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Freies Blatt · 1893-04-16 · 54 (16.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
54 (16.4.1893)
Date
1893-04-16
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Sette 6. Freies Blatt. Nr. 54. raftl, „gewiß in ruhigem Schaffen ihre höchste Ausgabe erblicke» möchten, so können sie doch, wenn sie in einer solchen Weise angegriffen werden, nicht ruhig bleiben. Wir wollen unserem Mißfallen bwebtcit Ausdruck verleihen, ohne jedoch die Waffen der Gegner zu gebrauchen, diese sind liberaler Männer unwürdig. Wir alle streben ja doch nichts Anderes an als den Frieden in der Bevölkerung, da wir alle überzeugt sind, daß nur unter deffen Segnungen das Gewerbe und das ^Geschäft blühen können!" Zn der nun folgenden Debatte ergriff der Redacteur der „Freien Schlesischen Preffe," Zörkler, das Wort. Er habe, führte er 'aus, in verschiedenen Städten nainentlich Deutschböhmens, Wahlkämpfe beobachtet. Solche Borkommniffe aber, wie er sie seitens der „nationalen" Partei in Troppau erlebt, seien ihm nie untergekommen. Was die Preffe dieser Partei betrifft, so habe er Roheres, . Gemeineres selbst in den. ordinärsten tschechischen Blättern nie gefunden! Ein Blatt, wie das hiesige Antisemitenorgan, sei eine Schande für die Landeshauptstadt Troppau, es sei aber würdig seiner Partei! Redacteur Zörkler kam ferner ans den ewigen Kampf der Rationalen eegen das Großcapital zn sprechen. Er hatte Gelegenheit in Böhmisch- Leipa, einem kleinen Städtchen Teuffchböhmens, ähnliche Bestrebungen zu beobachten. Auch dort wurde früher der Kampf gegen die Industrie geführt, und leider mit Erfolg. Tie Schlote haben aufgehört zu rauche», die Industrie schwand, die Capitalisten kehrten dem Städtchen den Rücken. Der angestrebte Zweck war also wohl erreicht, aber nur zu bald machten sich die bösen Folgen davon in der Bevölkerung bemerkbar, und gar nicht lange danach wurden wieder alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das verlorene (''nt, den Segen der Industrie, zurückzuerobern — jedoch vergebens! Böhmisch-Leipa sei ein kleines Städtchen, man niüffe den Bewohnern desselben ihre Berirrung verzeihen, eine Landeshauptstadt aber wie Troppau solle mit aller Kraft gegen solch verderbliche Bestrebungen ankämpren, und die einsichtsvolle liberale Bevölkerung müffe sich energisch dagegen auflehnen. In solchen Fällen, namentlich wenn man die geradezu unglaublichen Worte eines Vice-Bürgermeisters erwäge, müffe man die Glac,'handschuhe ansziehen und seinen Standpunkt energisch vertreten! Rach Schluß der Debatte, an der sich noch die Herren Schnetzer, Gold, Kern, Fried, Feitzinger :c. betheiligt hatten, wurde folgende Resolution stiinmeneinhellig angenommen: Tie heutige Versammlung Troppauer Maiifleute und Gewerbetreibender erklärt, daß die vom Vice-Bürgermeiüer Tr. .Hiommer iit der testen Poll Versammlung de» hiesigen Teutichen Vereine» wiederholt an seine Gesinnungsgenossen gerichteten Aus'orkerungen, wonach seine Anhänger es sich jmii ürengen Grundsätze machen müssen, nur bei Parteigenossen »nd vor Allem nicht bei Juden zn kaufen, beziehungsweise nur bei 'Rationalen kaufen und arbeiten zu lassen, geeignet find, Haß und Zwietracht in die Bevölkerung zu bringen und die vorhandenen, ohnehin schlechten Erwerbsverhältnisse der hiesigen neuerzahlenden Bevölkerung noch ungünstiger zn gestalten. Tie Versammlung spricht sohin über diese von dem