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Freies Blatt · 1893-05-14 · 58 (14.5.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
58 (14.5.1893)
Date
1893-05-14
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Beilage zum Freien Blatt, Vcgan zur Abwehr des Antisemitismus. unter allen Himmelsstrichen. Der Jude lebt und vermehrt sich überall. Betrachtet man die gegenwärtige Vertheilung der Juden über den Erdball, so sollte man annehmen, die Wiege des Hauses Israel sei Masovien gewesen.") Ohne die bündigsten Zeugnisse der Geschichte wäre man davon überzeugt. Denn waren die polnischen Gebiete auch nicht der historische Ausgangspunkt Judas, so sind sie doch thatsächlich dessen geographischer Mittelpunkt geworden. Bon diesem sarmatischcn Neu - Israel aus verbreiten sich unter dem Stachel von Plackereien und Leiden, welche den von ihren Vorfahren erduldeten kaum nachstehen, die modernen Juden vor unseren Augen in Schwärmen über Europa -und Amerika. Der Berfolgnngssturm, der seit Jahrhunderten den Staub Israels von Ost nach West und von West nach Ost getrieben, wirbelt die Reste der Stämme von Neuem auf; der Wind hat sich nur gedreht. Der Sturm, welcher die Väter von West nach Ost und von Süd nach Nord, von Frankreich nach Deutschland und von Deutschland nach Polen gejagt, treibt nun die Söhne wieder nach dem Westen zurück. Bei den säcularcn Strömungen der Judcnwanderungen macht sich ein Richtungöwechscl bemerkbar. Von Osten, vom Far-East unseres Eontinentes, ist der Weg durch ein dichtes Aufgebot, die Russischen Gesetze, versperrt, welche gleich einem künstlichen Damm den Juden das Innere des Reiches verschließen;") so müssen sie nothgedrungen nach dem Westen zurückfluten und sehen sich die alten Reiche Europas und insbesondere die jungen Staaten Amerikas von einer mächtigen jüdischenEinwander.ungswellc, gleich einer jähen Springflut, bedroht. Mit Anzahl und Bcdeutlzng der Juden wachsen- Abneigung und Mißgunst gegen den Juden. Daher der Antisemitismus. Im Abendland nicht minder als im Morgenland — in Deutschland, Oesterreich-Ungarn, selbst in Frankreich so gut wie in Rußland, Rumänien, Algerien ist die vön Pedanten als semitisch bczeichncte Frage vor Generationen emporgetaucht, welche glauben mochten, derartigen Streitigkeiten für alle Zukunft ferne zu stehen. Im Orient wie im Occident hat die Frage verschiedene Seilen. Man kann sie unter drei Hauptgesichtspunktcn ins Auge fassen, deren relative Bedeutung »ach den verschiedenartigen Gegenden und verschiedenen Zeitcpochen sich ändert. Die Frage ist zugleich eine religiöse, nationale, wirthschaftliche oder sociale. Das Acute liegt ebün in dieser Zusammensetzung. Mitsammen oder der Reihe nach steigen zwischen Jude und Ehrist, zwischen „Semit und Arier" Glaubens-Unduldung, nationale Ausschließlichkeit, gesellschaftlicher Wettstreit empor; alles nämlich, was im ureigensten Sinne Mensche» entzweit und leidenschaftlich entflammt. Der Antisemitismus ist ist Einem: Glaubenskrieg, Racenstreit, Elasscnkampf. Er packt die Völker von drei Seiten. Solchergestalt erklärt sich sein gleichzeitiges Auftauchen in so verschiedenartigen Ländern am Schlüsse des,Jahrhunderts Pasteur's und Rcnan's. Der Antisemitismus ist weder lediglich eine Rückschrittserscheinung, noch ein Fall von Atavismus, obwohl, wie Lombroso bemerkt, ein Stück Atavismus, instinctivcr, von den Altvordern ererbter Widerwillen drinnen steckt. Ist er ein Gespenst aus alten Zeiten, so hat'S ihn wenig Müh« gekostet, sich modern herauszuputzen. Nicht Alles an ihm ist übrigens alt und veraltet. Er paßt in seine Zeit, kennt die Sprache vom Tage, ist aus deutschen Universitäten gewesen, hat Darwin sludirt und unter Biömarck gedient; er hat eine oberflächliche Idee von Malthuö und den Nationalökonomcn, besonders von den „Kathedersocialisten" und beruft sich gerne aus die „Gesetze der Geschichte"; nöthigenfalls citirt er die Modeautoren und ver- - -") Ter Landstrich von Warschau. Angesicht« der Karten, welche die