Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 57 (7.5.1893)
- Date
- 1893-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441408--0572-4887090- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
r Seit* 5 Nr. 67. Freie» müssen wir plündern!" Es kam aber zu keinen Ausschreitungen, trotzdem Mechaniker Schneider zur selben Zeit in Kuttenberg weilte, wahrscheinlich zu Studienzwecken. Bon hier begab sich der Mechaniker nach Kolin, wo er seinen eigenen Aussagen int niedst österreichischen Landtage gemäß bereits acht Sage früher einmal geweten. Ta jedoch der jungtschechische Abgeordnete Tr. Sil, welcher die Seetion an der Marie Havlina vorgenommen hatte, sich derzeit in Prag als Lcrndtagsabgeordneter aufhält, bestellte ihn Schneider von Kolin ans zu einer Unterredung ins „Hotel Schebek" in Prag und fuhr, i» die Landeshauptstadt. l Dort fand diese Zusammenkunft mit Tr. Sil statt. — In der Sitzung des böhmischen Landtages vom 3. Mai beantwortete Statthalter Graf Thun die Interpellation der Abgeordneten Alexander Richter und Genossen, betreffend die in Koli» und Umgebung vorgefallenen antisemitischen Ausschreitungen. Ter Statthalter schilderte den Berlauf der Koliner Excesse und führte, die zu ihrer Bekämpfung getroffene» Maßnahmen an. Die Sicherheitslnchörden, betonte er, haben ^nichts versäumt, was ini Jnteresie der Sicherheit der Person und des Eigenthums verfügt werden konnte, und sind überall mit aller Entschiedenheit ausgetreten, wo der Versuch gemacht wurde, die öffentliche Ruhe und Ordnung zu stören. Der beste Beweis hiefür liegt wohl darin, daß eS ihnen gelungen ist, die Wiederholung und Ausbreitung der bedauerlichen Excesse vom 12. April zu verhindern und die Ruhestörer der Strafe zuzuführen, welche dieselben mit Urtheil des Kreis gerichtes Kuttenberg vom 30. April in der vollen Strenge des (Gesetzes erreicht hat. Ter Statthalter fuhr sodann fort: Was die an-mich gestellte Jliifvngc betrifft, ertaube ich mir ,folgendes;» bemerken: Obwohl ich Überzeugt bin, daß das HauS über meine Anlchaunug in Betreff tiefer Ereignisse nicht int Zweifel ist. so kann ich eS doch bei dieser Gelegenheit nicht nnterlafse», meinem tiefe» Bedauern über die be. flage»Sinertbeit Borgstnge Ausdruck zu geben und die Bewegung auf das Schstrfste zu verttrtl)eiIett, welche eilte ganze Elasie gleich . berechtigter Staatsbürger ihrer gesetzlich gewsthrle!steten Rech te berauben töill und sich hiebei von bliudem Racenhasse leiten läßt - ES ist felbstverststndltch, daß die Regierung und alle ihre Orgat'7 idiott in Ausübnng der ihtteu obliegenden Boiforge für die aUgem-i.te Ausrecinerhaltuug der öffentlichen Ruhe und Ordnung verpflichtet find, dieser Bewegung ihre vollste Aufmerkfamkett zu widtnen nud ,t o immer sich ein Anlaß dazu bietet, derselben m i t E n t s ch i e d e n h e i t e >-.: g e g e n; u I r e t e n. t m aus diese Weise allen Bewohnern dieses Landes ohne Rücksicht auf die Ra tiottaIitä t, den Stand und die Eonf c if i oh den vollen (8euu ß der staatsbürgerlichen Rechte und den S chutz ihrer berechtigteil Interessen zu gewähren. Das Vereins- und BerfanimlungSrecht wird von diesem Gesichtspunkte gehandhabt und die Preßpolizei den verhetzenden Publicationen gegenüber auf das Strengste geübt. Es kann aber nicht Sache der Sicherheitsbehörde fein, gegen verbreitete Anichanungen und Tendenzen zu Selbe zu ziehen, sondern ihre Thätigkeit in dieser Beziehung kann der Hauptsache nach nur eine repressive sein und erst dann eiiitreteit, wenn solche Ideen in conerete» Thatsachen ihren