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Freies Blatt · 1893-04-30 · 56 (30.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
56 (30.4.1893)
Date
1893-04-30
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seile 6. Nr. 56. Freies Blatt. aller Riten — „Deutsches Bolksblatt"' und „Baterland" erheben ein gleiches Wehegeschrei — timt namentlich darüber entlüftet, daß der Motivenberichl die Juden Ungarns als treue Patrioten anerkennt und die Reeeption angesichts der hervorragenden Leistungen, welche die .luden in den letzten 25 Jahren ans allen Gebieten der nationalen Eirltur anfweisen, nnr als die Abtragung einer Dankesschuld bezeichnet. Das „Baterland" hat den überinüthigeu Einsalt, das Hans Rothschild aufzusorderkt, 'seinen angeblichen Einfluß in Ungarn zur Hintertreibung der Reeeption der dortigen Inden auszubieten. Es tl)üte im Interesse seiner Patrone wahrlich gut, zu bedenken, daß Uebermntli selten gute Früchte zeitigt; auch diesseits-Per Leitha ist »och nicht aller Dage Abend. fVanz isiszt lind die Antisemiten. » Die Racenhetzer, namentlich in der Kunikwelt, stellen auch Franz l'iszt als Antisemiten hin. Wie er in Wahrheit über die schmachvolle antisemitische Bewegung dachte, gebt ans zwei Briefenhervor, die in einer letzthin verössentlichten Dammlung (Leipzig bei Breitkopf & Härtel) abgedrnckl sind. Der eine ist an den Redaeteur der „Gazette de Hongrie" gerichtet und lautet in deutscher Uebersetzung: „Rur mit Bedauern richte ich diese Zeilen an ■ 2ie, allein da sich hier in Pest das Gerücht von meiner angebliche» Feindseligkeit gegen die Israeliten verbreitet hat, »»iß ich den Irrthum dieses falschen (Gerüchtes aufhelteü. Menschen von allgemein anerkannter Bedeutung in der musikalischen Welt, Menerbeer an der Dpitze, haben mich mit ihrer Ächtung und Freundschaft beehrt, ebenso wie Heine und andere Berühmtheiten aus der literarischen Welt. Es scheint mir überflüssig, die vielen Beweise meiner lhatkräsiigen wohlwollenden Gesinnung anszuzählen, welche ich während sünszig Jahre gegen talenivslle und begabte Israeliten an den Dag gelegt, ebenso enthalte ich mich, von meinen freiwilligen Beitrügen zu den WobllhätigkeilSeinrichlungen des Indenlhums in den verschiedenen '.'ändern zu reden. Die Losung meines Dchutzpalrons, des heiligen Franeiseus von Paula, Mißt: <;irit:i*! Ihr werde ich mein i'eben lang treu bleiben! Wenn man ans »Grund einiger aus meinem Buche, über die Zigeuner heransgerissenen Dtelleu mit mir Händel gesucht und daraus etwas ge,nacht hat, was man aut Französisch eine .r.MIfinaii'lnennt, so kann ich mit gutem (Gewissen versichern, daß ich mich keines andere» Pergehens schuldig gemacht habe, als schüchtern die Lbese von dem liöuigreich oeniialem zu wiederholen, welche vorher , iä,an von D i s r a e l i, von der »Georges E l l i o l und von E r m i e u r, j drei Israeliten von hohem Ansehen, erörtert worden war." In Sem l zweite» an Herr Dtto '.'eßm-ann gerichteten Briese heißt es: „Herzlichen Dank, verehrter freund, für Ihre zutreffende, wahrheitsgemäße, Berichtigung meiner keineswegs anzuzweifelnden noch furchtsamen . Dt.llung in der Demilenfrage. Vosung und Lösung derselben ist Dache der Beharrlichkeit der Israeliten und der allwalkenden göttlichen Bor sehnng " ,>iaiscr Friedrich »HD die Zudciibcizc. > Wie aus dem von uns veröffentlichten stenographische» Protokoll zu ersehen war, erhoben in der letzten' Diyung des deutschen Reichstages vor Ostern