Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 57 (7.5.1893)
- Date
- 1893-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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i 5ei*r4 Freie, i ftlltflictmflcil.) Tnrcf) die Administration des „Freien Blattes'' «Wie», I., Scilcvtuittc, U)) können Gesinnungsgcnoffcn folgende Broschüren gratis und franco beziehen: I. Bericht der zweiten (de»era lverfa min l u n g des Bcrcincs zur Abwehr des Anti- 'emitisnius 1S* i». S ten og r aphi s ch eS Protokoll der am I.» Selobcr I^'IL roin Bercin zur Abwehr des AntifcinitiSninS veranstalteten Protestvcrsaiuiulnng .'V „Die rechtliche Stellung d e-r bilden in Oesterreich" von Tr. Gustav Heinrich Fall. Wien 1 *'.1:?. Bering des Bereincs zur Abwehr des Antisemitismus. 4. Bericht der dritten Ge n er a l v c rfa in m l u n g des Bereincs zur Abwehr des Antisemitismus 1*0.'}. — Um Wcitcrvcrbrcitnng dieser Schritten unter R i ch k gcsinnungsgcnosicn wird gebeten! > Gillsltchks Mittel. (rin Landwirth schreibt UNS: Ei» Mödlingcr Hauer jammerte einst, daß die Inden ihm die Kühe ans dein Stall treiben. „Rclun't Euch lieber selber beim Schopf/ sagte ein Kenner der Bcrhällnissc, „Ihr verschweigt alles Borhcrgchcndc: Erst wird Lcitgeben' angckündigk, dann bleibt Ihr die Zeche dein Anderen schuldig, dann schenkt Ihr Euren Wein aus, uni die Zeche zurückzuzahlen, dann koniint der Skencrbogcn. Alles ist vertrunken, die Kuh wird feilgeboien, und unter den Käufern ist der Geldgeber; ist das zufällig ein In de, dann trägt er an Allein die Schuld. Macht, daß die Mul, drin bleibe, dann sind Euer Weingarten und Euer Keller gut, und der Erccutor koinnit Euch nicht ins Haus " Ziioischc Pächter griechisch orthodoxer Kirchen.) Ser „Bolksscennd", das Srgan der „Ehristlich Socialen", schreibt: „Ezcchischc Blatter melden, daß die Bauern in de» clienialS polnischen (legenden Rußlands eine großartige Feier des hnndcnsten Jahrestages der Loslosnng von Polen und der Zngchörigksil zu Rußland planen. Biele! weiten nicht begreifen, wie man es pls ein O'Iiicf betrachten kann, i ' ri istscher Ilntertban z!i sein. Sic Polen gellen doch als eine srciheiis i liebende Ration, und inan niöcluc meinen, es war immer so. Rußland i aalt seit über als despotisch regiertes Land. Aber unter der Regierung - d t selbstständigen Polentonigc balle eine arge Eorrnprion ist allen iRiedcrn eingerist'en. Sie allmächtige Sctstachia preßte die Bauern und Hörigen in scler nur denkbare» Weise und »ahm dazu sogar die Hilfe! des Inden in Anspruch, 'der dafür sorgen mußte, daß der polnische Edelmann ebne nioineukanc Sorgen leben konnte. Seufzend ertrugen d:e rntlieiii'chcn Bauern dieses Joch, ilnien >vawIste^Shcilniig Polens .ine Erlotting. Ein Red, das noch in, östlichen Galizien zeitweilig ge snno.en wird, läßt uns einen Blitt in die damaligen Bcrhällnisie des selbstständigen Polen Ihn«: Hem' i'l's beiliger S»erlag. Heute endet unsere Plag', Heine endlich kvinint der Iicd' Mir dein Schlüssel ans kein Hill — -ioininr de.bei in ralchem raus, Macht die Xirchciitbilre ans — lind irir rahlen's — bittere S.nal! Weil der Liache >Pcle» cs bnabl — Alle Juden, alle Polen Soll doch gleich der T. bolen. .Fnin Berständniß dieses Liedes sei bcincrkt, daß die Polen die > iitlienischen, der orihodorcn Kirche angehörigen Baue»» zwangen, Kä'bollken zu werden, ihnen