Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 58 (14.5.1893)
- Date
- 1893-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Freies Blatt. geordneten wurde eine Resolution zu Gunsten der Petition mit 186 gegen 4 'Stimmen angenommen. In der Kammer der Reichsräthe, deni ^berhause, dem Bollwerk reactionärer Strömungen, ging die Sache nicht so glatt. Die Petition wurde einem Eomitü;ur Prüfung übergebe», das den jungen Prinzen Hohenlohe, jetzigen Statthalter von Elsaß Lothringen, zum Berichterstatter ernannte. Der Bericht des Prinzen empfahl die Annahme der Petition. Trotzdem war der Widerstand heftig. Alle Prinzen — im Gegensatz zum König — waren eifrige Gegner, ebenso der Fendaladel unter Führung der Grafe» Seinsheim und Riefersberg. Der Kampf wurde heißer und heißer, bis Bischof Dinkel von Augsburg für die Petition eintrat, die nichts fordere als (Gerechtigkeit. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren, sagte der Bischof, habe er in seiner Tiöcese eine Menge Juden kennen gelernt, die er liebe und achte als gute, fleißige und - ehrbare Bürger. Als Ehrist und als katholischer Priester spreche er für die Petenten, welche schon zu lange Unrecht und Bedrückung erduldet hätten Er würde seine Pflichten als Prälat und Bürger vernachlässigen, fallser nicht mit allem Nachdruck die Petition der Juden der Berücksichtigung empfehle. Diese Rede entschied das Schicksal der Petition, das Edict von 1811 wurde abgefchafft. Als Marimilian II. 1664 starb, betrauerten ihn die Juden Baperns als ihre» Wohlthäter und Befreier. Die Beinühungen des auch nach Bauer» verpflanzten Antisemitismus, wieder Zustände ins Vebeu zu. rute», wie sie das Ediet von 1*11 geschaffen hatte, sind erfreulicherweise aussichtslos. Aus drill Hcinc Almanach. Als Protest gegen die Düsieldorfer Denkinalverweigeruiig hat die „literarische Gesellschaft" irr Nürnberg in Berbl'ndung mit mehr als hundert herporragenden Schriftstellern Deutschlands, aber auch Frankreichs, einen Heine Alma »ach herausgegeben, in welchem sich auch manch ganz - vernichtendes Ilr iheil/ über den Antifemitisnius findet. Uns scheinen besonders folgende Aussprüche beachtenSwerth: „l'anvr*; Heine.'* ruft Eharles Go u » o d, ■.ton seul fort est dY-tre ne jtiif." (Armer Heine, dein einziges Unrecht-war, daß du als Jude geboren wurdest!> Emil Zola sagt: „Der Beschluß der Düsieldorfer Stadtoerord'nnng wirft uns um Jahrhunderte zurück. Diese Herren sehnen sich nach dem Mittelalter und der Tortur zurück. Den Menschen hängen und seine O’üter eonfiSeiren, daS ist die Mdral deS Endes dieses Jahrhunderts ifin <!>■ sit-cle " Ein recht angenehmes Bademeenm für unsere Herren Studenten bilden Johannes Faste n ra t h'S tresifliche Berse: ..Hab Tant, o Stadtrath von Tiifseldori. T n wandeln auf richtigen Bahne»• i So rufen in ihrem Heine Haß / .1 In Deutschland die Ultra mo »taiienJ ..Hab Tank, o Stadtraih von Tüneldori. Ter dem Jude» die Ehr' abgeichn;tten So jauchzen itn Wiener Studentenchor Tie edlen Antisemiten. „Hab Tank, o Stadtrath von Düsseldorf!" Rust jede iiuechtesseele. Für die aus Berlin der leiseste Wink Wird-gleich;nm höchsten Befehle. D weiter Stadtrath von Düsseldorf, Wie wußtest du s herrlich zu machen - - Tie