Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 58 (14.5.1893)
- Date
- 1893-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Stite IV. Beilage zum Freien Blatt. Drgan zur Abwehr des Antisemitismus. spräche verleugnet.") Riefen doch Juden: „Tein Blut komme über und und unsere minder!" vielleicht gibt es noch Christen, welche sich für verpflichtet halten, die Juden für das alte „Crucifige* immer noch büßen zu lassen. Wissen denn diese vergeßlichen Christen nicht, daß Christus am Kreuze zu seinem himmlischen Pater sprach: „Pergib ihnen, sie wissen nicht, was jic thun!" Und Christus sprach wahr, es ist nicht Lache seiner Jünger, sein Wort in Zweifel zu ziehen. Las Cvangclium hat niemals die Blutrache gepredigt, hat denn der Mensch an die 2teile Gottes zu treten, um zu strafen? To haben cs die heiligen Männer aufgefaßt, welche am tiefsten von den Grundsätzen des Cvangeliums durchdrungen gewesen. Ter Antisemitismus kann sich nicht auf das Christe'nthum berufen, der' Judenhaß schöpft seine Begeisterung nicht aus der christlichen Cmvnndung, sondern aus unchristlichen Jnstincteu. Blik dem Golgathakreuze ist denn auch die religiöse Beschwerde des Christen gegen den Hilden noch nicht erschöpft. Rachsucht und frommer Groll gegen die Henker des „Menschensohncs" find nicht die einzigen Handhaben, welche die Religion den Judenfeinden zu bieten vermag. Persagt das Cvängelium, dann nehmen sic zum Talmud ihre Zuflucht. Picle trachten im Iudenthum selbst jene Rahrung für ihre Leidenschaft zu finden, welche ihnen das Christen^ thum verweigert. Tie klammern sich an seine Ucberlicferungen, seine religiösen Gebräuche, sogar an seine Litteulchrc. Rur'Unwissenheit vermöchte die Wichtigkeit der jüdischen Religion und Uebcrlicfernng bei den Juden in Abrede zu stellen, Im Äbendlande geben freilich die meisten allmälig die äußeren Andachts- Übungen auf. Und die Indifferenz in Glaubcnssachen — im Gegen satze zu den christlichen Bckcnnlnifsen — tritt zur Besorgniß der Rabbiner viell-ickn noch stärker bei den jüdischen Kranen als bei den Männern hervor. Cin Franzose, der nur den Pariser Juden kennt, verfällt leicht in die Annahme, das Iudenthum sei als Religion abgelhau. T/m in durchaus nicht so. Tie gläubigen und andächtigen Juden, die das jüdische Gesetz Besoldenden sind heule noch zahlreich. Telbst in Europa bilden ne vielleicht die Mehrheit. Ten dreißig oder vierzig Jahrhunderten seines Bestehens zum Trotze, ist das alte Gesetz weder todt noch im Sterben. Man braucht, um sich von der ihm gebliebenen Lebenskraft zu überzeuge», nur des freitags bei Sonnenuntergang eine jener schwarzvcrrauchten, lichtstrahlenden Thnagogen in Ungarn oder Polen zu betreten, wenn der Hazzan, den Thalet aus dem Haupte, den Tabbatgesang anstimmt. Mögen die gottesdienstlichen Cfebränchc und Andachtsübuugen Israels noch so unbequem sein, sie werden doch gewissenhafter beobachtet, als jene irgend welchen christlichen Bekenntnisses — wenn auch aus ähnlichen Gründen wie bei den Christen, so auch bei den Israeliten die Chrsnrcht vor Sen religiösen Andachlsübungen im Tchwinden begriffen ist. Betrachtet man lediglich die Mittelpunkte jüdischen Lebens, so könnte man übrigens den Juden immer noch für den Frömmsten unter den Menschen ballen.') Andererseits,hat es den Anschein, als hätte man ihn häustg nur in eine andere Lebenssphäre zu versetzen, um aus ihm den größten Indifferenten zu machen. Ich behanptc getrost, daß das Iudenthum den Juden gemacht hat. In feiner Form sind die »linder Israels seit Generationen gegossen worden. Wollte man denn auch den Juden wirklich kennen, so müßte man die ^lieligion kennen, die ihn geformt hat, das Talmud-Iudenthnm mit seinen Tatzungen, seinen Ueberlieserungen, seinem kleinlichen Rituale. Tiefes Tludium würde sich verlohnen; ") Ziehe .Maeiiulay: i'ritic-al and iiisterical f-'-ays. I. Civil disaldlities' of tlie Ji-iv-. * i Ziehe „I, Kiiifdrc des T-aret'Ies Hasses“. Band III, Buch IV, Cav. III. vielleicht machen wir uns eines Tages daran; die Untersuchung, worin Judenthum und jüdische Moral sich von