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Freies Blatt · 1893-04-16 · 54 (16.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
54 (16.4.1893)
Date
1893-04-16
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Freie» Blatt. Nr. 54. tragen losten, um sic so lange mit der beispiellosesten Selbstüberhebung dem Abgeordneten Hause aufzutischen, bis der Handelsminister eines Tages das ganze Lügengebäude in den Grund bohrt? Oder ist es nicht Corruption, wenn dann Einer von ihnen sich öffentlich von anerkannt achtbaren Beamten sagen läßt, daß er ein ehrloser Verleumder sei, und dies ruhig einsteckt? Und ist es nicht Corruption, wenn sie in Ehren ergraute Staatsbeamte öffentlich der Bestechung zeihen, ohne auch nur den Schatten eines Anhaltspunktes dafür zu habe»? Und ist cS endlich nicht Corruption, wenn ein Prinz Liechtenstein gerade vor den Osterfeiertagen in” den Bcrsammlungen herumzieht, um das große Evangelium zu verkünden: „Kauft nur bei Christen", uni so, wenn es möglich ist, die nichtchristlichcn Mitbürger zu ruiniren? TaS ist Corruption und zugleich eine so rasfinirte Bosheit, als wollten die Herren dadurch die berühmte Tarwin'sche Lehre von unserer Affenabstammung, zu der sie sich ja doch nicht bekennen, auf das Drastischeste illustrircn. Ja, der Prinz Liechtenstein! Ta hat er sich neulich einmal im Abgeordnetenhause den Scherz gemacht, zu sagen, welche Gefahr für die religiösen Gefühle der Bevölkerung entstehen würde, wenn ein hervorragender Abgeordneter der Linken — er nannte meine Wenigkeit — Cultnsminifter würde. Nun denken Sie sich diesem Widersinn gegenüber, mit dem man ja doch nur antisemitische Heiterkeit erwecken kann, einmal den Spieß umgedreht und den Prinzen Liechtenstein selbst als Cultus« und Unterrichtsminister installirt. Glauben Sie nicht, daß da , ein Schrei der Entrüstung, auch bei den gcsamintcn liberalen Katholiken Oesterreichs bis in die höchsten, bis in seine eigenen Kreise hinauf ertönen würde? Mit Recht. Tenn was wäre von ihm zu gewärtigen? Conscssionalisirung der Volksschule, Mißachtung der Staatsgrundgcsetze, Verhetzung der Confcssioncn im gröbsten Style und als Krönung des Gebäudes jener staatssocialistische Sport, den. er wiederholt im Abgeordnetenhause zum Besten gegeben hat, wonach der Staat die gelammte Arbeit monopolisirey, jeder Arbeiter ein vom Staate bc stcllter und besoldeter Beamter sein soll, Ganz dieselben Grundsätze, um derentwillen neulich Eugen Richter im deutschen Reichstag: air dem Abgeordneten Bebel eine wahrhafte MarshaSschindung vorgcnommcn hat." l(5in Fiasco dcr Antiskinitcn.) Von bethciligter Seite erhalten wir folgende Zuschrift: Schon seit Langem versuchen cs die Antisemiten, auch in der Fleischhaucrgenoffcnschaft festen Fuß zu fasten, was ihnen indrß bisher nicht gelingen konnte. Alle diesbezüglichen Unternehmungen dcr Antisemiten scheiterten an dem gesunden Sinne der Mehrheit dcr Genossenschaftsmitglieder, welche treu zur fortschrittlichen Sache hält. Einen Hauptangriffspunkt für die Anffsemiten bildete bisher das ossicielle GcnoffenschaftsorgaN „Tie Wiener Approvisionirungs-Zeitung", desten langjähriger Herausgeber und Eigenthümer Herr Messing ist. Ter Umstand, daß Herr Messing jüdischer Confessio» ist, genügte den Antisemiten, um dem Mann eines am Zeug zu flicken. Es wurde gesagt, Herr Messing vertrete in seinem Blatte nicht die Jnteresten der Wiener Fleischhauer, sondern die Sache der jüdischen Mästcr und Händler, und nehme dabei die Subvention dcr Gcnostenschaft, welche einzig und allein der Fleischhauer- und Selcher-Zeitung" gebühre» würde. In der am II.