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Freies Blatt · 1893-04-30 · 56 (30.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
56 (30.4.1893)
Date
1893-04-30
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Freies Blatt. . Nr. 56. EcdeS Mal wurde wieder gefragt. Selten (!) kam in unserem Processe ein härterer Grad der Tortur in Anwendung. Tie;wei empfindlichsten Peinen aber waren die Gluthpfanne mit Schwefel und das heiße Ei. Tem hartnäckigen Leugner wurde eine Pfanne mit glühenden Kohlen, in welche Schwefel gelegt war, unter die Nase gehalten, was übrigens in u n fe re in P r oc es se nur bei einigen Hauptschuldigen geschah. TaS heiße Ei war wahrscheinlich ei» lieißgcinachler eiförmiger Kieselstein, den man dem Jnquisitcn zwischen die Achseln steckte. Das war wohl die ärgste Pein: soweit kam cS jedoch selten H. Selten (!) wurden mehr als drei Tortnrg.rade nach einander angcwcndet. Leim nächsten peinlichen Verhöre begann man wieder vom ersten Grade und fügte, wenn cs nöihig war, weitere hinzu." Wir ralhen-Temjcnigen, dem die hieraerenmäßig vorgelcgte Beschreibung der angcw ndelen Tortur »och nicht eine rolle BorstcUung eiwcckt, eine der heute noch als Schaustück coniervirtcn alten »roltcrkammerii zu besuchen oder zum Mindeste» einen Blick;u werfen auf die, in den älteren Eriminalgesctzbnchcrn ersichtlichen Illustrationen. Man sollte cS für ganz nnmöglich Hallen, aber der Herr Pfarrer Tcckert bestätigt cs auf Grund der Acten, daß von den acht so gemarterten Enden — es befand sich unter ihnen ein Greis von K) fahren — Einer , Biiat bei seinem hartnäckigen leugnen blieb und ein Anderer -t'azarns) sich durchaus weigerte, sein abgelegtes Gcständniß zu beschwören „unter dem Borwande, cS sei de» Juden überhaupt verboten;» schwören, auch wenn ne die Wahrheit sagen." Nur „mit Mühe", sagt der Herr Pfarrer Tcckert, konnte man den Echteren zum Schwure lind nur durch eine Vil'l den Erste reu zu cihcui Gestänhnissc bringen : dieses Gcüäiidniß war aber daun nbcreinstimmend mit'dem aller Anderen Einer der Gcrichrsärzie, Eobailncs TibcriuS, hatte unter dem April I l7E — alio am dreizehnten Tage nach dem Bcrschwindcn des Kindes einen lehr ausführlichen Briet an den Stadtrath von Brixen geschrieben und in denisclbcn klar und deutlich u»d bis in dir gering a'ilgigste» Einzelheiten v o r h c r gesagt, was Alles die Juden unter der Tortur späterhin eingcstchen werden. Nach unseren Anschauungen wurde mau hierin den klarsten Beweis sehe», daß die ganze Allschnldignng. das Bcrfahren, die zu crpreffendc» Geständnisse, die Bernlthcilung für gcwlne Zwecke prümedilirt und prüparirt war. Ter Heir P'arrer findet im O'egentheile in jenem vorzeitigen Schreibe» '..einen Beweis mehr für die Aukcnticiiät und Glaubwürdigkeit der Arten!" Ein päpstlicher Legat, Bischof Benkimiglia, wurde als Eoinniiffür nach Trient entsendet, um für die Enden zu .wirken und die Weiter- 'n!rnng des Proccn'cs zu Kindern. „Ter päpstliche Eomminär fand aber am 'niübiichö'Iichcn Hofe zu Trieur kein Entgegenkommen. Man wart ihm vor, er habe sich von den Ende» erkaufen lassen (!)". Trei Neonate nach Beginn des ProrencS wurden die ersten Todes ü'-th-eile vollzogen „Man haue," so schreibt der Herr Pfarrer Tcckert, ..e«senbar Eile mit der Enstisieirung der Hauplvcrbrccher; denn das deutsche "'ewinen sträubte sich, diese Berbrcchcr, welche ihre