Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 54 (16.4.1893)
- Date
- 1893-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 8. Nr. 64. Freiebelebung der Zünfte und Einführung deS Befähigungsnachweises für daS Handwerk stehen in ihrem Mittelpunkte; der Großindustrie wurde der — gewiß höchst wohlthätig wirkende — clfstündige Maximal- ArbcitStag auferlcgt, während das Handwerk (Betriebe bis zu zwanzig Arbeitern gerechnet) in der Ausbeutung der Hilfskräfte nahezu unbeschränkt blieb; die Zerschlagimg von Bauerngütern durch den Erbgang sollte durch Einführung des Anerbcnrcchtes verhindert werden, während die Legung von Bauernwirthschaftcn zu Jagdgrnndcn der Aristokratie in dein Maße freigegcben ist, daß u. '21. schon die Hälfte des Hcrzogthuins Salzburg (?) zu Jagdgebieten umgrwandelt ist. Es gelang mit großem Glück, das zünftige Handwerk gegen das wohlhabende, liberale Biirgcrthuin auSzuspiclcn; cS gelang, die Interessen dcS Adels und der Kirche in scheinbaren Einklang zu bringen mit denen dcS Kleinbürgers; in dem eben aufschicßendcn AntiscniitiSniuS ward der Mörtel für den neuen politischen Ban gefunden. Bogclsang, der den Verkehr mit Juden persönlich gar nicht mied, benutzte mit Rraft und Raffinement daS uralte, den Juden ungünstige BolkSgefühl, und solange er Rcdactcur des ,Vaterland' war, wurde in dcffen Spalten das Blutmärchcn unermüdlich in allem historischen und philologischen Spielgrten abgehandelt, bald mit wuchtigen Eitaten aus den Kirchenvätern und dem Talmud, bald in der aufreizenden Sprache, welche dem Geschmack des Pöbels entspricht. Dabei war Vogelfang, obwohl er niemals öffentlich hcrvortrat, ein überaus fähiger Organisator. In seiner Stube empfing der VolkSredncr wie der-hohe (geistliche Anregung und Belehrung; er machte für die Wiener antifcniitifche Demagogie das Geld aus den Klöstern und auS den aristokratischen Kreisen stüssig; er fand und benützte die brauchbaren Subjcctc, welche die schmutzigen Geschäfte der Partei mit dreister Stirne und frecher Zunge betreiben. Erfüllt von der Gluth des Convcriitcn, nicht wählerisch in seinen Mitteln, angcthan mit einem achtnngSwcrthen gelehrten Rüstzeug, lebte in ihm der Geist jener Jesuiten, von denen wenigstens die Gegner behaupten, sie hätten eS verstanden, die Herzen der Könige und der Völker zu lenken. Das war der Mann, der mit norddeutscher Zähigkeit dem leicht beweglichen Volke der Wiener Vorstadt und seinen früherhin .demokratischen' Führern das politische und wirthschaftliche System schuf, in besten Zeichen sie, vereint mit dem Eleruö, Sturm laufen gegen den Wien früher bc herrschenden Liberalismus?' Es wird sodann der in der letzte» Zeit wiederholt hcrvorgctrctcne» Verstimmung zwischen dem hohen und niederen Elcrus und der von Elericalcn gegenüber den Antisemitisch-Clcricalcn geforderten „Scheidung der Geister" gedacht, worauf eö weiter heißt: „Rach außen hin stehe» die beiden Parteien in den Vcrtretungskörpcrn und bei den Wahlen festgcschlosten zusammen, wenn auch mitunter die Zwietracht grell auf - zuckt, lieber den weiteren Fortgang der Wiener -Bewegung kann nur derjenige zweifelhaft sein, der das historische Maß für die Macht dcr Kirche vollständig verloren hat. Ganz abgesehen von dem Anti scmitiSmus als Volksstimmnng — als politische Richtung genommen wird sein Schicksal in den katholischen Landen, zumal in Wie», sich dahin