lieber mann v. Donnenberg undi7Dlöcker gegen den, verstorbenen i Diadkratb Magnus den Borwnrs, er habe 1>80 die Wort-', die * Iudenhetze sei eine Dchmach tüv Deutschland, fälschlich als Aeußerung des damaligen Kronprinzen r-e. breitet. Dlöcker wiesalle Zeugnisse > darüber zurück, weil sie alle aus den Juden Magnus zurüäznführen j 'eien Allerdings hob schon damals der freisinnige Abgeordnete Dchmid Elberield hervor, daß ihm gegenüber Forckenbeck jene Aeußerung bestätigt habe, und zwar nicht nnr ans das Zcugniß Magnus', sondern auch des verstorbenen damaligen Kammerherrn des .Kronprinzen, Freiherrn v. 2c o r mann. llcunmehr haben aber die drei Döhne Magnus', Rudolf Magnus, Prosesior Paul Magnus, der bekannte Botaniker, Und I»r. jur. Ernst Magnus, dem Präsidenten v. 2evetzow Erklärungen zum Beweise für die Wahrheit der Aenßernngen ilnes Bakers mitgeibeilr. Der frühere Minister v. D losch bezeugt unter dem -7 Mürz 1^03, daß Herr Magnus unmittelbar nach der Ditznng der Bicloria Rational Invalidenstiftung im Jahre 1880 ihm jenen Ausspruch mitgetheili habe. Minister v. Dto'ch schreibt: „Ich weiß, daß das geäußerte Unheil durchaus den Ansichten weiland Dr. Majestät Kaisers Friedrich III. entsprach, und ich kann hinzusiigen, daß in mannigfachen Unterredungen, welche ich mit meinem - langjährigen freunde, dem damaligen Kammerherrn v. Rormaun, gerade ilber diese Dache gepflogen, die guestionirte Aeußerung, als von Dr kaiserlichen Hoheit gemacht, nie in Zweifel stand." ferner bezeugt Dr, Moriz Gnmbin ner notariell, daß er als Zeuge jener Unter rednng beigewohnt habe, und daß der .Kronprinz hiebei die Worte gebrauchte, er habe ivührend seiger Anwesenheit im Auslände dort von den Berliner Borgängen Ken'ntniß genommen und sich der Dcham nicht erwehren können. Rach Dchluß der Bersammlnng haben ihm Dtadtrath Magnus und Geheimer Oberregierungsrath Wulfs heim den vollständigen Inhalt dcS betreffenden Gespräches mitgetheilt ntit der Berpflichtnng, über die Borgänge nichtsda» die Oeffentlichkeit zu bringen. Tie ohne sein Zulhun in der „Rationyl-Zeitung" damals slattgehabte Beröffentlichung habe den ihm gemachten MittheifnnHen und seinen persönlichen Wahrnehmungen entsprochen. Ferner bestätigt G. v. Bunsen aus Rom unterm 3. April 1803 de» Inhalt eine« von ihm am 20. Juni 1880 an den Dtadtrath MagnuS gerichteten Briefes folgenden Inhaltes: „Die Kronprinzessin nahm die Gelegenheit wahr, von der Judenhetze und der schönen Geduld zu reden, welche die Juden an den Dag gelegt haben. Im 2aufe dieses Gespräches habe ich dann der hohen Frau von Ihrer Absicht, ein Lessing- Denkmal zu errichten, erzählt. Auf meine Aeußerung, daß gerade jetzt der Augenblick mir gekommen zu sein scheine, wo gar Mancher sich freuen würde, seine Gesinnung zu bekunden und damit einer ebenso frechen als unerwarteten Agitation entgegenzutreten, ging sie lebhaft bejahend ein und sagte: „Ich hoffe, daß man .weiß, wie scharf und entschieden der Kronprinz und ich sie mißbilligen." (Juden als Arbeiter.) In einem älteren Jahrgange der „R a t io n a lzeitu n g" finden wir folgende einer schlesischen Eorrespondenz über die Bedruckung der Inden in Rußland entnommene statistische Daten. Eine im Jahre 1887 entsandte russische Eommission stellte fest, daß in den verschiedenen polnischen Industrie EtabliffementS als Arbeiter beschäftigt waren: Inder mechanischen Branche 11.814 Polen, 1307 Deutsche und 1173 Juden; in der Montanindustrie 1,700 Polen, 0300 