Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 55 (23.4.1893)
- Date
- 1893-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Freies B l a t t. Seite H. Nr. 55. gesogen. Der Kaiser gestattete Fürsten und Städten, eine bcstiininte Anzahl Juden zu halten; dies war für die Begünstigten die bequemste Art zu Geldc;n kommen. Bon allen Seiten waren die Jude» gedrückt, verachtet, gepeinigt, ein Gegenstand der Ausbeutung von Seiten der Behörden, ein Gegenstand des Haffes und der inuthwilligsten Neckereien und Mißhandlungen von Seiten deS Pöbels. Auch dieses elende '.'eben mißgönnte man ihnen, obwohl sic - trotz aller Vcibcit ihren Pflichten gegen ihr „Batcrland" »achkamcn. Dem religiöse» FanatisickuS fielen Tausende unschuldig zum Opfer. Der Boden Deutschlands von der West- bis zur Ostgrcnzc ist mit jüdischem Blute gedüngt. Die schreck lichc» Metzeleien wüthctcn vom XI. biü znin XIV., zur Zeit bis ins XV. Jahrhundert. Fürwahr, tausendfache Sünde unserer Borfahren hätten wir gut zu mache»; und am Ende dcö XIX. Jahrhunderts lasten Taufende die alten Märchen vom Schlachten der Ehristcnkindcr durch die Inden wieder anflcbcn. Auf diese Ehrenschuld noch von de» Seiten unserer Bütcr her, die wir den Juden gegenüber eiuznlösen liaben, hinzuwciscn, ist die Pflicht der Geschichtsschreiber unseres BoltcS. Dann kann einst wohl die sogenannte jüdische Frage in ruhiger, leidenschaftsloser Weise erörtert »nd erledigt werden, zum Heile des Batcrlaudcs. Wie Alles, was da lebt und webt auf der Erde, mnß auch der Mensch, der einzelne wie ganze Böller, sich frei entwickeln können, mit alle Kräfte zur Entfaltung zu bringen. Knechtschaft »nd Unterdrückung drückt ein Bolk tief in seiner geistigen Entwicklung herab. Die Ge schichte ist voll von Beispielen. Was hatte viclhnndcrtjähriger Druck nnS dem deutschen unfreie» Bauer fürein schcneS, mißtrauisches, unter würsigcS Geschöpf gemacht! Er glich „mehr einem Thier mit nicnsch lichcnl Acußcrn als einem vernünftigen Menschen." Welche erfreuliche Wandlung hat sich in der kurze» Zeit seit der Befreiung dcS Bauer» standeö vollzogen! Selbstverständlich ist die tausendjährige Knechtung auch am jüdischen Bolksstainnie nicht ohne Spuren zu hintcrlaffcn vorüber gegangen. Allein diese Spuren deS langen Druckes sind zum größten Thcilc wieder verschwunden, obwohl die Befreiung der Inden erst nach wenigen Jahrzehnten zählt. Man g.lic ernstlich dazu über, die Juden nicht nur gesetzlich; sondern auch gesellschaftlich als deutsche Bollbürger anzuschen. Plan nelnnc den letzten- Druck vom Nacken deS lange geling verfolgten und nicht für voll gerechnct/n Inden, und man wird die letzten Spuren tausendjähriger - Knechtschaft dahinschwinden sehen. Der Jude des Mittelalters konnte beim besten Willen nichts Anderes betreibe» als den Kleinhandel, das Hanfirgewerbe, den Handel mit alten Sachen: er mußte schachern, sollte seine Familie nicht Hungers sterben. Und dasselbe traurige VoS vererbte er auf seine Kinder. Indem inan dem gewaltigen Strome der jüdischen Geistes -kraft ein einziges Bett anwics, mußte dieser Strom sein Bett bis zum Rande ausfüllen und zu Zeiten auch wohl über seine Ufer treten und Berheernngen mannigfacher Art anzichtc». Zn Hunderitauscndc» auf den Handel beschränkt, verstanden sich die Juden bald durch Bererbnng und Gewöhnung so anögezcichnct auf ihren einzigen Berns, daß sic \V\ic Mitbewerber weit hinter sich ließen. So entstand, was der Juden lcind