Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 59 (21.5.1893)
- Date
- 1893-05-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. f Nr. 59. S ***** coufei'fion*- und Nac> »Hetzer kau» die Aufreizung zum Judenhaß, wie die X iiiAf in Tculschland jetzt flehen, nicht einen so breilcii Raum cinnchiiikii, wie dies der Fall gewesen wäre, wenn die Reuwachlen mittr iiorinalc» Verhältnissen, nach Ablauf einer - Legislaturperiode sich vollzogen hätten. Die Conservativen, die Tivs.i Anliieinilen. begnügen sich mit einem schüchternen Bekenntniß zur „christlichen Weltanschruuiig", welche ihre Bethälignng im Volksleben, in der Gesetzgebung und in der Handhabung der besetze finden müsse, Ja, sie füge» diesen, Bekenntnisse sogar die Belbencinng bei, dcuiagogiichc llnitriebe jeder Art zu bekämpfen, welche -darauf hinarbeiten, die-G-sinnnngcn weiter Kreise des deuischeu Volkes durch Vng und Trug in Wort und Schrift irresiileuen und zu vergiften. Selbst die deutsch-socialen Antisemiten b.lien den Moment nicht für geeignet, den Ruf: „Inden hinaus!" erichalle» zu lasse», die Austreibung der Juden aus Deutschland' oder auch nur die Ausschließung dersilben von allen büigerlicheu Rechten zu fordern: sie empfehlen sich dem Wohlwollen der Wälilerichaft bloß' durch die allgemeine Phrase, daß sic für ein starkes Kaiserthnm, für sociale Reformen im Sinne dcö praktische» Ehristenthnms und für d utscheö Recht fechten, demnach das Jndenlhnin und die mit ihm zusammenhängenden und ve» ihm erzeugte» „schädlichen Einflüsse" bekämpfen. Aber auch die anderen Parleie». mit Ausuahinc der „Freisinnigen Vereinigung", berühren in ihren Wahlaufrufen die antifcmilischc Bedrohung der RechtS gleichheil auch nicht mit einem Worte. Die (iiiicn, wie die Socialdemokreilen und die „Freisinnige Volkspartei" unter Führung Engen Richters, fetzen mit Reckt voraus, daß' ihre Grundsätze viel zu s,hr bekannt sind, um hier ei» Mißvrrsländniß aufkommen zu lassen. Ändere wieder, wie ein Bruchtheil von Rational- Vibe:a!c», deren Liberalismus auch bei Benützung eines Vergroßerungsglases schwer wahrzunehmcn ist, sind hcrzcnsfroh, einer tiilschiedencii Stellungnahme derzeit überhoben zu sei». Tie Wahlbcwegnng lenkt das Hauptangeninerk darauf, ob der Reichslagscaudidal, dem man die Stimmen zuwcnden soll, für oder wider die von der Rcgieriuig aufgestelltcii Forderungen zur S'lKrkung der Wehrkraft ist. Die Militarfrage nimmt fast alles Interesse in Anspruch. Ihre große Bedeutung für Deulschlaiid und selbst für Europa ist nicht zu verkenne», nichtsdcstoweniger sind diese Wahlvorbereitungen aus Grund einer einzelnen Regiernirgsoorlage sihr zu bedauern. Ob es richtiger sei, alle finanziellen Bedenken bei Seite zu setzen und der Bevölkerung wesentliche Mehrlastcn aufzucrlegcn, um das Heer zu stärke», oder ob es gnade im Interesse der Wehrkraft ciucs Volkes liege, auch d>e Sleuergucticn nicht zu erschöpfen — ist ei.n politisches Problem, das stets Eontroverje» hcrvorruft.' Ein Volksvertreter kann sich je nach. Beuriheilnug der Vage für das Eine oder das Andere eulfcheiden, oline deshalb die Grundsätze, welche er sonst int offen!