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Freies Blatt · 1893-05-14 · 58 (14.5.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
58 (14.5.1893)
Date
1893-05-14
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Nr. 58. Seite 7. Freies deutschen SludententhumS, in ihre Gewalt z» bekommen, sehlgeschlagen waren, gingen die anlisemitischen Jünglinge' hin und stifteten in der „Lesehalle" Friede». Dastellten sie so an, daß sie audiesem Verein auStratc» und für ihre Zwecke einen eigenen Tentralverein gründeten. Bedauerlich ist es, daß die „Liedertafel deutscher Studenten" gegen das antisemitische Gist nicht die gleiche Widerstandskraft an den Dag gelegt hat wie die „Lesehalle". klebrigen« geht c« mit diesem Vereine, der sich ehemals der Sympathien de» gesammte» Prager Dentschthnms erfreut hat, auch schon bergab, n»d ein großer Theil de« hiesige» PublicumS hat sich von den periodische», gesanglichen Darbietungen dieses Vereines zurückgezogen. Die „Liedertafel" sträubt sich zwar noch iminer dagegen, officiell als antisemitisch zu gelten, wiewohl sie de facto längst antisemitisch ist; doch liegt diesem Sträuben nichts Anderes als das Bewußtsein zugrunde, daß dieser Verein ohne die Förderung der Jude» bald seine Stärke eingebüßt habe» wird und gewiffem Siechthum cutgegengeht. Unter solche» Umständen hat es hier vielfach besremdet, daß an einem jüngst von der „Liedertafel" veranstalteten Feste zahlreiche sich deutsch-liberal nennende Abgeordnete theilgenominen habe». Diese Prager Antiscmitenlvelt hat zu ihrem Sprecher ein Blättchen, daS hier i» einer tschechischen Druckerei gedruckt wird und alle vierzehn Tage erscheint oder wenigstens erschienen ist; denn die össentlicheu Locale scheuen sich, dieses Gcistesproduct aiifzulegcn, und da da« in Rede flehende Organ auch sonst hinter dem Rücke» der Oeffentlichkeit erscheint, so läßt sich daS Dasein dieser Moniteur« der hoffnungsfarbigen Prager Antisemiten nur schwer eonstatireu. (Das Programm.) Man schreibt uuS: In einer Gesellichaft befand sich ein junger Man», der Mitglied einer neucreirlen antisemitischen Vereinigung war. Er wurde stark in« Kreuzfeuer genomme» und zuletzt um daS-,,Programm" seinerPartei gefragt. Als einer der Jrregesührtc», welche mehr dem Schall der Slimme als dem Geist der Rede uachgchc», wnßte er auf diese Frage kcinc paffende Antwort zu geben. Vielleicht hatte man ihn absichtlich im Unllaren.erhalie», um ihn für die Zwecke des Vereine« zu präparire». „Ich will es Ihnen lagen." fiel Plötzlich ein alter Herr dem Stotternden in die Rede, „das Programm des Vereines ist; .Juden hinan-!'; d. l>. die Leute wolle» die Geschäsle der Juden machen, ) ohne deren Concnrren; fürchten zu müssen, aber arbeite» wolle» sie nicht/ HemerischrS Gelächter begleiiöte diese schlagende Antwort! I*— f. (Ahlwaidl iibcrttoffcii.) Ein Flugblatt, in welchem ein „Deutsch socialer (antisemitischer) Verein Berlin sicb nennendes Eon > sortinm von Geschäfts-Antisemiten juin Besuche einer gegen Erlag eines EinlrillSgeldeS Jedermann zugängliche» Versammlung cinlud, eizthielt solgrndc schamlose Lügen: „Ter Vorstoß Ahlwardt'S im Reichstage isiar nicht nur be rcchtigt,- sondern auch verdienstvoll, und daS betäubende Geschrei der Gegner beweist nur, daß dort ihre vkrwnndbare Stelle ist. Leider hat Herr Ahlivardt jdinen Angriff nicht genügend vorbereitet;' er hatte auch nicht die Bundesgenoffen gesucht, die ihm zur Seile hätten stehen können. Tie 170 Millionen Mark, welche dem Jnvalidensonds entnommen und zur Unterstützung scliiff brüchiger Eisenbahngrüudcr allsgezahlt wurden, bilden nur ein lleincS Glied einer langen Kelle. Tie beispiellosen, Milliarden betragende» Schädigungen unseres Volks und SlaatSvermögenS, welche in jenen Jahre» von de» jüdischen Börsenmächtcn verübt wurden, stehe» geschichtlich fest und lasse» sich acteiunäßig < lkdrrzcit Nachweisen. Die zusaiiunciigeklebtcn Briefe des Eassenbolc» Meißner ' sind hiezu gar nicht erforderlich. Deshalb haben wir zu erkläre»: Alle wesenl lichen Behauptungen.