Schachergeist, der nnpartciischc Geschichtsforscher ererbte Begabung für den Handel nennt. An dem Juden erschien als großes Unrecht, was der Ehrist ungestraft thnn durfte. Da der .Kleinhandel schwache Eharaktcrc leichter zur Unredlichkeit vcrfilhrt, als der Ackerbau und das Handwerk, so mag wohl zu Zeiten der Pcrecnlsav der jüdischen Betrüger größer gewesen sein, als derjenige der Ehristen. Aber die Nolh »nd der Druck niuß als Entschuldigung gelte». Und soll der in der menschlichen Natur begründete Drang nach Wicdcrvcrgcltnng den mit Füßen getretenen Inden lischt zugute gehalten werden? WaS ein Jude fehlte, mußten stets alle Jndqn büßen. Einenoch schlimmere Acußcrnng der Unterdrückung roaf der Zwang zuui Wucher. So unglaublich cs klingt, er bestand wirklich. Jeder „gehaltene" Jude war 'mit einer reichlich fließenden Geldquelle gleichbedeutend. Man legte den Inden übermäßige Abgaben auf, bis zu einem Biertel des Bcrmögcns! Der Jude mußte 40 Percent dcS anSgelicheue» Eapitals nehmen, um Pcrccnt zum Vebcnsnnterhalt zu haben. Und dabei wurde» bei den zahlreiche» Judcnvcrtrcibungcn füniintliche Schuldfordcrungcn der Inden fiir nichtig erklärt. Das von Kaiser Earl V. und anderen Fürste» den Juden crlhcillc „Privilegium" dcö WncherS wurde so wirklich zn einem Zwange. Erklärte sich der Jude unfähig, die furchtbaren Abgabe» zu entrichten, so hieß cs: „Ihr müßt zahlen,'denn ihr habt ja das Privileg dcS Wuchers. Wuchert nur brqv und ihr werdet schon zahlen können." Wer war da der Wucherer? War cö der Jude' oder die Behörde? Die ungchcucrc Höhe des »littelaitcrlichcu Zinsfußes war nicht etwa durch die Juden hcrvorgcrnfc», sic lag ^in den Berhält niffen; daß Juden Wucher trieben, war die traurige Folge der jüdischen Knechtschaft, Aber Christen wucherten nicht minder; die Bürger von Florenz luden im XV. Jahrhundert Juden in ihre Stadt, in der Hossnung, dadurch den hohen Zinsfuß hcruntcrzudrückcn.! Durch den Jahrhunderte lang geübten Zwang zum Wucher wurde > dieses Geschäft neben dem Schacher den Inden zur zweiten Natur. Daher erklärt cs sich, daß noch jetzt Inden in die Art ihrer Bäicr! zurückfallcn. Ans der jüdische» Knechtschaft erklären sich auch alle! anderen sogenannten „jüdischen" Eigenschaften; deren Spuren die Jndenj feinde sorgfältig bei ihren jüdischen Mitbürgern verfolge». Es ist! sonderbar, daß dieselben deutschen Bürger, die zwischen sich und einem! Thcile ihrer Mitbürger künstliche Schranke» aüfrichteten, sich beklagten,! als sic die Wirkungen dieser Schranke» bemerkte»,. Wer Haß säet, l verdient nicht Rebe zu ernten. Die einstigen Unterdrücker des 'Juden lhnmS ernten, nur, waS sic gesact haben. „<^ebt dem Juden auch die gesellschaftliche .Gleichberechtigung, und alle Folgen der ehemaligen! Knechtschaft werden bald verschwinden."! Wer da behauptet, die unangenehmen, durch seine (beschichte er - klärlichen Eigenschaften deS jüdischen.BoltcS seien unausrottbar, der! sollte gerecht genug sein, auch die. Unvcrwüsttichkcit der jüdische» Tugenden anznerkennc». Diese ist der Schlüssel seiner Erfolge. „Es liegt etwas Großes und Erhabenes im jüdischen Bolksihnm, worum wir andere» Bölkcr cs inSgcsanimt beneiden sollten." Das mit moderner" Bildung dnrchtränktc Jndenthnin wird einst noch eine Zierde der Akcnschhcit werde». Die Inden haben das unsterbliche Bcrdicnst, der^ heidnischen Bielgöttcrei. die Bcrchrung deS einen Gottes gegenübergestellt zu haben. Wie erscheint daS uüdischc Bolk und seint