Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 55 (23.4.1893)
- Date
- 1893-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SS. Freies Blatt. Seit« 7. mehreren Artikeln der „Neuen Deutschen Zeitung", schuldig »ud ver«! urtheiltc Erstcrcn zu s echs W o ch e n Gefä n g » iß und zu 15,0 Mark | Geldstrafe, Letzteren zu einer Geldstrafe von 320 Mark.-interessant ist die I Art, wie Bauer, ein auS Rußland eingcwandertcr Autiscinit schlimmster Sorte, sich auszurcdeu suchte. Er sagte: „Selbst habe ich die Artikel nicht verfaßt. Auf mcinciu Krankenlager stellte sich mir, durch einen befreundeten Herrn eingefilhrt, ei» Herr unter falschem Name» vor, der sich als ein höherer Beamter aus dem Justizministerium cinführtc; dieser Herr aber mar einer der gewiegteste» Berliner Polizeispitzel! Ein gegebenes Ehrcilwort hindert mich an der Nennung seines wahren RamcnS, i>» Reichstage aber wird er durch eine» Abgeordneten unserer Partei genannt werden. Ich hatte keinen Argwohn gegen den Herrn und sendete ihn »ach Xanten, Kolli :c, und bekam von dort solche Nachrichten, daß ich an vielen Stellen selbst Milderungen cintrctcn ließ." (Eine Erklärung Wilhelm Marr's.) Der 74jährigc Ha», burgcr Schriftsteller Wilhelm Marr, welcher.in früheren Jahren auch im Pscnner'schcn „Bolksfrcund" wuthschnaubcndc Hctzartikcl gegen die Inden veröffentlicht hatte, sendet der „Freisinnigen Zeitung" die Erklärung, daß auch er, der älteste antisemitische Schriftsteller, sich von der antisemitischen Bewegung lossagc. Die Motive dazu werde liiaw auö seinem literarischen Nachlaß nach seinem,Tode ersehen. Schon vor 'einiger Zeit hatte Marr die GeschäftSantiscmitcu, denen er so lange gedient hatte, als erbärmliche Wichte in drastischester Weise charakterisirt. (Zur Jndrllvcrfolgling in Nmnänik».) Eine zu Braila ab gehaltene, von Telcgirten auS allen Städten RninünicnS besuchte Persammlung jüdischer Reservisten richtete an den König Earol eine Petition, worin um den Schutz dcS obersten Kriegsherrn gegen die auch auf Kinder rumänischer Soldaten jüdischer Eonfcssion sich er streckende Beschränkung dcS nneiitgcltlichcn Unterrichtes gebeten wird, liegen das BcrfolgnngSshstcm überhaupt sprach sich ei» in Bukarest stattgchabter Socialistcncongrcß anS; derselbe erklärte sich für die politische Emancipatiott der rumänischen Juden. (Rabbilicrtag in Petersburg.) I» der Hauptstadt des Ezarcne reiches wird demnächst ein Rabbincrtag abgehalte» werden. Die russisch Legierung hat nämlich die Berufung jüdischer Delcgirtcr angeordnct, »in einige wichtige Fragen aus dem Gebiete dcö religiösen und socialen Lebens der Inden zu' löse». DnrchwcgS sollen zu den--Bcrathungcn Rabbiner entsendet werden. Diese Einbcrnfung steht in Bcrbindung mit den Beschlüssen der Plchwc'schcn Eommission, welche die Aushebung der Antonomie der jüdischen EnltuSgcnicindcn sowie die Festsetzung der Zahl der jüdischen Bcthäuscr im Reiche beschlossen haben soll. Auch unter Ezar Nicolaus I. wurde auf Anregung des damaligen Ministers der Bolksaufklärung,. Grafen Uwarow, eine Rabbincrdclcgatio» nach Petersburg einbcrufen: damals handelte cS sich 'jedoch um Errichtung von Schulen für die Inden, welche bestimmt waren, Letztere dem russischen Staatskörpcr näherznbringen. Die später thatsächlich crrichteleli Tcminarien in Wilna »nd Schitomir sowie die Lehranstalten in den meisten von Inden bewohnten Städten im Ezarenrcichc habe» .die Inden zur Bildung angcspornt iind für die Assimilation derselben mit dem russischen Bolkc gewirkt. Die durch diese Schulen gezeitigten Früchte haben später Ezar Alcrandcr II. veranlaßt, den Juden die Pforten sämmtlichcr Lehranstalten im Reiche zu össncn. 