Schandthatcn bereits gestanden ballen, ungestraft, zu lasten und sich der Gefahr auszuseycn,. d-le'elben durch jüdische Enrriguen befreit zu sehen." Tie Berurtheiltcn lvlllden gerädert: diejenigen, welche sich in letzter Stunde raufen 'ließen,-! will den enthauptet vier Frauen, -welche sich laufeis ließen, wurden begnadigt und mit ihren Kindern landeSvcrwicscn. Einer der Inden,; Blo>'es, ein Mann von 80 Jahren, hatte sich im Gcfängnistc entleibt. ' 2..:i ..Aas", sagen die Äeken, „wurde zur GerichtSstätte geschleift,! and das Rad geflochten und verbrannt." Tie Pfänder, welche! man bei-den Enden fand, würden de n P fa n d sch u l d n e r n;; n r n ck g cg eben: daSB er mögen der Enden fiel dein fürstj b i' ch cEichen Eisens zu. Ter Herr Pfarrer Tcckert schließt feine Dstcrschrifl mit dem; Mahnwori' „mir uns Ebrislen also ist doppelte Wachsanikcit nothweudig und f:stes Zusammenhalten gegen den llcbermuih des jüdischen EanaiiSmnS." Zur Begründung dieses Schlußwortes finden sich in I dem Schriftchen 'elbst einige allgemeine Betrachtungen. Ter Talnind, 1 das gibt der -Herr Plärrer zu, .bestehlt den „Ritualnwrd" nicht än: aber, lagt der Herr Pfarrer, die allgemeineii Grundsätze des Talmud 'eien „einer solchen Auslegung fähig" y Tie jüdischen Erauen, die Uitischeii Kinder unter dreizehn Jahren und auch die »leisten erwachsenen Eid n wissen, >'o erklärt der Herr Pfarrer, auch absolut nichts von eine, solchen mündlichen Tradition, „uv::' ,i sich von solchen fanatischen "Keiicin mit En's tk.n ab und finden sie förmlich unfaßbar" : aber, Eg: eei Herr Pstiirei, di einmal „Niinalmorde", wie oben, '„gerichtlich und geschichtlich nachaewicicn wurden", müste es eine ^Geheinilchre" tausende, wenn Millionen Juden die Snpposition einer solchen „Geheimlchre" für Blödsinn erklären, so sind sic eben nicht die „Eingeweihten". Aber, sagt der Herr Pfarrer, Eines füllt auf. Wenn heutzutage Inden eines „Ritualmordes" beschuldigt werden, wie damals in Trient, „bietet daS Judenthum seinen ganzen Einfluß auf, den Gang des ProccffcS zu hindern." Jawohl, Herr Pfarrer! Wen» heutzutage einer jener Hexenproccffc infccnirt würde, wie sic durch 3'z Jahrhunderte in Europa wüthcte» und Millionen Unschuldiger einem qualvollen Tod« überlieferten, so l würde sich die ganze gebildete Welt gegen daS Wiederaufleben solcher > Scheußlichkeit erheben. Und wenn heutzutage christliche Missionäre bc- I schuldigt werden, daß sic eine „Geheimlchre" besitzen und „Ritual ' morde" verüben an chinesischen Kindern, so erheben sich gegen solch * scheußlichen Aberwitz die christlichen Mächte Europas nnd entsenden ' Kriegsschiffe gegen — die Ehinesck. Tr. Alfred Sttrn. geben nur tili die „Einglip, lit n". nt» ali'o in dem almnd und vorkömmt, | deck eine derartige „Geheimlchre"!.') bestehen. Wenn Hundert- | 'ämmllichen religiösen Schrillen von „Ritnalmord sp 'nun nichts; Per 2ll>lwardt Scandal. '< Ahlwardt hat jene Tivoli-Antisemiten, welche, der Roth, gehorchend, I ihn zwar verleugnetcn, aber" doch die Hoffnung hegten, er werde nach! Dstcrn sich vom Borwurfe, auch im Reichstage Ehrabschneidcrci zu I betreibe», einigermaßen reinwaschcn, bitter enttäuscht. Tic deutsche! Volksvertretung nahm ihre Bcräthungcn wieder auf, und Ahlwardt stellte I sich mit „Acten" ein, allerdings waren cs nicht zwei Centncr, sondern! ein bescheidenes Päckchen. Anstatt sich aber mit