Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 58 (14.5.1893)
- Date
- 1893-05-14
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 68 Seite 4 Freie» vcäcirt. Jtun fbnncii sie einerseits nicht gegen die Versorgung der Vorstädte mit gutem Wasser auftrctcn, andererseits muß sich selbst ei» antisemitischer B.rstand s'? sagen, daß die einzig mögliche Deckung in einer Anleihe oder in einem Steucraufschlagc liege. Die Herren, die im Versprechen allzeit von grenzenloser Freigebigkeit sind, befinden sich also in einer argen Zwickmühle. Die Verlegenheiten, denen sic seinerzeit durch ihre Abstinenz ausweichcn wollten, sind jetzt bereits eingetrctcn. Demgegenüber bleibt ihnen eben nur noch ein Mittel: zu schreien, zu seandalircn, die Debatte zu verwirren und auf diese Weise den minder unbefangenen Benrtheilcr über den heillosen Widerspruch, in dem sich die Partei befindet, hinivegzutäuschen. Man famt sich daraus auch ein Unheil bilden, wie tiefgefühlt und ernst die Entrüstung eines Lueger und seiner Eomplicen ist. > Fottschriltlichc WählcrvcrsaillNllllNss.) letzte» Sonntag veranstaltete der „Deutsch-fortschrittliche B ü rg crvcr e i II Baden" eine Wanderversammlung in Trais kirchcn, in welcher 'nach eiiicm Bortragc des Reichsrathsabgeordnctcn Professor Dr. Marcki ci über die' behördlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der 1‘liyllo- \i ra vustatrix der Berciiisobinann Professor Dr. Rainer v. Reinöh! enicn Bortrag über die Grundsätze des Liberalismus hielt. Er beleuchtete unter stürmischem Beifall die Tendenzen der rcactlonären Elemente piid sagte: „Wenn man die Reden unserer. Feudalaristokraten, insbcsonders des böhmische» Hochadcls hört, so weht Einem auch jetzt noch der Modergeruch vergangener Zeiten entgegen, und wir hören dieselben Ansichten, die einst das Bolk so elend nnd unglücklich gemacht haben, liegen diese hasscnswerthcn nnd verächtliche» lehren, die von denen ansgebrcitcl werden, die den Menschen zum Thier erniedrigen ivollen nnd sich nicht schenen, selbst den Rainen Gottes für ihre schändliche» Zwecke aiisznbcnlen; gegen diese Elende» nnd ihren Troß iss der Liberalismus ciitstande». t^anz nnglanblich ist aber die Bornirtlieil und Berblendiiiig vieler t'-'egnci, welche den Liberalismus einfach als „verjudet" hiirstellen. Hat doch der Abgeordnete § t c i n w c n d e r kürzlich iniid heraus gesagt, die liberale Partei habe alle ihre Iiisti lntroncn nur der Juden halber errichtet. Diese unglaubliche Be hanpliliig kann iinr durch den schlechten llmgang des Abgeordneten Sieinwender erklärt werden. Er bewegt sich eben so viel in Gesellschaft von Antisemiten der gemeinsten Sorte, daß er nach und nach ihre Alisdruckswesse aiiniiinni. Wir inüsscn mit aller Krast gegen den Anti semitismns anstreken, denn der A n t ifem i tiSnriis ist eine Partei der Brutalität, d c r ll n b i l d n n g u n d' d e r G c w a l t Tie «Gewalt aber bleibt nicht au der Thür des Juden siel,c», und wehe dem. nickst nur der eine gebogene Rase, einen jüdisch klingenden Raiucn har oder im Rufe i'tcljt, mit Inden zn ver lehren Toch cs iss de» Aiitiscniiicii mit ihrem Antiseinitismns gar nichtso ernss. Wirkliche Ankisemiken gibt cS höchstens unter den Wählern, den Führer» aber ist cs nur uni uliscrc Freiheit zu thnn, nnd der Jude ist nur der Prügelknabe, ans den losgcschlage» wird. Antisemitismus, Elcriealismus nnd Jesuitisniiis sind drei glcichbedeu lende Worte. Das lehren uns die Thatcn der verbündeten reaetionürcil Streber und