Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 57 (7.5.1893)
- Date
- 1893-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441408--0570-4887088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 57. Freisein Mahnwort an alle Jene, welche modern. denkende Söhne haben; sie sollen dieselben oblenkcn von der Bahn -cs rein körperliche» Wctteifern- und mehr auf das Gebiet idealen Ringens zurückführcn, für Kunst, Wissenschaft und schöne Literatur begeistern, sonst verfallen wir noch alle dem „schwarzen Mittelalter" mit seinen furchtbare» Gcistescpidcmien und seiner Rechtlosigkeit, bei dem die Judcnvcrfolgcr deS XI'X. Jahrhunderts in ihrer retrograden Bewegung bereits aiigclangt sind. Bor Allem : Krieg dem Sport und den üblen folgen für die Gcistesrichtung seincr Opfer! E r ist eine der gefährlichsten Ursache» der immer weiter um sich greifenden Bcrrohung der Jugend. Salzburg. Ende April. l>—f. Der Ahlwardl-Scaiidal. Die Berathungen der ans Bcrlangcn Ahlwardt'S vom deutsche» Reichstage eingesetzten Commission führten zu dem voraussichtlichen Ergebnisse. Ahlwardt konnte nichts beweisen; die von ihn« vorgelcgten Papiere waren ganz wcrthloS. Selbst Pickenbach, der auf Ersuchen Ahlwardt'S von den Social-Demokratcn in die Commission gewählt worden war, mußte cinräumen, daß sein Freund keine einzige' Anschuldigung erwiesen habe; nur bezüglich des BerhältnisicS der Disconto-Gesellschast zum Jnvalidenfonds wäre, meinte er, »och eine Aufklärung nöthig. Dem widersprach " aber sogar der Tivoli-Antisemit Ackermann. Als der Abgeordnete Lieber daS Verhalten Ahlwardt'S für physisch ekelerregend erklärte, that Ahlwardt so, als ob sich diese Aeußcrung auf seine Tags zuvor in Folge einer geplatzten Raht derangirte Toilette bezöge, spielte sich auf den Beleidigten hinaus und entzog sich weiteren Fragen der Commissionsmitglieder, indem er den Berathungssaal verließ. Die Commission faßte dann eine Resolution, in welcher erklärt wird, daß der Inhalt der von Ahlwardt übergebenen „Acten" die von ihm in den Rcichstagssitzungcn vom 18., 21. und 22 Mürz vorgebrachtcn Beschuldigungen gegen frühere und jetzige Mitglieder des Reichstages und Bundcsrathcs nicht rechtfertige. Diese von den drei Referenten Cu ny, Porsch und Bebel beantragte Resolution wurde betreffs des Jnvalidcnsonds mit allen gegen die Stimme Pickenbach's, bezüglich der anderen Punkte einstimmig angcnommcn. Der Bericht der Ahlwardt-Coinmission gelangte in der RcichStagSsitzung vom 2. Mai zur Verhandlung. Die Sitzung nahm int Wesentlichen folgenden Verlauf: Referent Enny schildert de» Hergang, der zur Einsetzung der Commission geführt hat, und fährt dann fort, Ahlwardt habe behauptet, es sei durch große Eapiialmächte verhindert worden, daß der Jnvalidenfonds »in 2M Millionen stärker auSgestaitet werde, weil dieselbe» nicht wollten, daß die Regierung gloße Mittel in die Hand bekomme. Nicht einmal in den von Ahlwardt vorgel egten Broschüren stehe etwas, waS diese Behauptung unterstütze» könnte Im Pause der Verhandlungen sei daiui Ahlwardt zu der anderen Behauplung übergegangen, daß die Anlegung des.