relative Dichtigkeit der israelitischen Bevölkerung anrweisen, vermag inan sich schwer diesem Eindruck zu entziehen. Sieh« beispielsweise die durch die Anglo-Jewish Association veröffentlichte Karte (Bericht für da« Jahr 1888). ”) Siehe „L'Empire de Tsars et les Kusses“ Band III, Buch IV, Eap.. III. reite III. schmäht cs auch nicht, gelegentlich den Pedanten spielen. Die Judenscheu ist bei ihm nicht bloß eine Rolle, eine Pose; er meint cs ehrlich damit. Er zuerst glaubt an die Gefahr, auf die er hiuweist. Der Judenhaß hat eben, es muß ausgesprochen werden, in den neuen Ideen neue Nahrung gefunden. Unsere modernen Theo rien in der Politik, Wissenschaft, Nationalökonomie haben ihm Waffen geliefert, die man nicht für ihn geschmiedet erachtet Hütte. Es hat sich gezeigt, daß die durch die Revolution vollzogene Befreiung der Inden mittelbardurch die aus der Revolution entsprungenen Kämpfe und Leidenschaften bedroht wurde. War nicht das XIX. Jahrhundert von religiöse», nationalen, wirthschaftliche» Kämpfen erfüllt? Von jedctü dieser Gesichtspunkte steht der Antisemitismlts mit der Geschichte unserer.Zeit im innersten Zusammenhänge. Und da es den Anschein hat, als sollte dieser dreifache Eonflict " der Glaubenslehren, Raccn und Elafscn so bald noch nicht zur Ruhe kommen, so dürfte voraussichtlich auch der Antisemitismus das XlX., ja vielleicht selbst das XX. Jahrhundert überleben. Gewisse Leute meinen, er werde so lange wie der Jude selbst dauern. Jedenfalls verlohnt er, vielleicht weniger um seiner selbst willen, als ob der durch ihn unterwegs aufgcwirbeltcn Fragen'eine Studie, denn er berührt viele und die ernstesten Fragen. - t. Zweites Eapk'lcl. Tie älteste Beschwerde gegen die Inden: Tie religiöse Beschwerde. I. t^egeii da« Judeiutium und gegen den Talmud erhobene Beschuldigungen. — ' Merkmale de« Jukemhuin«. — Seine Moral. — Xcf Talmud: sein Ursprung seine Autorität. — Tie Mischna und die Geinara. — Tie Halakha und die Haggada. — Ter Haft gegen die t^oiin- und die Toppelinoral des Juden.- — Was der Tglmud dem Judenthum gewesen ist. II. Ten Juden feindselige Marche» unk abergläubische Vorstellungen. — Ter Ritualmord. I. Der Glaubensunterschied ist nicht mehr der Dauptbeweggrund des Judenhasses. Vielleicht ist' er cs niemals gewesen. In dem Spanien Ferdinands und Jsabellens, wie in dem Frankreich Philipps des Schönen oder in dem England Johanns ohne Land und Eduards I. > scheinen sich häufig Leidenschaften sehr weltlicher 'Natur dem Juden gegenüber deL Glaubensmaske bedient zu haben. In -unseren Tagen hingegen wäre eher das Umgekehrte der Fall: der Fanatismus i't aus der Mckde. ' Beseelt btsweilen die Antisemite» noch die Sorge um die himmlischen Dinge» J'o verbergen sie cs sorglich. Tie Meisten erklären sich frei von jeder Bckcunlnißlcidenschasl, und man muß ihnen glauben. Gleichwohl bleibt trotz^Allcin -nur dem Grunde des volksüblichen oder gebildeten Antisemitismus ein Bodensatz von religiösen Abneigungen zurück. In Mittel- und Osteuropa erhalten sich bei dem Ehriste» und dem Juden Glaubensanschauungen, Legenden, abergläubische Vorstellungen, welche dazu beitragen, eine gegenseitige Abneigung zu nähren. Weder der Skeptiker noch der^Gleichgiltige bleiben davon allemal unberührt. In dieser^Beziehung vornehmlich ist der Widerwille gehen die Juden ein Vermächtniß der Altvordern, eine Vererbungssache, ein Zug von Atavismus. Im Jnstineteder Racen bleiben Abneigungen, .von deren Ursache sie keine rechte Kcnntniß mehr haben, noch lange zurück. Das Mittelalter hielt sich Mr berechtigt, in dem Juden einen Gegenstand der-Berdammniß zu erblicken. Den Juden draügsatiren, schien gut christlich. Wiederholt mußten ihn Btt Päpste unter ihren Schutz nehmen. Heute noch fällt der Schatten des Ealvarienkreuzes auf das zerstreute Israel. Kaum ein halbes Jahrhundert ist es her, als noch in Westminstcr Redner mit der Behauptung austraten, mit der Befreiung der Juden würden die göttlichen Aus-

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