Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-04-16 · 54 (16.4.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
54 (16.4.1893)
Date
1893-04-16
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441402--0545-4887066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 64. Freie, Blatt. Seit« 6. die auf zehn Jahre vcrlhcill sind und deren Ausfylgung an gewisse Bedingungen geknüpft ist, noch lange nicht bckoniinc», und dann ist cS zweifelhaft, ob durch diese Subvcntionirung den Beamten daS Geld entzogen wurde. Tiefe Auslegung paßt zu der ganzen Berechnung." Am Schluffe seiner mit stürmischem Beifalle ausgenommene» Ausführungen ermahnte | Freiherr v. Czcdik die Wähler, geeint für die Principien eines gefunden wahren Fortschrittes einzustchen. Auf Antrag Tr. Ecker'S votirte die auch von Bauern besuchte Versammlung dem VandtagSabgcordnctcn Freiherrn v. Czcdik für dessen wirkungsvollen Vortrag und dessen Bemühungen zur Förderung der Interessen der Wählerschaft den Tank. (Affairc Hcrzog-Pollirztk.) Ter Antisemit Josef Herzog wurde vom Bezirksgerichte Baden wegen Beleidigung des Rcdactcurö des „Badener BezirkSblattcS", Tr. Potnczek, zu drei Wochen Arrests vcrnrthcilt. Tiefes Urthcil wurde vom Krcisgcrichtc Wiener Nienstädt bestätigt. («$h de» Salzbnrgrr Gtmriiidcrathswahlcn.) Aus Salzburg wird uns geschrieben: Tic Wahlcampagnc ist glücklich vorüber, sic hat für die liberale Partei mit einem Siege geendet. Bloß im dritten Wahlkörpcr gelang eS den vereinigten Antisemiten und Clericalcu, ihren Candidatcn inittclst einer unerhörten Agitation durchzudrücken.- Bei den Wahlen in dem zweiten Wahlkörper gingen die von der ForsckirittSpartci ausgestellten Candidatcn Herr Tr. A. Jäger, Tr. I. Pollak, Carl Tomaselli, Th. R »ll ma n n und Daghofcr als gewühlt ans der Urne hervor. Ter Wahlkampf war ein erbitterter, und machten die vereinigten Antiscniiten und Clericalcu alle Anstrengungen, um ihrer Candidatenlistc;»m .Siege zu verhelfen. Bei den am 10. d. M stattgefundcncn Wahlen im ersten Wahlkörpcr siegten die Candidatcn der Fortschrittlichen, die Herren Tirnbergcr, GricSbcrger und Breitin ger; dagegen konnte der bisherige Vicebürgerincistcr Tr. R. SpSnglcr nicht die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen, so daß cS am 12. d. M. zwischen ihm und dem antisemitischen Candidaten Tr. P'o vinelli zur Stichwahl kam. Bei derselben ging Tr. Spängler als gewählt hervor, und damit erscheint die Position des Liberalismus im Gcmcindcrathe auch fürderhin gesichert. Nichtsdestoweniger dürfen wir uns die Bedenklichkeiten, von denen dieser Wahlsieg beglcit-t erscheint, keineswegs verhüllen, um unsere» künftigen Anfgabcn-.gcge»übcr der antisemitische» Minirarbcit vollkommen bewußt zu iverdcn. Ter Umstand, daß ein bisher kaum angcfochtencr Vertreter der fortschrittlichen Sache wie Tr. Spängler in ein engeres Tucll mit einem antisemitischen Gcgencandidatc» sich entlassen mußte, gibt wohl genau so viel zu bedenken wie die relativ starken Minoritäten, welche die Antisemiten besonders im zweiten Wahlkörpcr errangen. Unsere mit der Anerkennung der freisinnige» Principien ans's innigste verwachsene Stadt wird gut thnn, aus dieser Lehre einen Nutzen zu ziehen, und daS „Salzburger Volksblatt" bcsindel sich vollkommen im Rechte, wenn es zumal an die leitenden Persönlichkeiten der Fortschrittspartei die ernste Mahnung richtet, endlich einmal an die Neuorganisirung der letzteren zu schreiten und vor Allem .mit dem setzigen