Bice-Bürgermeister der Stadl Troppau, der vermöge | seiner Stellung berufen »nd verpflichtet erscheint, Ruhe und Ein'rachl unter J seinen Mitbürgern herbelzutühren und die Interessen der ganzen Bevölkerung | TroppauS, ohne Unterschied der politischen Gesinnung, wahrznnebmen. in össent- | lieber Versammlung wiederholten, vom blinden Parieihaß zeugenden Ansiorderungen j ihre tiefste Mißbilligung aus. j lKaiserlicher (vinabtnact. Alls Troppau wird dem „Mährischen Tagblatt" berichtet: „Se. Majestät der Kaiser hak mit a. h. Entschließung vom -1. April l. I. der Schwester des ehemaligen ReichSrathsabgeordneten, schlesischen Landtagsabgeordneten, Wundarztes i Türk, Frau Therese B e n e r, welche wegen Verbrechens des. B ej trüget, begangen durch Eoncurs, in mehrmonatlicher Strafhaft j beim Landesgerichte in Troppau war, den Rest der Strafe nachgesehen.! Auch deren Ehegatte, Anton Beyer, welcher seine Strafe in Mürau - abbüßte, erhielt die kaiserliche Begnadigung." In antisemitischen j Blättern war weder von diesem Falle betrügerischer Erida, noch von 1 dem kaiserlichen Gnadenacte die Rede. Sie schreiben nur ein Weites j und Breites über „jüdische Eoncurse". - (Aus dem deutschen Reichstage,) -Eine Berliner, Depesche vom 13. d. M. meldet: Im Reichstage, der heute wieder znsammentrat, i blieb die erwartete sensationelle Ählwardt-Scene aus. Ta Ahlwardt zu Beginn der Sitzung, in der er ebenfalls vor der Tagesordnung hätte sprechen können, nicht. anwesend war, io trat der Reichstag in . die Tagesordnung ein. Später erschien Ählwardt mit einem mäßig großen Bündel blau gebundener Schriftstücke und ging nach Besprechung mit seinen Genossen zum Präsidenten, mit dem er ein längeres Gespräch führte. Es verlautet, Ählwardt habe das Wort verlangt, um seine Acten auf den Tisch des Hauses zu legen, und der Präsident habe sich bereit erklärt, ihm morgen vor der Tagesordnung das Wort zu einer kurzen geschäftlichen Erklärung zu geben.! Man glaubt, Ahlwardt's Schriftstücke würden dann wieder einer! Commission odeb dem Seniorenconveut überjgcbeii werden. ' Erst nach ihrer Prüfung durch den Seniorencouvent oder die Commission wird diese wieder an den Reichstag berichten. (Hcrtwig's Geschäftsthcilhabcr und Bertheidiger.) Der Charlottenburger Rechtsanwalt Hertwig, welcher von den» Ehrengerichte der Berliner AnmaltSkammer wegen seines pflichtwidrigen Berhaltens im Proceffe Ählwardt einen Berweis erhielt, wurde in der ehrengerichtlichen Verhandlung von seinem Geschäftstheilhaber, den» Rechtsanwalt Klibanski vertheidigt. Aus der Berliner „Volkszeitung" erfahren wir aber, daß dieser Herr Klibanski erst vor kurzer Zeit das Jude»-! thum mit dem Ehristenthnm vertauscht hat. Tie Verkündiger des Racenhaffes sind, wie sich wieder einmal zeigt, nicht „doctrinär" und verleugnen, wenn es für sie vortheilhaft ist, im praktischen Leben ihre eigenen Lehren. (Maßregelung eines Richters.) Kaum ein Monat ist verstrichen, seitdem in Karlsruhe Dr. Turban und Tr. Ellstätter zurücktrate» und an deren Stelle Dr. R o k k zum Ministerpräsidenten sowie Ministcrialrath Buchenberger zuift Finanzminister ernannt wurden, und schon wird aus dem Großherzogthum Baden eine That des neuen Ministerinms gemeldet, welche unter dem früheren Regime nicht möglich gewesen wäre. Der Sberamtsrichter Schindler in dem Städtchen Sinsheim wurde zum Landgerichtösecretär in dem Waldstadtchen Waldshut degradirt, weil er der in seinem Bezirke mit ganz besonderer