Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 57 (7.5.1893)
- Date
- 1893-05-07
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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.-<\i r Freie, Blatt. Nr. 57. Seite 2. „iMutftcua“ beängstigend wirkte. Personen, welche bisher keine Beziehungen zum Militärstande gehabt hatten, ließen ihrem Unwillen freie» l'cmf, denn noch zu frisch waren die Eindrücke aus den Feldzügen 1*5!» und 1866, trugen doch noch viele Krieger die Spuren ihrer Verwundungen an sich! Im Anfänge schien die Beurtheilung der „Tauglichkeit" seitens der Behörden eine mildere; FricdcnsauSsichtcn für viele Jahre gaben hiebei den Ausschlag. So verstummten die Klagen allmälig, und schon vor 1869 trat eine Art stiller Duldung ein AlS ich fünf Jahre später , nach längeren Reisen wieder in Dien eingetrossen war, siel mir sofort auf, daß die Acltcre» sich mit der Sache vollkommen abgcfnndcn hatten, die Jüngeren im Militärdienste iogar eine gewisse Befriedigung zur Schau trugen, trotzdem das BildnngSuivcau eines „drillenden" UntcrofficicrS oft lief unter der Bcdcunutg feiner Recruten stand. Ich hätte cs nie gedacht, daß die allgcmcinc Wehrpflicht so Wurzel fasten werde, wie sich dies besonders 1*7* zeigte, als die Intelligenz in der Truppe mit Jubel i»S Zeug ging. Wie solche Mobilisirungcn in alle Bcrhältniffe cingriffc», daS zeigte sich z. B. in der Kanzlei eines bekannten Advocaten in Wien, welcher säinintlichc Eoncipicntcn (die Kraincr waren)- zu demselben Regimcntc abgebcn mußte Mir blieb cs stclS wunderlich, wenn ein Toctorand der Rechte oder Eandidat einer Profeffur sich niir zuerst als Rricrvcofsieier voistellte und nur >o nebenbei seine amtliche Stellung oder den leine Thürigkeit im (Geistesleben bezeichnenden Titel nannte. Es that mir web, wenn solche Menschen den von Preußen übcriiomlnenen Parademarsch, das .Ungeheuer unter den menschlichen Bewegungen", übten und damit die- Heiterkeit der Zuschauer erregten. Ter Mensch gewöhnt sich jedoch an Alles; und so glichen sich denn ai ch dir Eontraste zwischen der Stellung des gebildeten „Eivilistcn" und des „ Trill-Soldaten" a»S. Ter Grund lag darin, weil man beim Militär doch noch etwas Anderes zu lernen bekam als Gewehr« glist'e und Reglement. Kurz, nach zehn Jahren war die allgcmcinc Wel tpflicht auch in Oesterreich eingebürgert. Wer hätte gedacht, daß jemals SelbsterrungeneS, wie ein Toctortitcl, der militärischen Tistineiion »achgcstcllt werden würde, daß. sich Juristen, Philosophen, Medioincr mir eine»'gewissen, aristokratisch sein sollenden Nonchalance dem monotonen «bespräche über daS Roß und die tödtliche Waffe hingeben und darüber zeitweise die Literatur, ihr Fachstudium vergeffcn würden? Heute ist eS so weit gekommen, daß die Theilnahme am .Kriegsdienste als Bevorzugung betrachtet und nicht mehr, als Last angesehen wird. Tie Jolgcn sind klar, wenn man bedenkt, welche Kluft einst rwnchcn Bürger und Soldat bestanden, wie sorgfältig überlegt die Aeußerungen waren, welche, eingedenk der Ercigniffc des Jahres IM*, iii Gegenwart von Militärpcrionen gethau wurden. Mit teilt Militärdienste kamen natinlich die Körpcrübungen zu einer wokl unverdienten Bedeutung, bei Manchem sogar aus Kosten der übrigen Ausbildung. Tas Turnen, bis dahin ein gesundes Bcrgnügen, wurde durch den militärischen Stempel zur ritterlichen Hebung: Svortleistunge», einst als Zeitvertreib, selten nur als Lcbcnsbernf erkannt,- erhielten einen wiffenschaftlichen Beigeschmack, der. ihnen nicht gebührte: der Muskel hätte längst über das Gehirn gesiegt, wenn kein Gegengewicht vorhanden wäre. Tic „Bclocipcd Records", die „ersten Ersteigungen", RudermatchcS, die „Schnipelrenncn", die Eisiveiktäufe erlangten eine Werlhichützung, die heute noch im Wachsen in. Sie sind keine gcmcinnützigcii, sondern egoistische Bestrebungen, .