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Freies Blatt · 1893-04-23 · 55 (23.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
55 (23.4.1893)
Date
1893-04-23
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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* Seite 6. __ Freie Soda»» sprach der Schmiedemeister Herr La mm er, ein wackerer, biederer E HandwerkSmaim 7ui schlichten, aber kernigen Worten beglückwünschte er die Eewerbelreibende» Troppans zu ihrem neuen Abgeordiielen, der di« Interessen de- GcwerbestandeS wacker vertreten wird, üe erzählte auch von dem Treiben der tz>eg»cr: Gemeindeiäihe seien zu ibm gekommen, und wollten ihn überreden fitr Processor Tr. Pommer zu stiincnen. Sie versprachen, ihm die städtischen Aebeucn zuzuwcndeit, wen» er in ihrem Sinne wähle» würde, ^b er preiwüidige, ob gute Albenen liefern würde, darnach fragten sie nicht! Nur seine Slimnie solle er für Pommer abgeben, dann seien ihm die städtische» Ärbcitcn geivisi! L0 vertreten unsere antikibcraleii lÄemeinderälhc die Stadlilltercssen! Ta- Parieiintercffe steht ihnen viel höher als das Wohl der Sladl! Mit den Sleucigeldern werden stimmen erkauft. Aber Herr Sominer hak ihnen die Thüre gewiesen und geaniworlel, sie sollen sich ihre Arbeiten behalte»! Stürmische Pcicallsruse worden dem wackere» Gciverb-mannc für seine drastische und..bezeichnende Schilderung der Porgänge im antiliberalen tzager. An diesen Bericht kitüpstc das Antiscmitenorgan „Deutsche Wehr"" eine" orfenc Anfrage an den Bürgermeister und die national antisemitischen Gcmciudcräthc, ob -diese Beschuldigungen von . anikswcgcn nnkciinchr und klargesiellr wurden. Der Interpellant, unterstützt von Heu Herren Biccbürgermeislcr Dr. Krommer, Alois fr rank, Carl Sth, Johann Zieger, Edmund Olbrich und Ferdinand MaderH fragte nun den Bürgerineislcr, ob eine llntersuchung von aintswegen veranlaßt worden sei,. und wenn ja, welches Ergcbniß sie zu Tage gefördert habe. Der Biirgernicister erwiderte: Da Herr Sommer Eonlrahent kür das' lanscndc Jahr ist, io habe er sich vcrpslichtcl gesehen^ um das Ansehen des Bürgermeisteramtes zn wahren, Dhat sächliches scsiznsiellcn. Der cilirten Zeitungsnotiz gegenüber davon ö'senilich «Gebrauch zn machen, habe er jedoch nicht für. noihwcndig crachiet, da er Zeitungen nicht zu antworten pflege. Cr habe Herrn Sommer zn einem Besuche cingeladen, und dieser sei am 2*>. März im Blirgermcisieraml erschienen. In «Gegenwart eines Schriftführers habe Herr Sommer damals folgendes zu Protokoll 7gcgcben: Ieli bin gegeinvailiz für das Jahr l^.'ll Iahreseoutraheilt der üädli'äien L.tuinedi.»bei:e.., bade avo dce'elbe» ni.tn eru zic envecbeu und können sie mir bei eideullrber Arbeit auch nt.tu entzogeu iverde:i Pvit dem Bürger ineisnr mid Ba'.geliueisteramke iü bezüglich dreier Arbeiten aiilasilich der letzceu ü>eichsra:bsinal I gar nicht mit mir verhandelt woedcn. Auch iü mir von emein z'tiidereu nicht direct als Belohnung für die Wabl eines desttininten l!andidaten die lleberiragung einer städtische» Arbeit versprochen worden. Es knr'ie nur dies gegenüber Niemand wagen. Wohl aber iü cnir von einem Heren iiiiier Hiiiiveis daran', dost ich gegenwärtig üädiuchcr Contraheiu bin. sehr it.ul zugeredet irercen. ich möge doch auch io wählen, wie der Bürgermeister und die Psehrzahl der lKemeindeiäthe ivählt. Tin« Herr ivar der «Gemeinde :.,!w ,tegrr. Lie Millheilungen von versuchtem Stimmenkaus beruhen somit auf. llnwahrkeit. Weiteres zu vcranlane» habe er, fuhr der Bürgermcisicr