Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 58 (14.5.1893)
- Date
- 1893-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Freier Blatt. Nr.. 58. Seite 8 Dieser saß schon in weißseidenen Vlcideru, wir e« bei drn Zaddikim üblich ist, ans srinriw Stuhle. Auf riiiem 'anderen Stuhle bemerkte ich ein Etwas, mit blendend weißem Tuche bedeckt. An einer Stelle befanden sich ' kupferne, innen glänzend »>er;i»nte Becken, ivährend i» der Ecke unzählige lleine Fläschchen ftunden, mit Zettel» daraus. Bei unsercin Eintritte begann 0 der Zadd ck da» Gebet: soweit ich mich erinnnere: Psalm: 47 — 64 — »>5 — 7!» — 107 — 116 ii. f. w. Hierauf trat tiefe Stille ein. Ter Zaddick erhob sich non seinem Stuhle; die Äugen gegen Himmel gerichtet, die Rippen etwa» bewegend, staub er etwa 20 Minuten, während sein Gesicht ab wechselnd errölhete und erblaßte Wir, seine Jünger, standen daneben, ebenso andäcbtig Nachdem der Zaddick diese stille Andacht verrichtet hatte, lies er mit sanfter, gebrochener Siimme: .Bringet da» kvorban' (Opfer)! Sofort begab sich der obenerwäbnie Schäme» Maische Berriche» mit dem zweite» Schäme» Israel (alias Srul Paitzewar) in da» anstoßende Zimmer, von wo er, einen lech» bi» siebenjährige», blondhaarigen Knabe» in den Armen, zurückkehrte. Ta» nur mit einem schneeweiße» Hemde bekleidete Kind schien erschrocken z» sein: aber keine Secunte verging, da lag e» auf einem kleine» Tische, neben dem da» blank gescheuerte Becken stand. Turch eine» Schnitt in den Hat» mit dein Schlacht,»kffer, welche» unter dem Tuche verborge» ans dem Stuhle ge lege» war, irniidc da» Kind gelobtet und-da» Blut i» dem Becke» ausgefangen. Ich horte nur einen wimmernden Laut, bemerkte auch nicht, welcher von de» Schäme» de» möideriche» Schnitt ousgefübrt hatte, da wir wählend de» Acte» die Augkn andächtig gesenkt hielten. Al» die Abschlachtung beendet war, ertönte ' laut die Stimme de» Zaddick»: .>lassoll»vr!- Mt diesem Worte pftegt matt bei den Jude» zu grainliren: e» heißt: .Gut Glück!' Tamil war unsere Andacht beendet. Unterdessen wurde der kleine Leichnam entfernt und da» im Becken anfgesangcne Blut in die oben etwäbnten Fläschchen gefüllt. Tie Aus schrisien aus die>e» Fläschchen enthalten die Name» dcOSlädtc und de» Bor slande» der dortigen Gemeinden, die Anhänger de» Zaddick» sind. An diele tveiden die Ftä'chche» vertheilt." Paulus Meher wurde von christlichen Priestern iniederbolt al» Lügner gebrandmarkl^s, und seine Schilderung kischeint »ugesäl r io glaubwürdig, tvie die Aussagen Moritz Schars'» im Tisza Eszlarer Peocesse Wder die Bcschuldiguiige», welche Ahlwardt, Paaich und ihre Genossen aus anderen Gebieten der A»ti>eniile»hetze gegen Jude» und angebliche Fudenknechte erbeben. Ta» „Paterland" aber liefert ein Stückchen feifider Hnpokrisie, inkem e» schreibt, c».bringe diesen Bries^ohne an da» Schriftstück irgend welche Folgerungen zu k»üp'ei^7 welche den außerhalb der hier angesührteii russischen Scete stehende» Jude» abträgtich sein könnten. Fa e» sei überzeugt, daß da» hier dargelegtc „Factum" auch in diesen reifen nur Abscheu und Enlieven dernoirnsen werke. Eine durch nicht» beglaubigte Erzählung eine» notorische» Lügners wird ovm „Baterland" al» ei» „Factum" hingestellt. Ta» ist ein Ber- . tadren, das iviikuch geeignet ist, Ahscheu und Entsetzen" hervorztlrufen. iMfiu Mittkl ist ibneu zu schlecht s Wir erhalten folgende -Zuschrift: Tie Schandblätier der Raccnhetzer, denen kein Mittel