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Freies Blatt · 1893-04-16 · 54 (16.4.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
54 (16.4.1893)
Date
1893-04-16
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Frei«» Blatt. Nr. 54. Seit. 2. für dir Bekämpfung dcs Antisemitismus eingetreten sind, dem kann die Beantwortung der oben gestellten Frage keinen Augenblick zweifelhaft erscheinen. Er wird sic dahin beantworten: „Wir können nur einem liberalen Manne unsere Stimme geben, denn nur von dieser Seite tönncil wir eine Fortführung des Kampfes gegen einen Stöcker, Böckel. L.icbermann v. Sonnenbcrg und Andere — den traurigen Helden der E.onscrvativen gar nicht mitgercchnct — erwarten." Ga»; qndcrcr Ansicht ist die „Israelitische Wochenschrift, eine allgemeine Heilung des Iudenthums", hcrauSgcgeben von Tr. Rahmcr in Magdeburg Wir waren nicht wenig verblüfft, als wir diese allgemeine Leitung dcS Indenthums lasen, wir waren sogar mehr verblüfft als bei der Vcctiirc irgend eines antisemitischen Artikels in einem der Prcß- . organc der durch Ahlwardt zu solch hohem Ruhm gelangten Partei. Ter Artikel der „Israelitischen Wochenschrift" gipfelt in der Aufforderung: „Wir verlangen geradezu, die Juden sollen für die Bertbeidiger der Mililärvorlage stimmen, und hoffen, daß unsere liberalen Freunde unsere Zwangslage zu würdigen wissen werden." Daß ein Jude der deinokralischcn Partei angchört oder der deutschfrcisinnigen, finden, wir heutzutage mehr denn je verständlich, daß er der socialdeniokrati'chen Partei angchört, vermögen wir wohl zu begreifen, daß er der liakionallibcralcn Partei angchört, ist selten, aber immerhin noch verständlich. Auch das Eentruin kann noch;um Thcil Sympathien bei Inden finden, aber solche für die Verfechter der Militärvorlage, die. Eoniervalive», zu predigen, überschreitet denn doch das Maß dessen, was man einem freien Mann — denn auch der Jude ist es glücklicherweise bis jetzt noch — bieten kann. Wie wir schon erwähnt, gibt ' a auch Inden, welche der nationalliberalen Partei angehören und welche, ihrem Führer Bennigsen folgend, unter jeder Bedingung eine Einigung mit der Regierung über die Militärvorlagc als höchstes Ziel erssreben, aber deswegen den Juden zuzumuthen, bei Wahlen für die Eoniervalive», die ausgesprochenen erklärten Feinde der deutschen Inden, zu stimmen, daS geht über das „Bohnenlied". Das ist nicht dev Rath, wie er in heutiger Zeit Männern gegeben werden müßte, die für die Aufrcchthaltung der ihnen staatlich zugefichcrten Rechte kämvfen, sondern cs ist der Rath eines, wie man namentlich in .Oesterreich sagt, „Angstmeiers". Wählt nur einen Mann, der für die Militärvorlage stimmt, dann werdet ihr auch der Hilfe der Regierung sicher sein, dann werdet ihr hossen können, daß euch eure wohlvcrbrieften Rechte nicht genommen werden. So das Rahmer'sche Organ! "stach dieser Anschauung sollten also die Juden darauf bedacht sein, daß Abgeordnete wie Richter, Ricken :e. von der Bildstäche verschwinden und Herren vom Schlage der Ahlwardt, WackerbaNh und Genossen Platz machen! Ja, in manchen Köpfen malt sich die Welt seltsam! Tie Rathschläge, die das Rahmer'sche Blatt in seinem „Wegweiser" für die nächste Reichskagswahl den Inden gibt, sind ivürdig, in ihrer Begründung hier scstgenagelt zu werden. „Es mag Einer", wird erklärt, „noch so sehr überzeugt sein, daß