Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 59 (21.5.1893)
- Date
- 1893-05-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441412--0590-4887106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Freies WM Abon„cuik„,sprkis: Organ zur Abwehr des Antisemitismus. ^.uizj.Uuig mit Postzusendung . . fl. L.56. HMjiivrig ft. I.L». EticNeljahrig st. —.65 Lin,kl... «iHiimcrn 4 Ir. Erscheint an jtdcm Soillltagk. Ncdaclio» und Administrativ»: - , Wien I. Seikerstütte-10. Nuiiimcr 5!». Wien, 21. Mai 1893. , II. Jahrgang. _ ■ Mit der hcntigcn Numincr erhalten unsere Vcfcr die erste Fortsetzung des Werkes: vir Jfiibru unb der Aiilisciiiilirmiir, Asvcret' rtrtter den Wcttionerr von , Fnatoke Leroy-Peaulicu r»o»n fr>mzösislHe»i Arrstitut. Neu eiutretende Abonnenten erhalten ans Verlangen die bereits erschienenen Fortsetzungen nachgelicscrt. Eilie 2Netamorphose. Der Antisemitismus macht derzeit eine Metamorphose durch, indem er sich sichtlich auS den Tiefe» des gemeine» Racenkampfes auf die Bretter emporzüschwingen sucht, welche die politische Well bedeuten. Und leider zeige» sich maßgebende Kreise geneigt, diesem Werdeproceß einer fast ernst zu nehmenden Partei eine gewisse Bedeutung beizumesscn, mit dieser Parteigruppirüng alS mit einem parlamentarischen Factor zu rechnen. Der vulgäre Antisemitismus, der die Lust der Bierkneipen verpestet, der Baler der allgemeinen Verrohung und Entsitligung, der überall, wo er auftritt, ein Gefühl des unsagbaren Mißbehagens verbreitet, ist zwar »och nicht in völligem Niedergang begriffen, obwohl derselbe unausbleiblich ist, da das ewige: „Nieder mit den Juden!" sich nach und nach im Sinne der Zeitströmung als völlig wirkungslos abnützen muß. Dieser Schlachtruf wurde auch, nur auf die Fahne geschrieben, welche die sogenannten extremen, ich möchte sagen confnsen „Reformers der Gesellschaft schwingen, um ihrer Partei bei gewissen Kreisen de» Schein einer Existenzberechligung zu geben. Jene Mensche», die längst jedes Ideal ihrem egoistischen Interesse geopfert, habe», glauben eben hinter der Sumpfatmosphäre des Antisemitismus eine neue Morgenröthc hervordämmern zu sehen. Der Antisemitismus in seinem bisherigen Entwicklungsgänge ist ein geradezu monströses Neugebilde unserer Zeit. Er kennt kein Princip, hat keine reale Grundlage, ist zwar am Judenhasse aufgebaut, benützt diesen aber nur als Mittel zum Zweck. Er umgibt sich gerne mit der Gloriole eines männlichen Auftretens und stolzen Selbstbewußtseins, thut auch furchtbar oppositionell, und doch geht seine Unterwürfigkeit bis zur Selbsterniedrigung und zum ScrviliSmuS. Er hat ein dunkles Drängen nach vorwärts ohne Ziel und ohne Richtung und verbindet sich seelenruhig mit allen.Mächten der Finsterniß und des Rückschrittes. Er will Demokrat sein und strebt die unhaltbaren Zustände des Mittelalters am Er will natürlich der einzig berufene Vertreter des Deutschthums sei» und ist in der Thal eine Internationale, die er sonst so heftig bekämpft. Ja, der Antisemitismus kann alle Farben spielen, gelb, rolh. schwarz oder weiß sein, wie er will, d. h. wie es ihm paßt. Man könnte über dieses Harlekingewand lachen, wenn daS Wesen, welches darin steckt/ nicht so jährlich wäre. Denn dieses predigt mit kreischender Stimme die sociale Revolution, unterwühlt den friedlichen Bürgerstand und vernichtet den Arbeitssinn, jede Grundlage wirthschastlichen und gesellschaftlichen Wohlergehens. Und eben deshalb scheint sich der Antisemitismus in einer Zeit, welche jeder ruhigen, natürlichen Entwicklung den Fehde- . Handschuh hingcworfen hat, trotz aller ihm sntgegengethürmten Berachlung de» Weg forciren zu wollen. Alle Parteien^ 1>ie für ein ehrliches Ziel und Princip kämpft», haben ihn abgeschüttelt; wo er angeklopft, wurde er' abgewiesen. Liberale, Demokraten, ehrliche Nationale, Alle haben ihm verachtungsvoll den Rücken gekehrt, dann war es die Reaction in allen Farbcki und Schalltruugcn, bei der er liebäugelnd Einlaß begehrte. Und es ward ihm aufgetban. Es gibt eben -eine Partei, welcher jeder Zuwachs an Stimmen im Parlamente ganz ohne Rücksicht auf deren Qualität stets willkommen ist, um mit Hilfe derselben dem Parlamentarismus selbst wieder und allen ihrem StandeSparticularismus feindlichen Formen unseres StaatslcbcnS daS Gräblied zu singen. Bo» dieser Seite wurden die Antisemiten nicht surückgrwiescn, so wenig man auch vosrderhand noch die unsaubere Allianz vor der Wett emgesteht. Damit aber -hat sich die Stellung des Antisemitismus selbst wesentlich geändert. Politische Parteien pactire» mit ihm, rechne» mit ihm als ernstcm Factor, der retorquirend wieder auf sic zurückwirken soll. Man fängt in gewissen Kreisen an, ihn darum ernst zu nehmen — darin liegt deö Pudels Kern. Der Anti-! semiliSmus wird von ihnen gezüchtet, nicht wegen seines von allen! anständigen Menschen gebrandmarkten Wesens, sondern weil er /nützen kann, weil man ihn brauchen kann. Der Judenhaß war ja schon ehedem Nebensache, er wird es jetzt noch mehr für jene Ehrenmänner, die in ihm für ihre egoistischen Sonderzwecke ein j sehr brauchbares Mittel sehest. JvscfSthal, 12. Mai. F. I.. H Zur Mahlbeweaung tu Deutschland. (Original MiNhcilmig des „Freien Blattes''.) Berlin, l l. Mai Die Auflösung deö deutschen Reichstages kam, wie Tie bereits j gemeldet Habens den Antisemiten sehr ungelegen. Im Vordergründe des öffentlichen Interesses steht jene Frage, um derentwillen eben die Auflösung erfolgte, die Militärfrage, und der Antisemitismus bildet daher für die gegenwärtige Wahlbewegung, wie die „Nord, deutsche Allgemeine Zeitung" sich ausdrücken würde, ein schwaches Reizmittel. In den Wahlaufrufen der verschiedene» Gruppen der v, —