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Freies Blatt · 1893-05-28 · 60 (28.5.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
60 (28.5.1893)
Date
1893-05-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt Ab-mikmentsprei«: (Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. ("anjinbtig mit Postzustndung . . fl. 2.50. ' H>>leji>hrig fl. 1.25. BierteljLhrig fl. —.65 smjtuit siummern 4 it. Erscheint an jedem Soiilltagc. ------i- Nummer <!». ttHrn,!^8. Jttni 1893. 1 II? Jahrgang. Rrdaclion und Administration: . Wien I. JeiCerftütttf 10. Mit der hentigcn Nniumer erhalten iinscrc Vcfcr die zweite | Aortscyung dcö Werkeei: I Dir Men inid der Antiseiiiilismiir,! Asruel' unter öen 'Zlutioneu von Änatokc LcroyVeaukieu ' vom fvan3Öfifcftc»t Institut. » j Ncn eintretriidc Aboiiiienteii erhalten ans Berlaiigrit die bereits! crschicncncn Fortskyiingen nachgeliefert.! . parallelen. Bo» Tonsistoeiairaih Tr. Llhiips. Herr Pfarrer Dr. Deckcrt hat cs für gut befunden, die Acten über den-Tod des Knaben Simon von Trient zu vcröffentliche» mit der Aufschrift „Ritualmard". Nach den heutigen Mundsätzen der Kirche tmb des Staates sollte die Schrift unter dem Titel „Justizmord" verausgabt worden fein. Und die heutigen (Grundsätze sind unumstößlich, für immer und allzeit giltig. Heute ist ss eine allgemein giltige Vrhre der Kirche, daß ei» Act, welcher durch Gewalt und Furcht (vi ot inet») erzielt oder erpreßt ist, null und nichtig sei. Der selige Cardinal Rauscher hat in seiner „Instruction" genau fcstgestcllt, wann, untcr welchen Bedingungen vis et mctus ciiieil Act ungiltig und rechtlos machen. Die Furcht muß groß sein (»lolus gravis), d. h. das augedrohte oder bevorstehende Nebel muß ein großes sein, so daß selbst ein wackerer Mann dadntch erschüttert wird (inelns. e,»i cudit in viruin'constautem). Als derartige Nebel betrachtet das Kirchenrecht: Hinrichtung, Bcrstüiumclnng, körperliche Peine» u. s. w. Wenn nun Jemaud untcr der Borstelluna solcher und ähnlicher Nebel irgend etwas vollzieht oder unterläßt, so ist seine Willenöbelhäligung als nicht vorhanden zu betrachten. Nud mit dieser Auffassung steht auch daS heutige weltliche Recht in vollem Einklänge. Run gibt Herr Deckcrt selbst zu, daß die Bekenntnisse dcr incriminirteu Tricuter Juden nach dem heutigen Rcchlsverfahrcn nicht erzielt worden wäre», daß sic nur durch die Tortur cxlorquirt worden seien. Sohin ist »ach unscrcr unumstößlich richtigen Rcchtsanschauung der Schuldbewcis nicht erbracht, mithin die Bcrurtheilung der Angeklagten ungerecht und deren Hinrichtung ein Justizmord — qnot erat probanduni. Eine Parallele zu diesem abscheulichen GerichlSact finde» wir in der Verurtheilnng und Hinrichtung der Templer. Havcmaun hat bis zur unumstoßbaren Ueberzeuguug dargethan, daß die AuS-; sagen 'der inqüirirten Templer widernden Orden nur durch die unmenschlichen Qualen der Tortur erpreßt worden sind. DaS hat! auch der Großmeister deS Ordens, Jacob v. Mola», im An-! gisichte des Todes laut und offen ausgesprochen und sich silbst augeklagt, daß er. in Folge der unmenschlichen Qualen einmal schwach geworden sei. Hätte Herr Pfarrer Decken uüwas weiter'ausgeschaut