System der geheimen Wahlbcjprcchung z» brechen und zur Veranstaltung öffentlicher Wühlcrvcrsammlungen übcrzugchcn. Tic Wählerschaft, »auch der freisinnige Thcil derselben, will keine Gchcimnißkrämerci. Und wie soll denn die liberale Partei neue Anhänger gewinnen, wenn sic sich wie eine Schnecke ängstlich in ihr HauS zurückzicht? Also weg mit den gcschlosiencn Wahlbcsprcäzungcn und muthig in die Ocsfcntlichkcit! (Tas Bliitmärchcn in neuer Allslügt.) Aus Koli II wird berichtet: Vor etwa fünf Wochen verschwand hier ein Mädchen, welches bei einem Herrn Brcttlcr bcdienstct war, und bald wurde das gehässige Gerücht verbreitet, daß das Mädchen von Juden rituell abgc schlachtct worden sei. Am l l.v. M. entstand nun neue Aufregung in der Stadt, als bekannt wurde, däß Tags vorher die Leiche des vermißleil Mädchens aus der Elbe gezogen worden ist. Ein Haufe von Menschen, zumeist aus jungen Burschen, Lehrlingen und Tienstinädchcn bestehend, zog zn^i neuen katholischen Friedhöfe,, wo von einer gerichtlichen Commission die Obduktion der in der Elbe gefundenen Leiche vorgenominen wurde. Es geschah dies durch die Aerzte Tr. Step an und Tr.'Sil im Beisein des Tr. Adolf Deutsch. An. dem Leichnam sind keine Spuren irgend einer Verletzung niahrgcnoniiiien worden. Während die Commission diesen Thatbestand scststellte, wuchs die lärmende und tobende Menge vor dem Friedhöfe in unabsehbarer Zahl an. Sofort wurde Gendarmerie zur Anfrcchthaltung der Ordnung dahin entsendet. Ter Pöbel, welcher abzichcn mußte, verfolgte johlend eine achtbare jüdische Frau. Sic wurde mit Steinen beworfen und flüchtete in das .Haus des Herrn Dakar, von wo sie die Polizei befreite. Ter Pöbel zog darauf unter Lärmen und Johlen auf den Ringplatz, wo die Polizei nur mit großer Mühe und nur für kurze Zeit Ordiimig schaffen konnte. Gegen Abends wuchs die Menge immer stärker an Polizei und Gendarmerie patröuillirte mit ausgcpslanztcm Bajonnct auf dem Ringplatzc Und in den Hauptstraße», damit die Ordnung, nicht gestört werde. Während dieser Vorgänge kam Herr Brcttlcr, bei welchem das verunglückte Mädchen gedient hatte, bestürzt inS Rath hanS und meldete, daß soeben der Vater und esiie Tante dcS Mädchens von ihm verlangt Härten, er möge sofort 50 fl. den zwei Ar-' beitem, welche daS'Mädchen auS der Elbe gezogen hatten, einhändigen, sonst würde cS ihm noch sehr' schlecht gehen.. Tiefer ErprcssungSversuch hatte zur Folge, daß der Vorstand der hiesigen israelitischen CultnSgemeinde Schutz für de« bedrohte» Brcttlcr verlangte und auch erwirkte. Polizei muß das Gebäude bewachen. — In einem weiteren Berichte aus Kolin vom II. d. M. wird erzählt: Tas Tienstmädchen hatte sich »ach dem AuSspruche seiner eigenen Angehörigen mit Selbstwordgedanken getragen und war zweifellos in die hochge schwollcnen Fluthen der Elbe gesprungen. Trotzdem circnlirten sofort ' in der Stadt die nngchcncrlichstcn Gerüchte, und das hier erscheinende jungczechischc Organ „Po lab an" stachelte die , 'Menge durch die Behauptung auf, daß die Juden an dem Mädchen einen rituellen Mord begangen hätten. Als der Leichnam dcS Mädchens am 10. d. M. von Arbeitern beim SandauShcben ans dem Flnsie gezogen wurde, fand man ihn. in den Kleidern, mit welchen man das Mädchen zuletzt gesehen hatte, und ganz unversehrt. Bei der Lbduction wurde constatirt, daß an der Leiche weder' innere noch äußere Verletzungen vorhanden seien, und daß-ein Selbstmord vorliege. Trotzdem brachte der „Polabau" in. seiner vorgestrigen 