Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 60 (28.5.1893)
- Date
- 1893-05-28
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Freies Blatt. Nr. 60. Und heule wird cs von den Antisemiten kaum minder verargt, wenn mau ihrem abscheulichen Treiben entgegenwirkt. „Judenfchutztruppe, Judciislhutztruppe!" höhnt ein geistlicher Herr, und mit ihm der wilde Chor blinder Fanatiker. Thut nichts. Nur zu! £cipitel: Verrohung der Jugend. Tao „Salzburger V o l ks b l a l t“, welches den in Nummer 57 des „Jreicn Blattes" veröffentlichten Aitikel „Zum Eapitel: Verrohung der Jugend" vollinbaltlich wicdergab, schenkte in loyalster Weise auch einer mir der Chiffre —r. gezeichneten „Entgegnung" Raum, welche den Svon liebevoll unter ihre Fikligc nahm. Unser hochverehrter Herr Mitarbeiter tk — t'. revlieirt nun hieraus in dem gleichen Blatte wie folgt: Jä, möchte vor Allem darauf Hinweisen, daß ich schon kur; »ach dem traurigen Ende Pallavieini's meine Ansichten an gleicher Stelle ausgesprochen und daß ich damals vielseitige lebhafte Zustimmung aus alpinen Kreisen crsulir. Auch diesmal hat solche nicht gefehlt. Schgn vor liN fahren bin ich, als Mitglied des österreichischen AlpenvcrcincS, wiederbolk in der Lage gcwc'cn,- aus den Verhandlungen und Neben Ziel und Zweck dieser schönen Vereinigung von 'Naturfreunden zu ertennen. Schnellläufer waren die Mitglieder des Alpcnvcreincs nicht: es wurde das Bergsteigen init Mäßigung betrieben: bekanntlich gehört;uut Maßbaltcu mehr Muth als :nr unbeschränkten Befriedigung des EbrgcizeS. „Wundertourcn" gab cs damals kekne, solche kamen erst in späterer Zeit aus. Damals ging man von dem (Grundsätze aus, daß man nur dann beobachten könne-, men» inan sich die Zeit da;» gönnt. Ter „'Nestor döS Alpinismus" würde 'nicht so frisch in unserer Mine wandeln, wenn er nur Tauerlänse auf und ab angst e.lr hätte. Tie Zräneanspanilttttg hat eben höchstens relativen Werth, d:e Dchnelligleit aber bieker keinen Vorihcil, wenn man die Bergtour mit der Natursorschung verbinden will: Wer nach der llhr hinanfstnrnik, kann weder7beobachten noch lernen. Unsere bekannten „besten Bergsteiger" vebandelw das Bergsteigen so wichtig wie ein Fachstudium. Als (Grundgesetz für alle TIndien aber gilt: Wer etwas durch lange Zeit hindurch betreibt und zuletzt darin eine große Fertigkeit erlangt b.u, muß stch nnnmchr in seinen S^off verliefen und damit den Mit meii'cheii sich nützlich erweisen. Jacques Balinat war dev erste Er-' Niger des Montblanc. Warum aber wird de Sannnre häufiger als 'elcher genannt? Weil Balmak mir die rohe Materie bewältigte, der >Nlcbr:e aber der geistig-Vermittler des durch die Besteigung bedingten wisscu'chanlichen Fortschrittes ivar. Ter einfache '.'auduiann hatte Mnth und Euiichlo»in! eil, k.r Mann der Wiffen'chaft ließ stch von ihm geleiten, linier den heutigen Verhältniffen ist eine Vereinigung der Tnpen „Balmar" und „Sanffnre" nicht mehr rinmöglich. Bei solcher Stählung ' der X röste darf st einer stehen bleiben, welcher ' seine Besäliigung im Ticnstc der (Geographie und anderer Fächer beweisen kann Tr. v. Nulbncr hat den richtigen Weg angebahnt; seine Thätig keil war das Muster der alpinen Bestrebungen: (Gleichgewicht der körperlichen