Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 56 (30.4.1893)
- Date
- 1893-04-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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♦ AbomiemrnlsprciS: Organ zur Abwehr di'5 Aiitiseinitiviiius. Gattjjahrrg mit ^ostzuseudung . . fl. 2.5U. Halbjährig fl. 1.25. Vierteljährig fl. *-.C5 etnjdnt Hummern 4 fr. Erscheint an jcbctu Sonntage. Redactiön und Adiniilislralioir: IPicu I. Jfeirerßätte 10. Skummer 50. U)icu, 30. ^pril 1893. II. Jahrgang. An unsere Leser! veranlaßt durch die günstige Ausnahme, welche das „svreic Blatt" in den weiteste» Kreisen des Balles bisher gefunden, und erinnntert durch wiederholte Zuschriften ans dem Pnblici»», haben wir eine wesentliche Erweiterung unseres Blattes für die nächste j^cil in Aussicht genommen. Wir werden unseren geschätzten Lesern in Hinkunst außer dein dir Tagesereignisse behandtlndrii Texte, noch größere Arbeiten hervorragender Schriftsteller sortseyungsweise bieten, welche in engem Insanimeilhange mit de» Bestrebungen unseres Blattes die antisemitische Bewegung entweder in streng wissenschastlicher Weise erörtern oder künstlerisch behandeln. In einer der nächsten Nummern schon beginnen wir die Bcröffentlichung einer höchst brdtiiisamcn wisscnschastlichcn Abhandlung des französischen Gelehrten Anatolc Lrrou-Brnnlien über den Antiscinitisnilis, wofür wir das ausschließliche' Pnblicativnsrecht in deutscher Urbersetzung erworben haben. Mer sind die ^chuldiaen? Mono: „Zu ko» unbedingt zu v on,«hoi lenden unb'durch keine Tpiviindi.zleil;» verlheidigendc». Ereignissen ge höre» nainenilich in dor ipäiere» Zoil de« ÄilielallcrS nnd in ton sich an vieler attschliotzonden Anfänge» dor logenannien Aenzeit tie. Ariden rchlächiereien, die.Ingnimivn nnk dio Herenprocesse. und zwar deshalb, wcil daS srnherc Mittelalter tiefe Scheußlichkeiten »ichl gekannt Hai, in ihnou also ein Rilcklchiitt zur U» Menschlichkeit und U»vcr»nn?l lie,,t." Tr. ^tio Heuno am 'Jilniii: „'Tor Teufels- und Herenglanhe." In Kolin har ein Execß gegen dir Judo» ftattgefunben. Tansende von Mcnschon rottclc» sich arzf brr Straße zusammen, schrie»: „schlaget bic Inden tobt.! Hänget sic aus!", vorübten Beschäbigungrn an bem Eigcukhurn bcr Juden nab törpcrlichc Mißhanblungen. Militär mußte cinrückc». Tic Hanplschreier unb Hetzer, wurden verhaktet unb bem Gerichte zur Bestrafung i'tbcilicfevt.. Sinb biete .ftoliner Holde» wirklich bic Hauptschuldigen? „Glicht bcr unmittelbare Thütcr allein wirb beS BerbrcchcnS schuldig, sondern auch Jeder, der durch Befehl, Anrathou, Unterricht, Gob, die Uebrlthat ei »geleitet . . ., oder a,»s was immer für eine Art" — also auch, soserne ihm die Pflicht der Berhindernng oblag und er hiezu die Macht hatte, durch absichtliche stillschweigende Tnldung - - „Borschub gegeben hat";c. :c. So Mhiiit der § "> des österreichischen Strafgesetzes die iutcllcelucUe Urhcbcvlchast, bcziehuugs weise die Mitschuld. Möge mau sich diese Begriffsbestimmung an einem, allerdings nicht aus eine» einzelne» bestimmten jiaU beschränkten, juristischen Sinne, möge man sich dieselbe in höherem, ethischem, Sinne vor Augen haken, und danach verallgcmciucrt die /frage beantworten: Beer sind die inteUectucllcu Urheber und Mitschuldigen an dem jiolinor Erecssc und überhaupt an de» gegen die jüdische Bevölkerung in S oster re ich gerichteten Ausschreitungen? Wer sind <— nicht vo, dem Richterstuhle A dcS Staates, beb rechtSgolchrtcii Richters, aber vor dcni Richterstuhle der Moral und der Geschichte — die Schuldigen an der das össcnt liche Veben in nnsereui Baterlandc besletkonden Judenverfolgung? Beschränken wir uus für dieses Mal vorläufig ans de» Anlaß