Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 59 (21.5.1893)
- Date
- 1893-05-21
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441412--0596-4887112- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Beilage zum Freien Blatt, Mrgan zur Abwehr des Antisemitismus. -eite VII. Volk als an seinen Glauben. Aus ihm, sprach nicht allein die seinem Glauben zugefügte Schmach, sondern auch das zerstörte Vaterland, und wenn der Glaube vergibt, so ist solches Vergeben nicht allemal dem Vaterlandsgefühlc gestaltet. Uebrigens finden sich im Schwulste des Talmud Textstcllen, worin der Jude kaum gelinder angesaßt wird als der Goi. So sagt Rabbi Johannan: „Einen Mann vom jüdischen Volke, zcrstücke ihn wie einen Fisch." Es wäre lächisrlich, derartige, im Talmud häufige Uebertrcibungcn ernst zu nehmen. Wie könnte man Anstoß daran nehmen, daß die von den Fürsten geknechteten und von den Völkern ausgeplündertcn Inden des Mittelalters ihren christlichen Verfolgern, den heidnischen Unterdrückern Israels, die Verwünschungen des Talmud cntgegengeschleudert haben? Von wem hätten sie lernen solle», sie als Brüder zu behandeln? Es wäre unbillig, bei Be tirtheilung der Grundsätze und Haltung der Juden den Goims gegenüber das Verfahren der Christen gegen Die Juden zu vergessen. Unsere christliche Sittcnlchrc unterscheidet nicht zwischen Christ und Ungläubigem?") -könne» wir darum behaupte», den Juden allezeit als Rächsten behandelt zu haben? Haben sich die Christen gegen die Juden niemals mehr erlaubt, als sie sich bei Christen versagt hätten? Haben unsere Väter jene christliche Nächstenliebe, welche der heilige Franciseus auf „unsere Brüder", die Thicre des Waldes und die Vögel des Himmels, ausdehnle, dem Juden bezeigt? Wenn dieser die Cstnm bisweilen mit unreinen Thiercn verglich, ist der Christ diesen „Hunden von Juden" gegenüber zurückgeblieben? Vor kaum einem Jahrhundert waren noch in Frankreich und fast dem ganzen übrigen Europa die Juden beim Eintritt in die Städte einem Ejngangszolt unterworfen wie das liebe Vieh.:u) Bei der Wcrthschützung, die ihnen unsere Väter ent gegenbrachten, war dies ganz natijrlich. Während JahrhundeNen hat sich unser christliches Brudergksühl für die Juden kaum anders geäußert.als durch Ausräubung, durch Anheftung des gelben Wappens, durch die Gitter des «Ghettos und die Scheiterhaufen der -ketzcrgcrichlc. Wie viele haben sticht in der Judendrangsalirung ein frommes Werk erblickt! Wie viele leugnete» ihre Schuld an den Juden ab, weil sie allen Ernstes glaubten, „Betrug an Juden fei kein Vergehen wider den Nächsten! Braucht an die Angelegenheit der falschen Elsässer Quittungen erinnert zu werden; welche am Vorabend der Revolution so großes Aufsehen erregte?''-) Tic Rabbiner sind häufig der wider das Gesetz Israels verstoßenden Vehre bc schuldigt worden, Juden seien Goim gegenüber durch Eid nicht .gebunden?",» Hat man nicht denselben VorwnVf gegen die -kaiholiken -ketzern gegenüber erhoben? Wenn auch meines Wissens kein Christ einen derartige» Lehrsatz in Betreff der Juden ausgestellt hat, wie viele Christen andererseits haben ohne Bedenken dem Juden gegenüber zur vügc gegriffen! Heilte »och, wen» in Ungarn, Polen, Rußland, Rumänien ein Jude vor Gericht erscheint, ist der Richter häufig genölhigt, die christlichen Zeugen an ihre Verpflichtung wahrhests getreuer Aussage, wäre diese selbst dem Juden günstig, zu mahlie». In solchen Tingcn vermögen Sitten mehr als Religion oder Moral. Glicht die lehren der Rabbiner, der Pfarrer oder der Popen und dafür verantwortlich zu machen, sondern vielmehr eine Art beiderseitiger soi Bo» dieser den» alte» Testamente vorgehatlenen nationalen oder religiösen Ausschließlichkeit iß indessen das Evangelium, siel» inan genau zu, nicht immer gänzlich frei. Man stößt ans Ausspruche, wie: „Non cst >»»in», siimcre (>:incm tiliorum ct iiiiUiTc canibiis lMach. XV, 2«>, Marcus VII, 27». Und dicies zu Gunsten der Fuden ausgesprochene Wort jüdischer Eingebung ist iin Mittel alter iviederbolt gegen sie umgekehrt worden. 3') TieieS „l>roit >Ic >»-a<-e- (Leibzolli isi erst durch Ludwig XVI. aufgehoben worden. Liehe;. B. labbe Ioi. Gniann: „IKntrce >I,-s Isrni-Iit«-- ilans l.a socicte frani.-aisc'. 