zu schlecht ist, um de» Austrägen ihrer Biotgeber zu entsprechen, wiesen in den jüngsten Tagen wieder ein, Reihe von außergewöhnliche» Leistungen ans. Ein christlich soeiale» Organ in W:eu betrübte die Zahltiugostockung einer gut arischen Firma, um jüdische .'lansleute samml uud 'anders eine» unreellen Gebahren» zu beschuldige». Rcelamckarten, die in Berlin ein Möbel und Waaren Credithaus, deffen Eigen thüiner Jude» sind, vetlbeilen ließ, mnßlen wieder in einem christlich-soeialen Linzer Blaue al» Beweis fite „lüdischc Frechheit" herhalten, ja sogar eine „Berhöhnung der christlichen Religion" ^ivurde daraus abgeleitet, daß auf der Kehrseile der Rcclainckartc», wie da» Organ Ahlwärdt's, die „Staatsbürger-, Zeitung" berichtet, „kleine,, gaiiz sauber ausgcführte Bildchen" gedruckt wäre», welche die berühmten Getgälde der Dresdener Galerie: Raffael» „Sixtinische Madonna" und.Tizian'» „ZinSgroschen" darstelllen. ^Nebenbei bemerkt, da» Linzer, nomine Antiseiiiilenblakt schreibt: Raphael und Titian. Man mag diese Bildchen au' Reclamezelieln eine» Crediihauses nitrasiend, taktlos finden, gar so lragi'ch ist aber die Sache nicht zu nehmen. E» ist, meineii wir, nichts weniger als echte Ftömmigkcit, wenn man irgend eine Unschicklichkeit aufgreist, »in Entrüstung au» Glanbenseiser an den Tag zu legen und dadurch zum Hgß gegen Andersgläubige aiiszustacheln. Ebcnsoivei.ig sind die Leute sittenrein. welche immer über die Verderbtheit Anderer wehklagen. Ein steierische» Blatt, dem hauptsächlich der Umstand zu statten kommt, daß der selige Zang ein große» Vermögen erivorben hatte, ließ den 20. Jahrestag de» Wiener „Krachs" nicht vorübergehe», ohne gegen die „Iiidenliberalen" jene Pauschalverdächtigungeil auszusprechcn, wie sie i» Blättern und Versammlungen der Racenhetzer üblich^sind. Es geschah die«, um da» Alleinseligmachende der „Reforinideen^ der Miltelschullehrer Steinwender, Hofmann, Pommer rc.. heraiiSzustreichen. Did autiseinitischen Soldschrciber sind sürivahr derjenigen würdig, denen sie im Schweiße ihre» Angesichte« aus Kosten der Wahrheit Dienste leiste». fsch <Tkr Fuhr Bohr.) Da» Troppauer Antisemitenblättchen sucht sein» Genossen an llnverschämlheit zu übertrefse»; e» bezeichnet den Jonriialisten Hexinan» Bahr als Jude». Hier kan» von einem Jrrlhum nicht die Rede sein. Herniann Bahr, ein Oberösterreicher von Geburt, ist zwar noch ei» junger Mann, aber er hat nichtsdestoweniger schon eine mehrjährige Vergangenheit aufzuweisen, in welcher ihn die Antiseiniten verschiedenster. Färbung zu ihren ' schäbbare» Kräfte» zählte». Er genoß eine zeitlang die Gunst der „Unverfälschten", und „Da» geistige Wien" von Ludwig Eisenberg bezeichnet ihn noch 1801 al» Mitarbeiter des „Deutschen VolkSblaltcS". ES bekundet eine beispiellose Verlogenheit, wenn ein antisemilischeS Scribcntlei» jetzt Bahr, der vielleicht früher sein Vorbild war, einen Juden nennt. (Tic Tivoli-Antisemiten gegen ihre Eoncurrrnten.) Die „Kreuz zeitnng". da» Organ der Tivoli-Antisemiten, schreibt: Erst wenn der „Radau Aniisemitisinu»", wie er sich »enerdingS i» der Person Ahlwardt'S verkörpere, zurückgedrängt wäre, würden die „berechtigten Formen" des AniisemiliSmuS zur Wirkung komincii. Tie gesammte antisemitische Presse habe sich von Ahlwardt losgesag», und diejenigen seiner bisherigen Bertheidiger, die einen Ruf zu verlieren haben, seien ihrem Beispiel gefolgt. Wa« noch" mit ihm gehe, habe keinen Namen und bedeute nichts. Tie „Xreuz