- Mär; l. I. abgchaltcne» Gcnosscnschartsversammlnug stellte nun anläßlich der Biidgetberathung der bekannte antisemitische Agitator und Fleischhauer Josef Beck aus JnzcrSdorf nnvermuthet den Antrag, es sei der „Wiener Approvisionirungs- Zeitung" die seit den Scchzigerjahren gewährte Subvention und zugleich Lcr Titel eines orsiciellen Genosieiischatlsorgans zu entziehen. Gegen diesen Antrag nahm der Referent Herr Julius Weisfenberg er Stellung, indem er aus die statutarische Bestimmung verwies, daß derartige Anträge nur bann der geschüftSordnungsmäßigen Be- : Handlung zugetührt werden konneii, wenn sie vierzehn Tage vor der j Versammlung schrffklich eingcbrachv werden. Ter Referent stellte den ' Antrag, die Budgetvorlage vollinhaltlich zu genehmigen. Es gab nun! eine längere Tebatle, deren Resultat war, daß für den X April eine j schriftliche Abstimmung über beide Anträge anbcraiunt wurde. Bei! dieser Abstimmung nun erlitt die antisemitische Opposition eine schwere j Riedcrlage. Trotz dcr ivochenlangen Agitation, die mit Hilfe des! Pauschalienblattes und des gesinnnngsvcrwandtcn clcricalen Moniteurs j recht wirksam betrieben wurde, trotz der wie bei einer politischen Wahl! betriebenen Agitation am Tage der Abstimmung, gelang es den Anti- : semitcn nur ein Häuflein von 14? Mann zusammcnzutrommcln. Für 1 den Antrag Weistenberger's stimmten, 20l GenostenschaftSmitglicdcr, so! daß dieser Antrag angenommen erscheint. Tas Resultat der Abstim-! mung wurde von den Fortschrittlichen mit lebhaftem Beifallc und! Bravorufen aufgenommen. Tie Antisemiten waren schon während | des Scrutiniums unsichtbar geworden; vielleicht nahmen sic die Lehre mit sich, daß in der Fleiichhaucrgenoffenichatt für die antisemitische; Verhetzung kein Böden ist. W. (Wie sich Bcrgani mit seinen Theilhnbern auseinanderseyt.- Georg Schönerer läßt wieder seine am I. März 18141 veröffentlichte Flugschrift „Wie sich Vergani mit seinen Thcilhabcrn auseinander setzt", als Beilage zu einem ihm "dienstbaren Blättchen verbreiten. Dem Wiederabdruck ist nur die Bemerkung beigcfügt, daß mittlerweile Herr Lehr»er „guter Freund" des „Volksblatt"-Vergani geworden ist, daß dagegen Herr W. Ph. Hauck bisher nichts von seinem Gelde erhalten hat. (10 X 4*2 — 42.) Aus Bcaintcnkreise» schreibt man uns: 10 X-4'2 42. ■ Tas ist nichts Neues, werden die Leser kopfschüttelnd sagen. Wohl nichts Neues nnd doch was Neues. 4'2 Millionen würde die Tnrchführung dcr Aufbesserung dcr Beamtcngehaltc »ach dem Anträge dcS Abgeordneten Tr. Promber jährlich beanspruchen, in zehn Jahren somit 42 Millionen: den gleichen Betrag habe unjcr Parlamcnt/trotz aller Klagen der Beamtenschaft, zwei Actiengescllschaften als. staatliche Subvention zickommen lasten — diese Krautnnd Rübengleichung war der antisemitischen Rechenkunst Tr. Geßmann'S Vorbehalten, dcr cs in einer Versammlung dcr Staatsbeamten mit eherner Stirne versuchte, streng sachliche Ausführungen der Abgeordneten Hofralh Tr. Beer nnd Tr. Promber als leere Verheißungen hinzustellen. Er, der wahre „Bcamtenfrcund", predigte „Skepsis", er, der Kautschnkmann, sprach von „Nackensteifhcit". Doch Gottlob cS gibt noch Beamte, welche, treu dem Kaiser und altbewährten Traditionen, Weizen von Spreu zu unterscheiden wiffcn nnd nicht so dumm sind, wie Andere — sie machen möchte». Und so erlebte Herr Tr. Gcßman» in dieser Versammlung, trotz der krampfhaften Versuche