Poesie verhüllt das Haupt, Toch Heine, der Spötter, muß lache». Annsrm im Conflictt mit den Strafflcscl;r».» Bor der Strafkammer Nürnberg fand am l. Mai gegen die Frau eines bekannten antisemitischen Agitators, Margarethe Ratterspitz, die Berhandlung wegen Betruges statt. Die Berhandlung, welche auch auf manche unsaubere Manipulationen des antisemitischen Agitators Ratteripitz grelle Streiflichter warf, endete mit der Beturtheilung der Angeklagten zu drei Monaten Gefängniß, wobei zwar einerseits der Umstand mildernd wirkte, daß dieselbe bisher unbestraft war, andererseits aber das große Raffinement, mit dem sie vorging, als erschwerend in Erwägung gezogen wurde. «Aus dkm C'Zarenreiche.> Wieder liegt eine Reihe von behördlichen Verfügungen vor, welche darauf abziele», den Juden in Rußland 3>en Aufenthalt daselbst gründlich zu verleiden. In Rostow am Don dürfen in die Viftc der Juden, welche dort das Wohnrecht haben, keine neuen Namen eingetragen werden. Im Warschauer Gerichts sprenge! werden fürder Juden zur Advoeaturspraris nicht zugelasien werden. In die in Petersburg zur Heranbildung von Steigern zu .errichtende Montanschule sollen Jriden keine Aufnahme finden. Alle diese Maßnahmen werden von der judenfeindlichen russischen Ppesie sehr beifällig verzeichnet, die in ihrer „Principrentreue" bis an die äußerste Grenze geht und sogar den rühmlich bekannten russischen Nr. 58. Bildhauer Andkols ky bloß wegen seiner jüdischen Abstaminuug aufeindet. Weniger erbaut dürften die Antisemitenorgane von einer Verfügung des russischen MedicinaldepartemenS sein, wonach unter 80 Studenten der Medicin an der Dorpater Universität, die im Falle des Wiederausbruchs der Eholera in den nordwestlichen Gouvernements dorthin zur Hilfeleistung abgehen sollen, sich keine Juden befinden dürfen. Die ehrenvolle Aufgabe, sich den mit der Bekämpfung einer Epidemie, nainentlich in Rußland, verbundenen Gefahren auszusetzen, hätten die Autisemitenorgane jüdischen Medicinern um so eher gegönnt, als sie dann für Unverstand und Habgier obrigkeitlicher Persönlichkeiten, Stumpssinn lind Böswilligkeit von der Cultur nicht beleckter Bäuerlein rc. die Juden verantwortlich machen könnten, g. (stillssisch-jlidischk Auswanderer.) Das in Memel erscheinende Journal „Dampfboot" schreibt: Tie behördliche Verfügung, wonach vom 28. ö. M. Nachmittags ab für russisch-jüdische Auswanderer gleichzeitig der Eisenbahnschalter und die deutsche Grenze sich schlossen, hat die natürliche Folge gehabt, daß am 27. und 28. v. M. der Zufluß der Auswanderer nach unserer Stadt ganz koloffale Dimensionen annahm. Befördert wurden, der angegebenen Verfügung geniäß. alle diejenigen, welche sich auf der Liste des hiesigen Eomitös befanden oder auf Grund von Schiffskarten noch nachträglich die Genehmigung zur Weiterfahrt erhalten hatten. Die Arbeit, die das Eomitö zu bewältige« hatte, war außerordentlich schwer, die Aufgabe, alle diese Menscher! zu befriedigen, wurde jedoch glücklich gelöst. Mit dem Früh zug am 28. v. M. verließen über 2l)0 Auswanderer unsere Stadt, die Kinder, .die kein Billet zu lösen hatten, nicht mitgerechnet, und heilte Mai) Nachmittags 8 Uhr wurden in sechs Waggons über 800 Personen, ebenfalls die Kinder