- lieben Vebeu veririlt, preiszugebcirr Es wäre demnach ein Mißgriff, die Vcnrauenswürdigkeil eines Eandidaleii einzig und allein oder hauptsächlich danach zu beurlhcilen, wie er sich gegenüber den . Mililärfvrdcrungen der Regicruiig verhalten werde. Die politischen und wlrlhfchaftlichcii Anschauungen desselb-n könne» nicht ignorirt werden. Wird er doch nicht bloß zur Entscheidung über die Militär-, Vorlage gewählt. Die Maudalsdauer beträgt fünf Jahre, innerhalb deren inaningfache Eullüraufgaben von hoher Bedeutung an die Gesitzgebung herantreten können oder mancher Angriff auf fieibeiltiche Errungenschaften abgewehrt werden muß. Für die d.ul'chen Bürger jüdiichcr Eonfession kann cs noch weniger als 'ar Andere glcichgi.lrig sein, welches Verhallen ein die Militär- 'ork^rungen zu bewill'geu oder abzulehnen geneigter Abgeordneter ang>sich:s der Versuche zur Aufhebung der Inden Emaneipalion b-obackiel. Es ist cm'falscher Patriotismus, wenn gewisse Börsenarößen Berlins Sammlungen in größerem Siyl für die Wahliouds terjeirigen Parteien 'veranstalten, welche gewillt sind, iin i.tuzuwatilenden Reichslage für die Mililürovrlage der Regierung ,inznlre:ea. Wolle" diese Börseugrößen allen Ernstes Adolf Wagner gigcn Rudolf Virckow nnlcrslützen, Manleuffcl, Stöcker, Zsieberlnann v. Sünncnberg. Herrn v. langen, dein Göimer Ahlwardt ö, und äinilichcn Eaudidatcii, die sich zur Annahme der Militärvorlage bereit zeigen, hilfreich zur Seite stehen? Es ist einem Wähler sicherlich nicht zu verübeln, wenn er darauf Gewicht legt, daß der Mann, für den er ,ii» Wahlkampfe cintritt, auch in MiIilaiangelcgenheilen mit ihm übercinstiniine, aber an der polill'chiii Zurechnungsfähigkeit jener jüdischen Wahlberechtigten muß man zivuse.n, welche Mandaisbewerbern, die sie recht- und brotlos machen wollln, nur deshalb Vorschub leisten, weil sic die Meinung der'ilbrn in Mililärdingcit theilen. Blatt. Prophezeien ist heutzutage ein undankbares Gewerbe. Vor Jahr und Tag kündigten die Anlisemilcn an, daß bei den nächsten Wahlen die „Judenfrage" alles Andere als nebensächlich verdrängen werde. Diese Vorhersagung hat sich nicht bestätigt, und gar viele Judenfeinde Hallen es vielmehr für geboten, in diesem Wahlfeldzug daS antisemitische Banner nicht aufzurollen. Wir wollen uns dessen enthalten, über das inuthinaßliche Wahlergebniß, darüber, ob dasselbe vom Standpunkte der unö leist »den Abwchridee, der Aufrechlhaltung der Rechtsgleichheit, ein günstiges oder ungünstiges sein werde, irgend eine Prognose aufzustellcn. Ein inleressanlcs Moment der Wahlbcwegnng bildet der Umstand, daß die „reinen" Aukiscmileu sich auch zur Belagerung alter Festungen des ka holischcn Eenlruniö in den Rheinlaudcn rüsten, und daß Eentrunisorganc ihnen damit drohen, sie würden mit blutigen Köpfen abziehen müssen. BeNierkcnswerlh ist auch, daß die Eonservativen in zahlreichen Wahlkreisen als Verbündete der'Anhänger des von ihrem Hauplorganc scheinbar bekämpfte» Radau-Anlisemitisnius auflretcu und nur in Fricdeberg ArnSwalde sich d.rzu aufrafflen, der Wieder wähl Ahlwarüi's cntgegenzulreten und einen Regierungspräsidenten als ihren Eaudidatcii zu »oiiiinircn. Die deutsch-soeialen Anti seiuitrn, deren Vertreicr bei der Justificirung Ahlwardl's im Reichstage »litwirklcn und für die Vcrurtheiluug des auf frischer Thal Ertappten