Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-04-16 · 54 (16.4.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
54 (16.4.1893)
Date
1893-04-16
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441402--0547-4887068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. B4, Freies Blatt. Seite 7. abgehallcnen Wanderversammlung war es zu einem kleinen Austritt gekommen, wie er in solchen Kreisen gerade nicht feiten sein mag. Der Markihelser Lee wa<d, ein bekannter Rousbold und anliscmilischcc Versammlungsgänger, f)attc sich in den Sinn ko»»nen lassen, de» eben feine« Speech ableiernde» Obergoll Lneger de« Oestere» zu unterbrechen, woraus er v!ou den vor ihm stehenden Ge sinnungSgcnoffen Werner und Böhm i» ziemlich energischer Weise zurecht gewiesen wurde. Seewald mußte natürlich als strainmer Antisemit replicirc», und schließlich wurde die laute Gruppe einsach vor die Thur gesetzt. Die beiden Freunde Werner und Böhm begaben sich hierauf in ein nahegelegenes. Casst, und als sie dasselbe wieder verließe», stießen sie aus Seewald, der mit einigen Begleitern des Wege« kam. Seewald hatte die Erstere» kanin bemerkt, als er sich, trotz der Beschwichtigungsversuche seiner Begleiter, mit gezücktem Messer aus die Beiden stürzte. Zuerst ereilte er den Werner, welchem er das Messer in die Brust und in die Füße stieß. Böhm ivollte seinem Freunde zu Hilfe komme»; aber schon hatte Scewald sich 7r»ch ans ihn geivorse» und ihn mit dem Messer förmlich massakrirt. Mit aller Wucht'stach der-Attentäter den Unglückliche» i» den Unterleib und verletzte ihn derart schwer, daß die Eingeweide herauSlrate». Ter Bedauernswenhe mnßte in hossnungslosei» Zustande in ein Spital lransportirt werde», aber auch Werner hat mehrere schwere Wunden als blutiges Eingebinde an jene antisemitische Versammlung davongetrage». Seewald flüchtete sofort, ivnrde jedoch noch in derselben Nacht verhaftet und dem Gerichte überliefert -DXzS blutige Nachspiel einer antisemitischen Vcrsanu»- lung ist also »och keineswegs abgeschlossen, indem der Tragödie dritter Theil im Wiener Schwurgerichtssaale sich abspiclen. wird. Tort wird dann auch die Verdächtigung ins gehörige Licht gesetzt werde», welche die antisemitischen Blätter gleich »ach der That auSzustreuen die Verwegenheit halte», daß nämlich das blutige Attentat nicht auf Werner und Böhm, sondern aus den Parleigott ab gesehen war, und daß Seewald bloß das Werkzeug der Gegner Lueger« gewesen sei. Gewisse Leute, sähen. eS nicht ungern, ivenn dem kleinen Maffacre vntrv nous »och ein Blutbad in größerein Style folgte, weßhalb auch die blutige Hacke einstweilen in de» anlisestiitiichen Vereinen und Blätter»'umgeht. So wissen sie auch aus unangenehme» Dingen Capital zu schlagen. Lin» ja, cs ist ja Wahlzeit! ' >Tik Jude» bessktll sich.» I» einer Anliscmiienvcrsammlung in ber oofcf stadt sagte der vicrldiinensioualc Schlesinger: Ter Antisemitismus habe insolange Berechtigung, alS die Juden sich nicht bester». Anzeichen hiesür seien allerdings vorhanden, denn auch unlcr den Jude» gebe cS Männer, die da« Herz am rechten Fltck haben und die Fehler ihrer Stammes genossen muthig und oste» eiiigeslehen und tadeln. Solche Männer habe cs bekanntlich im Atterihume viele gegeben, und insbesondere Christus und die Apostel Hape» die Fehler des jüdischen Volkes aus das Heftigste gegeißelt. AlS einen dieser Juten, ipplchc daS Her; am rechten Fleck haben und Christo sowie den Aposteln glcichzustellen seien, scheint Schlesinger de» Specialjuden der „Grenz boten", den sattsam belannten Caro,;» halten, ans beste» Auslastungen er sich nachher berief, als er eine zu Wahlzweckcn präparirte Charakteristik der Juoc» lieferte. Obwohl nach Schlesinger Anzeichen für die Besserung der Jude» vorliege», nannte sie Lueger, der hieraus sprach, „Schakale und Hnänen"; er bediente sich hiebei jener Form, die er sich bei seinen