Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 57 (7.5.1893)
- Date
- 1893-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seite rt Freies Blatt. Nr. 57. Präsentant der Geldbcrrschasl sei. Omi Jahre 18?ü habe die anticapitalistische Bewegung mirdurch das Bcniil des Judenhasses so gemildert werden können, daß sie vor deren Eiiimiinden in die Socialdciuokralie bewahrt blieb, Ferner sei damals die Mehrheit des Parla »iciiis ,'?> iudenicindlich gewesen. Bismarck habe aber trotzdem weitsichtig die Rechte .der Om beit nicht geschmälert Tic Acra Ahlwärdt sei eine Folge der jetzigen unprodnctivei; Politik. Pie feiernde.«raft suche eine lintUiininii im antiiemikischen Sport. (ir wäre mit Ahlwärdt ohne (Berichte und Emnmisnoncii eaich scrtig geworden. Das (>'ehcul gegen die Juden sei seiner Ansicht nach eine Feigheit; man wolle nur die Rolhrnie des Bolkes liberlönen. Er habe nie nm Beifall, weder bei den Aiilisemiteu noch bei den Inden gebuhlt und geselle sich alich heute keiner der beiden -Paitcien zu. (Gesetzliche Mittel gegen dic-Omdcn seien zwecklos. Allmälig würde die Bermischuug und Kreuzung der Race» das Ihrige tlinu. Pie Beharrlichkeit, mit der bald die Inden, bald die Antisemitenals die allergesähOlichsten Feinde des stccichcs ausgegeben wurden, während an mancher entscheidenden P teile das (^eiühl für Berankwortlichkeit feile, während Poleiithm», Freihandel, Eentrnm und die Poeialdemokraiie sich zu vergnügten Mahlzeiten rüsten, erinnern den AiittKii an Männer, die, weil sie mit den sie iiiiiriiigenden Raub khicren nicht anzubinden wagen, ihre-n Heldeniinilh an einem Mückcnschwann auslobc». - - Wir haben die in sich widerspruchsvolle und zu verschiedenen Zeilen verschiedene Haltung des pursten Bismarck gegen über dem Antisemitismus schon wiederholt beleuchtet. Per Bericht Harden's bestätigt, unicrc Anssassnng vollkommen, namentlich aber die Aivialune. daß der Fürst nripriiiiglich dle Slöckerei begünstigt habe, um die Sorialdemokralie zu schädigen. Er lies; die Omdcn schlagen, wobei allerdings der Haß gegen den Liberalismus und persönliche ücaneüne gegen die Juden Laster »nd Bambcrger auch mitgcspiclt baden, batte cs aber im (.Grunde seines Herzens daraus abgesehen, auch dadurch die Sveialisten zu lieisen.! \HhlU»nrDt'v „l?limiUiort".l Per Mann, welchem im dcui'chen stieichskage das niivailamcntarische Wort' „Schnsi" zngerlisen wurde und der zwei Page nach diesen! Zuinfe denselben rechiiertigte iichem er in einer Berliner Radau Beriammliing niitcr Asssslenz seines Freundes Werner nicht nur den Führer des Eenirums, Pr. Lieber, sondern auch den Boi sicher der Tivoli Anlisemiicii, svreiherrn v. M ante uttel, in der unilällngsten Beeise beichimpsle, ivird selbst ron Anti scmilcnorgancn, welche noch nicht aller Pcham bar sind, gänzlich fallen gelassen Pie Wiener „Hose mit den zwei Säcken" aber bewahrt ihm auch in dielen Pagen eine Anbänglichkeit, die so weit geht, daß sie ihn an Bcrdächiignngen der Herren v. Bennigsen und Miguel noch zn überbieicn sucht. Einen lebrrcichen Beitrag zur Eharakicrislik des Ahlwardtismus .liefert die „freisinnige Zeitung". Pie bringt einen Auszug ans eiinm Brieie Alstwaidl's, Berlin, den i?5. Jänner l>85». Per Briet liegt in der Nedaetion des Blattes int Original vor, wo ihn der rechkniäßige Eigcnlhnmer Übergeben hat. Er ist an den Hberinsveelor E r o h n gerichtet, tnüvil an ein Gespräch an, welches Ahlwardr mit demselben gesiibrt bat, und verbreitet sich im Eingänge über die i'veial politischen Ansichten Ablwardt's. Ahlwärdt in danach ein Anhänger