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Freies Blatt · 1893-05-28 · 60 (28.5.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
60 (28.5.1893)
Date
1893-05-28
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Leilage zum Freien Klatt, Orymi zur Abmrhr des Fntisruiitismus. Wien, I. Seil'erstnlte 10. . Die Juden und der- Antisemitismus. Aisrstl u n t e r den Ua t i o n f n. ' . Bo» Aitatofe «Seton-IScauficu vom sranzvsiichcn Jnfiitut. . Vliitormrtc Ikterf^umv -2.;Vortfci‘uit(v Tiw lalinudische Iudcnthum ist wahrend fünfzehn Jahrhunderten die Festung und der Zufluchtsort Israels gewesen: die Gcmara _ war sein Bollwerk. Starrt sie hier und dort noch von Schanzpsählcn, so nimmt dies nicht Wunder. Es war eine lange Belagerung, welche, nach der Niederwerfung der Zionsmaucrn durch die Slurmböcke des Titus, Israel innerhalb Dieser von seinen Rabbiner» aufgeworfenen Umwallung von Schristlexteu und Eultus gebräuchen ausgehaltcn hat. Gegen welche andere Religion haben so viele Feinde Sturm gelaufen? Und zu welcher Zeit bis heute batte das Iudcnthum abrüstcn können? Dazu müßte es des Friedens sicher sein, und ist ihm heute selbst dieser überall gesichert? So machen wir ihm den» nicht allzusehr einen Fanatismus zum Bvrwurf, den unsere Unduldung angefachl hat. Wir haben kein Recht, mit irgend einem Talmudspruch für allezeit die Stirne des Juden zu brandmarken. Tann müßten wir auch dem Katholiken verbieten, vom Borplatz seiner Kathedralen das Ketzerichaffot zu entfernen und' müssten den Ealviner für immer am Richtpfahl auf Michael Scrvet's Scheiterhaufen festfchnüren. II. Bon merkwürdigem Interesse wäre cs, die beschichte der Juden aus der Literatur und dem „Folklore" des Mittelalters herauszufchreibcn. Leine Persönlichkeit hat von jeher die Bolksphantasie lebhaft beschäftigt. Tst ist ihr davon eine phantastische Heimsuchung geworden. ' Heute noch steckt iu dem Bolkswiderwillcu gegen den Juden abergläubische Furcht. Für die grosse Menge halb Europas ist der Jude ein mysteriöses Wesen im Besitze gefürchteter Gchcimmittel geblieben. Er hat etwas vom Hexenmeister. Wenn die Hcxeuverfammlungen „Sabbat" heißen, so ist dies kein Wortspiel,. In den Augen der BolkSmanen waren die durch den heiligen Vudwig den Flammen übergebenen Talmud-Abhandlungen ein Hcxencinmalcins; die wunderlich geformten hebräischen Buchstaben schienen kabbalistische Zeichen. Ter Jude war der berufene Meister der Gcheimwisscn schäften. Etwas ist ihm davon haften geblieben. Er gcräth leicht in Bcrdacht, mit dem Bösen .vertrauliche Beziehungen zu unter halten. Man schreibt ihm gerne die unheimlichsten Handlungen zu, denn der Jude ist kein Mensch wie ein Anderer. Im Orient, sogar im Abendlande, findet der Judenhaß noch in der unwissenden Leichtgläubigkeit der Menge Nahrung. Bei Epi demien gilt der Jude als Brunnenvergifter.- Es sind auf^ seine Rechnung Märchen im Ilmlauf, deren barbarische Einfalt mit Geist und Ueberlicferung dcq Iudenthums in grellem Widerspruche steht. Wie viele Juden hat nicht das Mittelalter verbrannt, weil sic an» geblich eine geweihte Hostie auf daö Federmesser gespießt und damit Ehristus von Neuem gekreuzigt hatten! Und doch haben wir es da mit einer jener Fabeln zu thun, die schon im Grundgedanken hinfällig ist. Ein Jude, welcher weder an die Göttlichkeit Ehristi, noch an dessen unsichtbare Gegenwart in der Gestalt des Brotes glaubt, besitzt nicht die frevlcrischc Reagier, eine Hostie zu zerschneiden, um zu sehen, ob Blut herausfließt. Eine, derartige Gottlosigkeit kann nur im Kopfe eines Ehristen aufkcimen. Tasfrlbe ungefähr ist bei einem anderen Märchen der