gesetzwidrigen Ausdruck sinden. Zum Schlüsse kann ich nicht umhin, mit einigen Worten der Picsse zu gedenken, deren Stellung;n den vielbesprochenen Vorgängen allerdings nur in wenigen AnStiahmSfallen zue Beschlagnahme der belresienden Blätter sühne. So, begreiflich und auch aner kennenSwerlh das Bestreben der Journale ist, ihre Leser über nlle Vorkoinmnisse so schnell als möglich zu benachrichtigen, so ist eS andererseits nicht zu verkennen, daß die überstürzt verbreiteten, unverbürgten Rachrichten eher geeignet sind, bei der weniger nrtheitSsühigeu und von vorgefaßten Meinungen besaugeneu Menge erregend und verhetzend alS beruhigend uizd ansklätend zu wirken Während das Berganische Blatt dem Statthalter Grasen Thun zumuthet, daß er den nicht zu verachtenden Beifall der Wiener liberalen Presse mit seiner scharfen Berurtheilung des Antisemitismnö angestrebt habe, da er sich als präsumtiver Rachfolger des Grafen Taaffe betrachte, findet das „Vaterland", der Statthalter habe Jenen eine „sehr ernsthafte Lehre" ertheilt, welche „in ihrer übertriebenen Besorgniß um eine geringe Anzahl jüdisch t Mitbürger geneigt waren, die verfassungsmäßigen Rechte so vieler Anderer, wxlche mit den Excessen in Kolin nichts gemein hatten, preiszugeben". (Antisemitische Ausschreitungen in Troppnu.) Wie ans Troppan berichtet wird, fand dort am 30. April Abends ein arger Exceß statt, den der Wiener antisemitische Buchhändler Sch widern och verübt hatte. Letzterer weilte in Troppan anläßlich eines am 20. April abgehaltenen antisemitischen „Bürgerfestes", bei welchem der durchgefallene ReichsrathScandidat P o m m e r nud feine Protectoreu Bürgermeister Rochowansti und Bieebürgermeister Krouimer gefeiert wurden. Schttzidernoch's Heldenthaten schildert die ofsieielle „Troppaner Zeitung" vom I. Mai wie folgt: „Am Samstag fuhr der hiesige Agent Herr Josef >Pollak von Wien nach Troppan. Bis Schönbrnnn i theilte er eilt Eonp«' II. Elaste mit dem Buchhändler Herrn Earl I B l a t t. Schwidernoch, Eompagiron 'der Firma Lest & Schwidernoch in Wien, und einigen anderen Herren, denen Herr Schwidernoch die'Berhältnisse in Galizien in düsteren Farben schilderte, der sich insbesoiidere über die dortigen Inden in abfälliger Weise anssprach. Herr Pollak widersprach Herr» Schwidernoch und betonte, daß die Be'rhältnisse in t^alizien thatsächlich nicht derart sind, wie sie Herr Schwidernoch ge schildert. In Schönbrnnn stieg Schwidernoch in ein Eonp,'-. in welchem sich der zii einem Feste »ach Troppan reisende Wiener Gyuuiasial Professor Hexr Tr. Pp mm er befand. Als Herr Tr. Pommer gestern Rachmiltags die Rückreise nach Wien anlrat, begleitete ihn Herr Schwidernoch mit einigen anderen Herren bis Oppahof Stettin, wo sie den Zug verließen. Herr Joses Pollak hatte mit seiner Gattin und drei kleinen Kindern einen Ansslng nach Tielhau unternommen. Schwidernoch und seine Genossen kehrten mit dem t> Uhr-Abendzuge der Rordbahn nach Tröppau zurück, ebenso Herr Pollak mit seiner Familie. Ans dem Wege zur Stadt wurde Schwidernoch des Herrn Pollak ansichtig, und sofort wendete er sich — laut, daß es Pollak hören mußte :— an seine Begleiter mit der Bxinerknug: „Das ist der S . . jud, welcher die galizischen Juden vertheidigt hat, wer ist denn der Jud'?" Herr Pollak trat auf Schwidetnoch zu »nd sagte ihm: „Sie wollen wissen, wer ich bin," nannte seinen 'Ranzen und fügte hinzit: „Ich habe mit Ihnen nichts mehr zu reden und ersuche Sie nur, sich von mir als geohrfeigt zu betrachten. Als Mann von Ehre werden Sie wissen, was Sie zu