jenes EzecsseS, der leider nicht vereinzelt dasteht Seit /fahr und Tag feiett alljährlich um Tstcrn die mittelalterliche Anbei des „jüdischen RitualmordeS" ihre — sit wni» verbo — literarische unjr publieiskischc Wieder-kehr) In Journale», in sich mit deni-Schcin von Gelehrsamkeit und wissenschastlichcr Forschung umgebende» Büchern und Brochuren, werde» Schauergeschichte» über den „jüdischen Ritualmord" erzählt, werden' . erdichtete und gefälschte Talmndkene prödncirt, wird über alte, unter den T.nalc» und Schrecknissen der Tortur cingeftandcuc „Rilnalmordc" 'berichtet. Und so liegt uns auch nuuinc.hr eine im heurigen Jahre vor Astern erschienene Schrift vor: „Ein Rilnalmord, actcnmüßig ricrch gewiesen von Pfarrer Tr. Joses Tcckert." Herr Tcckcrt ist Pfarrer in WeinhanS (.Wien k und seine Schrift fußt, wie er selbst erklärt, aus Rohling's „jtorschnngen". Ter „aetenmäßig nachgcwicscnc Rilnalmord" ist die berüchtigte regende. von da „Erniordnng dcS .'lindes Samo» (Kerber durch die Jude» in Trient i» der Eharwoche des.Jahres ■ 147?>“. Taß dergleichen Mordtbai«» he.'tzniaoe selten (iag^n wi> ° gar niemals) gerichtlich nachgcwicscn werden können, ist -- so klagt der Herr Pfarrer -- bei nnstrcr gegenwärtigen Pweeßordnnug, leicht erklärlich." Tantals aber, iin- Jahre 147.'», verstand man es, (Geständnisse zu erlangen und „waren die Geständnisse der indischen Berbrechcr auch-nicht alle freiwillig gegeben, so waren sie doch bei Allen, übereinstimmend" und so ist „die Wahrheit an den Tag gekommen", so daß „wer nicht absichtlich eine Binde vor die Angen nimmt. zu gestehen muß, daß die Ermordung des kleinen Simon (''aber durch die Juden von Trient gerichtlich und. geschichtlich' nachgcwiescn ist." lieber die Art, wie die Geständnisse erlangt wurden, gibt uns der Herr Pfarrer eine kurze Tarstellnng auf-Grund ta ihm vorliegenden Arten. Brau dürfe sich, so erklärt er uns, „unter gerichtlicher Tortur nicht etwa eine willkürliche »»menschliche Gransamleii vorsteilcn. Ter Angeschnldigte wurde allerdings körperliche» Schmerzen unierworscu, oft sehr einpsiudlichcu Schmerzen: aber dies geschah .nur bei solche» Menschen, von denen man vorausteven mnßlc,-daß sic die Wahl heil nicht anders gesichert ivürdcn" und'denen man daher ,.die Geständnisse durch die- .TontfrvoLX i'.teffen mußte". „Außerdem' war stets ein Ehirnrg znglegen, der, wenn die 'träjle S7d Gereinigten aichövst schienen) ge gl, ein weiteres Borgehe» Einivrache erhob. Tasi'elbe i!ai in unserem Progesse^ der anwesende Siadthanvrmann, der beim peinlichen Bcrhöre das Iniere/ie des Angeichnldigten ,! vertrat, dam.t die bestehenden Bcrördnunge» nicht übcrichritlcn würden . Ter erste l''rad der Torinr war r ach der .in Trient giiligen' (''ericluso duung, wie ans de» Proeeßaeien hcr-vorgeht, die Entblößung. d,e bei kalter Zeit, und inr.traue» unter alle» Umständen sehr, cmvtinNrclr war. Ter zweite (Krad war das finden von Händen und .tnßg»: darauf folgte das Ausziehen, wodurch natürlich l! die (''lieber ans den Gelenker» tarne» und eruvkindlich ichmerzelr^ninßicn Eine Be, - schärsnng dieses" Grades war die .gleichzeitige Bcstlnvetung der ,vüß.' mit cincni Gewichte. Bevor man von einem >''rade der Tortur, zu einem änderen-überging, wurde immer wieder die gcrichilictre .trage gestellt, nnd nur bei einer Weigerung der Antwort oder bei einer unzureichenden Antwort wurde weiter vorgegangar. Ein weiterer <''rad der Tortur war das Schnellen nnd ,tallcnla>"c» des Ansgebäneten: geschah dies öfter »ach einander, io. panrtle man dies . Svriugen'. Eine Berschärsrrng dieses (''rades rvar das Schlagen an' das .gespannte -en(, daS .Rühre»', das, wenn es nolhwendig 'chrcri, wiederholt wurdch..