einer bestellten Claqnc, einen Turchfall, wie er glänzender nicht gedacht werden kan». Ein Veteran im Staatsdienste, Hofrath Rauscher, dcr sich mit Stolz als ein Mitglied jener großen, chrenwcrthcn Familie dcr österreichischen Beamtenschaft bezeichnctc, wies mit vor Entrüstung bebender Stimnic die „ungeziemenden Verhetzungen" Gcßmann's zurück, dcr, pochend auf seine Jnimunität, ein Meister in dcr verruchten Kunst ist, hinter einer schützenden Mauer die giftigen Pfeile böswilliger Verdächtigung auf-Schutznnd Wehrloseabznschicßen. Man hat Herrn Geßmann so gründlich hcimgclcuchtct, daß ihm die Lust an gewissen Rcchenerempcln für längere Zeit vergällt sein dürste. >1. v. X. (Arbeiter gegen den Antisemitismus.) In einer am letzte» Sonntag in den Sosicnsälcn abgchaltcncn und von mehr als. 3000 Arbeitern beiderlei Geschlechtes besuchten Versammlung des Arbeitcrfortbildungsvercincs „Landstraße" besprach der Arbeiter Waldner das Bcrhältniß der Antisemiten und Clcricalen zur Hebung dcr Volksbildung. „Tic Antisemiten," sagte dcr Redner, „haben sich an die Arbeiter hcrangedrängt, den Arbeitern die Ideen entlehnt und eine clerical antisemitische Marke darauf gedruckt. Aus diesen Bestrebungen sehe aber überall der Pferdefuß dcr Rcaction heraus. Tic Antisemiten nnd Clcricalen suchen ihr Schifflei» in die sociale Strömung cinzuleiten in dcr Hoffnung, daß ihnen vielleicht hier dcr Fischfang gelingen werde, allein die Arbeiter erkennen die Netze als die alten, nur das Boot sei mit socialistischcu Ideen frisch übertüncht." Ter allgemeine Beifall, der diesen Worten folgte, bewies, daß dcr Redner im Geiste der ganzen Arbeiterschaft gesprochen hatte. Liechtenstein kann dies als Antwort auf seine jüngste schwarze „Schnlrcdc" betrachten. (Fortschrittliche WählerversamililiingJ Unter dem Vorsitze des Bürgermeisters S ch a u in a n n fand vorigen Lonntag im Stockerau er Rathhaussaale eine Wählerversammlung statt, vor welcher Herrenhaus Mitglied Landtagsabgcordncter Freiherr v. Czedik einen Vortrag über wichtige politische und wirthschaftliche Fragen hi-lt. In der Einleitung erwähnte er der Nachricht von dem Rücktritte des LandmarschallS Grasen Kinsky und erinnerte an die gelegentlich seiner Candidatur von antisemitischer Seite auSgestrcntcn Gerüchte, welche von „Aspirationen des Baron Czedik auf den Landmarschallpostcn" zu erzählen wußten. Tas von den Antisemiten prophxzcitc Unglück sei, nun nicht eingctrctcn; zum Nachfolger des Grafen Kinsky sei, wie auch vorauszusehcn war, ein Mitglied des Großgrundbesitzes dcsignirt, und, wie so oft, zeige cs sich bei diesem Anlaffe, daß cS den Antisemiten nur darum zu thun war, zu verdächtigen. Tarum dürfe mau ihnen auch nicht Alles glauben, was' sie sprechen. Freiherr v. Czedik gedachte auch des Kampfes, den die Liberalen gegen die Antisemiten zu fuhren habe», und bemerkte, daß er sein Wort, daß die Antisemiten, die' „österreichischen Nihilisten" seien, nicht zurücknchincn könne. Er kam auch auf die Vorgänge in der Wiener Staatsbcamtenvcrsammlung zu sprechen, in welcher Tr. (sseßmann wieder einmal die liberale Partei mit Ziffern todtschlagen wollte, und sagte, 44 Millionen beträgt nach Geßmann'S Berechnung das „Geschenk" an die Tonan-Tampfschiffsahrtsgcscllschaft nnd an den Ocsterrcichischcn Lloyd, und für die Beamten hat man nicht einmal 44 Millionen. Die Berechnung hat nur einen Fehler: sie stimmt nicht. Erstens haben die Gesellschaften die 44 Millionen,

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