'Nummer einen Bericht, in - welchem behauptet wurde, man habe den Leichnam vollständig entkleidet in einem Sacke anfgefundcn, und cs seien an demselben solche Verletzungen und Schnitte constatirt worden, daß man auf einen Mord schließen könne. Tic betreffende 'Nummer wurde zwar confiScirt, aber einzelne Exemplare gelangten doch ins Publicum, die blödsinnigsten Märchen wurde» nun weitern colportirt, und dieS führte am I I. und ■ 12. d.' M. zu Ausschreitungen. Es rotteten sich Tausende von Menschen auf dem Ringplatze und in den benachbarten Straßen zusammen, schlugen Fenster ein und schrien: „Schlagt die Inden tobt! Hängt sie auf!" Daß cS nicht zu ärgeren Ercesien kam, ist nur der. Umsicht des Bczirkscouiniissärs Herrn Eigel und dem energische» Vorgehen der verstärkten Gendarmerie zu verdanken, welche die Menge immer wieder mit gefälltem Bajonnctte auscinandcrtrieb und die Hauptschrcier und Hetzer verhaftete. — Koliner Depeschen melden: Bei den Exccsscn wurden die S>cherheitSorga»e"mit Steinen beworfen. Mehrere Personen wurden mißhandelt und verletzt. Tie jüdischen Schulkinder mnßtcn am 13. d. M. in Folge der drohenden Haltung der fanatischen Menge den Schulbesuch eiirftctlcn. Es wurden über zwanzig Verhaftungen vorgcnommcn. Ta man größere Ruhestörungen besorgt, wurde zur Anfrechlhaltniig der Ordnung Militär requirirt. Ein Wiener antisemitischer Abgeordneter zog, wie verlautet, Erkundigungen ein, ob es sich für-ihn verlohnen würde, nach Kolin zu reisen. " | Das Mißtrauensvotum für Tr. Kroninier.) Wie bereits in! Kürze erwähnt,, fand in Troppg^i eine Versammlnng vgn Kauf- I lcutcn und Gewerbetreibenden statt, welche ein Mißtrauensvotum für! den Vice-Bürgermcistcr Tr. Krommcr beschloß lieber diese Kundgebung liegt unS nun ein ausführlicher Bericht vor, dem wir Folgendes entnehmen: Tie Versammlung wurdcvoi» Kaufmannc Leonhard Pon i; i l eröffnet, welcher »ach Begrüßung der Anwesenden sagte: „Wie ' anS einem Berichte des Troppaucr Antiscmitenblatte>j über die letzte | Vollversammlung dcS Deutschen Vereines ^crvorgcht, hat in derselben j Herr Vice Bürgermeister Tr. Krommcr, als Obmann des genannten Vereines, einen Ausspruch gethau, der nicht n»r eines Vicc-Bürger mcistcrL unwürdig ist, sondern auch lebhafte Erregung in der Be- . völkcrung, namentlich in der Geschäftswcll hcrvorgcrnfcn hat. Herr ‘ Tr. Krommcr hat nämlich wicdcrbolt seine Parteigenossen aufgefordcrt, bei Liberalen, vor Allem aber bei Juden nichts mehr zu kaufen, bc zichnngsmcise nur bei Nasionalcn;n kaufen und arbeiten zu lassen, i Zn dieser Acußcrnng Stellung zu nehmen, ist der Zweck -der von; mehreren Kauslcuten und Gewerbetreibenden cinberuscilen Versammlung." Herr Ponizil beantragte für dieselbe einen Vorsitzende» zu wühlen und; brachte als solchen den HandelSfammerpräsidenten, kaiserlichen Rath Torasil in Vorschlag. Unter lebhaftem Beifall wurde stinimcn-! ciuhellig diesem Vorschläge zugcstimmt, »vorauf Kanimerpräsidcnl Torasil den Vorsitz übernahm. Er sprach sein Bedauern darüber auS, ' daß Troppauc» Bürger gezwungen sind, gegen einen Mann Stellung zn nchmc», der mit an der Spitze der Conimunalverwallung steht, weil , dieser Mann trotz seiner Stellung als Vicc-Bürgcrmcistcr der Stadt j eS nicht verschmäht, die kaum geebneten Wogen dcS ParteizwisteS aufs j Neue aufzuwühlen, der den Partcicnslrcit sogar auf daS geschäftliche und gewerbliche Gebiet lenkt-, ,.So sehr alle Anwesenden." sägte To-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.