-des Abgeordnelcu Ahlivardt, soweit sic die Gründerjcil betreffen, entspreche» nicht allein den Thalsachen, sondern uinsassen nur einen geringen Theil der vorgekommenen absichtlichen Schädigungen unseres Voltes, klm diese Behauptung »achznwcise», bedars es jedoch anderer und gehaltvollerer Beweismittel, als sie Herr Ahlivardt im Reichstage vorgesührt hat. Ter unter, zeichnete Verein aber ist in der Lage, diese BciveiSmitlel i» unanscchlbarer Form der Oeffentlichkeit zu übergeben, wozu die angesctzte Versammlung Ge legenheit biete» soll. Vor Allem ist es erforderlich, diejenigen Vorgänge aus der Gründerzeit, innerhalb deren der gegenwärtige.königlich prenßische Finanzminister Herr Dr. Miguel eine leitende Rolle gespielt hat, i» bestimmtester Form klarzustellen. Und gerade hiesür ist der »nterzeichnelc Verein im Besitze aclenmäßiger Belege, welche weit schwerioiegender sind als die von, Herrn Ahlivardt vorgebrachten. Tie betreffende» Mittheilnngen werke» devBersaiumlnng gedruckt vorliege». Zur Mitwirkung an der Versammlung haben sickf acht bekannte Führer der Berliner antiseinitische» Bewegung, sowie Vertreter auS ipärliger Vereine bereit erklärt." Tic Versammlung, zu welcher die Be-, sucher in so marktschreierischer Weise, herbeigelockt wurde», sank auch schon statt, und über deren Verlaus entnehme» wir Berliner Berichten Folgender: In den Germaniasälcn hatten sich etwa 1500Personen eingefnnde». Sch wenn hagen tauchte wieder au« der Versenkung auf, in die er sich angeblich stürzen wollte. Daß er von dem preußischen Finanzminister Dr. Miguel verklagt werden sollte, was übrigens bisher nicht geschehen ist, hat ihn nach seiner Angabe veranlaßt, in die Oeffentlichkeit zurückzukehre». Er erklärte dem gegenüber, fajj er Miguel stürzen werde. Z» diesem Bchufe packle er eine Menge alter und »euer Verdächtigungen auS, in denen er Ahlivardt mit Erfolg »och zu übertruinpse» suchte. Im unstälhigsten Anlisemitcndeutsch zog er gegen Miguel los, der im Solde Rothschilds an einer Reihe von Gründungen betheiligt gewesen sei und mitgeholfen habe, da« deutsche Volk um Milliarden zu schädigen. Die Beleg- Skat t. stücke sür seiiie Anklagen könne er leider nicht gedrnltl vorlege», da ihn — der Drucker im Stich'gelassen habe. Er rühmte Ahlivardt« Auftreten alS ,,»ia»»hast" und lies pathetisch a»S, er wolle den Kaiser aus klären, »m Miguel, diesen mächtigsten Gegner der Antisemiten, aus dem Sattel zu hebe» und vom Ministersessel zu verdränge». Ein Herr Perlebcrg wais dann den Gegnern AhstvardlS im Reichstage vor, - sic hätten sich wie „Gassenbuben" benommen. Ein Herr Erd mann ans Hannnver bemerkte dagegen, alle „anständigen" Antisemileii hätten sich von Ahlivardt, der die antisemitische- Bewegung zugrunde gerichtet, lvSgesagt. Diese Worte riesen eineü ungehcuren Tninult hervor. Schwennhagen und Bodek »ahmeg Ahlwardt in Schutz In der Verfammliing wurde auch ein von Schwennhagen gezeichnetes Flugblatt verlheilt, betitelt: »Die Geschäsle dei; jüdischen Rebenregierung in Preußen nnd im Deutschen Reiche von 1867 bis 1877." Den Schluß machte, wie üblich, eine Tellcrsanunlung sür die hungrigen „Führer". Richi bloS in Wie», auch in der „Metropole' der Jnlelligenz" können, geriebene Geschäfts. Antiseinnc» ihrem systematisch verduminten "Publicum „Aller bieten". Aus antisemitischen Blattern. (Jüdische niid antisemitische Wobllhäligkcil.) Das fürstliche Geschenk, mit welchem Baron Rathaniel Rothschild jüngst ein humanes Ilnternchmen bcdachlc, hat unsere Herten Antisemiten in grimme Verlegenheit gesetzt. ES gilt, um jeden Preis dem „christlichen Vdlke" 5/1 zeigen, daß auch die Millionäre welche aus Seile des Antisemitismus stehen, dem Inden nichts an