Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 59 (21.5.1893)
- Date
- 1893-05-21
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite VI. Beilage zum Freien Blatt. Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. ihn vorerst. Doch eben hierin liegt die Schwierigkeit. ftem Buch ist unzugänglicher: die Kenntniß des Hebräischen genügt nicht, um sich an den Originaltext zu wagen, welcher häufig in der dunklen, gemischten Sprache, theilweisc hebräisch (die Mischna), theilweise aramäisch «die Gemara), zu verschiedenen.Zeiten abgefaßt ist. Der Jude in Rußland oder im Orient, devsein Leben beim Talmudstudium verbringt, entziffert ihn mehr als er ihn liest. DieUeber setznugcn in neuere Sprachen sind unvollständig und mangelhaft; bei den vielfachen Schwierigkeiten einer solchen Arbeit läßt sich auch für noch lauge Besseres durchaus nicht erhoffen. Im Französischen liegt in zwölf Oetavbäudcn eine frische Ucbersetzung des jerusalenü , tischen Talmud vor, welcherzwar der älteste, aber auch der dunkelste wenigst umfangreiche und verbreitete ist und die geringste Autorität besitzt. -’41 Trachten wir, in die uncrmeßlicheu Jrrgüngc der Mischna und Gemara einzudringcn, so finden wir von Allem: Theologie, Moral, Politik, Rechtsgclrhrsamkcit, Heilkunde, Kasuistik. Wir begegnen auch Märchen, legenden, Zauberformeln. Es ist der formlose Inbegriff der religiösen und rcchtswifsenschaftlichen lieber liescruugen, aber auch der Träumereien und Porurthcilc des über' wundencn Israel — das Ganze unter der Form von Sitzungsprotokollcn der Rabbiner Acadeinicn. Es werden darin häufig die auseinaudergebendstcu Meinungen ausgeführl: es darf somit nicht Wunder ucbincn, wenn man neben erhabenen Gedanken Widersprüche, Schwulst, kindische und greisenhafte Borstellungen, in einem Haufen .Steine einige Perlen anlriffl. Rehmen wir au, mau hätte unsere mittelalterlichen Scholastiker, unsere Kirchenlehrer, unsere Heiligen diogravben uffd unsere goldene legende, unsere Kasuistiker -des X VI. und X VII. Jahrhunderts, kritiklos, wahllos zu einerÄrt Eorpus vereinigt: stündceine derartige Anhäufung von durch die Kirche approbirlen oder nicht avvrvbirlen lheölogischen Schriften allemal im Einklang mit unseren modernen Rechts oder lKcrechligkeils begriffen? Käme der Jude, welcher darin die christliche Moral suchen wollte, in Bcrlegeuhcit, anstößige Lcbrcn hcrvorzuhcbcn? Sind nicht Theologen mit der Lehre aufgctaucht, die Fürsten seien nicht verpflichtet, das Kevern verpfändete Wort einzulösen? Und haben jemals Priester Ehristi die Anwendung dieser inhumänen Lehre gefordert? Haben sic vergessen, nne übel der sprühende Geist Paseals die Spitzfindigkeiten der Kasuistiker zugerichlet hat? Jsts verwunderlich, wenn der Talmud bei seinem Alter von fünfzehn Jahrhunderten Aussprüche enthält, die gegen das «Gewissen unfcrer' Zeit ver stoßen? Richl die Jr.rlhüiner, Läppereien- und Widerlichkeiten der Mischna und der Gemara, sondern weit mehr der Zartsinn und die Erhabenheit gewisser Gesichtspunkte, der Scharfsinn ihrer Erörterungen, die Menschlichkeit, um - nicht zu sagen Rächstenliebe, ihre Entscheidungen müssen unser Staunen erwecken. Um ei» Urlhcil über diese lalmudischen Denknfalc zu gewinne», müssen wir dieselben in den Rahmen ihrer Zeit zurückversetzen: beispielsweise die Rechiswissenschast der Rabbinervon Babylon und Tiberias i»i, den Geiei-en der Franken und Westgolhen, oder besser -noch mi l den Pandekten Justinians vergleichen, denn zuvörderst ist der Talmud mt' <'.»rpn-; jnris.. Wir werden dann einräumen müssen, daß der Pergleich nicht allemal zu Gunsten der Ehristcn aus fällt. *•’i Zumeist bietet uns die Gemara dem Anschein nach ein unendliches Meer von Erörterungc», Abschweifungen, Erzählungen, Lc- -'l Ueviili tzimg een :Vi. Mob'c Schivab oon 'Tev ■.Uationaibibiiotfjcf: Pari-, M:»i-..nr.. ii\ls7s_l--9o. 2er '„genannte jeni'alemiti'che Talmud in das Werk „er Schulen von Balanina: ser iogenaniirc babuloni'chk, das Werk der Euvtirai Schulen. Tie MHäma 'Wiederholung des Gesetzes, Teurorosts), in in den beiden Talmud? dieselbe: nur der.Lommenlar, die i^emara (Ergänzung), ändert sich. Bei den Entscheidungen der Rabbiner des Talmud inachl sich übrigens der Einstuß des römischen Rechtes hänsig kühlbar. genden.