Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 55 (23.4.1893)
- Date
- 1893-04-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Nr. 55. Freie weil und wo er ihnen als-Deutscher im geschlossenen tschechischen Sprachengebiete enlgcgcniritl. Allein solche und .ähnliche Begründungen in den unglaublichsten Variationen haben wir schon bis;um Ueberdruß gehört; die Thatsache desgegen alle Gesetze der Vernunft verstoßenden Antisemitismus bleibt dabei doch aufrecht. Zudem, wer bürgt den Iunglschechen dafür, daß ihre nur nationale Bewegung nicht zuletzt genau so in den breiten Strom der elerie-tlen Reaelion münden wird, wie eS bei unS in Wien der ftall war? ira ist ja noch gar nicht ausgeschlossen, daß die „freisinnige Rationalpartci' nicht cincS schönen Morgens aup gehör! baden könne, freisinnig, national und überhaupt eine Partei zu fein, da sie nur noch eine Araction der einen großen, clericalreaetionär antisemitischen Masse sein dürfte. Das wäre jammerschade. aber es wate gewiß nicht das erstemal, daß sich die „freisinnigen" Slave» ans purem Haß gegen das Dentschthuni zu den allercrg-densken Schleppträgcrn jedweder Reaction hergcben. \ Pas pudeiitbum und sein 2vecbt. Vrosest'or- Dr. Walter Pv hl mann in ‘Jicmutcb hat in einer aiisaneiei'nelen, ..Das Jndenthnm und fein Recht" ^.Hcuscr'S Verlag, '.'.etn.ried und Leivzig, Ibeiitelien Schrift die anliiciniiische Vc iregnng delenchlet nnd-gcwnrdigi In der mit Geschick redigiucn Zeit .,Ie'chnrnn" unM»:!» 'i'iofij'ov?r. :)i. Jimm in Tilsit ein I'enn'.^trgsgensssc des Veiianers, cm «belehrter, welcher ebenfalls für " reit und »'erechlig teil - begeistert ist,' dieie Bubticatiou einer Vc. 'r:eebnug, -weiche wir iin Einvernehmen mir der Tilsiter Kollegin .-..-v-.odn.ire:». Tr Timm schreibt: Tas tre'iliche Tchrsstchen wendet »ich selbstverständlich nicht an die .'>nt'v!.:l. Tür diese bedarf es keiner besonderen Darlegung ihres ^ieüns. ihrer Menschen und bürgerlichen Rechte, keines Nachweises daiiir. ans welcher Teile in-diesem lcidcnschafilichen .ttampfc, der zur - T.d.tnde des Jahrhunderts und des deutschen Volkes an Ilintang und \ Tti-nr-eennq um'Stnedr wächst, fr weniger an eine Beendigung desstleenanrüemirischen Sinne zu denken ist, das Recht zu suchen sei. An das deiil'.he Volk sind des Verianers ivohl begründete AnS I 'nl .nugen gerichtet. To wenig die gewissenlosen Voltsveifübrer von . T:ener bis ans Bocket, Theodor Tritich und Ahlwardt herab — oder .. in an die 'A'amni iir die umgekehrte Reihenfolge bringen, um mit > d ni . :en zugleich den stttlich am kicssten stehekidcn zu bezeichnen?— j du. .!> die Tlimnicn der V>,tnn»si, der Wahrheit und der Gerechtigkeit - e-u .In.m inndlichen und vaierlanLSseindlichen Treiben werden abwendig aeinacht werden, eben'owenig wird das Erscheinen der kleinen Tchrift i d e nach hnnderttanfendeit zählenden, nrkhcilslosen -Bckhörten, die ' "t V vp-'t Jiiiif begeistert einstimmen, irgend wie vermindern. einem Manivif, der ohne Riickstchl ans Vernnnsi und Gerechtigkeit - .ini.ii'smmg»! wurde, wird Berntprst und Gerechtigkeit such nicht sinde». Tie'e Teuche, die am?Nark des deutschen Volkes frißt, . •::i.i i: du mir eineniinaie erlöschen, wie es nwljl bei anderen ansteckenden > :c:i der Tal! ist. die nach rapidem Wachsthnm'dann auch I . ,r.d r. i der aonebitien, ja plötzlich wegblcibcn. (s'anz allmälich nur ----- .! e - schwer erkrankte Vollsorganismus wieder gesunden, Es ist - e.