Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 58 (14.5.1893)
- Date
- 1893-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441410--0585-4887102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 68. freies gegen den BezijrkShauptmann von Kolin loS, welcher die verhafteten Excedenten habe wie wilde Thierc in Ketten legen und so tranSportiren lassen. lieber diese Sache, werde er übrigens noch deS Näheren an anderer Stelle sprechen. Dr. 8il beschuldigte den Bezirkshauptmann ■ von Kolin, daß er auf "Seite der Juden stehe, für dieselben Partei ergreife, dagegen gegen die tschechischen Parteien (d. h. Excedenten. Tie Red.) auftrcte. Nach alledem dürften wohl bei de» Wählern der Pzager Judenstadt kaum mehr Zweifel obwalten, wie die Jnngtschechcn über den Koliner Rummel denke», aber auch ' wie klug ein Großthcil der böhmischen Juden gehandelt, mit den „freisinnigen" Tschechen gemeinsame Sache zu machen. (Ltkinwrnder und seine Wähler.) Herr Steinwender hält sich für einen großen Mann, in seinem Kärntner Wahlbezirke nimmt aber die Zahl der „Skeptiker" zu, welche diese Größe, anstatt blindlings zu verehren, ihrem wahren Wcrthc nach zu würdigen suchen und daö Heilsame der Steinwendck'schcn Lehren und Tstaten stark bezweifeln. In Gmünd waren kaum 18 Wähler erschienen, in» de» Rechenschaftsbericht Stcinwcnder's anzuhörcn. In Spital an der Trau aber wagte es der Wähler Hans v. Grebin er rund heraus zu erklären, daß weder die wirthschaftlichcn noch die polnischen Bestrebungen Stcinwender's ihin Vertrauen ein flößen, und daß er vielmehr die Hoffnung hege, die Bevölkerung werde bei den nächsten Wahlen sagen: „Weg mit den Dentschiiationalcn und Antisemiten!" (Nach der Auflösung des deutschen Reichstages.) Aus Berlin wird uns geschrieben: Tie Auflösung des deutsche» Reichstages und die Ausschreibung der Neuwahlen für den 15). Juni kommen den Antisemiten keineswegs gelegen. Die Militärfrage «war der Grund der Auflösung und wird demgemäß auch die Parole bei den 'Neuwahlen bilden. Tie Antiscmiterci wird also bei hem Wahlkampfe in den Hinter grund treten, so sehr sich auch die Antisemiten aller Farben von Minnigerode bis zu Ahlwardt herunter Mühe geben werden, sie an erste Stelle zu rücken. Tic Militärfrage selbst läßt sich nicht für Zwecke der Judcnhctze vcrwcrthen. Man kann die Ablehnung der Militärvorlage seitens des nunmehr aufgelösten Reichstages nicht als eine neue Miffethat der Juden oder wenigstens der „vcrjudeten Liberalen" hinstcllen, schon deshalb nicht, weil ja, abgesehen von der Haltung, die das Gros des Centruins cinnahm, von de» „reinen" Antisemiten auch Böckcl, Werner und Ziiunicrmann gegen die Vorlage, beziehungsweise de» von der Regierung angenomnicNen Antrag Hucnc. gestimmt hatten. Auch ist es den Antisemiten, namentlich der Tkboli Sorte, nicht bequem, daß der Ahlwardt Scandal »och in frischer Erinnerung ist. Nichtsdestoweniger befleißen, sich die Antisemiten, Sieges zuversicht zur Schau zu trage», und die Radau-Brüder Berlins hatten sogar den übermüthigcn Einfall, Ahlwardt und Lieberma » n, die Männer des Ehrenwortes und der Ehrenscheine, als ReichstagScandidatcn in Berliner Wahlkreisen aufznstcllen. Bedauerlich erscheint die Spaltung im freisinnigen Lager: wir wollen aber hoffe», daß cS der schmählichen Judcnhctze nicht gelingen wird, daraus Bortheil zu ziehe». (Umwandlung der Lkrast.) Wie die „Staatsbürger-Zeitung" mittheilt, geruhte