Richter Recht Hot mit seinen Einwürfen gegen die Militärvorlagc, hier kommen doch nicht Grundsätze in Frage, wo es Gewisscnspflickir iss, nicht zu weichen, hier handelt es sich um ein Weniger oder Mehr dcs Geldaufwandes und der Leistungen", und kann ^kommen noch folgende weit charakteristischere Auslassungen, deren C.iiintcneir, der grenzenloseste Egoismus ist: „Ein Jude kann sich beute der Erwägung nicht entziehen: welche Folgen hat deine Abmniiimitg für dich als Juden, für daS Iudenthum, für die deutschen Illdeu überhaupt? Gott sei'S geklagt, daß cs so gekommen ist, aber es ist >o gekommen. Was dem einzelnen Israeliten aufcrlegt wird durch die Bewilligung der Militärvorlagc, ist geringfügig gegenüber der Gefährdung der Gleichberechtigung, gegenüber der Steigerung des foEalen Unfriedens, wenn wir als die 'erklärten Feinde der Regierung aniirelen." Weiter wird Graf Eaprivi durch überschwengliches Lob geleiert, unbekümmert darum, daß dieser. selbe Mann erst vor wenigen Wochen 'aglc: de:» Aniiiemilismus wolle er eine gewisse Berechtigung nicht ab>vrechcn. Wir können uns nicht versagen, den gedächtnißschwachcn Autor des Artikels in; Rahmer'schcn Blatt daran zu erinnern, daß seit Jahren Stöcker, Wackerbarth und Consortcn ungestört ihre Hetzreden im Reichstag gegen die Juden halten konnten, ohne daß vom Minissenisch auch nur ein Räuspern dagegen gehört worden wäre! Erss als die preußischen Flinten angegriffen wurden, als später ferner der Abgeordnete Ahlwardt in der ihm eigenen Art?ie Gründungdes deutschen „Reichs-Invalidenfonds" besprach, sah sich die- Regierung genölhigt, gegen die Antisemiten, aber nicht in ihrer Eigenschaft als Iudenhetzcr, sondern als Feinde des Staates aufzutrcten und dar» in einer relativ zarten Weise. Also nur die eigene Zwangslage bar dieses Borgehen der Regierung provocirt, sonst könnte heute iiocki ein ÄHIwurdl seine Triumphe ruhig weiter feiern. Ww halten cs -für uochwendig, unsere Ansichten hier wie folgt zu resumiren:' Es wäre uns nicht bcigefallen, gegen ein solches Conglomcrat von Unkcnntniß und Liebedienerei zu polemisircn, wäre nur mit einem Wort auf patriotische Motive, auf sachliche Gesichtspunkte Gewicht gelegt worden. Nichts von Alledem, aus jeder Zeile blickt der craffeste Egoismus, der auch den ganzen Artikel richtet. Wir sind weit entfernt davon, irgend einer Partei das Wort zu reden, oder sich hier gar auf das Gebiet der Politik begeben zu wollen, wir begreifen, wie wir schon andcutetcn, daß man unter Umständen für einen Verfechter der Militärvorlage eintretcn kann, aber dann nur auS rein patriotischen Gründen, obgleich der Jude in Sachen des Militarismus eigentlich nur Pflichten, aber kein Recht kennt. In der Hauptsache liegen die Berhältniffe heute so, daß wir als Juden entgegen der „Israelitischen Wochenschrift" die Frage: „Wen sollen die Juden bei einer etwa bevorstehenden Neuwahl in den Reichstag wählen beantworten müssen: Nur einen liberalen Mann! Den» nur von den liberalen Parteien haben wir etwas, wenn nicht Alles, von der sogenannten Regierungspartei wenig oder gar nichts zu erwarten. Ten Artikel der „Israelitischen Wochenschrift" noch weiter zu sccirc», hieße demselben zu viel Ehre erweisen.' Wir können dem Herausgeber des citirten Blattes nur unser herzliches Beileid ausdrückc», daß bei hem fürchterlichen Staube, der in der politischen Welt sich eben