Fall, welches noch in drei Bienheilen von Europa am Veben geblieben ist. - Man hat i» Rußland und im Trient die Bemerkung gemacht, daß der Ausbruch von Bvlksbewegungcn gegen die. Israeliten vorzugsweise mit dem Hcrannahcu des Tsterscsics zusaminenfällt. Heute, wie zur Zeit der Kreuzzüge, steht dieses Zusammentreffen vielleicht weniger mit der Neigung der ungebildeten Bolksinasscn, den gölt lichcn Gekreuzigte» an den Rachkommen seiner Henker zu rächen, als mit den im Bolle über die jüdischen Tsiern verbreiteten Mordmärchcn im Zusammenhänge. ' Wir meinen jene alberne Anschuldigung, welche seit Jahrhunderte» so vielen Israeliten aller Vändcr das Veben gekostet, ohne daß jemals irgendwo ein Jude der Straffälligkeit hätte übcrwiescu werden können. In Rußland, in Polen, in Rumänien, in Böhmen, in Ungarn lebt das gemeine Bolk in der Borstcllnng, die Juden bcnölhiglen zur Bereitung der ungesäuerten Brote, der Citfr Mazzöth, Ehristcnblut. Auf den Törsern^ in den Städten selbst des europäisch?» Cftciid;' wo sich so oft unter einer düniien Firnißschichte inodcrner Eullnr noch die Ideen und Anschaunngcn tzeS Mittelalters vorfinden, zweifelt weder der Vandmann, noch der Arbeiter darTin, daß die Juden zur Feier ihres Passahfestcs Blut aus christlichen Adern brauche». Tem magyarischen Bauer, oder dein russischen Mildschik ist es freilich nicht bekannt, daß. wie Tertullian und Minuiins Fclix bezeugen, dieselbe abgeschmackte und widerwärtige Beschuldigung schon den ersten Ehristen durch die Heiden zugcschlcndert worden ist, deren böswillige Neugierde zweifellos das mpstischc Tpser des unbefleckten Vainines für ein wirkliches Fleisch- und Blutopscr hielt."") Allemal, wenn ein Ehristcnkind abgängig ist, allemal, wen» die Polizei auS einem Flusse oder, einem Stadtgraben di"Reiche eines Knaben oder eines jungen Rsadchens herausnschl, erhebt sich die Bolksstimme gegen das Messer des Schächters, des jüdischen Metzgers, selbst wenn an dem Körper nicht die geringste Spur einer Gcwaltthat zu entdecken ist. Tas ist . aber so landläufig, das: mau Fälle kennt, wo Mörder die Ueberreste ihres Tpfers in die, Gäßchen des Juden Viertels mit der Gewißheit hineinschlevvten, dadurch Berdacht und Wuth der Menge abzulepkenA"» Tiesc Fabel vom Ritualmord ist - was eigentlich genügen sollte, ihr den Garaus zu «machen ' nicht einmal besonders all. Bor dem. Jahre 1100 findet man keine "Spur davon. Temuugeachtet hat das ganze Mittelalter vom XU. oder XIII. Jahrhundert ab an dieses gehässige Märchen geglaubt. Man hat cs in Berfen und in Prosa behandelt, wie die Erzählungen Ehaueer's beweisen. Mchls ist zählebiger wje derartige Fabeln. Ter Proecß, welcher 1880 dem ungarischen Marktflecken TiszaEszlar zu einer flüchtigen Berühmtheit veisisalf, war denn auch kein vereinzeltes Bcrkkommnis:. Tiefe gegen die Inden -in Tisza-Eszlar erhobene Beschuldigung ist seit bald -fünfzig Jahre» zu verschieoenen Malen gegen die Juden in Syrien, Egypten, Rumänien und Rußland geschlendert worden. Im Jahre l*s0 war's zu .Kniais in Transkaukaiien, l88l in AlexandrieniEgypten», 1!Si*0 in Tamaseus, das schon im Iabre l^P» uoi öioch fjcutc beschuldige» ja die t£binröu uiuere Mi'iianare des 'linder raube«, um den .Kleinen zur Bereitung von ,-zauberir>inken Augen und- Her; auszureißen. - *°) war Heine in seinem leider Bruchilml gebliebenen „Rabbi von Bacharach" berechtigt, sremdc Rtünner zu schildern, wie ne die blutige reiche eines Kindein das Haus de« Rabbiners ichlepven, um den Pobel gegen die .Inden aufzustachcln und sich eine (Gelegenheit zum tzlüirdern zu lchanen.

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