ihre orthodorcn Kirchen sperrten und die Schlli'tt.t. dazu gegen hohen Pachtzins an dir — Inden vcriniethetcii. Wo.u ii d e .Bauern in ihrer Kirche beten, so innßken stc dcm Pächter de» Schliiis.l für einige Stunden abniicthcn, ein Bcrgnügcn, welches . nch die Arme» nur zu den höchsten Feiertagen vergönnen konnten. Auch nach der S Heilung Polens erlaubten nch die polnischen Herren |;;n e>!nrre:chi>chcn Sheile, in Sstgalizien, diese Unterdrückung, bis ihnen die olterrcichische üccgicrung Ende der Zwanzigcrjahrc das Handwerk!! ege Man erkennt aus diesen Shaisachcn, erstens, daß der russische! Bauer prcsiiirre bei dcm Sanschc seines LandeShcrrn, und zivcitcnS, daß k:e Inden g'ctkv 'n vor hundert Jahren ganz interessante Geschäfte j machten " Seist „Bolksttennd" ist hier ei» kleines' Malheur wider-; 'ahren: d:e Si:cht, etwas vorziibringen, was die Juden in cincin üblen tticlite erscheinen laßt, verführte ibn in Folge von llnwissenheit dazu, ( a liai'achen zu verzeichnen, welche die llndnldsamkeit jener intcri nationalen Eleincnle illnilriren, deren Föidcrung z» seinen Aufgaben gebärt Es war jesuitischer Einfluß, ivclcher in den iogciiannte» Sissil tentenkänipsen, die das polnische Reich in seinen Grundfesten er- ■ schlitterten, das S»stein der Bevpachtnng griechisch orthodorer Kirchm aii Inden ciufnbrtr, um damit zwei Fliegen ans Einci» Schlage zu lodlen: die Srkhodorc» sollten gedeinnthigt und zugleich die Juden j verhaßt gemacht werden Zu dein „ganz intcressanten (Geschäfte" Blatt. . ^_Nr. 57. drängten sich nicht etwa die Inden heran, sic wurden vielmehr dazu von frommen, im Geiste des JesuitiSmus erzogenen Herren gezwungen. (Zn den Kolincr Gxccsscn.) Aus Prag wird uns geschrieben: Sie beiden tschechischen Landtagsabgcordnetcn jüdischer Eonfcssiou Jnwald und Sr. Xalud beabsichtigten unmittelbar nach den Kolincr Erccsicn eine Interpellation an den Statthalter zu überreichen, .mußte» jedoch von diesem Borhabcn abstchc», da cs absolut uniiiöglich war, die nach der Geschäftsordnung dcS Landtages erforderliche Unter schriftenanzahl für diese Interpellation aus den Reihen der Iungtschechc» zil beschaffen. BcmcrkcnSwcrth ist, daß Dr. Julius Grcgr sich dem Abgeordnete» Jnwald gegenüber äußerte, er werde gelegentlich 1 der Budgetdebatte, wenn sei» Elub ihm dieS gestatten; sollte, entschiede» die Kolincr Ercignisic rügen. AlS sich Herr Jnwald mit dem Begehre» um Unterstützung seiner Interpellation an den altlschechischcn LandtagSabgeordneten Sr. Scdlak wendete, bemerkte ihm dieser, er käme poot kestnin, weil von deutscher Seite eine solche Interpellation schon vorlicge. — Unterdessen wurde die Strafanitshandlung gegen die wegen Theiluahnie an de» Kolincr Ercesic» angcklagten Personen vor dem Krcisgcrichtc K uttenbcrg zu Ende geführt. Bon den lü Angeklagte» wurden ti wegen Berbrcchcns der öffentlichen Gcwaltthäligkcit zu schivcrcni Kerker von zwei bis zehn Monaten, 0 wegen Bergchcns des Auslaufes zu Arrest von drei Sagen bis drei Wochen vcrnrthcilt. Bier Angeklagte wurden frcigesproche». Der öfscntlichc Ankläger in dcm Proccssc, Staatsanwalt Tr.' S ch n c i d e r - S w o b o d a, sagte in scincin Plädoyer n A. Folgendes: „Tic Annahme, daß die Israeliten das Blut junger Ehristen brauche», und daß sic deshalb Morde vollfnhre», die in religiösem Fanatismus ihren Ursprung habe», liat sich