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Freies Blatt · 1893-05-14 · 58 (14.5.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
58 (14.5.1893)
Date
1893-05-14
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite II. Beilage zum Freien Blatt, Organ zur Abwehr des Antisemittsmus. Millionen. Die wirkliche Anzahl der Juden des russischen Reiches ist unbekannt. Wüßten wir sie. so könnten wir die numerische Stärke Israels bis auf einige hundert Tausend Seelen feststellen. Unter den ersten Romanow war das ruffische Gebiet den Juden noch untersagt; heute birgt Rußland mehr Juden als irgend ein anderer Staat. Es ist dies ein Erbtheil Polens, das gegen Ende des Mittelalters der Mittelpunkt Israels geworden war. Rach dem russischen Reiche sind die beiden anderen Staaten Europas, welche die meisten israelitischen Bewohner zählen, Oesterreich und Preußen, welche die Theilung Polens mit vollzogen haben. Oesterreich-Ungarn allein hat 1,700.000 jüdische Unlerlhanen, wovon 700.000 ungefähr auf Galizien kommen: Ungarn hat 650.000, Böhmen 100.000. Rach Oesterreich-Ungarn kommt das Deutsche Reich mit 600.000 Israeliten, wovon zwei Drittel im Königreiche Preußen. In den übrigen Staaten des Oecidentes oder des Orientes sind die Rachkommen Jakobs weit weniger zahlreich. Es kommest über 100.000 auf England, etwas weniger, vielleicht 80.000, auf Frankreich, wovon drei Bierlel auf Paris; circa 100.000 auf Holland, wovon die Hälfte auf Amsterdam: 50.000 auf Jlalien, besonders Rord und Minclitalien. In der Schwei; gibl es kaum mehr als 10.000 Juden, in Belgien 5000—6000, in Dänemark 5000, in Schweden .'3000, in Rorwegcn einige Hunden. In Spanien und Portugal, wo vor dein XV. Jahrhundert vielleicht eine halbe Million Israeliten lebten, sind die eingeborenen Juden ausgctricben oder getauft worden: 1500—1600 find davongckommen und haben in -(Gibraltar unter der englischen Flagge Schutz gesucht. Im Osten Eurovas zählt die Türkei etwa 120) >00, Griechenland 5000 bis 600<», zumeist in tforru, Bulgarien 10.000, Serbien 54)04), Rumänien nach israelitischen Angaben weniger als 300.04)0, nach gewissen rumänischen Schätzungen über 400.000 Juden. 8) In Den übrigen Wcltlhcjlen, in Asien, ihrer Wiege, in Afrika, wo sie seit uralter Zeit Eolonicn halten, in Amerika und in Australien, wohin »'ic nach unserem Borgang auswandern, ist die Anzahl der Juden wesentlich geringer. Ganz Asien zählt kaum 34)0.000, deren größerer Theil auf das ottomanische Reich,' in Klcinancn, Syrien, Palästina selbst kommt, wo die allmälig aus dem Abendland heimgckehrten Juden in Jerusalem vorherrschen. Die Ethnologen haben einige lausend Juden in Persien, Mittelin'icn, Indien und bis nach Ehina hinein vorgefunden; dort haben sich Reste uralter Eolonicn Israels auf geheimnißvolle Weise erhallen. Amerika, wo alljährlich tausende von jüdischen Aus-' Wanderern Zuflucht suchen, zählt vielleicht bereits eine halbe Million Israeliten, größtentheils kn Rordamerika.') In Australien und auf :i Siche: ,.I.'Krtij’ire >1e> T.-:«rs et les Kusses“, Bane 111: rla Religion-1 IV. Buch. Cap. III. Sic Runen üheincn sich darin zu gefallen, die Anzahl der ffraelimchön Umerrhanen des Ezären tu übenreiben. Die durch die wachsende 'darre der Reiche den ru>n>chen Luden dereirere Lage, hat übrigens unter ihnen eine Auswanderung hervorgerufen, welche ihre Zahl in Rußland verringerr haben muß. 4i Siebe bei>melewei>'e Srchanski: „Kusskoje Sakonodateljstwo o Jewrejach". 'i Siehe insbesondere in dem ..Xoureau I-ietiunnaire de geographie universell.* (Hai het!-1. den gelehrten Artikel: ,'J.uifs“oon Lsidor Loeb. Die angeführten Ziffern mögen bisweilen etwas hoch gegriffen sein, nzir glaubten jedoch in gewin'en Landern, Rußland beispielsweise, der Lückenhaftigkeit der stanskischen Angaben, und in anderen, wie England und Frankreich, der neuerlichen Vermehrung der L'raeliten durch Einwanderung Rechnung tragen zu müssen. Für Frankreich ergaben die oon den Eonsistorien erhobenen Ziffern nur 78.000 Liraeliten, wozu noch etwa 4t HM) algerische Luden kommen. Unter den in Frankreich seßhaften oder eingewanderten Luken jedoch, gibt es welche, die durch kein Band mehr mit der Snnagoge verbünd« sind, ohne deshalb Christen geworden tu iein. ■ *) Ti« Ziffer lOOOJO scheint stark übertrieben: ste scheint durch die Anzahl der Todesfälle unter den Luden nach den officiellen statistischen Erhebungen widerlegt. 