erfüllen, daß er von dem ClericaliSmus verschlungen und beerbt wird. Das wissen die Männer der Kirche sehr wohl; sic züchten und zügeln ihn daher nach ihren wohlerwogenen Ansichten. Was jetzt als ausschäumende Schmutzwcllc alle Dämme zu zerreißen droht, wird über kurz oder lang in den breiten Strom der streitenden Kirche cinmünden. Darin liegt eine der Hauptursachen der Erfolge dcS Antisemitismus in Wien; er steht im Dienste einer geistigen Macht, welche ihn, nicht bloß den Führer, sonder» auch viele seiner Ofsicicre geliehen hat." .'Nachdem der Artikel noch die Stellung der bcstchcndcn Regierung zu-'dem Antisemikisnius präcisirt, schließt er mit den Worten: „ES ist ein grotesker Anblick, wie die Führer dcS Antisemitismus in Wien, lediglich um die Juden zu ärger», das alte confcssioncllc Schulwesen zurückfordern und damit dem Elcricalisnius Vorschub leisten. Was den evangelisch gesinnten Priestern der Mctternich'schen Zeit, einem Elcmcns Maria Hofbaucr und Enianucl Vcith, was der Eoncordatspolitik nicht gelingen wollte, das mag wohl das Ergebniß der marktschreierischen Agitation unserer Tage werden: das Wien Josefs II. und Van Swictcn's, Grillparzcr'S und Bauernfcld's wird nach lüOjährigcm unbeschränkten Walten religiösen Freisinns wieder eine mächtige, wenn auch nicht geradezu herrschende Partei der katholischen Propaganda erhalten." (Verein zur Abwehr des Antisemitismus.) In, Berlage des Vereines zur Abwehr deS Antisemitismus in Wien ist soeben der ausführliche „Beri cht der dritte n Generalversam m lu» g" nach'dem stenographischen Protokoll erschienen. Unsere Abonnenten erhalten die interessante Brochure mit der nächsten Nummer deS .Freien Blattes" alö Gratisbeilage zugestellt. Statt. -Aus dem Ralhhausk.) Ohne Sang »»d vlqng zogen die Anti sciniten in daS Rathhaus wieder ein, von dem sie sich nahe;» ein .halbes Jahr scruhiclten. Schon längst suchten sie »ach einem anständigen Vorwand, der cs ihnen ermöglicht hätte, den Strike;u beendigen, den sic anläßlich einer über zwei „VolkSrctter" verhängten Ordnungsstrafe muthwillig eröffnet hatten. Da sich ein solcher Vorwand nicht anstreiben ließ und alle ihre Drohungen nicht verfingen, kehrte» sic ohne jede Begründung in daS Rathhaus zurück. Die fortschrittliche Majorität, die sie ruhig scheiden gesehen hatte, sah auch ihrer Rückkehr in aller Ruhe zu. Was wäre daS für ein Hohngclächtcr gewesen, wenn ciiir fortschrittliche Minorität gegenüber einer .antisemitischen Mehrheit eine solche DeiUonstration unternommen lchtte, fortgcblicben und dann, ohne etwas ausgcrichtct zu haben, wiedcrgckomzncn wäre! Die Antiiemiten nahmen sofort ihre frühere „Thätigkeit" auf, und einer ihrer Sprecher machte dem Vorsitzenden, als ihm dieser die Beachtung der «Geschäfts ordnung eiupfahl, „Brutalität" znm Vorwürfe. In den antiscinitischcn Blättern wurde einen Tag nach der Beendigung des Strikcs folgende Erklärung der Herren Lueger und Genossen vcrössentlicht: Am 4. April d. Z. wurde daS Gesetz, belrestcnd die Aenderung der $$ 52 und 5t> deS Wiener Geineiudcstatnles pnbtieirl und ist soinil in Rechtskraft erwachse». Durch unsere Abstinenz von den Sitzungen des Wiener GenrcinderaihcS wollte» wir bewirken, daß die Bevölkerung der Stadt Wien nicht durch neue Steuer» und Abgaben belastet werde, daß nicht neue Anleihen autge nonnnen und daß nicht das Gemeindevermögen und das Geineindegut veräußert