und geistigen Erfolge: nicht Neugierde, sondern Wissensdrang war >ein 'Motor. Der Bergsteiger hat cs heutzutage viel leichter als damals: cs gibt mehr Hütten, mehr Wege, Drahtseile, sichere Manila'eil'e, verschiedene Arten von Bickeln, Markirungcn, .Warnungen rar (Gefahren, Bücher tür die Hochtouristen, -starten der Gcbirgswelt, >.r.d dennoch steh: die überall wachsende gründlichere wiffcnschaftliche Beobachtung, in den alpinen Kreisen noch stark hinter dem Sporte der.reinen strastproben und waghalsigen stlettcreien zurück. Ter Geoid.;: irird vergeblich libcr der Schneegrenze fein Forschungsgebiet suchen; au.id.n. -> arbeiten dorr oben noch der (Geograph uiid der Bicteorologc. Aber ge.ade e.' Vertreter dieser beiden Fächer bedürfen einer ansehnlichen streibe ro-n Beobachtnngen,' welche Zeit und Mühe verlangen: sie inüffen die kindliche Freude an interessante» Hindernissen und Wcltlöiffen gan; v.rbai.ne»: Ein;elbeobachinngcn ohne jede Verbindung sind olme Belang Tao Tagebuch des Bergsteigers müßte stets bereit sein; allerdings gebt das nicht, wenn man sogar trigonometrisch festgcstcllte Bnnkie von verschiedenen Testen unter (Gefahren angcht, nur »m sagen zu können, man habe stch seinen eigene» Weg gesucht. Nur Eitelkeit ist die Ursache, kenn der getreueste Begleiter der .strafttoure» ist stet»- der mündliche oder schriftliche Bericht: wenn Stillschweigen über diele Leistungen des Alpensporks geboren wäre, wir würden weniger 'chablonenbafke Tonrenreferat« in den alpinen Blättern kcsciz und uns nicht langweilen müssen. Tie Kratlenttaktnilg ist nur das Mittel zum Zwecke der Erreichung eines Beobachtnngsstandpiinktcs: die Beobachtung, wohlgemerkt die gediegene, gründliche, sei stets der Hauptur-ck der alpinen Thätigkcit, sonst bleibt alles Bergsteigen doch nur ein forcirteS Spazierengehen in den Bergen. DaS Studiren im Freien ist allerdings zuträglicher; bei halbwegs weiser Eintheilung ist die Last der Studien aber bei weitem nicht so groß; sie sieht nur aus der Entfernung größer aus. Die reine Sportlcistung wird jedenfalls einem jungen Körper weniger zuträglich sein als die ruhige Beobachtung Oiehe „Makrobiotik" und andere Werke über die Kunst, gesund zu bleiben und alt zu werden). Der Ersteiger des „Kilimandjaro" ließ uns vor drei Jahren erwarte», daß er sich nunmehr vollständig der Drographic widmen werde, daß ihm seine Erfolge genügen, um der 'Natnrmisienschaft allein zu dienen. Nach seinem jüngst gesprochenen Dourcuberichte aber bindet er sich noch nicht an -»ein bestimmtes Fach B. die Kartographie); er weist 'Reihen von Ersteigungen nach, aber keine systematischen Reihen von Beobachtungen, nur sporadische Betrachtungen. Seine Warnerslimme erhebt er leider nicht, um Schwächere und Unerfahrene von den forcirtcn Touren abzuhallen; wie viel Unheil hätte er als Warner, wie viel Sicchthum abwcndcn können, und das Menschenleben ist wohl im Dienste des Vaterlandes oder der Wissenschaft, niemals aber im Dienste des Sports zu cxponircn. So lange die Eitelkeit Unerfahrener als Motiv von alpinen Leistungen geduldet wird, so lange wird auch kein ernsteres Streben in die große Masse von Bcrgtouristcn kommen. Daß cs wahrhaft begeisterte Bcrgsreundc gibt, welche in der Höhe