Zeitung" fährt dann fort: „Damit also wären wir fertig. Noch mit einer anderen Richtung aber haben wir abzurechne», die den Kampf gegen daS Judenihiim auf ihre Fahne schreibt, ohne ihrer ganzen Weltanschauung. »ach innerlich dazu befähigt zu sein. Der sogenannle radicale AntiseniiliSinii», wie er eininal im östtlichen Theile des Königreich» Sachsen, da» anderemal in Hessen sei» Wesen treibt, hat, wie der vom Abgeordneten Zi»imermann und seiner Gefolgschaft erlasiene Wahlaufruf zeigt, nicht de» mindeste» Beruf, dem Judenlhum, wie e» politisch in der Socialdemokratie und im Urfreisinn veikörpert ist, kiitgi-genzutrete». Mit einige» Veränderungen u» wesei.tlichcr Art könnte diese» Machwerk ebenso gut in einem socialdemokratische» Blatte st, he»; umsomehr, al» es sich jeder antiseinitisch klingenden Aenßerung, ja selbst Anspielung enthalt. Dar längst umgehende Gerücht, wonach die radikale» Antiseiniten den AntisemitisinuS überhaupt an den Nagel zu hänge» und sich lediglich der Pflege des Radikalismus zu widmen gedenke», muß dadurch neue Nahrung erhalten, was »nS den.staiiips gegen diese Gesellschaft sehr erleichtern würde; indessen warte» wir die Prari» ab." ES ist nicht wahr, daß die gesammte antisemitische Presse sich von Ahlwardt loSgelagt habe; auch wir i» Wien haben ein Blatt, das stch seiner annimmt-. Daß das Judenthum in der Socialdemokratie und im Urfrcisiu» politisch verkörpert sei, iß eine so alberne Behauptung, daß es fast Mitleid erregt, derselben in dem einstigen Organ de« Scmilcit Stahl zu bcgegne». Im klebrige» wollen auch wir die Praxis abwarte» Jetzt schlagen sich die Tivoli Antiseinite» mit ihren Eonciirrente»-herum und wollen sogar Ahlwardt in ArnSivalde duich eine» Gegcncandidaten bekämpfen, und zwar soll hiesür der Regierungspräsident in Frankfurt an der Oder, v. Pnttkanrer, i» Aussicht genommen sein. DaS. schließt jedoch nicht au», daß die Einen und die Anderen demnächst wieder brüderlich Zusammengehen werden. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. . •* (Als Lügner nicht unterstützungsbedürftig) 3»t Fürther Antisemiten blälkchen ist nachstehende Brieskastennotiz zu lesen: „Herrn I. Sch in Ermetz Hosen. Schreiben Sie nur wahrheitsgetreue Judcninanöver, aber keine Lügen, lliiwahrheitc» könne» wir schon selbst schreibe», daß wir diese Hebräerbrut gehörig beleuchten könne»." Briefkasten. * Pastor BodeIfjpvi» gh erklärte brieflich, daß er in seinem gaiizcu | -ben —von kie'e^f Gei'u»ke»beit, Bosheit, Lügenhastigkeit u»-d Hossahrk^- überhaupt von bodenloser Gemeinheit kei» solche» Bci'piel keiinen gelernt habe, wie Paulus Me»cr. L. M. in Röhrcnbach. Für uns diesmal leider nicht verwendbar. Tr. F., Prag. Viva! seejuens. I. I. G., Lemberg. Für uns leider nicht geeignet. Der eingesandle Betrag steht zu Ihrer Berfügung. L. W, KiS'Marton Das ganzjährige Abonnement beträgt 2 fl. 50 kr. Britrittserklärungkn;iim „Verein;ur Abwehr des Antisemitismus" werden entgegengenommen im Serretariatc des Vereines, Wien, I., Parisergalse 4. Adoanet»e«t«anmelduttgen ans das „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wien, I., Srilerftiitte 10, jederzeit entgegen. Ebendaselbst werden auch einzelne Nnmmern abgegeben. Probennmmern zur weiteren Berbreitnng des „Freien Blattes" werden Gesiunnngsgenossen auf Berlangen bereitwilligst zur Berfügung gestellt. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Ernst.Victor Zenker. — Druck von Eh. Reißer & M. Werthner, Wien.