iverden. Jn Folge der Aenderung d s l^emeindcstaknteS wäre eS bei-Feslh»lt»»g an der Abstinenz nicht möglich, all dieses;ii verhindern, und müssen wir es , nunmehr als unsere Ausgabe betrachten, au den Sivunge» ideilzuncbine», um vielleichk aus diese Weise dasjenige hintanzuhallen, was wir als ein Unglück für die gelammte Bevölkerung Wien« betrachten wurden. „Unseren Leuten," -sagte einmalein hervorragender Geschäfts - antisemit, „können wir AllcS bieten." Diese Erklärung beweist, wie sehr er Recht hatte. .Es ist eine erbärmliche Ausflucht, wenn man eine Abstinenz, die in einer Ordnungsstrafe ihren Ursprung hatte, mit dem Bestreben, die wirthschaftlichcn Jnteresien zui wahren, »beschönigt und das Fallcnlasscn dieser Abstinenz auf die gleiche Ursache.zurückführen will. Tie Herren sind nicht weggegangc», um ncnc Steuern und Abgaben rc. zu verhindern, sondern weil sie darüber erregt wären, daß das Präsidium ihren rhetorischen Ausschweifungen endlich Halt gebot; sie kommen zurück, weil ihnendavor graut, „versunken und vergessen" zu sein. ' -im. (Wiener Genicinderathswühlen.) Die am Ui d. M. in der Inneren Stadt, auf der Landstraße, ,a»f der Wieden und in Währing aus dem zweite», und in Margarethen sowie in der Joses stadt aus dem dritten Wahlkörper stattgchabtcn Ergänznngswahlcn in den Gcmeindcrath haben in den Besitzstand der Parteien keine Aenderung gebracht. Im I., III. und IV. Bezirke, wo die frei gewordenen Mandate in den Händen von Liberalen gewesen waren, siegten die Liberalen, im V. und VIII. Bezirke, wo sich auch.vorhcx Antisemiten im Besitze der Mandate befanden, die auD^cmitiichen Eandidaten. In Währing, wo bn den letzten Wahlen zwei-antisemitische Eandidatcn durchgedningcn waren, wurde ein 'Antisemit gewühlt, während, für das zweite Mandat eine engere Wahl zwischen' einem antisemitischen und liberalen. Eandidaten nothwcndig geworden ist. Gewählt wurden die Liberalen Tr. Mittler, Professor Gierstcr und Dr. Scholz sowie die Antisemiten S-Irobach, Dr. u p k a und Dr. Räder. In die Stichwahl kommen der Antisemit Tlsomola und der Liberale Li e i ß c r. (Tic Partei dcr CorrNptio».) Im Verein der Forll.schritIs -freunde in'dcr i u ncr.in S tadt hielt Abgeordneter Do. JagIIes einen mit lebhaftem Beifall ausgenoininenen Vortrag," in welchem cr die Antisemiten als die Partei dcr Geistes- und Gemüibsroblieit, des Nihilismus uiid der Eorruption bezeichncke. Dr. Jagues wies auf die Art hin, wie die antisemitischen- Gemcinderälhc" ihren Strike insrenirt und zum Abschlüssegebracht haben, und fuhr dann fort: „Ist es nicht Eorruption, wenn die antisemitische Partei im Landtage eine, solche Thätigkeit der Obstrnction, Verrohmig und Verhetzung entwickelt, daß sic aus. dein erhabensten und zugleich ans dem mildestest Munde den schärfsten Tadel über sich ergehen lauen muß? Jst.es nicht Eorruption; wenn im Abgcordnetcnhause die unheilige Vielfältig kcit Lueger, Gcßmann, Liechtenstein, Schneider die. Herstellung eines geordneten Geldwesens in Oesterreich als ein Verbrechen nflt Valer lemdc bezeichnet, welches nur zur Bereicherung einiger semitischer Groß capitalistcn in Scene gesetzt werde? Ist cs nicht Eorruption, wenn sich ein Lueger oder Gcßmann von wegen schwerer Diciistesvergeben davongejagten Beamten heute dcr Dampfschissfahrks Gesellschaft, morgen dcr Südbahn, die böswilligsten Unwahrheiten und Verleumdungen ^u --