2lus antisemitischen Vereinen' und 1?ersainmlungen. (Einsam und verlasse».i Sogar i» de» Reihen der akademischen Jugend amucinitische» Bekenntnisses. regt sich das Rergterlhum" gegen den „Fnbrcr des lTstinarkvolkeS". Tie letzte Ausgabe des Roicnauer Tiöeesanblaue» meldet: ..Ter .Wiener Akademische Tnruverei»' richtete am I«>. Februar l>!»:> an Herr» Schönerer ei» Schreibe», in welchem'derselbe ersucht wnede. dem Vereine auch sernerhi» das gütige WoblwoUen znzuwende». und demselben als unterstützendes Mitglied änzugehöien. Herr Schönerer stellte, da er selbst gerade eine Reise unternahm, an Herrn Jro da« Ersuchen, dein .Akademischen Turn verein' zn schreiben, daß selber einen Umerstützungbeilrag erhalten werde, doch vermisse Herr Schönerer noch eine Kundgebung seitens dieses Vereines gegen da« .Deutsche BolkSbtatt', wie selbe von. andere» Tnrnvercinen deS nieder ostcrreichischeti Gaues bereits verössemlicht woidc» seien. Daraus erhielt Herr Schönerer am 8. März 18!«!! ein Schreiben» worin initgelheitt wird, daß der Akademische Turnverein' in seiner TurnräthSstpiiNg am 7. Mar; d. I. ei» liiimnig beschlössen habe, die gestellte Bedingung < nämlich Siuudgcbung gegen das .PolkSblatt) nicht auznuchine» und daher sehr bedauert, sein unierstützeiideS Mitglied Schönerer nicht mehr in seiner Mitgliederliste führe» zu lönue»/ Aus blinden Gehorsam kann Schönerer nicht cinmat mehr bei „unverfälscht tonischen" Studenten zählen; nur ei» Rudel von „Schriftleiter»', welche aus seine Unter Nützung angewiesen sind, parirt ihm »och und erhebt nicht einmal auf „gütiges Wohlwollen" Anspruch. > (Gksprkltgt.) Im am>semililche,s Lager Wiens ist man über die Socialdemokratrn empört uicd rusl nach der 'Polizei. Dü' Socialdeinokraien haben nämlich Sonntag in einer Aut,seinitcuver>anin>lung daS'elbe gell,an, waS Lueger »nd Genossen in srnheren Jahren in so vielen soilschrikrlichen Ber>ainnil»»geu planmäßig auSgesührt (jattm." Kit .Hio l'aciunt „<>„ cst i.li-m. Wenn Christlich Sociale eiue 'Versammlung sprengen, jo rühmen sic sich denen als eine« HeldenstüctlkinS; lvird aber ei» Anuseniitenniccling von Socialdcinokralcu gesprengt, so sind die Sprenger sort>ch»it>licher Bersauimlungrn über , bübische - > Ge,ncinhcil" entrüstet und verlange» Rechtsschutz. Tie Bersaiumlung,' welche Sonulag ei» »»ccwaocl rasches Ende nahm, fand in Rappels Rofensälen i» Favoriten statt und war vom Vereine „Christliche Familie" cinbrrnsen worden ES Chatte» sich etwa Ika x» 'Personen eingeinnden; nebst Anlisemite» waren aber auch zahlreiche Socialdcmokrate» ^rschicneir Gemeiuderath Tra:inbauer eiösi»c:e die Versaminlung, woraus 'Prinz Liechtenstein daS Wort nahm. Terselbe prieS zunächst die Zwecke des Vereines „Christliche Familie", dckSinvfte dann die Tcudcnze» der Socialdemokralie zind sprach von der „Zersetzung der socialdcinvkraliichcn Partei". Run regte sich Wider>'prnch i» der Bersaiumlung die Socialdcinokraten unterbrachen den 'Prinzen; dieser, über die Störung in hohem Grade erstaunt, span» sein Thema nicht weiter an« und eilte raich;»»» Schlüsse. Hierauf sollie Gcmeinteralh Eooperator Lalschka spreche», die Social demokralen gaben die« aber nicht zn. Sie macllten großen Lärm, man körte die Ruse: „Herunter mit ihm!"' „Wir brauchest keinen Pfasse»!" .Tie Anlisemilen schrie» dagegen: „Rcdksrciheit! Hoch Lalschka! Hoch Liechtenstein!" Unter diesen Umständen zog Prinz Liechtenstein cS vor,, den Saal zu verlassen, und Eooperator Lalschka, der sehr verlegen 'und. cingeschüchierl äusiah, verließ die Tribüne. Ter Borsitzende bemühte sich vergeblich, die'Ruhe