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Freies Blatt · 1893-05-28 · 60 (28.5.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
60 (28.5.1893)
Date
1893-05-28
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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reite XII. Beilage zum Freien Blatt, Grgan zur Abwehr des Antisemitismus. Berliner Blntt geschrieben. Diesen Kriegsruf beantwortete das Eentrnmsorgan, die „Germania", mit dem Feldgeschrei: „Front gegen Ren-Jerusalem!" solchergestalt wird zu allen Seiten aus Unduldnng wieder Undnldnng fortgezeugl: alivk-sns-. uliv^nni. . . . „Das deutsche Bolk hat endlich die Augen geöffnet," fuhr die „Germania" fort, „cs sicht, daß der wahre Eultnrkampf, das wahre Ringen für die Zivilisation, den Kampf gegen die Herrschaft des jüdischen Geistes und Geldes bedeutet. Bei allen politischen Bewegungen spielen die Juden die radiealstc und revolutionärste Rolle, indem sie alles Gesetzliche, Historische und,Ehristlickie, was im nationalen Heben der Böller übrig geblieben iff, bis auf's Äeußerffe bekämpfen." Und die Katholiken, genölhigt dem Fürsten Bismarck und seinen naiven Bcrbündetcn, den Rationalliberalcn, die Stirne zu bieten, crlwbcn diese furchtbare Anschuldigung nicht allein. Das protestantische Deutschland bildete das Echo des katholischen. Die preußischen Pietisten in ihrer Besorgnis:, die gegen die römische Hierarchie gerichteten Streiche möchten, über die Bischofsmützen hinweg, das Kren; und das Evangelium treffen, haben vielleicht sogar am glüheudnen den neuen Krenzzng gepredigt. Die „Kreuz-Zeitung" übcrcfferlc die „Germania". Und außerhalb Deutschlands, in Staaten, wo eine derartige Beschwerde nicht am Platze schien, kamen ihrerseits die orthodoxen. Schriftsteller und nahmen sic aus. Der „Rus" des Moskowiten Akfakow übernahm die slavische Stimme in diesem kosmovolirischcn Quartett der evangelischen „Kreuz-Zeitung", der »ltraniontanen „l^ermania" und der römischen J i\iltä ('atlmliea". Der Krieg gegen Israel hatte somit für den preußischen Protestanten, den österreichischen und sranzösischrn Katholiken, den russischen Qrlbodoxeii, die Bedeutung eines „Eullurkampfes". Richls Geringeres ffand ans dem Spiet, als durch Aufhaltung der sogenannten „Ber- . jnduna" der europäische» Gesellschaft, den modernen Bölkern die Woljltbaten der christlichen Eivilisation zu erhalten. Für Alle, Slave», Romanen, Germanen und Magyaren, war der Jude der widerliche Schmarotzer, die tödtliche Mikrobe, die ansteckende Baeterie, welche das >^iit in den Staats- und Gcsellschaslskörper der Zeit' übertrug. i Jl. ' Was taugt diese Anklage? Bedarf es längerer Erörterung, um j zu unterscheiden, ob sie begründet oder nicht'? Dicht sie zuvörderst ' mit der Geschichte im Einklang? Mit dem Racklcsten an Thatiachen, Ziffern »uid Daten? Hebt man sodann die Bedeutung Israels nicht ins Maßlow empor und mißt man dem Juden nicht eine übertriebene Herrschaft bei, wenn man in ihm den Erleuchter, gleichsam den Souffleur des Jahrhundert-Geistes erblickt? Boltaire un^> Diderot würden sicherlich mit Staunen erfahren, lediglich die Bor- 'an'er und unbewußten Sackfführcr der Inden gewesen zu sein. Heißt es nicht, der Geschichte und der Genesis der' „modernen ' .ldeen" geringe Rechnung tragen, wenn man für die Erschütterung gewisser ßltlicher, religiöser, socialer und politischer Begriffe Juden- 'chgsl und Indcnthnm verantwortlich macht? Wäre das nicht seitens der christlichen Bölkcr ein-Bergcffcn ihrer eigenen Sünden, um dieselben Israel als Sündenbock anfznladen? Man mag von dem „modernen Geiste" halten was man will, den Juden dasür Hob oder Tadel zu wenden, ist übet angebracht. R'ch lebte Israel hinter Gheltogittern eingepfercht, als die durch ■■■.•niania". I" «.'ütember 1>7!» Es in dicr in Tem'ckiland uns! .v.ivinüirfic Tbema ,ablreicker Blätter Bergleiche kür uns: ,.k.» j tim.- v ,.; . '!'• I'li. l>riiiiwnt.! i ,-di t.inn ais ^fi'otel eis Rede des damaligen Holpretigers «locker im '/anernns '2'-!,i'i.n,!