> trugen krankhaften Ehrgeiz und sind in Folge gcwiffcr Ilcbcrtreibungen;!w schädlich' fiir die (Gesundheit. Frühes Sicchthum ist die Folge von I!.i..ronstrengnngen, besonders in der erzwungenen Stellung auf dem Beioeired. Tic Studenten, deren Bcrbindniigen einst eine geistige A:.r.i waren, Eonvcntikcl mit idealer Grundlage, wo man um die Palme d r Rhetorik rang, werden nun zu Tistanznicffcrn, deren höchstes Zi.l die Ausbildung der Schenkel, die Einübung von Akrobe.tenknnsten ans l^ebirgskämmc» ist. Lehr charakteristisch stellte eine t''euff::u den Einfluß des MilitariSmns aus die Jugend mit folgenden Worten dar: „Jrüber kamen die jungen teilte mit offenem tlc'otizbuche und schrieben ^'.dichte .an den LemanSce': jetzt ttnd sie alle Eor- .venäle und zeichnen in die '^'eneralstabskarte ein." Ist auch die praktische Seite der militärischen Erziehung nicht zu verkennen, so ist ande'.eiseirs eine allgemeine Berflachung nicht zu leugnen, unter welcher die Kunstpflege nnd die Freude am clafsischcn Studium sehr a.!:::en haben. Eniannl hören uns die Jüngeren zu, wenn wir Arteten unser ideales Skudenrenlcbcn voll Poesie schildern. „Sonderte Schtvnnier," denken tie, „welcher LuruS, welch ungcl-rncrlicher et.na " Naturalismus, Realismus, „Frcilichttcndcnzcn" ohne Rnctiiel k anr die Auswahl des Gegenstandes beherrschen henke alle •" : lind tie tind eben der Ausdruck der Bcrrohung, welche an die Si l.e des weithrollen Kernes die Rcelamc, den Schein, die Acußerlich- ' 'etzr. Ans den Junge» der ersten Wehrpflichtigen von 1*«>7 wurden reife Männer, und sie sind schon viel weniger empfänglich und schaffensfreudig als jene, welche ihre Studien vor 30 Jahren vollendet haben. Blasirte Gecken gab es immer, aber der „Heerdentrieb" war noch nicht so groß, um aus ihnen Gruppen von ruhmsüchtigen Wcttreitcrn, Sportsnarren, Bergfexen oder Taubenschützen zu bilden. Man ließ sich vom Sport nicht beherrschen, man beherrschte ihn noch; wir stiegen auf die Berge aus Liebe zur' Natur, wir ruderten für den Genuß der Wasserfahrt, wir ritten und fochten aus Freude an der Geschicklichkeit, nicht um einander zu bekriegen oder zu — beschämen. ^Tas Ebenmaß seelischer Bewegungen litt nicht dabei; jetzt ist es dahin. Es hat etwas Unheimliches, dieses Schwinden jeder idealen. Begeisterung bei der Körperübung. Edler Turner, Epigone Jahn'S, beffcii Motto: Frisch, frei; froh, fromm war, du Bild kerniger Kraft, du bist zum Antisemiten herabgcsunken! Hast du dir damit nicht selbst daS llrtheil gesprochen? Tie Wähler von heute gehören ihrer Mehrzahl nach schon der jüngeren Epoche an. Wo fußt noch der Liberalismus? Unter den Alten. Turchtränkt von den Principicn einer besseren Zeit, sehen wir mit Schmer; den Niedergang der Jugend, welche, sinnlosen Vornrkheilen blind sich hingehend, die Gcmüthsruhe, die Kraft des Geistes, die eigene Zukunft und die des Staates gefährdet. Gcwiffcnlose Aufwiegler sagen ihnen, daß die Rcaction das Ideal des Studenten sei, daß die Bildung nicht mit Befreiung des Geistes Hünd in Hand gehe, daß daS Wort „Freiheit" ein abgebrauchtes sei; sie verheimlichen