des .Professors Wagner, macht demselben aber zum Borivur'e, daß er, ^ai nait sich durch Ueberzcugung allmälig seine Partei zn bilden, sich an andere Elemente anschloß und damit AUcS verdarb. Es ivar die aniiiemili'chc Bewegung, die er als Piedesial bcnntzcn ivollle". Per Brief fährt hieraus wöiklich fort wie folgt: Ti. anli'emiti-'cke Bewegung bade icd ron LiZ'ä'ng an vcrdan Ult, Ivcit cs ' c.n nne-.l . vier llnnnn in. einen rl'iein'elieii >tmer Religion ntgen zu loben oder zn n.se.n. Ta-:- inelarbiisvcke Besürniiß bat überall Religionen gelchasien, die ’.ti:?.:. sie gegebenen Berbäluiine ül'erall die besten sind. Om Geunde ist s n.eie.l. :ieleide aebeimnißvollc Mäckit. zn der wir unseren Blick erbeben '.bla.;; e e i'iait nun (yo:t oder Allah oder B.ahina beisten Wir Alle lönnen Rldgion r.: i: »äl!en, irenigstens eine bestimmte form nicht, da sie uns in derfuge::: reu den Ene-.n gegeben wird. Bleichen wir auch später in nn-eren Annb .nnng.on eenen der Ellern ab. ko ist es doch wobt unsere Pstick.k. die form b.:z.,i-batten, bei irerber die'e sich glücklich suhlten. Och ver dannne es dabcr und ^a'e. -e ren j.-ber vcrdainnit, einen Menschen seines celigiö-en Belenimni'es b.i.rdc anzn'echten Tamil ist ineine St-Unng zur aiittkemiti'chen B>n e.ztiva g-.z-'ren, und ac-.nd.e um zn zeigen, daß die Politik mit der Religion nichts zu idi.-.’r-u! ,it, I ich in der .geil der Wahlbewegnng eine christlich jüd-'che Be./, .ibnist'eier de- Fräuleins Zucker veranlaßt, die noch »ach vielen Jalren : i: Beil iligicn eine erbebende Ürinnerung ii-rn wird ' Ahlwärdt schildert alsdann, daß ihn scildem die. conscrvativc Partei habe fallen (affen. Er hone aber, daß ein Phcil der liberalen Parlei sie!, allniälig zn lffitnidiütze» bekehren werde, die es ihm möglich machen würden, sich ilir anznschließen. Per Blies schließt: Wer mich aber einen Amiscuiilcn nennt, spricht alis Unkenntniß oder mit der Absicht, mich zn verleumden. Gerade unter Juden habe ich'seit Jahren meine besten Frenndc. Auch die Wucherer, die mich ruinirt haben, sind nur znm kleinsten Theile Inden. Zwei, Herr W. »nd Herr P-, sind katholisch, H. war evangelischer Lehrer, M. ist Schwiegervater eines evangelischen Pastors und schreibt selbst lheotogischc Bücher, H., R, E., H, B. sind evangelisch, P, H. sind jüdisch. Wohl kenne ich unter indischen Leuten große Halunken, ebenso wie unter christlichen, und über beide habe ich mich gelegentlich wohl scharf genug ousgelasien, aber mich;m» Amiseniilen stempeln wollen, kann nur Tninniheit oder Bosheit wollen. Sder glauben Sie, lieber Herr Crohn, daß es nbeihanpt einen Menschen geben könne, der bei einem anderen in schrecklichster Roth Hilfe sucht und deninächsi ihn seines Glaubens halber verunglimpft, statt ihm lebenslängliche Tankbarkeit entgegenzutragen? Also, geehrter Herr Crohn, kaffen Sie bezüglich meiner Angelegenheit einen Eiitschluß. Wollen Sie mir. helfen, dann beschleunigen Tie die Sache, so gut cS geht. Erlaubt eS Ihre Zeit nicht, und stehen Sie der Sache nicht sympathisch gegenüber, so muß ich mich auch fügen. Nur daß Berleumdnng mir bei Ihnen schaden solle, würde mir leid lhnn. Sollten Sie mir helfen, so werden Sie doch nicht von mir verlangen, das; ich das Geringste gegen meine Ueberzeiignng thnn soll. Aber daS verspreche ich Ihnen ans Ehrenwort, »nd das halte ich auch, wenn Sie sich von mir ivenden, jede religiöse Omoleranz bekämpfe ich bis zum letzten Athemznge! Wie Ihre Entschließung auch äuSfallen möge, die Bersichernng kann ich Ihnen geben, daß Ihre Freundschaft, .wie ich lie