Kaiser Wilhelm die zweimonatliche Gcfängnißstrafe, zu welcher Heinrich Ober minder, einst Geschäftösocialist nnd derzeit GcschäftSantisemit, wegen Beleidigung der Clever Justizbehörden anläßlich deS Buschhoff ProcesicS vcrurthcilt worden war, in eine Geld strafe von 500 Mark »mzikwandel». (Abgewirthschastct.) Ter erste christlich deutsche Bazar am Spittclinarkt in Berlin, dessen Errichtung die Antisemiten in Deutschland und Oesterreich als „befreiende That" verkündigt hatten, hat eine sehr kurze Lebensdauer gehabt. Wie Berliner Blätter melde», ist der betreffende Lade» bereits zu vermiethcn. (Die Zllden und das Handwerk.) Bor Kurzem fand in Berlin eine Generalversammlung der Gesellschaft zur Verbreitung .der Handwerke und deS Äckerbaneö unter den Jude» im preußische» Staate statt; zu welcher nebst den Vcicinsmit gliedern auch eine stattliche Anzahl dcrmaligcr nnd gewesener Lehrlinge deS Vereines erschienen war. Die Zahl der crstcrcn beträgt gegen wärtig 08. Die mit der Generalversammlung verbundene Ansstellnng der Lehrlingsarbeiteu bot zugleich c)n concreteS Bild vo» der Wirksamkeit des Vereines Ter Vorsitzende crstalletc Bericht über die Thätigkeit der Gesellschaft im verflossenen Geschäftsjahre. Aus den viele» Aufnahmegcsuchen gehe zur Evidenz hervor, daß Handwerk und Ackerbau von den Juden als Berufszweige betrachtet werden, die zu ergreifen sich reichlich lohne. Bei dem Zwecke, den die seit achtzig Jahren bestehende Gesellschaft verfolge, sei die Thatsache, daß diese Anschauung immer mehr an Boden gewinne, für die Israeliten von nicht zu unterschätzendem Werthe. Der Vorstand achte darauf, daß die Lehrlinge regelmäßig eine Religions-, Fach" und Fortbildungsschule besuchen. Blatt. ■ ’ — . Seite 6. Die Lehrlinge ständen unter strenger Controlc der 'Jnspcctorcn, die ihres Ehrenamtes in treuer Hingebung walte». Um aber die Lehrlinge auch nach vollendeter TagcSarbcit bcanfsichtigen zu können, wende der Vorstand sein Hauptinteresse de», vor .1Jahren in Pankow er richtetcn LchrlingShcim zu, in welchem sich schon jetzt acht Zöglinge befänden. Tic Zahl der Zöglinge in diesem n'cugcgründetcn Heim wurde sich vergrößern, sobald der Vorstand über die »öthigcn Geldmittel, verfügen werde. Zum Schluß ersuchte der Redner die Mitglieder, ihr Interesse nnd Wohlwollen für die Gesellschaft auch",« Zukunst ju bc thätigen. Ans die Frage eines Mitgliedes, ob die Lehrlinge »ach voll endetcr Lehrzeit sich nicht dem Haüsirhandcl widmeten, erwiderte dcr Vorstand, daß dies nur in vereinzelten Fällen vorgekonimen sei. Tic Mehrzahl bleibe bei der erlernte» Profession und finde Be. Hagen und Zufriedenheit an derselben. Herr Justizrath Makower - sagte: „Nur die productive Arbeit der Jude» wird den Antisemitismus bekämpfe». Wir müsicn unsere» Kindern den Begriff klar machen, daß Arbeit etwas Ehrendes sei. ■ Tic Erfahrung habe ihm bestätigt, daß die Juden arbcitstüchtig «>>tT arbcitslicbcnd seien. Tic fünfzig Zöglinge, die im Pankower Waisenhause erzogen wurden, seien alle bei ihren erlernten Professionen geblieben." (Dic Znvtll l» Bayern vor 1800.) Einem amerikanischen Blatte entnehmen wir folgende Betrachtungen über die Berhältnisic der Juden i» Bayern vor dem Jahre 1800: Schätzungsweise sind in diesem Jahrhundert bis 1800 nahezu 80.000 bayrische Juden nach Amerika ansgcwandcrt, wo sic fleißige und geachtete Bürger wurden. Viele der älteren jüdischen Geschäfte, nicht nur in