so lästig macht, sein bedauernswcrthcr Mitarbeiter den Kopf noch immer so tief in den Sand gesteckt hält, daß er nicht sicht und nicht hört, was in der Welt vorgeht, was feit Zahreu darin vorging. Den Nachweis, daß wir Recht haben, werden die antisemitischen Blätter dem beklagenswcrthen Autor bieten. Diese Blätter fallen wie Geier über Aas über den Artikel her, um den Geistesflitter des „Bogel Strauß" zu zerzausen. In der That, ein tkauriges Capitcl in der Geschichte der „Israelitischen Wochenschrift"! Wenn eines Tages die Conservativen in Berbindung mit den Antisemiten den schon öfters angekündigtcn Antrag: „Aufhebung der Emancipation der Juden" einbringen, dann wird von den heutigen Verfechtern der Militärvorlage, den Eonservativen, nicht Eine Stimme für diesen Antrag fehlen. Diese Ueberzeugung hat doch der Herausgeber der „Israelitischen Wochenschrift" zweifelsohne ebenso gut wie wir selbst; wir halten ihn deshalb nicht für berechtigt, einen derartigen Rath den jüdische» Wählern zu ertheilcn. Dieser Rath, der jeder Logik entgegenläuft, ist verwerflich, weil er unmoralisch ist, und erinnert uns lebhaft an das Sprichwort: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber!" ^Llericcrlisinus und Antisemitismus in Oesterreich. Tie Münchener „Allgemeine Zeitung", bekanntlich eines der ältesten, vornehmsten und angesehensten Blätter Deutschlands, das zu Zeiten auch bismarckisch-officiös war, veröffentlichte in Nummer00 der Wissenschaftlichen Beilage einen Artikel, der sich mit dem Charakter und der Genesis des Antisemitismus in seiner spccifisch wienerischen und österreichischen Erscheinungsform befaßt. In diesem beachtenswerthen Artikel heißt es u. A.: „In den deutsch-österreichischen Provinzen ist der Antisemitismus überall auS dem radicalen Nationalismus hervorgegangcn; er steift sich auf seine Selbstständigkeit gegenüber der Kirche, wen» er nicht sogar zur Rückkehr in das altgcrmanischc Hcidcnthum einladet, wie dies in den Blättern der Schöncrer'schen Richtung gar oft unter Entfaltung einerbarocken ReligionSphilosophic, aber ohne sichtbare Nachfolge geschieht. "Nur in Wien hebt und stützt ein großer Thcil der -Clcrisci die. Agitationen der antisemitischen Bolkstribunen durch ihren weit verzweigten und tiefgehenden Einfluß. Selbst den Führer» hat die clcricale Partei der Antisemiten in der Person dcs parador-gcistreichen Prinzen Alois Liechtenstein beigestcllt, dessen "Name u»d reinlicheres Wesen den zum Theil recht übel beleumundeten Matadoren der rührigen Demagogie als Aushängeschild dient. Es gab eine Zeit, besonders um die Wahlen von 1801, da es kaum möglich gewesen wäre, die sich uni die beiden Parteien schlingenden Fäden unterscheidend zu löse». Es ist wesentlich die That eines Mannes, daß der Bund geschlossen wurde, und daß der Antisemitismus in Wien ganz andere politische Erfolge erzielte als etwa in Berlin und in Budapest: dem mecklenburgischen, zum Katholicismus übergetrctcnen Edelmann Freiherrn Carl v. Vogelfang, der zwischen 1880 und 1800 an der Spitze des deutschen ,Vaterland' stand, ist eS zuzuschreiben, daß eine staatliche reactionäre Organisation geschaffen und durch ein wirthschaftliches Programm beseelt wurde, welches von der Gcwerbcgesetznovellc von 1883 an in einer Reihe von weiteren Gesetzen nicdergelegt ist. Wieder-

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