Deutsche und 200 Juden; in der chemischen Industrie >2 274 Polen, 3281 Deutsche und 228> Juden; in der Deptil industrie 0507 Pole», 58.340 Deutsche und 14 150 Juden und endlich in der l'andwirthschaft 50.404 Polen, 52!»1 Deutsche und 1 1 753 Juden- Im Ganzen entfallen 47 Pereent ans die Polen, 38 Pereent aus die Deutschen und 15 Pereent auf die Jude». Bei der Montan und Dertilindustrie allein, welche hauptsächlich von den Deutschen eingeführt sind, stellt sich daS Berhältniß: Polen 14 Per cent, Deutsche Ol» Pereent und Juden 17 Pereent/ Man kan» sich aus diesen Ziffern beiläufig ein Urtheil bilden, wie wahr die Hypo kritische Ausrede ist, daß Rußland seine Inden nur deshalb bedrücke, um die wirthschaftlich schwächere heimische Bevölkerung von dem fremden „Dchachervalke", das die productive Arbeit scheue, zu schützen. Da in iIIliIIitIIin. Wenn das so fortgeht, sehen wir dem Aussterben des Antisemitismus in nächster Bälde, entgegen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil zuletzt alle Menschen nebst Dtöcker, Schneider, Ahlwardt und Liechtenstein als - Inden enthüllt werden. Man erinnert sich noch des großen Aufsehens, welches vor Jahr und Dag das von einem Äuouymus verfaßte Buch „Rem brandt als Erzieher" zumal in deutschnationalen streifen machte, und da der Rembrandt Deutsche i» de» weiteren Auflage» seines Buches das Feigenblatt, das er »isprüuglich über seinem Antisemitismus getragen, vollständig abgelegt hakte, so konnte» wir seinen Rainen in antisemitischen Blättern täglich circa siebzigmal als Dchiboleth gegen alles „Angejüdelte" genannt sehen, 'Run ist auch er den Weg alles Fleisches gegangen und in einer neulich erschienenen antisemitischen Dchrift von Dr. Dchuchardt'„Zu den Waffen" als — Jude bezeichnet worden. Der Berfaffer bemerkt: „Das Geschreibsel dieses Juden ist mir herzlich zuwider, und wir verbieten einem solchen Manne, uns fernerhin über Deutsches zu belehren!" Daß nnr zuletzt überhaupt noch Jemand übrig bleiben wird, der die Deutschen vom Dchlage des Herrn Dchuchardl zu belehren die „raeische" Berechtigung hat! l^icbkirccht über den Antisemitismus.) Bor einer etwa 0000 töpfigen Bersammlüng sprach Liebknecht dieser Dage in München über das Dhcma „D oeialdemokratie und Antisemitismus". Wir entnehmen den Ausführungen des bekannten soeialistischen Publi ciften und Politikers folgende den Antisemitismus beleuchtende Grund züge: „Hnndertzwanzig Jahre sind eS her, daß einer der größten und kritischesten Geister Deutschlands, Veffing, seinen ,Nathan' veröffentlicht hat. Darin ist der edle Gedanke niedergelegt, daß es bei der Be urtheilung des Menschen lediglich darauf ankommt, ivie er handelt, nicht was er glaubt, oder welchem Dlaüim und Bolk er angehört. Ein Dchurke ist ein Dchurke. ob er ein Ehrist oder ein Jude ist! Wenn damals gesagt worden wäre, in dem 2ande, in welchem dieses Gedicht erschien, da wird nach mehr als hundert Jahren eine Be wegung entstehen, welche dahin geht, die ganzen (Wrcncl und Roheiten des Mittelalters wieder aufleben zu lasten, das würde Vcffitig nicht geglaubt haben. Das hätte er, obwohl er ein großer Skeptiker war, seinen l'andsleuten nicht zugetraut. Wenn damals Jemand gesagt hätte, Agitatoren werden das 2and durchziehen und sagen: .Alles sociale Elend ist auf die Juden zurückzuführen', da hätte man ihn reif fürs Irrenhaus erklärt. — Für uns gibt es keine Judenfrage, weder nach

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