Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-04-16 · 54 (16.4.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
54 (16.4.1893)
Date
1893-04-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441402--0541-4887062
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

< Jlrcttö Adoniiementspreis: Ui.uniabrig mit Poftzusrndung . . fl.!.50. H.iNjährig fl. 1.85. Bicrteljährig fl. —.65 üinjclnc Nummern 4 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint nti jedem Soniitagc. Redaction und Administration: _ Wien I. Keilerstätte 10. Kummer 54. iüifir; Hi. ZXpril 1893. II. Jahrgang. y -Die hygieniscl^e Thätigkeit des 2lbwehr» Vereines. Der Borstand des Vereines znr Abwehr des AntiseinitiöinnS erhielt dieser Tage von dem Herrn Reichsraths- und Landtagsabgeordneten, Superintendenten Dr. Theodor Haase folgende Zuschrift: Hochgeehrte Herren! Der Berein zur Abwehr des AntiseniitiSinus hat in seiner Generalversammlung vom 17. März I8M mir die hohe Auszeichnung erwiesen, mich;n seinem Ehrenmitgliedc zu ernenne». Indem ich Ihnen für die geschätzte Zuschrift vom 22. Mär; 18i>.'i, in welcher Sie mich von der mir zutheil gewordenen Ehrung in Kennlniß setze», den verbindlichsten Dank abstalte und Sie zugleich bitte, Ihrem hochgeehrte» Berein den Ausdruck meiner dankbaren Gesinnungen zu übermitteln, bedarf es wohl nicht erst der Bcrsichernng, daß eS mir stets zu besonderer Genugthunng gereichen wird, die Interessen Ihres Vereines »ach besten Kräften zu fördern. .Der Anci se »i i i is m us, indem er de» Haß gegen unsere jüdischen Mitbürger auf seine Fahne schreibt, verleugnet vor Allem die Grundsätze deS E h ri st e n t h u m s, dessen er habener Stifter alle Menschen zu einer großen Gottesfamilie vereinigen wollte. . Durch das Bewußtsein der GotteSkindschaft und durch gegenseitige Liebe sollten sich Alle als Brüder und Schwester» mit einander verbunden wissen. Was die Mensche» sonst von einander trennt, wie Rationalität, sociale Schranken, besondere Formen der GotteSverehrnng, sollte durch die gegenseitige Liebe überwunden werden. Hier ist, schreibt der Apostel Paulus, nicht Jude noch Grieche, nicht Knecht noch Freier. Der antisemitische Haß und diese alle Gegensätze überbrnckcnde Liebe schließen ein ander völlig aus, und wen» Dühring sagt, ein Ehrist könne kein richtiger Antisemit sein, so hat er dainit nicht bloß diejenigen, welche in ihm den Großmeister tcS Judenhasses verehren, vor die Alternative gestellt, zwischen Ehristenlhnin und Antisemitismus zu wühlen, sondern er hat damit auch den sogenannlen „Christlich- Socialen" den Widerspruch, an welchem diese Richtung leidet, u» barmherzig vor Augen geführt. Der Antisemitismus v c r l e u g n c t aber auch die m oderne Eultur, itidcm er die schönste Blüthe derselben, die Humanität, mit Füßen tritt. Alles, was wir in den Begriff „Herz" zusammcnfasscii, das Erbarmen mit der fremden Roth, die Fürsorge für die v.rwahrlostcn Kinder, für die Armen, Kranken. Blinden, Taubstummen, für die Berwundetc» im Kriege, hätte keinen Platz mehr in der Welt, wenn dkr im Antiseniilismus verkörperte Racen- und Elafsenhaß in der Gesellschaft die Ober Hand gewänne. Ich halte die Gefahr einer so radicalen Entmenschung der Menschheit für ausgeschlossen, würde es aber für sebr bedenklich anschen, wollte man über die antiscmitischc Bewegung glcichgiltig" hinweggchcn. P^a» muß den AntisciniliSmiis jenen Kinderkrank heilen beizählen, welche im Eullurleben der Volker zuweilen epi demisch auflrcten, die Gehirnfunctioiikii