188t>, Cap. I. **) Liehe Graetz: „Geschichte der Fuden von den ältesten Zeiten", Band XI, Cap.' kl. — Jos VtMimmi: ebendaselbst, Band I, Cap. II **) Ties widerspricht nicht allein dem Gekeve, sondern auch dem Talmud und der Lehre des MainionideS und der Gei'eveslehrer; siphe u. A. Marco Morlara: II penpiora israelirieo- 2. IR). . Entartung des. jüdischen wie des christlichen Gewissens, welche Jahrhunderte gegenseitigen Grolls und llebclwollens hervorgcbracht haben. Uin an den Juden das berechtigte Verlangen nach brüderlicher Behandlung stcllciTzu könne», müßten wir ihyi ein wenig von jener christlichen 'Nächstenliebe ciNgcgenbringcn, welche die T.uintcsse»z des Gesetzes und der Prophetenaussprüchc bildet. Tic Gelehrten, welche sorglich jeder Spur jüdischen Hasses im Talmud nachspürcn, vergessen nur zu oft dösseu Entstchungszcit und Abfassungowcise. Wie oben bemerkt,'ist der Talmud lediglich ein Protokoll über die Meinungsäußerungen der RabbinerschiNen zwischen dem ersten Jahrhundert vor und dem vierten oder fünften nach Christi Geburt. Man mllß nach dem jüdischen Geiste uiid seiner Tcnkwcise am. Vorabend und am Tage nach der Zerstörung Jerusalems'forschen. Israel-hat in seiner laizgcn Geschichte keine qualvollere Zeit gekannt. Während seine Rabbis die Mischna und die Gemara znsammrntrugen, durchschritt es eine »irise um Lein und Nichtsein. Unter der unerbittlichen Streckmafchinc der Römer oder Perser wurde, wider sei» Willen, sein nationales Wesen zu einem religiösen umgcwalzt. Während Jahrhunderten war Israel ein geschlossenes Volk gewesen, und nun sollte Ns ein über die Welt zerstreuter Nomadenstamm des Glaubens werden. Terarlige Häutungen vollziehen sich •lurftf' schmerzlos, nicht widerstandslos. Nachdem der Tempel in Staub gesunken, schien es,, als vermöchte der Jehovah-Cull sein Volk nicht zu überleben, als müßte das vom Erbe vertriebene, nach allen Winden versprengte Juda gänzlich zugrunde gehe». War cs nicht, als sollte cs inmitten.dez- Nationen verschwinden, in jener oceanischcn Hridenfluth versinken, auf welcher sein Wrack weithin trieb? _ ' ■ Ten jüdischen Glaubenslchrerii lag es vor Allem am Herzen, dir Religion und die Volkseigenart, die Eine durch die Andere, vor dem IkMergang-zu bewahren; den» Beide waren, so schien cs ihnen, unlöslich miteinander verknüpft. Wer durfte cs vorherschen, daß die Eine die Andere für unbestimmte Zeit überleben'sollte? So entstand gleichzeitig die nationale Ausschließlichkeit und der übertriebene Ritualismus des Talmud. Tic Jude» mußten, an cinandergckcltct, von den Heiden abgesondert werden, nur so war' das Heil Israels zu sichern. Tas begriffen die Rabbis. Turch den Talmud ward der »staube Bindemittel und Isolator zugleich: eine Mauer von gottesdienstlichen Gebräuchen ward zwischen dem Juden und dem Goi aufgclragrn. Tas wehrlose Israel zcriiel in Stucke; damit jedoch seine llcberbleibsel nicht zu Staub .zerrieben würde», umgaben oder sozusagen umreisten'es die Schziftgelehrten mit de» vielfachen festen Bande» und Reifen von.bis ins -kleinste gehenden Andachtsübungen und strengen Glaubensregeln.' Tamil hat der Talmud den Jude» einen festen Zusammenhalt gegeben, ivelcher die Zersprengten vor dem'Ausgehen, in den 'Nachbarvoller» bewahre. Israel, ist durch sei» Ritual gerettet worden: der Talmud hm es durch fünfzehn Jahrhunderte Erstarrung am Veden erhallen. Tiesen Andachlsübnugen, diesen Satzungen, die uns bisweilen kindisch Vorkommen, hat Israel, sein Veben verdankt. Tas durch den Talmud verschärfte Ritual indes: schlägt d Ir? In den nicht bis ans Ende der Zeile» in.Bande. Er vermag sich loszumachen von jenen Religioiisgcbränchen, die seine Absonderung von den Völkern, unter deneiver lebt, bezwecken. Wir denke» uns den Talmud als ein unwandelbares Gesetzbuch, das fin—alle Zeit die jüdische Gesellschaft beherrscht. Tariu irren wir. In dein Maße, als der Jude den -köpf aus seiner überlieferten Vebenssphäveherausreckt, streift er nach und nach die Herrschaft des Talmud ab. Tie vordem von ihm als bindend erachteten^ Vorschriften scheinen ihm jetzt dem > freien Willen überlassen. Ta es im Judenthum weder.stirche, noch j Papst, »och Coneil gibt, um über das Beizubehallende und Abi zuändernde zu entscheiden, so csenicßen die jüdischen »stincinschaften lhalsächlich große Freiheit. Tiesclben Satzungen, denen der Jude , in Wilna oder Berdilschew mit nngslücher Gewissenhaftigkeit nach -