-Fonds lediglich der Speculatio» zugute gekommen sei. Tcm Versprechen, dies i» der Com- Mission genau zu begründen, sei Ahlwardt nicht iiachgekomme». WaS die An lagen in der Hannover—Alteiibeckener Bah» belrifft, so beirugen dieselbe» unter 201 Millionen nur 12 Millionen; auch in dieser sei ei» Verlust nicht eingetretcn, sonder» ein Gewi»» von 211000 Mark. Tie Behauptungen Ahlwardt'S seit» demnach in keiner Weise gerechtseriigt. (Lebhafter Beifall) Der zweite Referent Porsch erörtert ausführlich daS Vorgehen der Conriniision bei der Prüfung der Acten bezüglich der rumänischen Eise»bahngesell l scha ft, und hebt hervor, daß unler dein von Ahlwardt überreichten Meißner'sche» Materiale nirgends die llnterschrist deS Finauzmiiiistcr» Tr. Miguel stand, so. daß dasselbe keineswegs geeignet sei, die Be haupliingen Ahlwardt'S bez üglich Tr. Miguel'« zu bestätige». Ahlwardt habe auch sei» Versprechen, nach Oster» »eucS Materiale beiznbnngen, nicht gehalten. Porsch verliest ein sranzvsischc«Telegramm Calindero's, worin dieser gegen die schäudlichen Verlcumdiinge» Ahlwardt'S proiestirt und erklärt, daß dieselben mit den behauptele» Thatsachc» in keinerlei Zusammenhang steh»». Porsch schließt mit den Worten, daß die Würde des HauscS die Qualificirung der erhobenen Besch»ldignirge» verwehre »nd die Belege nichts erwiesen habe». Wen» Ahlwardt eiiienFnnke» Ehrgefühl habe, werde er die Beschuldigungen zurücknehmen. (Stürmischer Beifall.) Ahlwardt erklärt, daß die Beharrptung, eS sei beim Jnvalidensond« etwas hinter de» Couliffen vorgekonune», eine Verinulhung gewesen, welche einen „hohen Grad von Wahrscheinlichkeit" für sich habe. Von einer Begründung durch Actenstücke habe er nie ein Wort gesagt. (Schallendes Gelächter.) Ahlwardt bespricht sodann den Bau und die Finanzirung der Hannover—Alten- Blatt. . Seite .! beckener und anderer Eisenbahnen; er behauptet, seine „Arten" wären in II, ordnung gebracht worden.- Präsident v. Levetzow betom nachdrücklich,',. es sei lein Blatt von seiner Stelle gelegt worden. Ahlwardt fährt sodann fort: WaS das Schreiben Calinderös anlange, so handlc-daSr'elbe'osseubar von B«^ stechunge»; tt/ sei aber nunmehr überzeugt,' daß Finanz,»iuister Tr. Miguel damit nicht in Zusammenhang gebracht werden könuc. Er bedauere diesen Punkt seiner Behauptungen und ziehe ihn zurück. (Heiterkeit.) Ahlwardt beschwert sich dann üher die ihm in der Eommission zuthcil gewordene Behandlung »r d erklärt, er könne sich dem Richterspruchc der C oui^ii issio» nicht fügen. Er werde die ganze Angelegenheit in de» nächsten Tagen gedruckterscheine» lassen und sich gerne dem ordentlichen Ge'' richte stellen. Ahlwardt schließt, indem er sagt, wen» er sich auch.in cineni einzelne» Falle geirrt habe, so habe er sich in de» Hauptpunkten nicht geirrt; er müsse diesen jiamps sort-kümpse». Da Niemand Ahlwardt'S Espectorationen einer Antwort würdigt, wird die Debatte geschloffen. Blo« die Referenten E»»n und Porsch unterziehen sich noch der Mühe, abermals stn Einzelnen die gänzliche Unwahrheit der Angaben Ahlwardt'S zu constaliren. Zum Schluffe dankt Porsch feierlich dem Finanzminister Tr. Miguel dafür, daß er, die Bedenke» gegen die Hineinziehung der Mitglieder deS BundeSraiheS i» eine solche peinliche Verhandlung hinlanietzeud, an den Berathungen der Eommission und dor Ltlarstellung de« Sachverhaltes theilgciiommeu im Jntcreffe der Wahrheit und PeS aUgemeiueii Vertrauens, -zur