>->> an'ul.ven. Bergleickie auch die «chrinen des Bromiors isn L.:si:'ck>ke Ueberlieferung gefügten Grundmauern der christlichen Gesellschaft bereits von Händen untergraben waren, die nicht bei den Rabbinern in der Lehre gewesen. Die Ankläger der Inden, ich weiß es wohl, können chicr jüdische Zeugen stellen. Gewisse „Semiten" haben den ihnen von der luthe» rischen Kanzel, oder der preußischen Rrdncrbühne herab feierlich zngeschleudcrteu Borwurf stolz ausgenommen, um sich damit, wie mit einein Anspruch auf die Hochachtung der Bölkcr, zu schmücken.! Der oder jener cmancipirle Jacobs-Sohn hat sich nicht gescheut, > ans seine schmutzigen Ahnen der „Judengasse", als die entfernten j Pionnicrc der Revolution und die Gehcimwerkzeuge Zur Befreiung des Menschengeistes, hinzuweisen. Man hat dem Bolke, das der Welt die Religion gegeben, zu diesem einzigen Ruhme noch, den Ruhm hinzufügcn wollen, uns auch den Rationalismus gegeben zu haben: was cs mit der eine» Hand — so stellte man es dar — geschaffen, sollte es mit der andern wieder zerstören. Man hat anö jenem Bolke, das während fünfundzwanzig oder dreißig Jahrhunderten! hartnäckig darauf bestand, daß sich AllcS auf daS Buch und das! Wort des lebendigen Gottes stütze, den Meister im Zweifel, den! geheiinnißvollen Erzieher Jener machen wollen, welche die Macht des! Buches zerschlugen ynd leugnen, daß Gott jemals gesprochen habe, i „Der Jude", — sagt ein glänzender Schriftsteller — „ist der Hehrmsistcr des Ungläubigen gewesen; sämmllichc Geistesrebellen. sind.im Dunkeln oder offenkundig zu ihm gekommen. Er war am Werke in der unendlichen! Werkstatt von Gotteslästerung des großen .Kaisers Friedrich und der schwäbischen /utib aragonischcn Fürsten/') Das mag ja richtig sei», sind aber in dieser Werkstatt jenseits der Alpen jene Waffen des modernen Bernunstglanbeiis geschmiedet, jene lehren gegossen worden, welche die europäische Gesellschaft umgcstaltet haben? Welche Ausblicke auch hie lind da seine Rabbis den schwächlichen Wissenschaften des Mittelalters eröffnet haben mögen, nicht Israel hat die moderne Welt in Gang gebracht^/ Das jüdische Genie mag noch so reich am Erfindung und Scharfsinn sein, will sich jedoch der Jude die Entwickelung der modernen Gesellschaft beimeffen, so brüstet er sich. Seine MaulwurfSarbeit hat nicht die Thnrmnadeln der gothischen Kathedralen zum Reigen gebracht, nicht, die Mauern der Balois-Schlösser und der Bonrboncnpaläste rissig gemacht. Die Ewigkeit der inittclaltcrlichcn Welt negirt zu haben genügt noch nicht, um die treibende Kraft der Modernen gewesen zu sein. Mit Recht rühmt sich der Jude, er habe vor den Göttern der Rationen die Stirne-nicht gebeugt, „mochten sic Ehristns, Jupiter oder Baal gebeißcn haben." Durch sein bloßes Dasein hat er während zwanzig Jahrhunderten Protest gegen die alte Qrdnung und die christliche Gesellschaft eingelegt, die jhm nicht mehr Platz, als dem Häretiker gegönnt hätte, wäre er nicht der von der Borschung bestellte Hüter des BuchcS und der. unfreiwillige Zeuge der Propheten gewesen. Der Jude ist der richtige Protestant gewesen, der Intransigent, der nicht pactirt, der Widerspänftige gegen das Dogma und die Ueberlieferung. Diesen Protest aber, ob offenkundig oder geheim, ob zaghaft oder verwegen, hat die Flamme dcS Scheiterhaufens erstickt, welche feine Glanbenölchrcn und feine Bücher verzehrte. Wäre auch der Ruf der Juden vernommen worden, wäre er auch lauter und freier gewesen, er hätte unsere Umwälzungen nicht hervorgcbracht, denn sein Protest stützte sich auf die Ueberlieserung und jene Umwälzung, welche das Antlitz der Welt neugeschaffen, ist nicht im Namen der Ueberlieferung bewerkstelligt worden. <For,s-tzui»g solgl.) ') James Tarinesteler, „Coujt d'oeil sur liiistoiro <lu psupls juif'1 1881, «eile 1*>: wieder abgedruckt in den ..Projilietcs 18»2. , Man aboniiirl das Freie Blatt in der Administration, Wien, I., Seilcrstätte 10. AbonnLokntöprcis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., . halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 05 kr. Herausgeber und verantwortlicher Rekackeur: Ernst Bicror Zenker. — Truck von Eh. Reißer & M. Werihner, Wien.

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