ihnen, daß frühere Generationen unter der Fahne der Göttin Tinge erkämpft, welche, weil errungen, nicht mehr geschätzt werden. Darum also daS Jahr 1848, damit die irregcführtcn Söhne der letzten Tage das mühsam Erworbene mit Füßen treten? Wo sollen sie die Dankbarkeit hernchmen für jene Leistungen? Wie können sic den Warnungen des Bakers und der Mutter noch Gehör schenken? Stellt man doch jetzt schon die verdientesten Männer ans den Pranger, vor das Scherbengericht! Der „Kraftmensch" bedeutet ja mehr als der durchgeistigte Apostel der Wissenschaft. Das ist der'Beginn des Niederganges der Eultur, die Morgcnröthc des Faustrcchtcs. Mit offenem Munde hört der thörichte Geschäftsmann wie der trotzige Handwerker die Heilöphrascn an. Wie in der Gemeinde so im Lande, wie im Lande so im Staate: allgemeiner Niedergang! Die das Culturlebcn fördernden Wiffenschaftcn werden von der Menge verkannt und mißachtet; wir gelangen in den Urzustand zurück; der Kreislauf der Menschheit nähert sich der jähen Bahn, deren Ende die Störung des staatlichen Gleichgewichtes ist. Schwarzseherci nennen Biele derartige Betrachtungen. Wie soll man. nicht schwarz sehen, wenn das Unkraut einer aiffvachsendcn Partei in dem durchwühltcn Boden gedeiht, die Saat erstickt, wenn schuldlose Existenzen gefährdet und hoffnungsvolle Jünglinge dnrch Lthren ohne logische Grundlage nnd falsche Theorien belogen werden? Schon hört man den Ruf: „Der Sieg ist unser!" Der Liberalismus wird als „Cliquenwesen" abgetha», ohne daß man zugcsteht, daß der wahre Liberalismus sich aus der Bildung von selbst entwickeln muß. DaS Josefinerlhum ist der Ausfluß der humanen Richtung; ihm huldigten auch Menschen, welche niemals politischen Verbindungen angchörtc». Bitter werden die Erfahrungen sein für Jene, welche in blindem Bcr trauen zu den Demagogen sich hinrcißcn ließen. Aber cs wird nicht Ruhe eintrcten, ehe nicht wieder ein geistigerer Zug in dioBestrebungen der Jugend gekommen sein wird. So lange aber der Unbedeutende in der Lage ist, durch körperliche Leistungen ebensolche Erfolge vor der Seffentlichkeit zu erringen wie der Jünger der Kunst, der Schüler dcS Philosophen, der Naturforscher bei seinen Arbeiten, wird es nicht bester. Mitschuldig an der Verrohung der Jugend-sind auch die Lehrer, welche den Haß gegen Mitschüler nicht im Keime erdrücken, die Väter, welche nicht zur Humanität erziehen, die Frauen und Mädchen, welche ehrgeizige Wettende durch ihre bethörende Bewunderung zur llebertreibung in der Kraftlcistung, zum Zeitverluste durch Uebungen ansporneir. In allen Kreisen fühlt man diese Ablenkung: selbst kleine Schüler werden schon für den Militärdienst vorbereitet. Statt Hcrz- und Gemüth durch gemeinsame Ausflüge ins Freie zu veredeln, drillt man sic -in Rotten, ikbt sic anfs Marschiren ein, berücksichtigt besonders ,bie militärische „Haltung". Alles wird jetzt übertrieben, die Welt ist unmäßig geworden im Streben nach Erfolgen und in dem Haffe gegen Alle, welche Maß, Ziel, weise Beschränkung predigen. Ter Distanzritt dominirt auf allen Gebieten. Ist diese Studie auch nicht der erste Pfeil, welcher zu Gunsten den irregeführten Jugend gegen die Volksversührer abgeschoffen wird, so bleibt der Bogen doch gespannt. Unermüdlich soll es gesagt werden, daß der A n t i s c m i t i s m u s die Einleitung zur Revolution und;nm Zerfalle sii. Unsere Zeit darf vor der Rohheit und dem Racenwie Classcnhasse nicht die Waffen strecken. Drum sei dies auch