Menschensrenndlichkcit nachgebcn, nnd so läßt sich den» daS „Deutsche VolkSblatt" vom 5. Mai von einem „Freunde" nachstehendes erbauliches Histörchen schreiben: „Am Üb. M. Abend», als ich durch die Wollzeile ans die Landstraße ging, erblickte ich den Fürsten AloiS Liechtenstein, wie er in Gedanken versunken irgend einer Versammlung zuichritt. Plötzlich trat eine ältere, bereit« ergraute Dame, eine, Frrnidc, an ihn heran lind ersuchte ihn juin en^e Anskunst. Ter Fürst sprach, wie ich näher kam, sranzösisch min der Dame (Tr. Pat lai hätte »ach einer früheren Angabe de« Vergani'schen Blatte« diese» I Knnststjick nicht zusämineiigebracht. A.!d. Redl und sschieii ihr bereitwilligst die' gewünschte Ansknnst zu geben. Ja, er mußte die Sache öfter«!>vi»dcrholen, den» die Dame schien sich nicht orientire» zn können. Endlich giim sie dankend weg, aber^in einigen Minuten kam sie wieder zn.ihm, er machte ihr nochmal« Er kläningen, man sah dies an seinen Bewegungen, und weil die Dame noch ' iimnci; nicht orienlirt->var, begleitete sie der Fürst eine ganze Strecke .ang und blickte dabei suchend zurück. Endlich schien er dar Gesuchte ciblickt zu haben, eS ivar ein leerer Wagen, der Fürst winkte dem Kutscher und fuhr mit der Hand ist. die Tasche, gab uiigczghlt d,cm Besiver de« Vehikel« einige Münzen. Ich sah nur noch, wie die Dame verlege» dankte und einstieg, der Fürst aber rascheren Schritte« sich ei lsernlc." Lkaihaniel Rothschild ist also durch den Alois Liechtenstein übertrumpst. Wi-m» tnicrc >-mnc> — heißt cS im Solecer Latein. , . «Psarrkr Deckkrl'S jüugslc Lkislung.) Der an anderer Stelle nnsercs BlatteS. eingehend gewürdigte viachbeier Rohlings,- der Weinhanser Psarrer Dcckert, feierte Ehristi Himuielsahrt, indem er a» diesem Tage, einen Gewähr^, maiul für de» „Ritualniord" iNS Treffe» führte und ii», „Valer land" einen aiis Leipzig, -'0. April 1>!stt, dalirlc» Brief eines Eonvertite» veröffenilickiif Dieser Gewährsmann ist der berüchiigle Vagabund Panln« Meyer Er schildert einen „Ritualniord", denen;^enge er gewesen sein will, wie 'olgl: „Es war im Jahre 1875, als ich nach Ostrowo.' Gonvernenient Lnbli», ge bracht wurde;» dem chassidüchen Rabbi «Zaddick, Wnnderrabbii Schlonie Leb in-Le»lschna. Daselbst sollte ich ei» beschauliches, 'streng heilige«, sromnie» Leben führen, mich Kasteiiingen und der Ascese unierwerseii,' «tu mich ans - Wunsch meines Vaters alS Zaddick auszubilde». Ich sollte eingewciht werden i» die ganze Gekeimlehrc, ' da« heißt nicht nur in die Bibel nnd Talmud, was man hier;n lehren pflegt, wildern in alle .lnnunlische»' Geheimniffe. Die« kan» man nur erlangen, wenn man i» ddr Röhe eine« solche» heiligen - Zaddick» lebt und Kabbala und Sohar stndirt, wodurch man congenialer Schüler' derselbe» wird. Die Tage der jüdisckitn Ostern nahte». Da wurde ich eine« Tages durch seinen ersten Schäme« (Leibdiener);nin Zaddick bestellt. Mil aller Ehrfurcht >i»d reucvvll »achdenkend begab ich mich zu ib.»i. Bei. meinem Er scheinen sprach er mich mit de» Worten an: ,Menachc»i, bereite dich vor zu»» Dienste der 'gebenedeiten Rai»-'»-: du wirst zn dem - heilige» Acte geruse» werden.' I» jenem Augenblicke wußte ich »och nicht, welchem heiligen Acte ich beiwohnen sollte; so begab ich utici) denn blindlings an meine Vorbereitung, das heißt Heiligung nnd -jasteiung durch einige Tage. 'Rach Verlai»' von fünf Tage» wurde ich in der Frühe geweckt. Vor meinem Lager stand der Sckiaines des Zaddick« Moischc-Bereiches, der mich »lit den Worte» anredete: .Menachem, kleide dich schnell an und ko»»» mit ins Waffer.' Mit besonderem Eifer kleidete ich mich an und stand bald bereit da. Rn» gingen wir, unser Zehn, in da« sogenannte Mikwa-HauS (BadehauS »ach ritueller Vorschrift), von wo wir un,S auf Weisung de« SchameS i» das Gemach des ZaddickS begaben.

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