Warnung und ivcnn möglich-zur Belehrung des von diesem Manne irre gejührten Theile des deutsche» Volkes, f Der Antrag der Eonimissio», der Rcichsrath wolle be schließen, nachdem--der Bericht der Commission die Univahrhe.it der Behauptungen Ahlwardt'S dargetha» hat, dessen Antrag als erledigt zu erklären, wireinstimmig angenommen. Für den Antrag der Eommission stimmen auch die Antisemiten Zimmerman-n, Bocket und-Liebermann. Ahlwardt und seine Freunde Pickenbach undWerner Halle» vor der Abstimmung daS Hans verlassen. Aus dem nicdcröstcrrcichischcu Landtage.) Dic^uisliniten, welche nicht oft genug den Vorwurf wiederholen könne», "'daß iii'biii öffentlichen VertrctungSkörpern nichlö Rechtes geleistet werde, sind ihrer» fcils in, der Landstube in der Herrengaffc wieder frisch an der Arbeit. In der That ist cs geradezu wunderbar, was so ei» antisemitischcr Volksbcglücker an einem Tage zu (eisten imstande ist. In der Sitzung vom 2>s. April erwies sich der bekannte Stampiglien-Schneider zunächst als Freund der- Volksbildung, indem er dcu Wunsch äußerte, in die Landcsbibliothek möge auch ein Exemplar einer guten, correcten Taluckidübersctzung aufgeiwmmcn werden. Eine ,.gnlc, corrcctcs -Äcberscynng des-Talmud nach Schncidcr's Auffassung lonulc mititvlicf) ntur, sein Freund der Mcincidproscssor anfertigcn. Bei cineni. späteren Punkte der Tagesordnung, die Subvcntiouirnng des „Tcutichcn Schulvcreincs" anlaugcnd, öffnere.Schneider abermals die Schleuse» seiner Bierbank suada, um als „deutscher" diesen „nndcnlschen" Verein abzukanzcln. Es war ein Schauspiel für Götter, 5?» urcigentlichsten Tnpns dcr antiscmitischcn Internationale sich auf de» bernicucn Sprcchwarl des Deutschthums hinausspiclen zu sehen. Schneider «hat natürlich hicrin-scin Bestes, indem er daS Vorhandensein deutscher Spracheninscln in Böhme» leugnete und diese einfach als Jrzdencolonien hinncllle. Seine dies bezüglichen Erfahrungen hatte Schneider in M ol in zu machen Ge . lcgcnheit, wo er sich, wie er mir scllcncr Unverfrorenheit dcnr Landtage mittheiltc, erst kürzlich aufhielt,, „ans einem Grunde, den Sie (die LandtagSabgcordnctcn) vermüthe» werden". Es wäre-sehr, interessant'gewesen, wenn Schneider den Zweck seiner SUrlincr Studienreise etwas näher angegeben hätte. Am Schlüsse der Tebalic ergriff der fleißige Abgeordnete aus Fünshans nochmals das 'Wort, um ei» voll ständiges Programm der anlisemili'chen Partei in „»zweideutigster Wcisc zu formulircn : „Wir Ll.»liscui i ucn," sagte er, -„suchen unsere Hauptaufgabe darin, zwischen, allen .österreichischen, christlich arischen 'Irak io ne» eine Verttän digung herb ei; uf ü h re», ,u in eine Mehrheit im Reichs rat he zustande zu bringen, damit ein Gesetz zur Auf Hebung de* Gleichberechtigung der Inden, zur Co» /iScation der Judcng.ütcr und Austreibung der Juden zustande ko in m e n und zu diese m Zwecke die U n e i n i g keit aller Rationen beseitigt werde." Schneider sängt »ach gerade an, sich »eben seinen Freunden Lueger und Liechtenstein ganz erträglich auszunchuicn; den Vorzug der Ausrichligkeit har er^vor ihnen entschieden voraus. Grcgorig, welcher in der Sitzung Tom' 4. Mai Schneider nachahmen wollte, bol nur eine jänimcrliche Jmilation und war äußer Stande, sein Vorbild ganz zu erreichen.