-.irennen, ' wenn nur die Tchar der Verblendeten sich nicht neu; - — :ch meine aus neuen, noch unverdorbenen Boktskreiscü '—: 1 "-..starknug aus den Reiben der bankerott gewordenen con- ■ , Van.t gönne ich dem Antisemitismus. Tie wacker» Ver- - ';; christlichen Toleranzgedaukens, Li.-, t^räbner und «eine . . Jnden'-diutzkruvpe" nennen sie die Gegner^ iverdcn sich k ' an dem Werke der Volksanfklärnng, der mir diesem ' T.k.-''-lp-:r das c..! Vian .plreren ist. srenen. Tenn ankklSren, i» . ' W. st .V.-.rl.: und Tchlcchkigkeit hineinlcnchken mir der beuchte : v Walnd. h auch das deutsche Volk ans ' NUN! Vir:.v auf sich fcjl'« zurückführeiir W-.:.:. inan ste.r:n.»:sw.-rkhcu Errnngeurchaneu des XIX. Jahr-!!!>r..kan'- e..en npd'.-r.'ii ker 'Wissenschaft, der Aiimft und des; •'•eil-..s und raneven wred-'r een eranen Aberglauben nicht nur!; ■ > :i >{. .•••;« der nugebge.-r.,, Volkselanen, den Mangel air Achtung -r e i '.ke .np.nanu.« .'nerr-.r '.'enie, an Tnlt'amkeik und das traurigste Z- -i n dt'. Z-"t, -v IHitze, NIS Auge faßt. >a muß inan glauben,; d - ::.e..'ch:ich- '.'i.rpnr iei nn'a'ng der doppelten Leistung, zu gleicher j -l n zarakt-ge .r-stsick«! i:te an' dem «R'bicke der äußeren und inneren! . k> nunnnug ‘;it mach.». T ie Ursachen der jetzigen Indenversolgnng! ' - d l ne er stist ausschließlich in den unedelsten Instiuelcn der inensch- -ichen R üur zu suchen. An die noch nicht ganz ausgestorbcnen mittel- -i.tkrlicheu Anschauungen über die liefere gesellschaftliche Ttellnng der Blatt. Juden und an den Neid der minder Begüterten auf das, was so viele Juden durch die dem Volke eigene Zähigkeit, feste Willenskraft und ArbcitsaüSdaucr an Besitz und Vermögen erlangt haben, knüpfen die antisemitischen Hetzer an. In jedem Volke lebt eine größere oder geringere Abneigung gegen fremdes Volksthum und fremden Glauben; je tiefer ein Volk steht, desto mehr tritt diese Abneigung hervor. Sic ist eine starke, wenn auch oft halb unbewußte Triebfeder der modernen Judenverfolgung. Und bei den gebildeten Claffcn — ich bitte die weit ausgedehnte Anwendung des Beiworts, mit dem Sprachgebrauch zu entschuldigen — wirkt »och irregeleitete Vaterlandsliebe mit. Tas Ideal des deutschen Volksgeistcs, das zu erreichen er in fast fieber- Uiaftcr Anstrengung lange Jahrzehnte hindurch thätig gewesen war, die Ailfrichtung des deutschen Reiches war erreicht. Seitdem fehlt cs der erregten Volksseele an einem hohen nationalen Ziele. Dieses glauben Tausende in der Bekämpfung des JndcnthumS gefunden zu haben; Tausende von Jünglingen werden in ihrer Unerfahrenheil und Vorcingcnomiucnhcit willenlose Werkzeuge des ersten besten Hetzers, tkrndlich haben die sogenannte Gründerzeit mit ihren traurigen wirthschafklichcn Aolgev und die socialistischen Bestrebungen den Blick vieler «trcisc auf die TchSdc» unserer gesellschaftlichen und wirthschaftlichcn Verhältnisse gelenkt: da lag cs nahe, unter , dem Deckmantel der Vaterlandsliebe und des nationalen Stolzes die Hauptschuld von den Schultern der christliche» Deutschen auf die Schultern der jüdischen Mitbürger zu wälze». Tic in der antisemitischen Bewegung liegende große Gefahr wird in weilen Kreisen des Volkes nicht genug gewürdigt. Sonst würde die Indenhctze nicht immer mehr Boden gewinnen. I» den -gebildeten Schichten unseres Volkes muß die Ucberzengung geweckt iverdcn, daß der Antiscinilismus eine Gefahr für das Gemeinwohl ist. Undnldsanikeit gegen irgend eine Glassc der Bevölkerung hat stcts dem betreffenden Staate zum Unheil gereicht. Spanien gewann durch die Vertreibung der Mauren, Inden und Protestanten Ruhe, aber cs war die klcnhc des geistigen Todes. Mit der Aufhebung des EdictS von Nantes begann in Frankreich der moralische Bankerott, dessen Üccchnnng in der großen rlrcvolution beglichen wurde. Tas Ucue Tiaatswesc» jenseits dcS Meeres wuchs zum gefährlichen Nebenbuhler des unduldsamen Mutterlandes England heran. Und welche Wunden hat Deutschland die Zeit der Religionskriege geschlagen! In der heutigen Judenverfolgung liegt ein Tunke, der noch mailchcn Zunder in Brand setzen kann. Man sollte jede» Anlaß zu Masseuhaß, Elanenhaß und Racenhaß vermeiden. Welche sfrttchtc haben die planmäßig' betriebenen Hetzereien nicht schon gezeitigt? Ganze ErwcrbSzwcige sind, weil die confessiopcllc und politische Richtung der Gewerbetreibenden den Hetzern mißfällt, dem AuSlande gegenüber in ihrem Ansehen und ihrer (^eschäftsehre erschüttert worden. Man denke an den Fanteuer Mordproecß imd an'das, was durch denselben au verbrecherischer.Irreleitung der Volksseele aufgcdcckt ist! In Rußland sind eS nicht mehr allein die Juden, die um ihres Glaubens und ihrer Abstammung willen verfolgt werden; auch die Protestanten, zumal die deutscher 'Nationalität und die Katholiken fühlen schon die 'Wirkungen der erwachten Unduldsamkeit Fanatismus und Unduldsamkeit verbreiten sich icuchcnartig weiter. Ein zu spät versuchter Eingrisi ist machtlos gegen die fauatisirle Menge. Trotz der Bemühungen der Sichcrhcitsbeamten hat die Menge in Fanten eS verstanden, das Hans Buschhoss's zu verwüstendie Bchörden hielten sogar das Leben des Unglücklichen für bedroht Dieser großen Gefahr gegenüber, die darin liegt, daß die Seuche'stuf ihrer 'Wanderung von Stadt zu Stadt, von Torf zu Torf vor Allem die gebildete Jugend ergriffen hat, ergeht an alle gebildet:» Deutschen germanischer Herkunst der Ruf:. „Schart euch znsaminen im Kampfe gegen die Unduldsamkeit!" — Ein wahres Niewebe von Gcschichtsverdrchnng, Entstellung, Auslassung, nmvisscnschaftlicher «Seichichtsdarstcllung, einseitiger Betonung alles Schlechten, wissentlicher Ucbergchung alles Guten — das ist die Kampfcsart der Antisemiten: unddas Alles ist in glcißnerischer Weise mit einem Tanmc scheinbar nrdcutschcr Gesinnung und musterhafter Vaterlandsliebe verbrämt, um unerfahrene Jünglinge und leichtgläubige Männer zu bethören. Das deutsche Volk hat seinen -jüdischen Mitbürgern gegenüber eine Schuld cinznlöscn, die bis in die Zeit der Theikung des fränkischen Reichs zurnckreicht. Damals begann die erniedrigende Knechtschaft der deutschen Inden: sie waren nicht etwa Bürger, sondern mit Leib und Gut des Reiches Eigenthum. Wie der Kaiser' ein Stück Land zu Lehen vergab, so ertheiltc er seinen Vasallen auch eine gewisse Anzahl Juden als Lehen. Nicht etwa allein von Acintern und Ehrrnstcllcn, auch von Landerwerb, Großhandel und Handwerk waren die Inden ausgeschlossen. Einrichtungen, die dem Namen nach zu ihrem Schutze dienen sollten, verwandelten sich für sic in das völlige Gegcnthcil. In der unerhörtesten Weise wurden die Juden von den Regierungen aus-