Geschichte in den Darstellungen der Jndenhaffcr! Wer aber unparteiisch mit der (beschichte der Israeliten sich beschäftigt, wird »ichtS finde», weshalb er . sie heute noch verachten -müßte. Aber der Haß beeinträchtigt die Schärfe des Urthcils und die Unpartcilichtcit so sehr, daß die Antisemiten sogar j solche Eigenschaften, diesie de» Deutschen germanischen Ursprunges > zum Vobe anrcchne», den Jndcii zum Borwnrf machena-das Festhalten j an der Art ihrer Bäter, den regen-Bildnngstricb „das erschreckende j Eindringen der Inden in die gebildeten Stände"), das musterhafte , Familicnlcbc», ihre Wohlthäligkcit. Tic Gcrcchtigleit kann nicht mit i dem Haffe unter einem Dache wohnen. . Gesetzlich ist die jüdische Frage.seit einigen Jahrzehnten bereits gelöst, und wen» (besetze allein allmächtig wären, so gäbe cs heute keine» Antisemitismus. Allein das deutsche Bolk ist noch beiweileni nicht auf dem hohen Standpunkt-der Duldsamkeit und Aufklärnng angclangt, welchen die (Gesetzgeber cinnahmen, als sie der Unterdrückung der Juden endlich ein Ziel', fetzten.- DaS dem 'Wesen dcS modernen Rechtsstaates znwidcrlaufende Beginnen, den Inden wieder gesetzliche Beschränkungen anfznez-lcgcn, würde die verderblichsten Folgen haben können. Weder wegen der ürcligion noch wegen der Abstamninng darf »an einen Thcit der Staatsbürger in seinen Rechten beschränken, lnscre Zeit, die bereits zn sehr an.Raeenhaß krankt, bedarf dringend des Friedens zwischen den verschiedenen (Gliedern der menschlichen Familie. Amwenigste» darf man Hader zwischen den Bürgern des selben Staates säe» ES gibt nur einen Weg zn.vollem Frieden: Die durch daSrGcT^tz gewährleistete volle Gleich der ech- - kignng der jßid^Vcli e n Mitbürger ist ohne jede Ans nähme in die Thal zn übersetzen. Dem gck-ildeien Inden ge ' btthrt.auch die volle gesellschaftliche (Gleichberechtigung. - Das " haben die Inden nicht als eine Gnade zn erbitten, sondern als ein gnlks Recht zn fordern. „Die Indo« -gehorchen den Gesetzen des ‘ Baterlandcs, sie. bezahlen ihre Stenern und genügen ihrer Wehrpflicht, : um im Falle der Gefahr ihr,Blut fürs Balerland z» vergieße», ne i tragen wesentlich, zur Entwicklung des Handels und der Gewerbe bei,! sic reden dieselbe Sprache wie ihre Mitbürger — weshalb sollen tu- I immer »och Bürger zweiter Elaffc sein? Ein braver Jude, der sür j die volle.Gleichberechtigung seiner Siainmcsgenonen kämpft, der kämpft- - einen guten Kampf uni sein gnicS Recht, und. alle wahrhaft vor nrihcitsloscn Männer sollten ihn unterstützen." ' Der Inhalt des kleinen Büchleins schic» »>ir bedeniendgenng, .um i ihn hier im gedrängten Auszüge wicderzngcbcn. Möge dieser Auszug für viele Vcscr desselben der Anlaß werden, das Buch selbst zn le'en: mögen die warmcmpsnndcnen und vorurrheilsloien Äusführnngcn , eines wackeren, für Wahrheit und Gerechtigkeit chegciiterlen deutschen 1 ManneS sic io manches - vergessen machen, was verblendete Deutsche : in ihrem mißleiteten Ralionalgesühlc an ihren jndi'chen Milbürg-,n - verbrochen haben oder noch verbrechen. «Ans dem VüliütrtlK l (Gleich in der.erste» Sitzung nach Wn-d.r znsainnicntritt des »icdcröstcrrcichi'chcn .Landtages »abnien auch d:>. antiscinilischen Vändboten ihre Thäiigteit ans und machten ^-andat. - Auf der Tagesordnung ' stand der Bericht über die Er-satzwab. i,m i Städtcbezirke - Kornenburg. Die Antisemiten, denen die. Wahl des b /Freiherrn v. Ezcdik ein Dorn im Auge ist, faiellen von Beiiechnngen,