seit acht Jahren genoß, einer der schönsten Lichtblicke in meinem sonst ziemlich diistern Leben sein wird. Aizs weiteren der Rcdaction des obengenannten Blattes vorliegende» Schriftstücken und Briefen der Folgezeit ergibt sich, daß Herr Erohn zusammen mit fünf anderen Herren christlicher und jüdischer Eonfc sion ein Eonlit'- bildete, um durch „vertrauliche Bitte a» edle Menschen frenndc" idieser Ausrilf dcuirt vom 3. Februar 18*51 eine Summe zuiammenzubrlilgcn zu dein Zwecke, Ahlwärdt von Wucherschulden zu befreien. In einem späteren Briefe vom l-t Sctober 1885 bekundet Ahlwärdt dem Adrcsiaten, daß „jetzt Gott sei Dank!" seine Angelegenheiten definitiv ihre Erledigung finden. Er ruft in dem Briefe die Berweiidiliig des Adresiaten für einen Freund an. Denn es sei ih'm ja mehr als ausreichend bekannt, daß für den Adresiaten das Leben nur iilsoferiie Werth habe, als er feinen Mitmenschen nütze» könne. „Ist doch meine und der Meinigen Rettung auch Dein Werk." Ter Blies schließt: „Ich hoffe, daß Du bald in Berlin sein wirst, nm Dich an dem Glück, das ich durch Dich bereits erlangt habe, und was ich für meinen Freund durch Dich erhoffe, zu erfreuen, da ja die Freude an einem vollbrachten gntcn Werke von jeher Dein einziger Lebensgenuß gewesen ist." I Socifllücmofrfltcn llllt) Alltiscilliltll.) Bei Berathung einer Rovelle zum Wuchergesetz" im deutschen Reichstage kam eS zu einem heftigen Zusammenstöße zwischen Socialdemokrateii und Antisemileii. Der socialdemokratische Abgeordnete Stadthagen eonstatirte, daß Lieberman» »nd Böckel in Hessen mit gefälschten Güterschlächterlisten opcriren und keinerlei positive Arbeit anfzuweisen haben. Wenn Herzlosigkeit, Unwahrhaftigkeit, der Hang, Anderen Falsches vorzureden, den Wilchergcisi kelliizeichuen, dann sei der ganze Antisemitismus Wucherei. Auch die Borenthaltung von AlimentatioliSgeldern sei Wucher. Hätte Böckel schon vor fünfzehn Jahren Material zu sammeln angefangen, so' würde er in Frankslirt a. M. von einem Manne seines Namens erfahren habe», der bedeutende Wuchergeschäfte trieb. Abgeordneter Böckel, welcher die Anspieliing.auf den Paternitätsproeeß, den gegen ihn seine ehemalige Wirthschafterin angestrengt hatte, scheinbar ruhig hitinahm, sprang, als Sladthagen des Frankfurter Wucherers erwähnte, erregt aus und rief: „TaS ist mein Bater!" Um sich an Pkadthagen zu rächen, schleuderte er ihm Beschiinpfnngen entgegen, wie „Gemeinheit", „Erbärmlichkeit", „Schuft" :e. Ter Vorsitzende lief Böckel zweimal zur Srdiiung, worauf Stadthagcn fortfuhr und die Wuchergeschäfte der Antisemiten, specicll deren Bauwucher in den Bororten B.rlins geißelte. Der folgende Redner, der Soeialdemokrat Kunert, .erinnerle an das von Ahlwärdt in seinem neulich publiciitc» Briese gegebene „.Ehrenwort", sich nicht an dein Antisemitismus zn betheiligen, und erzählte, Ahlwärdt habe seinerzeit seine schätzbare Thütigkeit der Socialdemokratie angeboten, falls ein bei Singer durch Kmierk's Bermittlung versuchter Pump gelänge. Aus die Behauptung Böckel's, Kunert sei selbst Antisemit, erklärt dieser: „Ich habe mit dem Antisemitismus so wenig zu thnn wie mit der denkbar niederträchtigsten (Gemeinheit. Ich halte ihn' für die schtiinmste Pestbeule des Bolkes. Ein großer Theil der antisemitischen Führer gehört nicht in den Reichstag, sondern in ein EorrectionShaus für sittlich Berwahrloste".- Liebermanu v. Sonnenberg suchte seine persönliche Ehrenhaftigkeit gelegentlich seiner Hfsieierszeit zu beweisen, -die bekanntlich wegen gewisier -Ehrenscheine wiederholt diSeutirt worden ist,