der erkrankten Personen störe», ihr Begriffsvermögen trüben, physische Beängstigungen und Visionen bei ihnen verursachen und sich bei Vielen biS zur Herzlähmung steigern. Man beobacht;: nur die Wirkungen des Antisemitismus, wo er in seiner ganzest Fieberhitze zur Erscheinung kommt, wie;. B. in den Fällen Tisza-Eßlar und Santen! Er verwirrt die Gedanken der Kläger und der Zeugen, verdirbt die Gesittung sonst als anständig bekannter Leute, stumpft in ihnen . alle edleren Gefühle ab, ruinirt ihre» Eharakler, macht sie zu unzurechnungSfähigen Fanatikern. __ Wenn wir -die Leiden unserer Rebenmenschen mit antisemitischer Herzlosigkeit ansehen würden, könnten wir sagen: Was geht denn uns das an? Es sind ja doch nur die Antisemiten, welche verderben. Die Humanitär in deren Dienst wir stehen, gebietet unS aber, nicht bloß znr Rettung physisch Kranker alle zweckentsprechenden Vorkehrungen zu treffen und znr Zeit herrschender Seuchen weder Anstrengniigen noch DPfer zu scheuen, um die Erkrankten zu heilen und die Weitcrvcrbreitung der Krankheit zu verhindern. Wir exponiren Aerzle, errichten.Jsolirhäuser, bauen Cholerabaracken und bestreben unS vor Allem, bei denjenigen, welche es mit der Reinlichkeit sonst nicht eben genau zu nehmen pflegen, eine größere Reinlichkeit zn erzwingen. In dieser Art gilt es auch gegen die in unseren Tagen leider aviederepidemisch gewordene Krankheit deS Antisemitismus zu Felde zu ziehen, die christliche Bevölkerung über das Wesen des Antisemitismus in Wort und Schrift anfziiklör*», >>if Jagend Nor seinen verheerenden, alle Ideale zersetzenden Wirkungen zu behüten, das Volk an eiti selbstständiges Denken zu gewöhnen, dessen Mangel allein cs verschuldet, daß die mit der b.stehenden Gesellschaslsordnung stets »nzufriedenen Massen, statt in treuer Arbeit und redlicher Pflichterfüllung die Besserung ihres beklagenswerthen Zustandes zu" erstreben, j.dcm Schlagwört, und wäre es noch so blöde, wenn cs ihnen nur das Huhn ln den Topf verspricht, * in blindem Eifer nachlaufrn, und namentlich'immer wieder daran;» erinnern, daß man, bevor man berechtigt ist. vor fremden Thüren zu kehren, zunüchst mit dem Unralhe im eigenen Haiise und Herzen aufgeräumt haben muß. Es wird dabei nicht überflüssig sein, auch daran zu erinnern, daß, waS wir ihn», nicht etwa bloß zum Schutze der Inden geschieht, deren mit Blut und Thräncn geschriebene Geschichte dereinst erzählen wird, baß das jüdische Volk nach so viel Unglück, Drangsal und Verfolgung auch den modernen Anlisemitismns gesund überdauert hat, sondern zum Wohle, zur Ehre und i in Inte r e s s e u n s e r c r ch ristlichen LR i t b ü r g e r, i in Interesse der Wahrheit und der berechtig keil, im I n l e r c s s e d er E » > > u r ' n n d ihrer edelsten Tochter,' der Hu inaniläl. Der Verein zur Abwehr - des. Antisemitismus ist zu ^iesir vorwiegend .hygienischen Thätigkeit berufen. Möge, allen seii.cn Mitgliedern das beglückende Bewußtsein beschiedcn s in, zur Gesundung unseres öffentlichen Lebens an ihrem Theile redlich mit beigelragcn zn haben. In ausgezeichneter Hochachtung Ihr dankbar ergebener Dr, Theodor Haase. Die' Juden und die Alilitürvorlage in Deutschland. (Ci'igiiifll i,fiit()fil»ui; des ..freien Blattes".! » B o m Mai ii, im April Wen sollen die Inden bei einer etwa bevorstehenden Reuwahl i» den Reichstag wählen? Wer cdt offenes Auge für die Ereignisse der tetzidn Monate hat, wer weiß, welche Parteien es sind, die »nt Wort und Thal

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.