Hetzer." Die überaus zahlreich besuchte Bersaminlung, in welcher Bürgermeister Buchberger den Borsitz führte, schloß mit Tankcskniidgcbniigcn für Abgeordneten Professor Dr. Marches nnd Professor Dr. Rainer v. Rcinöhl. «Aus Trostlldorf und Raabs. > Man schreibt uns: Der Drosen dorfcr Bericht in Ruinincr Wi des „Freien Blattes" hat wie eine kalte Douchc auf uiiscre antiliberate Viga gewirkt Das- Leiborgan der Droscndorfer Antisemiten, „Der Bote ans dem Waldviertcl" in Horn, ein arinfcliges Schöncrer-BläNchcn, hat >ich gründlichst ansgcschwicgcn. Der verleumdete Oberlehrer ist nun glänzend rehabilikirt, der bc .rül,—mkc „Iugendbildner" schäumt vor Wuth, und wie begossene Pudel schleiche» sie herum, die diversen H.ymagister, Ingenicurc, Lehrer »»d Dockorcn deS höheren Antisemitismiis Die kärglich belohnten Apostel des Rosenauer Papstes führen in unserem Städtchen, das j unser lieber Führer Herr Sndtarzt Dr. Kn oll glücklich pacisseirl hat, eine nneranickliche Eristenz.. .sie!» achtbarer Mensch verkehrt mehr mit ihnen, denn die öffentliche Meinung hat sie boyeottirt, sic sind geschlagen mit der Schärfe ihres eigenen Schwertes. Die Riedcrlage, welche ihnen die Erkenntniß aller AnstSndigcn bereitet, hat außerdem noch Benvirrung und Zank in den Apostclrcihen hervorgernfen. Der fromme Magister hat zn retten gesucht, was zu retten war, und in Abwesenheil des Hctzingenieurs ein Eonvcntikel einberufen, das in einer nicht sehr appetitlichen Spelunke statt'and, und zu welchem sich auch ei» Herr Eooperator und ei» Herr Meßner, zwei intime Freunde des gelahrte» Magisters, einfandcn. Der „Iugendbildner" protestirtc 1 gegen die neue Richtung der l'iga, aber er und sein-Freund, dec samose Ingenieur, wurden aus dem antisemitischen Bruderbund ausecschlyssen Befremden erregt cs, daß an diesem Conventikel auch ein Blatt, Mann theilnahm, der bisher als fortschrittlich gesinnt bekannt war. Hoffentlich kommt er noch rechtzeitig zur Besinnung und erkennt, in welch' anrüchige Gesellschaft er gerathen sei. Sei dem, wie ihm wolle, kein antisemitischer Heilkünstlcr kann der Liga mehr auf die Beine helfen, dafür sorgt schon der gefürchtete „Bader". Gott befohlen! Drosendorf zeigt, wie inan die antisemitische Gewaltherrschaft abschütteln kann, Kxempl» trahunt! — Während in Drosendorf die geistige Pest fast erloschen ist, blüht im Marktflecken Raabs diese Schmach des XIX. Jahrhunderts. Das Haupt der Antiliberale» ist ein von Schönerer unterstützter Brauer in dem anstoßenden Oberndorf und ein gewisser Kirsch vom Musikvcrein in Raabs sein Fa mulus. Oberndorf-Raabs soll »ach Drosendorfcr Muster vom „Inden joche" befreit werden. Der dritte Cumpan bei diesem edlen Untcrnchnicn ist ein pensionirtcr Meister deS Rittes, der seine freie Zeit mit unterschiedlicher Briefschreibcrei und mit Schimpfen auf die faulen S. . juden ausfallt, obwohl auch jüdische Steuerzahler zu seiner Pension beitragen müssen. Dazu gesellt sich »och ein activer Beamter nnd ein Doctor der gesamiilten Thicrheilkunde. Alle Samstag ist in Raabs Biehmarkt, zu welchem auch israelitische Händler eintreffrn. Wie diese von den Hetzern behandelt werden, wie man Schuljungen abrichtet, die Inden zu chicanirc», wie ferner gegen einen Handelsmann vorgegangen wird, welcher das Unglück hat, in Oberndorf änsässig zu fein — über alle diese aiitisemitischen Heldcnthatcn wird gelegentlich schon berichtet werden. Die Raabscr Indcnfresscr stehen in Eontacl mit den Perganiancr» in SicghartS. Bon Oberndorf gehe» auch