New'))ork, sondern im ganzen. , . Land sind vo» diesen bayrischen Inden gegründet worden. Als Napoleons I Einfluß am mächtigste» war, herrschte >in Bayern König Maximilian I., der die Sorge für .die Staatsangelegenheiten dem Premierminister Graf Montgelas überließ. Ter Graf hatte dic Ge wohuhcit, mehr als sein Einkommen auszugcben. Er borgte wiederholt ' große Geldsumme» von wohlhabenden Münchener Juden, Summen, die er nie znrückzahlte. Tic Gläubiger trugen Sckzxu gegen de» allmächtigen Günstling aus Zahlung zu dringen, ^erhielten sich aber gegen weitere Forderungen ablehnend. Eines TageS versuchte Mont gelas vergeblich zehntausend Gulden zu erhalten, weder Versprechungen »och Trohungc» hatten jedoch bei den Münchener Juden Erfolg. Darauf ließ er ihnen sage», sie würden bereuen, ihn so behandelt zu haben. Bald genug verwirklichte er seine Drohung. Er arbeitete ein Edict ans— scheinbar zur Bildung und Erzichnng --der Inden im bayrischen Königreich. TaS Edict sollte n.'A. dasür Sorge treffen, daß Inden sich Handwerke» oder J8em Ackerbau widme», 'Niederlassung und Verehelichung sollte ihnen »nr nach Maßgabe des EdictS. gestattet sein. Marimilian Unterzeichnete ohne Bedenken das Edict, welches als das Edict. vo» 18 I I traurige Berühmtheit bei de» bayrische» Juden erlangt hat. Eine der Clauseln desselben schrieb vor, daß die jüdischen Familien in jeder bayrischen Gemeinde zu zahlen und dic ermittelten Zahle» actcnmäßig z» registrire» seien. Vor Erlaß des Edictcs sollte kein Jude in einer Gemeinde sich nicdcrlasscn dürfen, in der Juden - .vorher nicht gelebt hätten, außer mit SpccialconscnS des Königs. I» Gemeinden, in denen Inden lebten, sollte einem derselben ein.Hcirats conseuS von den Behörden nur dann crthcilt werden, wenn damit die 1811 ermittelte Zahl jüdischer Familien nicht überschritte» würde.- In kurzer Zeit begannen dic bayrischen Inden das Drückende dieser Maßregel zu fühlen. Juden, die heiraten ynd einen Hausstand bc gründen wollten, mußten warten, bis durch de»' Tod eines älteren Familienhauptcs eine „Matrikel" frei wurde. In viele» Fälle harrte das junge Paar jahrelang geduldig aus. Ter Verfasser kennt persönlich ei» Paar, das elf Jahre verlobt war, bevor ei» Todesfall ihm das ' Heirate» gestattete - TaS waren dic'Zustände, unter denen dic bayri schcn Jude» von 1811—1800 lebten. Junge Männer und Mädchen, gehindert nnd gehemmt in jeder Art und Weise, zogen »ach Amerika, dem Land der Freiheit. Es gibt heute vielleicht keine einzige jüdische Familie in Bayern, die nicht nahe Verwandte in Amerika hätte. Endlich wurde 1800 unter der Regierung deS Königs Marimilian II , - , Vaters Ludwig 11., das Edict von 1811 aufgehoben, Tas 'Mini stcrium Pfordtcn war nach einem laugen Zwiespalt mit der Kammer entlassen worden. Liberalere Ideen herrschten'sowohl im Landtag als., in Regierungskreiseu. Unter den Jude» regte sich eine Bewegung, ivelche dahin ging', Um Abschaffung des EdictS von 181 l zu pelitio nircn, „damit dic bayrischen.Juden Haus nnd Herd in ihrem Vale» lande haben dürsten". - Ter Abgeordnete Dr. Paur von Augsburg übernahm cS, dic Petition im.Abgeordnetenhaus zu befürworten, und die Bitte der Juden fand willige Thren bei den.Vertretern deS bayrischen Volkes. Tcy König ließ durch das Ministerin», erkläre», daß die Regierung der Petition Folge geben würde, falls beide Häuser des Parlaments "Somit einverstanden seien In .der Kammer der Ad-