fort, sich nicht verpflichtet clachtet, da er der Ansicht war, daß die Angriffe anfbören und der Friede, den der ncngcwählte Abgeordnete der Stadt Trovpau in Aussicht gestellt Halle, cintehrcn werde. Des halb habe er die Sache rnken lassen, um keinen neuen Streit herauf znbeichwören. Da jedoch die erwartete Ruhe nielit cingctrclcn ist, sehe er sich veranlaßt, das mit Herrn Sommer aufgenommene Protokoll zur allgemeinen diennkniß zn dringen, und. hoffe, daß die Angelegenheit damit erledigt fei. Die Millheilungen des' Herrn Bürgermeisters wurden ohne Debatte zur Hennrniß genommen. Die „Ehrenrettung", an der sich merkivürdigerweise auch Herr Zieger belhciligt hakte, erzielte durchaus nicht jenen Ccceel, der Herrn Moßlcr erwünscht gewesen wäre Wurde ja doch fesigesielll, daß ein national antisemitischer Ge meiudelalh einem Eoiilrahenlen gegenüber sich des Hinweises ans stadii'che Arbeiten als eines Agiiationsmiliels bedient hatte. Sauber in das eien nicht. Acußcruiigcn des Aliliscinikisinus in Vorarlberg. Der Ruf: „Hansl litä,: lei Inden." ertönt nun auch in.Borarlbcrg, nicht etwa bloß in Hohenems, dem «''eburlsorte des Eaukors Snlzcr, sondern selbst in solchen S rt'chasreii. wo man Inden oft nur von, Hörensagen und aus dem Ge'ctiimvse clcticaler Blätter kennt. Nicht der Mechaniker Schneider, dessen vorjähriges Gastspiel in Borarlbcrg mit einem gründlichen Iiasco endigte, har dies bewirkt Cs ist die'städtischc Bevölkerung, aüch die io»sr pornrlhe:Isfrci sich gcbcrdende, wclclfc diesen Auf crschallen läßt, und derselbe kelirl 'eine Spitze gegen — l^eistliche christlich-socialer Richtung. Pcarrcr und Cavlanc haben in jüngster Zeit die Bauern, die ihre treueste 'Gefolgschaft bei den Wahlen bilden, gegen die Bürger und Kanflcute in den Slg.0ten gehetzt und sic veranlaßt, Vebensnijttel, vor Allem aber Mehl, das in Borarlberg fast ausnahmslos bon Ungarn eingefülnt wird, in Budapest im (Großen einzukanfen und unter die Mitglieder der unter geistlicher Anleitung gebildete» Blatt. Nr.-ÄK.! bäuerlichen Eonsumvercine zu billigerem Preise, als ihn der Zwischen- : Handel bictezi kann, zu verkaufen. Die Händler und KaufleUtc, in j ihrem Erwerbe bedroht, nehmen zur antisemitischen Phrase: „Kauft ~ nicht bei den Inden in Budapest!" Zuflucht, kommen aber damit bei den Pfarrern und Eaplänen schlecht weg, die sic in diesem Falle erst recht verhöhnen. So bringt das clericale „Vorarlberger Volksblatt" folgende Eorrcspondcn; ans Schruns: „Wer hätte das vor wenigen Jahren geahnt, daß auch hier in Schruns der Antisemitismus Wurzeln fassen würde, wie cS nun Dhatsache ist. Man solle, sagen hiesige Geschäftsleute, das, Mehl bei den hiesigen Geschäftsleute» ein kaufen und nicht das Geld an die Pester Juden schicken. Tic Bauern aber meinen, sie ständen bester, .wenn sic das Geld direct nach Pest schicken, als wenn dies durch Vermittlung hiesiger Geschäftsleute geschähe. Das haben der Pfarrer vom Bartholomäberg und die gemein samen Nkehlbrstellnngen bewirkt." (Ahlwardt und die zwei Centner Acten.) Im deutschen Reichstage machte am 14. d. M. Präsident v. Mvctzow auf eine Anfrage des Antisemiten Liebermann v. Sonnenberg in . Angelegenheit Ahlwardt's und der von ihm vorzulcgcndcn zwei Eentner Acten folgende Mitthcilung: „Ich h'abc gestern Ahlwardt für heute das Wort vor dem Eingehen in die Tagesordnung in Anssicht gestellt, damit derselbe die Ricderlcgung gewisser Äctcnstücke ans den Tisch des Hauses formell begründe. Heute erklärte Ahlwardt, daß er die Acten stücke nicht auf den Tisch des