Wanderungen durck, die verschiedenste» Parteitage,: angceignct hat, um sich die Möglichkeit eines Nück zugcs offen zu Hallen. „Wir wollen," ries Lileger pathetisch aus, „Brüderlich kcit mit denjenigen, die mit uns eines Sinnes und Stammes sind, nicht aber die Brüderlichkeit mit de» Schakalen und Hyänen." ES würde »n« nicht befremden, wen» Lueger eines TageS erklären würde, er habe gar nicht die Juden gemeint, sonder» die ihm verhaßte» „BcuschelherauSnehmer". > (Bricfwkchsrl in Folgt tiutr Agikakionsrcdt Pailai'ö.» C»>e Rede welche Pattai in einer Versammlung antisemitischer „Hausherren" der Bezirke Xll, XIII, XIV und XV zu Agitationszwcckc» hielt, halle einen Briefwechsel zur Folge. Picebürgerrneister Tr. Richter sah sich veranlaßt, anr 6. d. M. folgendes Schreibe» an Tr. Pattai zu senden: „Ich wurde gestern ausmerl sam gemacht ans eine» Bericht des .Deutschen Volksblatt vom I. April d. I. über eine von Ihnen gehaltene Rede, in welcher Sie gesagt haben sollen, ich und mein College Grübl stünden in unmittelbarer Verbindnng mit der Spccnlalio». Falls dieser Bericht richtig ist und Sir diese Aeußernng gemacht habe», so beabsichtigen Sic ossenbär dainit, etwas für. mich und meinen College» Ehren rühriges und Beleidigendes zu äußern und niüsseu doch irgend welchen Grund für diesen mir allerdings nicht ganz verständlichen Anwurs haben. Ich ersuche Sie um eine Erklärung und Aufklärung über diese Ihre Aeußernng." Dr. Pallai erwiderte am 7. d. M.: „Ich habe bei jener Versammlung dem Sinne »ach geäußert, daß Sie und Herr Dr. Grübl, sowie Ihre Parleirichluug überhaupt, nicht die Interessen btji RealbcsitzeS, sondern jene der Epeculation fördern. CS steht Ihnen jederzeit ffei, mir den entgegengesetzten Vorwurf zu machen. Im Uebrige» bitte ich, ivenn Sie sich in künftige» Fällen z» meinem Leidwesen durch mich beleidigt vermeinen sollten, in üblicher Weise Vertrauensmänner zu -schicken." Dr. Richter «schrieb hierauf am 10. d. M. an Tr. Pattai: „Unter Bestätigung Ihres werthe» Schreibens vom 7. d. beehre ich mich Ihne» mitzuthcile», daß ich mich zu. der Anuahine berechtigt hielt, daß Sie einen, wenn auch einer andere» Partei angehörigcn Siandesgenossen nicht zuin Geg.ustande t •- solcher Angriffe mache» würden, ohne irgend welchen, wenn auch nur'vermeintliche» Grund dazu zki haben Tics ivar für mich der Anlaß.zn der Ansrage. An« Ihrem Schreiben muß ich solger», daß ^hre Anwürsj: irgend welcher Grundlage entbehren uaid daß Sie derselbe» Kamps tpcisc huldigen wie Ihre-Genoisen, was mir die Beobachtung der üblichen Formen Ihne» gegenüber unmöglich macht." Tr. Pattai veröffentlicht nun diesen Briefwechsel i» jenem anlisemnischen Blatte,„ welches ihm Unkenntnis! dds Französi-chen vorgeworsen hatte, und schließt -daran folgende Erklärung: „Obwohl ich sonach in lneinciü Briese vom 7. April dem Herrn Dr. Richter loyale Erklärungen Über die bereit« in der Versammlung vom 2t. März gemachten Aeußenmge» gegeben und überdies deutlich au» gedrückt habe, ihm, falls er sich dennoch beleidigt findet, in entsprechender ^Deise zur Versügung zu stehen, lehnt derselbe diesen Vorgang in seinem Antwort- 1 schreiben ohne stichhältigen Grund ab. Ich habe deshalb diese Correspondenz zwei Herren höheren Osficieren vorgelcgt, jedoch laut des i» meinen Händen beffudlichen Protokolls von diese» Herren die Erklärung erhalle», daß, nachdem Herr Tr. Richter laut seine» Antwortschreibens .nicht geneigt ist, diese Angelegenheit aus dem »ach deren Ansicht allein möglichen Wege anSzutrage», ein weiterer Vorgang zu unterlassen ist. Ich lege demnach die Schrislstückc über diese bereits r» die Oeffenilichleit gelangte Angelegenheit einsach zur Beur lhcilung Jedermanns vor." Tr. Pattai findet fein Vorgehen „loyal". Nach dem Berichte de« „Teutschen-Volksblattc«" vom 1. April sagte er in der betreffende» Versammlung: „Tie Herren, tvclche den eigentliche» To» angeden, die