die Fäden nach Spcisendorf und Karlstein. Das Spinngewebe wird aber hoffentlich bald weggcfegt werden. Tic Zniisitschcchc» und der Antisemitismus.) Die jungtschechifchc Wählerschaft der Prager Joscsstadt hatte an den Jungtschechen el.nb die Aufforderung gerichtet, angesichts der Kolincr Ereignisse seine Stellung zum Antisemitismus zu präeisiien. Die betreffende A»fsordcrnng wurde dein Ereclitivcomitv zur Borbcrathnng übergebe» Untcrdeffcn greifen die „Rarodni Listy" den Statthalter wegen der Beantwortung der Interpellation Richter, betreffend die Kolincr Exccsse, a», weil dieselbe entschiedener gelautet als jene gelegentlich der Reichcnberger Ausschreitungen. — In der Sitzung des böhmischen Landtages vom'8. Mai ergriffen die Jungtschechen die Gelegenheit, zu de» Kolincr Ereesseii Stellung zu nehmen, nur dürfte diese Stellungnahme nicht ganz int Sinne de» Ioscfstüdter Wähler sei». Abgeordneter Inwald polcmisirte gegen eine frühere Aeußernng Ba^aty's, der sein Bedauern darüber ansgcdrückt hatte, daß auf dem Prager Grabe» das hebräische Geschlecht noch »»behelligt einhergchen könne. „Ich danke dem Herrn Dr. BaSaty für eine solche Documciltirnng der vollkommenen Gleich bcrcchtigung," sagte Herr Jnwald. „Seine Zugehörigkeit zur freisinnigen Partei hat mich nie getäuscht, und Herr Dr. Julius Gr>'-gr wird mir das Zengniß nicht versage» können, daß ich vor incincr Eandidatnr die dceidirte Erklärnng abgegeben habe, mit Männern wie Dr. Ba^aty nicnialö etwas;» thnn gaben zn wollen. Herr Dr. Ba^aty ist ein gelehriger Schüler seines Meisters, des Mechanikers Schneider; Schncidcr wnrdc auch von Männern »nterstützt, die geglaubt haben, diese Thätigkeil mit dem freisinnige» Programm i» Einklang bringen zu könnnen Wenn die Juden, die ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen, unbe hclligt auf dem Grabe» spazieren gehen, so ist dies nicht ei» Berdienst des Herr» Dr. Baiaty, und ich kann daher nur in nlcincm »nd im Rainen aller rechtlich denkenden Männer Sr. Ercellenz dcni Herrn Statthalter für die Beantwortung der Interpellation Richter danken, in welcher er sich gegen die verwerfliche Bewegung aufs Lebhafteste und Schärfste, verwahrte, welche Herr Schneider in Kolin. angestiftct hat." Richdcin Bakaty cS versucht, den Sinn seines von Jnwald angenagelten Ausspruches abzuschwächen, ergriff Abgeordneter Dr. S i l das Wort: Er fühle sich nicht verpflichtet, als Anwalt des Wiener Abgeordneten Schneider aufzntrcten; weil aber der Abgeordnete Jnwald die Sache so dargestellt habe, als ob Schneider der Anstifter der Koliner AiiSschreitiingen gewesen wäre, so erachte er es für seine Pflicht, als Augenzeuge der Borgüngc in Kolin einige Worte z» sprechen. An den Ercessen in Kolin seien die Juden selbst die Schuld, und zwar durch ähre Thätigkeit auf wirthschaftlichem Gebiete und durch ihr Borgehe» in nationaler Beziehung. Die Juden seien es, welche die Germanisirung im rein tschechischen Gebiete fördern, die Juden seien es, welche Schnlv.reinsschulcn erhalten, welche die Ger nianisirnng überall hintragc». Wenn also Excesse gegen die Juden entstanden sind, so seien die Jude» selbst daran schuld; würden sie sich anders benchinen, so wür-de ihnen nichts geschehen. Uebrigens würde die ganze Sache in der jüdisch-deutschen Presse übertrieben, um das tschechische Bolk des Antisemitismus zu beschuldigen. Sollten die Juden sich aber fernerhin so benehmen wie bisher, so würde auch der Antisemitismus im tschechischen Volke wachsen. Der Redner zog dann