HcknfeS »iederlegcn, vielmehr einen for mellen Antrag einbringen wolle zur Einsetzung einer Eomniission für die Untcrsnchung einiger von ihm aufgestcUtcr Behauptungen. Die Äctcnstücke wolle er nur einer Eomniission übergeben. Hiezu könnte ich ihm daS Wort nicht erthcilen. Ich habe ihn auf den gcschüftsordnnngSmäßigen Weg verwiesen. Diesen zu betreten, steht ihm alle Tage frei. “ Ahlwardt bcnicrktc hierauf: „Ich glaube, daß zwischen! dem.Präsidenten und mir ein Mißvcrständniß obwaltet. Ich habe mich i bereit erklärt, die Äctcnstücke auf den Tisch dcö Hauses nicdcrzulegrn, - aber nur gebeten, vorher einige materielle Ausführungen machen zn können, damit die Äctcnstücke auch vom Hause verstanden werde». Ich . bin vom Schatzsccrclär, vom Kriegsministcr und vom Reichskanzler ' angegriffen worden." Der Präsident unterbrach den Redner nlil den | Worten: „Das gehört nicht mehr zur Geschäftsordnung!" Ahlwardt lagt? dann noch, cs sei ihm, der die Acten vorlegen wollte, nur die! Erklärung gestattet worden: „Ich lege die Acte» nieder" Diese ei» fache Erklärung habe''er verweigert. Der Präsident erklärte sodann, er! erachte die Sache für erledigt. Am 10. d Pf. brachte Ahlwardt folgenden von Werner »nd Pickenbach sowie von siebzehn So cialisren, darunter drei Inden, Unterzeichnete» Antrag ein: „Der Reichstag »volle beschließen, eine -Iglicdrige Eomuiission zu ernennen, J welche über die vom Abgeordneten Ahlwardt überreichten Acten dem ' Reichstage berichten solle." Der Präsident erklärte zu Beginn dcr j Sitzung vom 17. b. M., daß er den Antrag Ahlwardt's zur ge! schästsordiillngsmäßigcn Verhandlung nicht zulasten könne, da sich! Ahlwardt weigere, die in seinem Anträge erwähnten Actenstückc vor- ' znlegcn. Ahlwardt scheint im Reichstage sich derselben Bcrantwortungs; Methode wie im Gerichtssaale zu bedienen und sucht vor Allem, Zeit! zu gewinnen. j «Tic Wcinschnld cincs Abgcordnttcn.) Das.antisemitische Mit > glicd des dentfchcn Reichstages, Wilhelm Picken bach, kam schon in j früheren Jahren wegen Wuchers mit den (Gerichten in Eollision und j wird jetzt auf Bezahlung einer WcinschDtd von 'Ji>0 Mark geklagt, j Allein die Zwa ngsvallst reck nng war fruchtlos geblieben, und da Pickcn-! bach dc» Sfscnbarungseid zn leisten sich weigerte, so stellte der Anwalt des Gläubigers den Antrag auf Abführung des Schuldners in Perionalhaft. Die lsseschäftsordunngs-Eommissiou des Reichstages beantragte, die Genehmigung zu dieser Maßnahme zu versagen, mit der Begründung, drtß der Üceichstag in civilrcchtlichc Berhältniste seiner Mitglieder nicht cinzngrciscu das Recht habe. Ter Gläubiger Picken bach's muß sich nun bis zur Auflösung des Reichstages gedulden. . iGllt?i»g braucht Weile.) Die von den Berliner Antisemiten angckündigtc .Hlagc Men Dr. H. Hildesheimer, welcher den seitens der „deutsch-socialen Geschäftsstelle" verbreiteten „Talmudauszng" als „niederträchtige, schamlose Fälschung" und die Verbreiter a>s „Ehrabschneider und Verleumder" bezeichnet' hatte, ist endlich im März überreicht worden, jedoch geschah dies im Namen jenes Lchwennhagen, der sich bald nachher zur Erklärung bcmüssigt fand, daß er sich von der anliscniitischcn Bewegung zurnckzichc. Zn einer gerichtlichen Austragung des. Proccstes dürflc cS nicht sobald kommen. (Polizcispißcl und Autiseinitenblatt.) Das Landgericht Leipzig sprach, dieser Tage die „Schriftleiter" Bauer und Schroot wegen Beleidigung richterlicher Functionürc im Buschhoff-Proceste, begangen in

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