Dreistigkeit auftretenden conservativ-antisemitischen Agitation entgegengetretem ist. Er that dies, indem er in einer Bersammlnng ausführte, daß nicht die Inden, sondern die Antisemiten und Junker .die Feinde der Bauern seien. Der Schlußsatz seiner Ausführungen lautete: „Ich kann aus meinen dienstlichen Erfahrungen mittheilen, - daß der Fürst von Fürstenberg Befehl gegeben hat, seine Dienstboten nicht ganz' zwei Jahre zu , behalten, damit sie nicht berechtigt zum llnterstützungswohnsive lucrSeii, und der Fürst von' Fürstenberg besitzt 40 Millionen Vermögen." Damit hat der gemaßregelte Richter dem Fasse wohl de» Boden gusgeschlagen. Während der heftigsten Zeilen des Culturkampfes haben sich in Baden Amtsrichter, Landgerichts¬ und sonstige richterliche Räthe auf die Seite der ultramoiitanen Partei gestellt, ohne daß man sie. im Geringsten behelligte. Dem Ministerium Rokk blieb es Vorbehalten, einen Richter zu maßregeln, der es für seine Pflicht erachtete, dem Antisemitisuiuö und dem Junkerthum entgegenzutreten. Dem Großherzog scheint dieser Regierungsact nicht bekannt zu sein, denn nach einer Karlsruher Depesche sagte er bet der Abschiedsaudienz des dortigen, Nach Wien -als Leiter deS zu gründenden Rabbinerseminars berufenen Rabbiners Dr. Schwarz: „Auch in diesen tiefbewegten Zeiten — Sie verstehen mich wohl — bleibt in Baden Alles Um Alten." «Tic Alisweisiing der Zude» ans Moskau und ihre Folgen.) Wie nachtheilig die Ausweisung der jüdischen Kaufleute aus Moskau und deren llebersiedlung nach Lodz für die großrussische Industrie ist, welcher dadurch jährlich eine große Zahl von bedeutenden Bestellungen entzogen wird, betveist die jetzt von dem ossiciellen Srgan des russischen Fiiianzministernims, dem „Handels- und Gewerbeblatt", offen eingerüumte T hatsache, daß die wichtigsten Moskauer Manufacturen sich inzivischen beeilt habe», Filialen und' Riederlagen in Lodz zu eröffne», um dort Verbindungen mit ihren früheren jüdischen Auftraggebern anknüpfen zu können. Das besagte Blatt constatirt ferner, daß die Spinnereien von Heinzel & Kunitzer im Torfe Widzew bei Lodz sowie diejenigen von M. Silberstein in Lodz selbst von diesem Monate an ihre Production nni 20.( 00, beziehungsweise um 7000 Spindeln vergrößern, was ebenfalls zu den Folgen der Ausweisung der Juden aus Moskau zu rechnen ist. Das Regierungsblatt in Warschau, der „Tnewnik", theilt in dieser Beziebung noch mit, daß einige aus dem Innern des PeicheS ausgewiesene jüdische Unternehmer im Begriffe stehen, in der Jerusalemer Vorstadt und unmittelbaren Rahe der Warschau-Wiener Eisenbahn eine große Manufactur für Sammet, Plüsche und Möbelstoffe zu eröffnen. 2\us antisemitischen Vereinen und Versammlungen. > Blutiges Rachspiel zu einer Antisemiteuversammlung.) Man erinnert sich noch der Scandale, in welche vor Jahren eine Antiseinitenversammlung' bei der „Schönen Schäferin" aurklang. Die i» solche» Bersaninilungen systematisch erregte und auf den Siedepunkt erhitzte Leidenschaft hatte zuletzt Antisemiten gegen Antisemiten getrieben, und eine wohlgezählte Menge blutiger Schädel war dar Facit jenes brüderlichen Beisammenseins der christlich arischen Völker bei der „Schönen Schäferin". In der Nacht vom verstoffenen Freitag kam es nun zu' einer ähnlichen Scene, nur womöglich mit noch brutalerem Ausgang. In einer am 7. d. M. von den Christlich Socialen im V. Bezirke

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