nicht einbegriffen, befördert. Die Zahl der beförderten Personen einschließlich der Kinder dürfte annähernd 700 gewesen sein. Die meisten der Auswanderer begaben sich zuvörderst nach Bremen oder Rotterdam, um von da nach Amerika zu kommen. Für die Fahrkarten »ahm die hiesige Stationseaff'e allein am heutigen Tage (f>. Mai) an 10.000 Mark ein. Aus an!isemitischen Vereinen und Versammlungen. (Ein Anti-Eapitalist.) Der hochwürdige Herr Sche icher ans St. Pollen ist pvar ein gewaltiger Anti-Eapitalist, aber Geld scheint ihm doch das Liebste ans Erden;n sei». In einer Antiseniiteupersammluug, die ain!>. Mai ini IX. Bezirke stallfand, variirte Scheicher dass bekannte Grablied: „Es ist bestininit in GotleS Rath, daß »lau vom Liebsten, was inan hat, innß scheiden" in folgender Weise: „Es ist bestimmt im hohen Rath, daß man von Allein, was inan hat, gibt Steuern". DaS Lied hat zwar ei» Semit «omponirt, aber es ivird, wie mäiiniglich bekannt, bei christlichen Leichenb>sgä»g»isien gesungen. Hätte nun ein sei» Geld ebenso zärtlich wie Herr Scheicher liebender Jude diese» geschinackvollen Witz gemacht, so würden Antiseinitenorgane es an, der Tenuneiation nicht fehlen laffen, daß „die geldgierigen, auf Sleuerdefraudatiouen erpichten Juden christliche Bräuche bei der Bestattung unserer Liebsten schamlos verhöhnen". Df. F. (Ter Antisemitismus tu Prag) Aus Prag wird »nS geschrieben: Wie Ihre Notiz „Eine gefallene Schöne" in Nr. 57 de» „Freien BlatteS" zur Genüge darthut, hat der Antiseinitismu« auch schon bei uns in Prag Wurzel gefaßt. Tie streife, welche dieser Strömung huldigen, sind allerdings nicht ganz ernst zu nehmen, denn die Prager Antisemiten sind znm größten Theile Anti seinitchen, halb oder ga»; unreife Burschen, welche hier angeblich studiren, in Wirklichkeit aber mehr dem Biertrinken und dem Judensrefsen huldigen. Jinportirt wurde das edle Gewächs aus dem Schönerer'schen Treibhause durch eine hiesige Burschenschaft, wetcher mehrere andere »achsolgten. Sämintliche Juden, Burschen, Füchse und „a&e Herren", wurden aus diese» Bnrschenschasten herausbugsirr, nur die raeenretnett Arier durste» bleiben. Tann regten sich dieAnliseiniten im „Deutschen Turnverei»"; weil aber dieser für ihre Bestrebunge» nicht das richtige Feld war, so zogen sie an« und gründelen ihre» eigenen Berei», dem sie den Namen „Männerturnverein" beilegten, und derseither umer dieser Finna ein. ziemlich nnbeachlete« Dasein fristet. Ein weiterer deutscher Berei», welcher den Ansturm der antisemitischen Anhänger gleich ehrenvoll zurückwies, ist die „Lese und Redehalle deutscher Studenten". In den Ausschuß dieses feit dem Jahre!818 bestehenden BereineS, desien Mitglieder nahezu zur Hälfte Juden sind, versuchten die antisemitischen Burschenschafter Eandidaten zu tvählen, deren einzige Qualification in der unbedingten- Hingebung au den Antisemitismus bestand. Selbstverständlich befand sich unter den ausgestellte» Eandidaten auch nicht ein Jude. Allein so zahlreich sich die antisemitische Partei auch an den Wahlen betheiligte, so behielten doch die liberalen Studenten die Majorität, und ihre Eandidaten gingen au» der Wahlurne hervor Nachdem nun alle Bersuche, die .Lesehalle", diese Hochburg des Prager