Herren Richter, Grübl, stehe» in unmittelbarer Verbindung mit der Speculation," Erst au» 12. d. M. fand -er sich bewogen, diese Worte im „Deutschen Volks blatt" der Form nach abzmchwächcn. Seine Sehnsucht nach „Beobachtung der üblichen Formen" dürfte übrigen» nicht nach dem Geschmacke de« bei Ehrenhändeln auf seinen KatholicismuS pochende» Lueger'sein. C.,lntifcmiti(d)C Gcschäfksltult.) Wahrscheinlich zur Hebung de« von dem internationale» Gedanke» unzerircnnlichcn HandclS hielten c« einige antisemitische CommiS für dringend geboten, inuerhalb der Kaufmannschast eine neue Schranke anizurichie» durch die Gründung eine« „Vereines deutscher Kausleutc". Verflossene Woche sand die consiiluirrnde Versammlung diese« Vereines unter den Anspielen Gcßmanns, Aziuann«, Sleinwenders und — Vcrgani'S statt. Letzterer versuchte in seiner Eigenschaft al« Kleinvcrschleißer von öffentlicher Meinnng, sofort ei» kleines Geschäft zu entrirc» und agilirte lebhaft für da« „Tcutschc VolkSblatt". Gute Waarc, seine Waare. (Zwist unter dcn rtichsdt»tsche» Racthtlikrn.) Ahlwardts Reichstag«, scandale haben da« Lager der reichSdelUjche» Racenhetzet wieder einmal gespalten Christlich-Sociale und Tkutsch Sociale versuchen er, Ahlwardl von ihre» Rockschögcn abzuschüttcln. - und ihn an die der licbwerlhcn Verbündeten zu heften. 'Nun sind aber AhlwardsS „Enthüllungen" keineswegs ein überraschendes Novum Schon vor einem Jahre Halle sein ehemaliger Bertheidiger, Rechtsanwalt Stein, aus dieselbe» vorbereitet und in der Broschüre: „Ter große Prophet" zur Charakierisirung de« gewerbsmäßigen Verleumders geschrieben: „Ich kann mir schon denken, was die I’ii-ce dr ii->iftitnufein wird: voraussichtlich dieDiest Taber'ichc Äffaire. Tann wird das Dutzend Bleichröder'scher Meineide wohl" voll gemacht werde»; Miguel wird uns als BnndeSgcnoffe des JudenthumS vorgeführl werde», vielleicht wird un« sogar.Fürst Bismarck enthüllt werden — und die Beweise! — l1;, Ccnlncr Maculaiur, die er von einem früheren Portier der Tisconlobank erworben hal s' Stöcker, der noch im Reichstage von dem „Körnchen Wahrheit", das sich in den AhlwardtschenPublicationen vorsindct, für die Antisemitcrci civcn Profil herauszuichlagcn suchte, sand es. vorige Woche in einer zu Berlin.abgehaliene» VersauunUmg Christlich-Socialer für augezeigt, Ahlwardl gänzlich fallen zu lassen und auch dem Radau-AntiscmiliSmuS ei» schlechtes Zeugniß auszustelle». Sein Rcichsiagscollege Werner trat ihm. aber entgegen und sagte, Herr Slöcker habe s.-ldsl früher den Radau- AnlisciniliSmu« cullivirt. Ter Zweck heilige die Mittel, >»id nur der Geichäslsanliseinilisuttls erscheine ihm vcrwcrslick, Jnziviichcn läßi Böck^l keine» Zweifel darüber auskommen, daß er bei den zu geivärligende» Neuwahlen Stöcker aus dessen Siegener Wahllreiie verdränge» wolle, ivorüber sich der Hosprediger a. T. bitter beklagte,' ohne jedoch bei allen i» der Vcrsannnluug Auwescnden rcgeS Niilgesühl zu finde». — In Ahlwardt'-s bisherigem Organ, der „Staatsbürger zeitung", veröffeiitlicht der Berliner antiieiniiische „Volksverein" eine Absage an' Ahlwardl und drückt zugleich da« Verlange» »ach einer Versöhnung mit Böckel auS. Auch der Führer der westphälische» Antiieinileii, Tr. Xönig, ließ in einer Versammlung in Witten, wo er über „Ahlwardt'S Ente" sprach, diesen falle». Ferner erklärte Sch wenn Hagen vor einer Berliner Versainmlung, im Hinblicke auf die gegenwärtige» Perbältnisie wolle er sich voll derantiiemiliichen Bewegung zurückzichen. _' Aus antisemitischen Blättern. (Gr will doch »jchk zurücktrttcn.) Schönerer, der schon so oft INI, seinem Rücktritte von dem Schauplätze der politischen Agitation gedroht. hat, scheint e« auch diesmal mit der Anküirdigung, daß er sich zurückzichen -wolle, nicht ernst zu meine». In der „Ostdeutschen Rundschau" läßt er den lln-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.