stimmten, lassen ihn aber nicht fallen und verlautbaren nachstehende Entschließung: „Die aus dem Wahlkreise Fricdeberg versammelten Pertrauensniänncr der dcnlsch socialen antisemitischen Partei habe» die Beweggründe des Rectors Ahlwardt auS Berlin zu seinen letzten Angriffen im Reichstage, das von ihm vorgelegte Beweismaterial in de» Hauptpunkten gcvrüft, halten seine Handlungsweise für berechtigt und erklären denselben für ihren alleinigen Eandidaten." Selbst wenn wir an den Ernst der conservativen Opposition gegen Ahlwardt und de» AhlwardtiSmus glauben würden, könnten wir ihr keine sonderliche Bedeutung ber'- inesscn. Die Geister, die Stöcker tmb Wackerbarth riefen, werden Manteuffel und Minnigcrode nicht los werden. Germanisiren die ^uden in Böhmen? tXligiuat»iillh>'ü»»g der „Freien Blattes" ) Prag, l!i. Mai. I)r. F. Der „sreisinuige" sungtschechische Abgeordnete Tr. Kil hat cs jüngst in einer Sitzung des böhmischen Landtages für noth wendig befunden, die Erecdcntc» gegen die Koliner Jude» in sciucu besondere» Schutz zu nchmcn; ei» Beweis, was Alles freisinnige Ab geordnete mit ihrcni,Freisinn für vercmbar halten . Auch mit der Vogik dieses Herrn ist cs »id|t weit her. Tic Jude» hätteii durch ihr Vorgehen in wirthschaftlichcr und nationaler Beziehung die Krawalle selbst verschuldet, d. h. mit anderen Worten: Tic Anden hätten durch dieses ihr Vorgehen verschuldet, daß man einem von ihnen, nämlich dem Ticustgcbcr des Mädchens, das uachqcwiescucruiaßeu freiwillig in den Tod gegangen war, einen rituellen Mord andichtetc, Iin Sinne dieser?ogik wäre das Märchen von dem Koliner Ritualniord »»erfunden geblieben, hätten die Juden ihr Vorgehen in wirthschaftli^er und nationaler Beziehung so eingerichtet, wie es sich Herr Tr. sil denkt. Rach diesem Verthcidiger des Koliner Pöbels hätten also die Inden die Koliner Ercesic verschuldet, und von rcchtswegcn sollte eigentlich gegen sie die Anklage wegen ösicntlichcr tilewaltthätigkeit erhoben werden. Wie sich Herr 8il die Thätigkeit der Juden auf wirthschaftlichenr Gebiete vorstctlk, wenn sic i» Kolin ihres Gebens sicher sein sollen, das babc» wir leider nicht erfahren. I» Nationaler Bezichnng freilich war der Redner deutlicher; er warf den Juden Gcrittanisirung in Uchcchischen Gebieten und Aliincntirung der Schnlvcrciusschulcn vor In letzterem Betracht kann man also dem freisinnigen tschechischen Änliscniitc» immerhin einige Worte entgegnen. Es hat eine Zeit gegeben, da jeder Tscheche, der auf Bildung Anspruch erh'ob, sich die Kenntniß der deutschen Sprache anzucignen bemüht war. Ter nationale Radiealisnins, der in »euerer Feit inner halb dcS tschechischen Volkes platzgcgrisfcn hat, erklärt Allein, waö dcrttsch ist, den Krieg bis aufs Messer. Hat früher jeder intelligente Tscheche die deutsche Sprache voUkomme» beherrscht, was ihn natürlich nicht hinderte, ein Neuer Sohn seiner Ration zu bleiben, so hat der Ehauvinisinus und die Großmannssucht des modernen Juiigtschcchcn thnins die Parole „Rix daitsch" ausgegeben und sich die Unkcniitniß des Tentschcn zum unverbrüchlichen Grundsatz gemacht. Und wahrlich, das muß ihnen der Reid lassen, in der llnkcnntniß des Deutschen habcn's diese modernen Hussitcn schon herrlich weit gebracht! Ter ver-