bisher in den niedrigen BevölkcrungSclasicn erhalte», obgleich <>K'lchite und Gebildete.diese Annahinc als eine bloße Täuschung und alS eine Ausgeburt religiöse» und menschlichen Hasses erklärt habe». ES ist erwiesen, daß, so oft eine Rachricht über, einen sogenannten ritualen Mord ansgctanchk ist, dieselbe in der gebildeten Welt keinen Glauben gcsnudc», dafür aber in Folge von Agitationen nntcr den niedrigeren BcvölkernngSclassen eine große Bewegung hcrvorgcrnfcn hat. Und doch sind stekS die Behörden nnd Sicherheitsorganc rechtzeitig und -energisch cingcschritten, habe» gegen die vcrninthlichcn Schnldtragcndc» die ' lintcrsuchnng cingeteitet, ohne daß bisher sichcrgcstcllt worden wäre, daß in nnjcrcni Reiche ein Ritualmord verübt worden sei. Auch anderswo ist dies nicht sichcrgestcllt worden. Tiefe Annahmen bestehe» j aber trotzdem noch heute, so oft z. B. ein christliches Mädchen, das bei 'filtern Inden im Sienstc stand, entweder verschwindet oder durch Selbstmord endet. So ist dicö auch in Kolin der Fall gewesen. Gleich nach dcm Bcrschwindcn der 17 Jahre alten Havlina, die bei dem Israeliten Brettlcr im Sienstc stand, wurde dies der hiesigen Staatsanwaltschaft gemeldet. Ticsclbc hät die sorgfältigste Untersuchung ein- \ geleitet. Ich muß ausdrücklich betonen, daß in dieser Richtung strengstens, untersucht >v » r d c. E s l a g jedoch kein Grund vor, »in gegen Jemanden wegen ritualen . Mordes cinzuschrcitcii. Alle die Gerüchte erwiesen sich als! falsch und erlogen.-. Tie Scction der Reiche der Havlina zeigte keine Spur einer G c w a l t t h ä t i g k e i t, geschweige denn eines Mordes, spccicll eines RitnaluiordcS. Obgleich dies der Gerichtsarzt gemäß seiner amil chcn Pflicht den Behörde» anzcigtc, wurde doch für gut erkannt, die Leiche vor einer gerichtlichen Eoininission zu fectciu. Hiezu wurde» nicht blos die Eltern und Bcrwandtc» der Havlina, j sondern auch ganz fremde, glaubnuirdige und ehrsame Bürger von Kolin geladen. Tic Gcrichtsärzte bestätigten, cs sei an der Leiche nicht der geringste Makel vorgefnndc» worden, das Mädchen sei durch Selbstmord in Folge Ertrinkens ans dein Leben geschieden. Weder Schnittnoch Stichwunden fand inan an der Leiche. Leider war cs eine politische, a n t is e in i t i s ch e Agitation, die durch nubesonncue Leute geschürt wurde. Leider hat zu den Kolincr ‘ Ercesse» in nicht geringem Maße die locale Presse, das ist die Zeitschrift „Polaban", bcigctragcn, welche, statt die Leute zu beruhigen und die Begebenheit ans das richtige Maß zurückzuführen, die vage Annahine eines RitualniordcS noch bestärkte, indcin diese Zeitschrift mit gesperrter Schrift die Milthcilung machte, die Leiche habe Stichwunden rings um die He. zgegcnd gehabt und Spuren von Bißwunde» gezeigt. Sa könne inan sich nicht wunder», daß die Aufregung nntcr den Massen durch solche Mitthcilungcn vergrößert und die Wnth gegen die Israeliten erhöht worden ist. Tic Staatsanwaltschast hat. pflichtgemäß gegen den „Polaban" das snbjcctivc Verfahren nnd gegen die verantwortliche» Personen die Strafamtshandlung nach 8 .'»08 cingcleitct." Bor nnd während der Pnblication dcS UrthcilS sah ma» vor den» KreiSgerichtSgebSudc die Frauen der Angcklagten mit ihre» Kindern, die sie entweder-auf dem Arme trugen oder führten. Es würden unter den Frauen die Rufe laut: „Wenn man nnS die Mäyner cinspcrrt,