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Freies Blatt · 1893-04-23 · 55 (23.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
55 (23.4.1893)
Date
1893-04-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt AboiniemeiltSpreis: -(DriJCin JUl’ 2lbu\'lu* ÖCS 2lntifcmitif 1UU5. Rcdaction und Administration: Ganzjährig mit Postzusendung . . fl. 2.50. I . Hatt»j3hrig fl. 1.25. Bicrteljährig fl. —.05 , >iinzki„« Nummer» 4 kr. Erscheint a» jedem Soiintagr.!. Seircrstätto 10. Nummer 55. Wien, 2:). -Fpril 1^ II. Jahrgang. Die Tschechen und der Antisemitismus. Eine der größte» Städte Böhmens war in de» letzten Tagen der Schauplatz von Scene», die man wenigstens in diesem Vanbe für unmöglich gehalten hätte, wenn wir es nicht schon längst mit Bedauern, erfahren hätten, daß im Zeichen dcS Anliscmitismns leider Alles möglich ist. Nun gibt es auch ei» tschechisches TiSza- Eszlür niid Xanten, allerdings mit einem Unterschiede, der nicht gerade schmeichelhaft für die tschechisch-arische Bevölkerung von Koli», jedenfalls aber bezeichnend für diese neue Etappe des inlernativnalcn Antiscmitisnius ist. Sowohl in TiSza-Eszlnr wie in kanten waren einer kritiklosen Beobachtung, besonders wenn sie von gewissenlosen Agitatoren beeinflußt war, immerhin gewisse objective Anhaltspunkte geboten, welche den Glauben an eine s rituelle BluUhat wenigstens nicht gar so widersinnig erscheinen lassen. I» dem einen Falle war die arme, kleine Esther spurlos verschwunden und der aufgeregten Phantasie so jedweder Spielraum gelassen; in .Xanten war das angebliche Opfer mit einer Schnittwunde am Halse aufgesunden worden, welche sich erst unter dt» Augen i>u oerjch»oci>sic» Suu^vri»»»oigen als nicht i»nstgerechter Schächtericknitt herausstcllte. So klar sich die Unschuld der Juden in bcidt» Fälle» vor dem streng und »»parteiisch waltenden Berichte crwieS, so klar sich die ganze Anklage für jeden Einsichtigen alS ein plumpes, gewissenloses ^sigengewebe anshclKe, es läßt sich immer »och begreifen, wie sich in dunklen Köpfen und enge» Herzen der Glaube an eine rituelle Blutschuld der Anden feslsetzen konnte. Au Kolin ist das etwas Anderes. Ein Ehristenmädchen verschwindet, und es taucht sofort das Gerücht ans, die Juden hätten sic umgebracht, um ihr Blut zu tOstcrn zu verwenden, der Berdacht wird von »immermiiden Hetzern »ach Graften geschürt und genährt, die locale Presse bemächtigt sich der „gchcininißvüllcn" Geschichte u. s. w. — soweit geht Alles seine», ( man muß sagen leider, normale» Gang. Nun kominl aber das Ungewöhnliche. Die Riehe des Mädchens wird im Wasser ge - fnnden mit allen Shmptoine» des Todes durch Erstickung, wie er beim Ertrinken einlritt, cs fehlt am Körper jede Spur einer Wunde, eines Schnittes, die Eonslalierung des Thatbestandcs vollzieht sich vor Aller Augen, und mehr noch, man weiß, daß cs sich hier gar nicht einmal tun einen Mord handelt, daß ein Selbstmord vor- - liegt, man fenut die Motive der verzweifelten That, kurz cs fehlt für einen muthmaßlichcn Ritualmord auch der leiseste Schein eines objective» ThatbcstandeS — und dennoch, und trotz alledem sehen wir, wie sich eine ganze Stadt gegen ihre jüdischen Mitbürger mit beispielloser Wnty wendet,. ihr Rbe» bedroht, ihr Eigenthum zerstört, ihre Ehre besudelt und verdächtigt, bis das Militär einschreitet, um de» schuldlose», bedrängten Anden Schutz zu biete». Wir sehen in dc» Koliher Excessen eine Neuauflage der vorjährigen Unruhen im Kreise Grevenbroich ohne den, Schein anlaß der letzteren. 