^") In der Tiefe dieses Talmudmeeres —wie die Glaubenslehrer sagen — unterscheidet man zwei, bald parallel laufende, bald einander entgegengesetzte Strömungen, welche sich nach allen Richtungen kreuzen. Die Erste heißt Halacha, Regel, Rormaz die Zweite nennt sich Haggada — Legende, Sage, eine Sammlnng von! allerhand „Hörensagen" über jedwede Frage. Die Halacha allein besitzt Autorität. Sie allein gilt für Gottesdienst, Dogma, Sittenlehre. Eivil- und Glaubensgesetzgebitug als Regel, als Ausdruck jenes mündlichen, das Geschriebene ergänzenden Gesetzes, welches die Glaubenslehrer gleichfalls auf Moses und den Sinai zurückführen wollten, und dessen Niederschrift, sagt man, bis zur Schließung der j jüdischen Schulen verboten war. Tie Haggada dagegen, in ihrer »nendlichen Mannigfaltigkeit, mit ihren Erbauungsgeschichtcn, ihren Gleichnissen, ihren orientalischen Märchen, ihren Homilien, ihren wissenschaftlichen Merkwürdigkeiten, ihren anatomffchen und medi- J cinischcn Erörterungen, ihren Zauber- oder Apothcker-Reccpten, : diese Haggada, für uns der merkwürdigste Thcil des Talmud, besitzt für den Juden keinerlei Autorität. Sie kann nicht als Gesetz gelten, „Nach der Haggada wird incht entschieden" heißt es im! Talmud selbst. „Auf sic gestützt, könnte man weder etwas erlauben j noch perbietcn, weder für rein noch für unrein erklären." Diese ' Unterscheidung zwischen der Halacha und der Haggada hat ihre - große Wichtigkeit; wer den Talmud citircn will, muß sich hüte», \ die Beiden, aus Unwissenheit oder Berechnung, miteinander zu ver- - wechseln.2T) An mehr als einer Stelle zeugt der Talmud von wenig Liebe für die Goim; doch wer sind jene Goim, welche der Talmud verwünscht? Es sind die Griechen des Antiochus, die Römer des Titns und Hadrian,,d>ie Magier der Sassanidenkönigc. Das ob; seiner Bolkseigenart und seines Glaubens verfolgte Israel trotzte seinen Feinden, die cs mit Pcrnichlung bedrohte». Zahlreiche Aussprüche, welche man dem Talmud zuifi Borwurf macht, sind iveniger Berhaltungsregelu oder Moralvorschriflcn, -als Kriegsrufe gegen; die Zerstörer des Tempels und die Unterdrücker Judas.<2ri) Man darf niemals aus dem Auge verlieren, daß der babylonische Talj mud in der Zeit zwischen dem Falle? Judas und den Judenverfolgungen durch die fanatischen Magier abgefaßt worden ist. | Die Goim, die er meintZffnd weit weniger Ehristcn, als vielmehr 1 Heiden^ Römer und PxHcr^, Wenn Simon den Jochai"auöruft: l „Den Besten der @wim*''), tödte ihn, der besten Schlange,zertritt; ihr den Kopf," so versteht der Rabbi unter diesen Goim die; Römer Hadrians, die Schänder der heiligen Stadt, deren Grausamkeiten er mit sein;» Augen gesehen; ruft er den Tod auf sic herab, | so handelt er aus Rothwehr; er übt einfach Wiedcrvergeltung. Kein Zweifel, derartige Worte haben eine semitische Wildheit. Wohl kamen solche Perwünschungen gegen ihre Henker nicht äus dem i Munde der- Ehristusbekenncr, weder deö heiligen Polykarp, vor dem Proeonsul in Smyrna, noch der jungfräulichen Blandine im Eircüs j von Lyon. Doch der greise Bischof und die junge Sclavin waren! Ehrislrn, und wir wahren uns das Recht, an die Ueberlegenheit - des Ehristcnthums zu glauben. Zwischen dem christlichen Märtyrer ' und dem jüdischen Widerspenstigen des ersten und zweiten Jahrhunderts bestand außerdem noch ein Unterschied: Der Ehrist hatte nur seinen Gott vor Augen, der Jude dachte ebensosehr an. sein . 3A) Arsene Tarmesteter: ..lir-Iigm-s seicntiti«iiies, I.,- Talmud", (£crf M90. Siehe beispielsweise Tereinbourg, Artikel Talmud in der „Kncydopcdio -I„> soienees religieuses--, von Lichtenberger. *“) Siel>e die ,.Revue des eUiiles juives?, Band I, 1*80, Seite 2ö6—25t>. Isidore fort: ..I.a Cuntrovetse sur le Talmudsoiis Saint-Louis". Ter von M. Berliner hcrallS'Zegebcne Text (Rafchoi im l'entateucliuln eomux-iitarius, Berlin 18til>) lautet: „Ten Beste» der Egnpler." Der Rabbi ivricht tieie Worte anläßlich des Exodus und des Turchzug« durch, da« Roth« Meer ans. In der Abhandlung der Soferiin (XV, 10) lagt Rabbi Simon den Fochai: „Fn Xriegszeiten kann man den Besten der Goim tirdten." Sieh« Isidore Loeb: Ebendaselbst.