Christenthum und christlicher Moral unterscheiden, wäre von Interesse. Beide gleichen sich und weichen von einander ab wie Bibel und Cvangelilim. Selbst wo sie beide übereinstimmen und dqsselbe sagen, macht sich zwischen dem alten und neuen Gesetze eine Abweichung im Ausdruck, gewissermaßen etwas Zarteres, lieblicheres bei der Tochter als'bei der Mutter, fühlbar. Ein Jude fände die Eine weiblicher, die Andere männlicher, im nclicn Gesetze mehr Gemüth und Gefühl, im alten mehr Berstand. Jedenfalls niinnst im Alten das Ueberschtvänglichc weniger Raum ein. Pom sittlichen Gesichtspunkte aus ist dies vielleicht der große Unterschied zwischen Beide». Ter Blick des Einen ist znehr gen Himinel gerichtet, das Auge des Andern mehr nach der Erde gesenkt. Im Iuocnthum steckt weniger Hang zum Mysticismus, weniger Tinn für Askese; cs hat niemals die Thorhcit der Kreuztragung und Entsagung gehabt. Tein Glaube ist eminent praktisch geartet. Tarin liegt ebensosehr seine Ucbcrlegenheit wie seine Untergeordncthcit. Seine Sittenlehre, lein Gottesdienst, sein Rituale haben das irdische Leben zum Ge genstand. Cs steckt darin unbewußt eine Art positiver Philosophie. Zumeist erscheine» seine Satzungen lediglich als hygienische Gebräuche oder lassen sich unschwer auf Gcsundheitsrcgcln zurückführcn. „Lasset eure Söhne beschneide», sic werden es euch danken," ver fichcrte cin israelitischer Arzt, welcher nur den Glauben an die Wissenschaft hatte, „und wollet ihr Tubcrculosc und Schmarotzer krankheilcn vermeiden, so esset nur koscheres Fleisch." Es ist viel darüber hin und her gestritten worden, ob die alten Hebräer an die Fortdauer der menschlichen Persönlichkeit jenseits der Tunkelhcit, den Scheol, glaubten. Äkögen die saducäischcn Co hanim die Pcrtrcter der Uebcrlicferung sein oder nicht, die Unsterblichkeit der Seele und die Auferstehung des Leibes sind schon un Talmud Togmcn der Synagoge.'") Gleichviel, im Pergleich mit dem Evangelium scheint die Thora dennoch mehr §nit dem gegenwärtigen.als dem zukünftigen Leben beschäftigt. Daö mosaische. Gesetz scheint uns. im (Gegensätze zum neuen Gesetze, der Erde und den sterblichen Tagen zugckehrt. In den Pisionen des Propheten nehmen die gehcimnißvollen Wohnungen der Anserwählten weniger Raum cin als in jenen des Apostels. Ter Eine läßt uns mehr als der Andere ins Träumen kommen über das von keinem Auge Ge schaute, von keinem Thr Gehörte. Umsonst sagt ihm der Talmud, diese Welt sei nur rin Einkehrhaus am Saum des Weges, dem Juden kommt die Welt als etwas Wirklicheres und Tauernderes vor als dem Christen; für ihn ist sicnicht nur ein Bild, daö vergeht. Seine Religion zwingt ihn nicht in dem Maße zur Perachtung der Freuden und Güter der Erde; sic nimmt keinen Anstand, ihm dieselben als Belohnung.;» versprechen. Sie scheint für daö Leben und die Kämpfe des Lebens geschaffen. Und als solche ist sie nicht unbethciligt an den Erfolgen des Juden in den Kämpfen dieser. Welt. Israel verdankt seinem Religionsgesctze cin gut Theil seiner Kraft: es hat ihm die verheißenen Güter auch gegeben. Turch diese Seite des Iudenthums wird sich der Politiker oder Philosoph nicht abgestoßen fühlen. Im Gegentheil dürfte ihm das moderne Rützlichkcitsprincip dafür Tank wissen und nicht ungern den Borzug vor'seinen beiden großen Abkömmlingen^ dem Christenthnm und dem Islam, einräumen. <,>°rnctz»»g i-ig«., Tie Lehre von der Unsterblichkeit und Auferstehung findet sich, seit Maimonides, in dem herkömmlichen Glaubensbekenntniß der ganzen israelitischen Welt. Tie bildet den dreizehnten nnd den letzten Artikel, welchen ich in nachstehender Fassung in einem israelitische» Katechismus vorfinde: (Ich glaube) „daß die Zeele unsterblich ist und daß ein Tag kommen wird, wo Gott die Todlen zum Leben erwecken wird." Man abonnirt das Freie Blakt in der Administration, Wien, I., «eilerstätte 10. Abonnementspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 fr., halbjährig 1 fl. 25 fr., vierteljährig 05 fr. Herausgeber und verantwortlicher Retacleur: Ernst Bieter Zenker. — Truck von Eh. Reißer & M. Werthner, Wien.