'Soll man diese» traurigen Fortschritt in der : antisemitischen Propaganda dadurch erkläre», daß seil Greven- '■ broich und Xanten die Berbestialisining der Menschheit und die Dcgradirung der Bernunfl wieder um ein Aahr weiter gediehen ist? Und wird im nächsten Jahre vielleicht auch ein bloßes „gutes Wort" jener Herren, dessen Hand von Evrsu bis zur Buxtehuder Haide und von den Putzten der Theiß bis zu den Usern der Elbe reicht, genügen, um ghne jede» äußeren Anlaß die Auden zu schimpfen zu schlggcn, zu berauben und zu vertreiben? Jedenfalls liegt in der Koliner Affaire ein unlösbarer Rest oder Etwas, waö wenigstens rein localer oder tschechisch nationaler Natur zu sein scheint. Irgend ein Schlüssel zur Erklärung des plötzliche» Wnlhausbruchcs gegen, die Anden in Kolin findet sich vielleicht ui der Stellung, welche die Tschechen in der jüngsten Zeit gegenüber der anlisemilischcn Bewegung einnehmen. Die ciiepe Fühlung, welche die Alltschechen seit jeher, und jetzt mehr denn je mit den Eleri ealcn unterhielten, schrieb ihnen ihre Stell»»/ zum Antisiin>iisi»nS . vonselbst vor. Schon seil geraumer Zeit geht in verschiedenen lSrten, in Jglau, Holcschan, tzyssa, Kolin, Bcnalek das blutige Schächtcrinesjer um, und weirn es auch nicht überall zu ernsten Ruhestörungen kam wie in Koli». bezeichnend bleibt die Thatsache doch, dass offenbar eine geheime straft snstcmalisch und unentwegt irgendwo einjetzen will, um auf lschechsichei» Boden einen solennen Ritualmordproeeß und im Anschluß daran eine rasieale antisemitische Strömung ins Werk zu setzen. In Böhmen finden witz, abgesehen von dc» ipceiüsch aiTlisemilisckicu zajmy-, besonders de» elerieal lschkch>schcn ..e..'o>-ii' in diesem Sinne thälig; seine Stellung zu unserer Frage erinnert lebhaft an die der Berliner „.Ereuzzeiinng". In Mähren finden wir gseichsalls die alltschechisch elerieale Presse, wie di. ». A., f.ijch bsia. lustig.., Aukentreiben; hier sind es aber auch die clerieal-tschechiichen Eonventikel,; welche die Popularisirnng des Antisemitismus und seiner Postnla'c . schwunghaft betreiben. Die Alttschechen und die Geistlichkeit gehen a'so vor Allem in Mähren Hand in Hand nach dieser Richtung vor. So erzählte neulich ein jnngtschechischer Politiker sin Wisowitz, daß ein Professor der Theologie in Brünn jüngsthin in einer d m Papstjubiläuin gewidmeten Bersammlnng, der auch die Abgeordneten Dr. Pra/ak.jnn. und Dr. Koudela beiwohnte», das Brärchen vom Älutritualc siinfgetischl und deö Ringen und Breiten besprochen habe. Be an möchte fast geneigt sein, diese Haltung der Alll'chechen darauf zurijckznführr», daß diese deeadente Partei in der Angliederung an die antisemitische Internationale ihren, letzten Rettungsanker vor dem unvermeidlichen Untergang erblickte. '.'Mein auch die „freisinnige Nativnalpaitei", dieselben Aunglschechen, die sitz auf ihre demokratischen Grundsätze so viel zugute lhnn, haben in der letzten Zsit wiederholt ihr a'iliscmilisches Herz entdeckt. Baßlitz ist nicht vereinzelt geblieben, ihm hat sich Anlius Gregr nenestens aiigeschlosien, indem er sich neulich durch einen Schreiber vom „Deutschen Bolksblatt" über seine anusemitischen Henmuu'ic aushören ließ. Die sehr lendenlahme Erklärung, welche der eiste 1 Faiseur der „Naroiliii listydem Berichte seines -Anlerviewers enlgegenstelllc, hat uns nicht i» dem Glauben wankend sizemachl, daß der nationale Ehauvini'smns "der Annglichechen in den Reihen dirfklben auch schon manchen-Adepten für daedle Satzedes Anlisemilismns geengt hat. Mehr bestärkt uns, »i diesem Glauben ,, noch die Haltung gewisser streng j»ngs>chcchischer Blätter, wie d,r _.Xo»'Iri>l>»l." und deö ..I>.m;■, der eben bei den Uoliner, Erecssen eine recht traurige Rolle ipielie. Wo endlich blieb von Seite der Aunglschechen ein derartig energischer Protist gegen die j jtvlincr Exzesse, wie ihn die Dcnlschen Böhniejis im Randlage er! hoben? Das gibt zu tunken. ' ' Allerdings ist es nichtz der elerieale Anltsemiusinns. dein die Aunglschechen huldigen: mein Gott, iie sind ja die „Freisinnige:,". Aber die nationale Boruirlheil hat zuletzt auch hier zu,» Anti semilismus gcfühn, so gut wie sie es bej unserem Dstmailherzog Georg gclhin hat. Zwar erklären es u»S /die Annglschech.n haarscharf, daß sie eigentlich nicht den Anden als Andeti Hane», sondeni

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