und daSgrausame Proceßverfahrcn des Pkittelalters näher erwogen, so würde er sicheNich zu einem ganz andere» Resultat gekommen sein. Oder sollte er gar im Ernste die Abschaffung dcr Tortur _ bedauern und damit einen Schalten auf unsere große Kaiserin Maria Theresia werfen-? Fast scheint cs so. Nicht -doch! eine solch schmähliche Denknngsweisc mochte ich keinem katholischen Priester zumnlhcn. Es bleibt dabei — Deckerl'ü „Ritualmord"' ist im Grunde - genommen ein Justizmord. tl. Im Jahre 134'J vci breitete sich eine Pest von seltener Furcht barkeck aus dem Morgculaude nach Italien und von dort »ach .Kärnte», Steiermark und Oesterreich. I» kurzer Z.il standenganze Dörfer und in Städten sehr viele Häuser »icujchcnleer da. I» Wie» sollen an einem Tage!»>0 Personen gestorben sein, die beule warci: cvnstcrnitl und gänzlich muthlos. Anstatt nun den Grundsatz zu befolgen: „Mcnsch hilf dir selbst und Gott wird dir dann auch helfen", griffen sie zu allerhand Mitteln. Allent halben bildeten sich Gesellschaften von Geißler»,- die neben dcr Geißlung abscheulichen Unfug trieben, so daß Papst Elemcnö über diese heillose Sccic den Kirchenbann verhängte. Man grübelte über die Ursache der Seuche und fand endlichdaß sie im Ber halten Per Jude» gelegen sei, die durch ihre Zaubersprüche und durch Pas Gift, das sie in die Büznnen und Fluss, geworfen, die Seuche erzeugt und verbreitet halten.. Das war eine höchst erwünschte Entdeckung für das raublnstige Gesindel, das sofort über die Jude» hcificl. Schrecklich Lute» die Berichte dcr gleichzeitigen Schriftsteller über die viehischen Grausamkeiten,- welche in den verschiedencii Provinzen verübt norden sind. Bcrgcblich warnte,' ermahnte und belehrte Papst El»mens die unsinnig rasende Menge, vergeblich vcrilot er, die Juden wider ihren Wille» zu taufen oder sie gar zu lödte». Bergedlich stellte er de» Fanatikern vor, daß. es thörichl sei, zu wähne», die^Jnde» hätten die Pest erzeugt, da auch so viglc von ihnen bereits-Opfer der Seuche ge rvrden, und dieselbe auch in Münder», wo keine Heiden wann, große Berhccrnngeu angerichtet habe. Der Papst predigte tauben. Ohren, weil die lhierische Wulh des Pöbels nach dem,Blute und den Schütze» der Juden dürstete. Gar arg wüthelc der Sturm auch in Niederöstirreich, in dcnl Städten Krems, Stein, Mäulern. Die Juden gerielh.n in solche Bnzweiflniig, daß sie mllnnicr selbst ih: e Häuser anzündetcn und lieber sanimt de» Ihrigen in den Flammen umkamen, als sich vom rasenden Pöbel grawam peinigen und zerreißen zu lassen. ' . Endlich erschien dcr Rächer all dieser Schaudlhaleu. Herzog Albrecht ckeß ein Heer sammeln, um die Räuber und Mörder der Juden;ü strafen. Dieselben starben thcils in Gesängnißi-Hürineu. theilö kauften sie sich nach dem Maßslab ihecs Bermögens mit einer Summe Geldes los. Lerglcicht man diese Strafe mil den verübten Schandthateu, so erscheint sie sehr gering, lind dessrnungeachtet machen e i n f ä l l i g e E h r o »i t s ch t e i b e r j e i>- er. Zeit dem Herzog Albrecht b i t t e r e B o r w ü r fe,' d aß c r die Juden beschütze und die Ehri steif ihretwegen bestrafe.

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