dem Gefühle der Freude Ausdruck geben, Acsthetiker der Hochwelt, daran zweifelt ja Niemand, aber ihr Idealismus darf sich nicht auf 3000 Meter Meereshöhe beschränken: Jene, welche oben begeisterte Dichter sind, sollten sichunten i in T h a l c nicht unter Leute »tischen, deren Streben eö ist, einen Theil der Mitbürger für „Ganner" zu erklären und die Freunde wahrer Bildung und Humanität bei jeder Gelegenheit und in feiger Weise zu beschimpfen und zu verdächtigen. Leider hat der Antisemitismus auch unter den führerlosen Bergbcwiindcrcrn Wupzcl gefaßt. Ebenso wie diejenigen, welche, stets von „deutscher Eultur" faselnd, das wahre Ziel der Civilisation, die internationale Annäherung, bekämpfen, werden auch obige 'Niveauidealistc» mir stets ein psychologisches Rüthscl bleiben. Das „Ju den Bergen wohnt die Freiheit" ist bei uns eine Lüge. Die zahlreichen Glückwünsche aus Wien und Salzburg, die;uslimmcnden Aeußerungcn, besonders aus den Kreisen der Jugendbildner, deren Einer mir sagte: „Uns Allen ans dem Herzen gesprochen" wiegen wohl zwei anonyme antisemitische „Bidets doux* (in deren einem die Juden als „Gauner" bezeichnet werden', und die —r. gezeichnete „Entgegnung" auf, die ich mir auf P—r. zu ergänzen erlaube. Die Urgermanen »lögen, mir verzeihen, wenn ich noch ein französisches Sprichwort citire: „l,u style c'est l'lioimne". Es ist nicht zu sivciselu, daß ein kraftvoller Mann in der „Entgegnung" vom 10, Mai seine Fechtübungen machte. Da ich aber nicht gewohnt bin, mich gleicher Waffen zu bedienen, so finde ich cs absolut fruchtlos, in eine weitere Polemik cinzugehcn. Salzburg, IT. Mai 1803. procetz Paasch. Wir haben von dem Verlaufe der Verhandlung gegen, den anti- Kmitifdjcit Hetzer Earl P aasch .wegen Beleidigung des preußischen Jnstizniinisters Dr. v. Schelling, der geheimen Lcgationsräthc Tr. Kayscr und v. Eichhorn rc. bereits Notiz genommen und wollen nun einige charakteristische Einzelheiten nach den uns vorliegenden Berichten Berliner Blätter Nachträgen. Ter Erste Staatsanwalt Drescher wünschte, daß bei der Berhandlung der Defsentlichkeit der weitcsie Spielraum gelassen iverde, damit össcntlich sestgenclll werden könne, daß an dew-Dhaisachcn, die als verleumderische Be- Icitignngcn sich darslcllten, anch-«iHlöein Titelchen wahr sei. Die Oeffeutlichkeit habe aber da ihre Grenzen, wo eine Gefährdung der Sittlichkeit zu befürchten sei. Ter Angeklagte habe in einem Punkte schwere Angriffe gegen den Justizniinister Tr. v. Schelling erhoben, bei denen er dem Minister unsittliches Verhalten vorwerfe. Ter Angeklagte wolle den Beweis der Wahrheit antreten. Allerdings haben sich auf Grund der Zcugenvernehmüngen auch bei diesem Punkte schon gezeigt, daß nicht eine Spur der Vorwürfe begründet sei; da aber eine Gefährdung der Sittlichkeit bei öffentlicher Verhandlung zu befürchten sei, so beantrage er, bei diesem Punkte die Oeffeutlichkeit auSzuschließen. Der Verthcidiger Hertwig widersprach dem Anträge, und der Gerichtshof beschloß, auch bei der Verhandlung der Beleidigung deS Justizministers v. Schelling die Oeffeutlichkeit nicht auSzuschließen, nachdem der Angeklagte versichert hatte, daß er nichts Vorbringen werde, was der Sittlichkeit Schaden zufügen könnte.