9) Sofern nur irgend die Eolonisationspläne des Barons Hirsch verwirklicht werden, dürften dis beiden amerikanischen Kontinente bald über eine Million! den Inseln des Stillen Oeeans machen sich erst Anfänge dieser jüdischen Einwanderung bemerkbar; man zählt dort vielleicht noch nicht 25.000 Juden, die seit weniger als einem Drittel Jahrhundert ans Land gingen. In keiner Epoche ist, wie man sieht, Israel so zerstreut gewesen, wie in unseren Tagen. 'Riemals hat es eine derartige Allgegenwart besessen; es ist sozusagen überall, in allen civilisirten Ländern wenigstens. syür den beschnittenen Semiten »sie für den getauften Arier haben Eolumbus und Basco de Gama neue Welten entdeckt. Der Jude hat das Zwischendeck unserer Schiffe bestiegen und macht mit uns zusammen die Eroberungsreise um die Welt. Man sieht zugleich, daß die Juden im großen Ganzen heute eine wesentlich europäische Bevölkerung bilden. Sie bewohnen zum größten Theile Europa oder Eolonien Europas, und in manche Gegenden Asiens und Afrikas sind, ganz wie in Palästina, die Juden aus Europa hingekommen und haben die europäischen . Sprachen mitgcbracht. Alle diese'Ziffern sind, selbst für Europa, nur annähernd. Eines nur scheint sicher: niemals hat es,, so viele Juden gegeben. Fast überall neigt ihre Anzahl zum Wachsen, und zwar nicht allein ihre absolute, sondern auch ihre pelgtive Anzahl, im Berhältniß zu jener der Ehristen. Im Osten Europas wächst die jüdische Bevölkerung durch die beständigen Ueberschüsse von G,eburtcn gegen die Todesfälle. Im Westen Europas wie auch in Amerika vollzieht sich die Bermchrung der israelitischen Bevölkerung vornehmlich durch Einwanderung, durch den Zufluß der von Osten nach Westen aus den von ihnen meist bewohnten Gegenden nach jenen Zkandern getriebenen Juden, wo sic weniger zahlreich sind, und ihnen Gesetz und Sitte mehr Freiheit gönnen. - Als Toppelmagnel zieht sic der Westen: an mit seinen Reichthümern, mit seinen -Freiheiten. Der Schwerpunkt Israels liegt in dem früheren Polen, in dem Rachbargebiete Rußlands, Rnmänieteb, Oesterreich-Ungarns. Im Jahre 1772 ergaben die ofsiciellen Bolkszählungen für Polen und Litthauen eine jüdische Gcsammtbevölkerung von 308.500 Seelen. Ein polnischer Schriftslellcr schlug ihre wirkliche Anzahl auf 450.000 an.'") Heule betrügt die Anzahl der Rachkommen dieser 450.000 polnischen Juden das Zehn-, vielleicht Zwölffache. In den drei Reichen, welche Polen beerbt haben, läßt sich ihre Nachkommenschaft auf kaum weniger als vier bis fünf Millionen veranschlagen. Schließt man aus der jüngsten Bcrgangenheit auf eine nahe Zukunft, so ist das Judenthum durchaus nicht auf dem Aussterbeetat. Mittel- Europa birgt einen ausgedehnten Jnvenbehälter, dessen Ueberfülle jum Abfluß nach Westen steigt. Diese aus Asien stammenden Söhne des Ostens sind vom Westen dahin gelangt.") Gegen Ende des Mittelalters sind sic auf ihrer Flucht vor den allenthalben auf dem Wege der Kreuzfahrer gegen die Juden entflammten Berfolgungen aus Deutschland gekommen. Sie haben sich im Schatten der Fichte an der Weichsel, und der Birke am Riemen, wie zur Zeit der Pharaonen oder Ptolemäer unter den Palmen -des Nil vervielfältigt. Einer der charakteristischen Züge der Race, welcher zweifelsohne in ihren ununterbrochenen Wanderungen seine Erklärung findet, besteht in ihrer Acclimatisirungs-Fähigkeit jüdischer Bewohner zählen. Lnnerhalb zwölf Monaten, voii Lüli 1891 bis Juli 1892, find in' den Bereinigten Staaten etwa 14)0.000 Luden anS Land gegangen. Sb die Einwanderung ruififcher Juden in Rordamerika sich lange auf einer folchen Höhe behaupten wird, steht dahin. Bekanntlich besitzt inan in den Bereinigten Staaten geringe Neigung zur Aufnahme mittelloser Einwanderer. Wie es scheint, hat die rufsiiche Regierung die Pläne des Herrii v. Hirsch für eine auf den Zeittaum von fünfundzwanzig Jahren zu vertheileude, stufenweise Auswanderung der Juden de« Reiches gutgeheißen — ein Riesenunternehmen freilich, das schwer sein dürfte, vollständig zu verwirklichen. '*) T. Ezacki: Kosprawa u Zydach. Wilna 1807, Seite 216. — Betgl. 1 Brafman: Kniga Eagola, Band I, Seite 307. ] “) In Polen oder in Kleinrußland konnten, wie wir seheii werden, diese Juden de« Westens mit den in den russischen Steppen angesiedelten Juden oder! jüdischeil Proselyten' Zusammentreffen. Bergl. Eap. V. Seite 137 diese« Buche«.

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