diesen Beweisstücken i^ii seiner Rechtfertigung znm Präsidenten eiligst;n bemühen nnd zu ) erklären: „Hier sind sic, ich bin doch bester als mein Rnf", verweigerte Ahlwardt die Herausgabe dieser „Acten", weil er zu dem Scniorcn-Eonvcnt angeblich kein Bcrtraue» habe, und sprach den Wunsch »ach Einsetzung einer besonderen Prüfuiigscommission ans. Nach der Geschäftsordnung bedurfte es hiezu eines förmlichen, von wenigstens fünfzehn Mitgliedern gefertigten Antrages. Endlich erlangte er bei den Socialdcmokratcn die nöthigen Unterschriften, unter denen sich auch drei von Enden befanden, die er keineswegs verschmähte. An dieser Actio» zur Berzögcrung seiner „Rchabilitirung" hatte Ahl warbt nicht genug. Er wollte um jeden Preis bei Einbringung seines j Antrages eine lange Rede halten, um die vorzulcgcndcn „Tocuincnkc j zn erläutern"; ans dem Ahlwardl'schen inS ehrliche Deutsch übersetzt,; heißt daS fo viel, er beabsichtigte, seine früheren bcivcisloscn Bcschuldii gungcn und Bcrdächtigungen zn wiederholen und durch neue zu er günzcn. Auf diese Jnteniion Ahlwardt'S ging der Präsident nicht ein. Ta verfiel der Auserkorene von ArnSwaldc-Fricdcbcrg auf einen eigenthümlichcn Ausweg. Er machte vorderhand von dem Anträge, für welchen er die Unterschriften der Socialdcmokratcn gewonnen hatte, keinen Gebrauch, sondern ließ eilten neuen Antrag zur gefälligen Uttlcrfcrtigung ciröulircn, welcher den Inhalt feiner „Acten" vcrriclh. En diesem Anträge verlangte der Monn, welcher die ehrenrührigste» Tinge gegen Mitglieder der Regierung und RcichStagSabgcordnctc vorgebrachl und' die Beibringung bündiger actenmäßiger WahrheitS . beweise feierlich gelobt hatte, der Reichstag solle den Reichskanzler auffordern, zu beweisen, waö er, der Ankläger, selbst nicht beweisen kann. Tck Reichskanzler solle ermitteln, ob nicht der jetzige preußische Finanzminister Tr. Miquel vor bald zwei Eahrzehntcn einen Falscheid geleistet, ob nicht der-Rcvolvfr-Eournalift Gehlsen ungerecht vcrurtheilt worden sei, ob nicht die TiSconto Gesellschaft und andere Banken und Bankhäuser durch „schlimme AuSwnchcrung" das deutsche Volk um 70 Milliouen und durch „alle in Betracht kommenden Gründungen" um „viele Hunderte von Millionen" gebracht haben, ob nicht die Bahn Hannover-Altenbeken vor dem Eoncurse gestanden und nur deshalb vom Staate angekauft und um 400 Perccnt zu thcner bezahlt worden sei, um den Jnvalidenfonds zn retten. Auch die ganze Arbeit der Eisenbakn-Untersuchungscominission solle von Neuem beginnen. Taß Ahlwardt'S „Actenstückc", Scripturen mit Rechnungen, Bricfcopien, vergilbte Nnminern entschlafener Zeitungen :c., Maculatur sind, vom Diebstahl eines untergeordneten Bediensteten der TiSconto-Gcscllschaft herrühren nnd schon vor Jahren zu Erprcffnngszwccken, freilich erfolglos, verwendet wurden, sähen selbst antisemitische Drganc ein. Bon unterrichteter Seite'wurden die in der Form von Fragen vorgcbrachtcn Ahlwardt'schcn Beschuldigungen sofort als Lügen gekennzeichnet. Zu der Behauptung Ahlwardt'S, daß die Hannover-Altcnbekencr Eisenbahn vor dem Eoncurs gestanden nnd vom Staate um 400 Perccnt zu thcner angckaufl worden sei. bemerkt die „Freisinnige Zeitung": Tas ist naiürlich ein eben solches Phantasiegebilde wie seine Berleum dungeii gegen Ludwig Loewe und die Stadt Berlin. Tie Bah» Hannover-

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