thnn haben!" Hierauf erwiderte Schwidernoch: „Was reden Sie von Ehre, Juden haben überhaupt keine Ehre im Leibe, Juden sind nur Luft!" Daraus hin erhob Pollak seinen Regenschirm und versetzte Schwidernoch mit dem iinops des Schirmes einen Schlag auf die Schulter. Als Schwidernoch sich tim, auf Pollak stürze» wollte, ergriffen der Eommiö Bock und der Buch Halter Mar Bellas für Pollak Partei und schlugen gleichfalls ans Schwidernoch los, der nun den Bellak erfaßte, zu Boden warf und derart mißhandelte, daß Bellak über und über, ntit Blut'besudelt war. Herr Pollak erstattete .aus der Polizei die Anzeige ititb ersuchte, man möge Herrn Schwidernoch ' um Abgabe seines Rationales verhalten, allein dieser war nicht gleich zu sinden und wurde erst später auf dem Rordhahnhofe 'gesehen, als er die Rückreise nach Wien antrat." — In der Rächt vom 30. April'auf den I. Mai>a:empelte ein Berehrer deö Kleeblattes Pommer Roch'owanski Krommer einen Ofsieier der Troppaner Garnison an. Ter Ossieier sah sich' bemüssigt, den Säbel zu ziehen, um. den. anlisemirische» Exeedenten abznwehren. l Bischof Lobos und dir Zllöcil.s Tie (Gemeindevertretung von T a r n o w ernaniM' den dortigen Bischof Herr» Ig»a; L o b o s zum Ehrenbürger. Ter Depntation, welche ihm das Ehrenbnrgerdiplom überbrachte, gehörten auch mehrere Juden an, und der Bischof wendete sich in einer Ansprache, in welcher er für die ihm zutheil gewordene AnSzeichnnng dankte, an dieselben mit folgenden Worten: „Ich danke insbesondere den Herren Gemeinderülhen jüdischer' Eonsessio» dafür, daß sie für die nur zutheil gewordene elzrenvolle AnSzeichnnng gestimmt, dieses für mich so kostbare Diplom mit unterferticzt haben und zur Ileberreichung bei mir erschienen sind. Es freut mich, an dieser Stelle neuerlich betonen und erklären zu können, daß ich für ein einträchtiges Zusammenleben -ntit den Mitbürgern mosaischer Eonfession. stets warm eingetreten bin und jede Animosität gegen diese unsere gleichberechtigten Landeokinder, dem erhaben n Gebote der Rächstenliebe entsprechend, ent schieden perlsdrreseire. Ich weiß der Tarnower Judenschaft auch Tank, daß sie bereitwillig dafür stimmte, daß die hiesige Kathedrale aus dem Genuindesückel restänrirt iuctö£ Tie -.israelitischen Mitbürger mögen immer von meinen wohlwollenden Gesinnungen überzeugt sein." Bischof Lobos faßt die Gebote der Rächstenliebe ganz anders auf als Cooperator Schnabl. - (Eine Unterredung mit Bisnllirck. i Maximilian H arde n ver össentlickt in der „Zukunft" einen Bericht über eine Unterred^ing, die er mit dem Fürsten Bismarck über"den Äntisemitismns hatte In der Einleitung zu diesem Berichte, versucht Harden BiSmarck'S Begünstignng der Anfänge des modernen Antisemiiismus zu erklären und zu ent schuldigen. - Bismarck sei eben durch seine ganze Erziehung im Sinne seiner Zeit kein Iudensreund und 1847 ein Gegner der Inden Emanripalion gewesen. 1800 habe er aber die Emaneipation be günsligt, da er bei Bleichröder rascheres Berstäudniß ftir feint nationalen Pläne gefunden habe 'als bei den „Ariern", lieber die Unterredung selbst theilt Harden im Wesentlichen mit: Fürst Bismarck habe erkannt, daß die Bermischnng der Raren tjtfiii jungen Reiche mir Bortheile bringen könne. Allerdings Habs maii^cnich keine Zeit gehabt, sich mit der „Jndenfrage" zu beschäftigen. Das Aufslackern des Anti semitismns, meint Fürst Bismarck, nach der Gründerperiode sei begreiflich, da die Menge der,Betrogenen Eapitalismuö und Indenthnm ' verwechselte und der Jude für die Masse der zmtächst erkennbare Re-