wieder hkrznsteUen. Schließlich würde Polizei rcguirirt', welche die Beriammelteu z»m Verlassen des Saales aufsolder'e. Die Socialdcinokraten entserntc» sich, indem sic das „Lied der Arbeit" anstinnntcn. lSchöiitrcr und SlcicriNälk.) Ans Graz lvird uns geschrieben: Tie Be milhnngen Schönerer'«, der in 'Riederösterreich, Schlesien :c glündlich abgewirihschastet Hai, sich i» Sleiermark eine politüche Stellung zn verschassen, waren bisher von keinen» nennenSwerihen Erfolge begleitet. Es gelang dem reichen Manne mir, das Ehrenbürgerrecht von Mahrenberg zn erwerben niid einen. „Verein der Ten» sch nationalen in Sleiermark'' ins Lebe» z» rufen der in weiteren Üreiieu unbekannt ist. Dieser Verein hielt vor wenigen Tageu eine Verichiimlung ad, in welcher er mehrere Beschlüsse im Sinne Schönerer'S faßte. Ec sprach zwei Mitgliedern des Sieinwendrr ElubS, de» Abgeordnelen Ferdinand Ludwig i,nd Hugo Lfala, die „entschiedenste Mißbilligung" auS, ernannte Schönerer znin Ehrcninilglied und crivieS.ihm sogar de» Gefallen, an ihn die Bille zu stellen, er möge sich nicht vom politischen Lebe» zurüclziehen, sonder» io bald alS ariöglich um ein ReichSrathSinaNdal bewerben. Sie ver sicherte» ihn für den Fall, als der .nainpi nbch io schwer werden sollte, der „UmelstütznngFriuer Genosse»,". Ta« ist Alles recht hübsch, aber die Zahl niid' d>-r Einfluß dieser Genossen bieten mit ».lichte» eine Sicherstellung gegen eine einpnntliche 'Riederlage. Aus Sln»valbieknndgeb»ngeii lind auf Miizechcr kann Schönerer jederzeit in Sleieimart rcchnr», nicht aber auch aus ernste Mitstreiter. 'Wir ziveifel» nicht daran, daß der sich jevl hierzulaudr breit ma.i eudc national.' Antlieiniiisinu» Siciliwender'scher 'Prägung 'rüber oder später ver'chivinden werde, aber dies wi>t nicht geschehen, lim den Schöuerer-EnltnS znni herrschenden zn erhebe». z »Bötkcl's Abschwkllkiiilg.l AuS München lvird UNS geschrieben': „Am l l.d. M. fand eine große Bersainininng der aitliiemiti'cheai.'Voltsvarle, stall, an welcher sich auch zalilrciche Soeialdeuiokieilen belbeiligie», Tr. Bö.kel war eigens vc» sch rieben worden, uin die Münchener über de» „'Renen EurS" anizntläreii. TaS einzig BeachlenSwerlbe in Baeket's langakkuugen »nd von de» Socialisten o'l niilecbiochenen Anslübrnngen, ivaie» AiiS'plüche ivie „die ost Vienßiichenülltvßgrnndbesitzer sind mir gerade so lieb, wie die Inden", „Weil im Mittelaller die Ebnstcn leinen Zins nehmen dnrkicn, nahmen die Inden uinioniehr", „Wir wollen gleichmäßige Amvendniig der Gesetze ans Inden »nd Ehristen" u ä Soeialist E r ä in e r >'praä> deSbälb dem ^ioiori''chcn Anii'emiien führet -seine Benru»ddrii»g ansi, daß Böckrl's Vortrag w ganz anders geiveien >'ei, alS man eS von srüher her bei de» Aiilis.'milcn gewohnt war. Tie Rede iei völlig demotraii'ch gesalbt und von Judenhaß 'ei-in ihr 'an gaa nichts zu i inerten gewesen. Bocket envidelte hierauf. eS sei wahr, daß er sich ver ' ändert haben, könne. Man könne doch nicht iinin-cr von den Inden reden, eS gebe >d o ch auch noch andere Sachen. Es selteiin dcnuiach, als ob sich die oft Vropbczezle und angedrobie Absisiwenkniig Böckel s i vom AnliieiiillisinuS wirtlich. vollziefien n»d diesmal ernster«»' Ralnr ''ein : wollte. Für die Amiicinitc» bedeutet Bocket'« Abfall -allerdings eine» barten > 'Verlust, wenn auch für die Gegner derselben keinen Gewinn. " 2lus antifcmitijdien blättern. ’ tJoUtlialiftischr ZtzkmislSUlilsii.l Tie anliiemiliüh' Tagespreise, ivetche derzeit durch daS „Vaterland" »ach der schwarzen» durch das „Tentiche VolkSblalt" »ach der rothen Seite hi» vertreten ist, scheint den 1*. IT. Antisemiten