das christliche Gebot der Menschenliebe findet auf die Jude» keine Anwendung. Bei dieser Feindseligkeit gegen die Jude» lasten sich sehr Viele gedankenlos von der Zeitströinung inilreißen, viele Andere von de», Gefühl der Ileberhebung. welchem schwache Menschen gern nachgeben. Einige suche» »ach tiefere» Griindln. Da schütze» die Einen ihre deutsche Abstammung vor und setzen die edle arische Race in Gegensatz z» der gonz werthlosen semitischen, die Andere» stecken sich hinter da« Cbriste»- thum, betonen den religiösen Gegensatz und danke» Gott, daß sie nicht solche Menschen sind wie die Jude». Aber trotz oller Verkleidungen bleibt der eigentliche Beweggrund doch der »Haß. Ei» so häßlicher und unedler Beiveggrund muß auch böse Folge» haben. Wir sehe» den» auch, wie widerwärtig daS antisemitische Treibe» mit seiner Spionage, seiner Verleumdung, seiner Anschuldigung, seiner Aufhetzung, mit seinein Mangel an Wahrheitsliebe sich gestaltet hat, wie die antisemitische Lüge und die antisemitische Logik oh»e ein irgendwie ernsthaft zu nehmendes Ziel unter der Leitung recht untergeordneter Person lichkciten nur die niedrigsten Leidenschafteu ansregt, uud wie schließlich der AntisemiiiSmns weite VolkSkreise austvühlt, eine solche Venvirrung in den Köpfe» anrichtet, daß sich doch wirklich lausendk von Männer» ffnbfii, die einen Ahlwardt aus dem Gefängniß heran», wo er eine Strafe wegen Verleumdung verbüßt, vom Herichtstischk fort, wo er sich wegen neuer unerhörter Verleum düngen zu veranlwoilen hat, als ihre» Vertreter in den Reichstag entsenden, lind selbst a!S Ahlwardt, diese seinste Blüthe des Antisemitismus, gleich bei seinem ersten Auslreten im Reichstage alle sliiheren Verleumdungen wieder holte und mit der Logik deS VerfolgungsivahnsinmS seinein Gebäude voll Perlkuiiidungen und Anschuldigungen ein neues Stockwerk aufsetzte, da eihält er in Spandau de» üblichen Lorbeerkranz, und stark besuchte antisemitische Persamm lungen in Berlin zollen ihm stet» neuen Beifall. Ter AntiseinitiSinuS ist ein Fener, welches daS'Hirn verbrennt; die Berantwortung aber für solche Vorgänge trifft die, welche daS Feuer schüren. Durch diese letzteren Vorgänge ist mau, wie e« scheint, in einigen Kreisen, die dem AnliseinitiSlnuS günstig gesinnt sind, nun doch stutzig geworden. Man zieht sich aus de» sogenannten „berechtigten Kern der antisemitischeu Bewegung" zurück. Dieser „berechtigte Kern" wird darin gesunden, daß viele wirthschasllich schwache Existenzen durch Börsenspiel, Wuchergeschäfte, unrellen Haufirhandel, Mißbräuche bei Abzahlungsgeschäften und andere» n„lauteres geschäftlichk« Gebühren auSgebeutet werden, und daß hiebei viele Juden betheiligt sind. Diese Uebelslände sind vorhanden, und ihnen mit oller Kraft entgegenzuarbeiten,- ist zweifellos f bekräftigt, ja Jeder, oer rS mit dem Wähle des VaterlandrS ernst meint, muß solche Uebel bekämpfe» Dieser Kamps kann sich aber doch nicht bloß gegen die jüdischen GeschästSlente richten, welche sich, solcher Ausbeutung schuldig gemacht habe», sondern muß, wen» er Erfolg haben soll, sich auch gegen die Ehriften wenden, die ebenso Handel», und der Kamps kann sich auch nicht gegen alle Jude» richten, sonder» nur gegen jene unreellen Geschäftsleute. Der berechtigte Kampf richtet sich also nicht gegen die Person, sondern gegen die Sache. Ter AnlisemiliSmuS geht aber allein gegen die Person loS, er richtet sich nur gegen die Juden und richtet sich gegen alle Juden ohne Ausnahme, sogar gegen Jeden, der getauft ist, und gegen jeden Christen, unter deffe» Vorellern ein Jude ermittelt werde» sollte. DieS ist der Kern des AntiskiuiiiSmus. Der AntisemitsmuS fängt also erst da aii, wo die Berechtiguug anfhört. ES ist daher ganz falsch, in der antisemitischen Betveguug einen berechtigten Kern zu finden, und eS ist grund falsch, eine solche Berechtigung deS -Antisemitismus aiizuerkenne», weil dadurch die Bewegung selbst immer neue Nahrung findet. In Westpreuße» ist der Anti semitismuS bisher noch sehr wenig in die Oeffentlichkcit getreten. Freilich be- *) Nr 56 deS „Freien Blattes", zweiter Artikel.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.