Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 53 (9.4.1893)
- Date
- 1893-04-09
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit* 6. Freies B l a 11. (iiiolcva in Hamburg hochinteressante Beobachtungen niit, welche ben ^einigeren '.'iHthcil ber oubcit an beit Cpfcrn ber Cholera gan; außer Zweifel neuen. Der Driedhofsverwalter halte ihn barauf hingewiesen, baß im August mtb September auf bent allgemeinen Driebhofe tV4ma( so viel Vcidjeit beerbigt seien als im Durchschnitt ber letzten brei Jahre, auf dem jüdische» Jriebhofe bagegen nur o äiital so viel. Dieses ansfaltenb günstige Berhältniß bei ben Jnben glaubte er mit rituellen Sveiiegesetzen unb Waschungen erklären zu sollen, nmsoniehr, als ps im llebrig:» in Bezug aus die Reinlichkeit bei ben Jnben eher schlechter stelle als bei ben Christen. Der Mebieinaliuspector hak bann mit seinem College» Dr. B. i.'ev >, über bie Drage gesprochen, unb bieser ist jener Meinung tchf bestimmt enkgegengetreten. "A'nv ein kleiner Dheil seiner Raeegenosten halte streng an ben rituellen Borschristen, währenb boch Alle ans ben indischen Driedhof kämen. Rach seiner Meinung sei die Dhaiiacite babnrch zu erklären, baß die Juden in Bezug ans ihr körperliches Befinden lehr vorsichtig unb ängstlich wären, jedes Anzeichen gleich beobachteten, sofort zum Arzt schickten und diesem in der Regel geboriamer folgten als die Christen. Dr. Reincke stimmt nach seinen.Criahrnngen dieser Meinung bei. — Cin ofsieieller Bericht über die Schulkinder in London ergab bas Resultat, baß bie jüdischen .Kinder bnrchschnittlich gesünder stnb als englische ober irische: sästecht genäln k sind nur halb so viel als die letztere»: schwachsinnig stnb unter ihnen •"> Bereeitt weniger: dagegen stnb bie jüdischen Knaben inelir als die übrigen zu Rervenkranklieiten disvonirl. ^»dwig öcr evrommc und Die ^llDCll/ Die „A l t g e »I eine Z e i k ii li g d e s I II d e II l h II IN s" berichtete über - eine» Bortrag : „Viibii'ig der fromme und die Inden", den Seniinardireetor Dr. K roner ans Hannover im „Hamburger Bereit! für jüdische (beschichte und Vlieratin" hielt. Herr Dr. .Kroner tijlnte im Wesentlichen ans: Ans Grund alter, sicherer Doeninente läßt >ich beweisen, baß schon die Inden des allen Deutschen Reiches ilire Baterlanbsliebe stets beknn deren. Carl der osioße bat die geistige und sociale Erhebung der Jude" gewidert. Dieser .Kaiser war es, der bernhuiie jüdisäp: t>'elehrte in bas Deutsche Reicli zog, wie Kaloniimos, Machir n. A. Unter seinem tlcachfolge*, z'ndwig bei» Dromnien, stauben »ach allen Schilderungen, die uns ans jener Zeit über ihn vorliege» und die durch einen »eueren Geschichtsschreiber, Sinnon i,Sol,n des früheren rlceichsgerichkspräsi beulenin seiner „(beschichte der Drankenkönige" und durch die.„Re gesten" l Aronius bestätigt werben, die von ihm als treu befunbenen und in der Baterlanbsliebe ieineifc übrigen Unlerthanen ebenbürtigen Inden linier besonberein Schutz, unb duldete er keinerlei Unbill gegen sie Cs war ein besonderer Beamter, der ninrii.-tt'-r.I».I:w»rnni (Juden- Meister i, ernannk, der über ihre Sicherheit zu wachen halte. Da fand sich ein Judenfeind, der Bischof Agobarb von l'non. Als er bemerkte, baß Christen jüdische «Gotteshäuser beinchien und an den dort gehörten Predigten (Gefallen fanden < woraus hervorgehk, baß damals schon gute Predigten i» beittschcr Sprache gehalten worben sind!, richtete er eine Eingabe an den Kaiser, in der er sich über die Inden beschwerte. Als den wichtigsten Bunkl seiner Beschwerde bezeichnele er den Umstand, daß es ein Unrecht gegen die Kirche sei, den Inden zu gestatten, Lelaven zu halten, die von ihnen nicht entlasten würben/ wenn sie auch Cliristen werben wollen. Die Juden wandten sich durch den „Jubeiiineister" an den Kaiser, und der Bischof erhielt auf seine Eingabe den Bescheid: er fei entlassen. Ägobard hetzt weiter gegen die Inden, und ans eine fernere Bitte des Rabbi Domatns und seines Renen Sainnel mit Schutz gegen die ungerechten Angriffe des Bischofs besieblt der Malier: ..Riemand darf es wagen, die Juden zu belästigen, ' und wer einen Juhen lödiel, bat IO Pfund Gold als Strafe zu zahlen." Der Bi'äiof aber erklärt diesen mit dem kaiserlichen Siegel versehenen BKehl des Kaisers für falsch imb hetzt weiter. Runmehr ichiäi der Kaiier ''eine miss! Sendbote», an den Bischof: diese treffen ihn aber nicht an, er in „zufällig" außerhalb seines SprengelS. In einer besonderen Schrift: ..!«- jiw>si>-iitin .In Inc-oiiiin" i lieber die Drechlien der Inte» i sucht er leine Anschulbigungen zu verlheibigen. Do lange der Drennd des Kaisers l'udwig, der Abt Benebictus von Äniane, lebte, war derselbe gut und gerecht gegen alle seine Unterlhanen. Das 3(t)ädltucrb0t in Der Schweiz. Der Stänberath der schweizerischen Eidgenossenschaft hat sich gegen ein von der Bnnbesregiernng zu erlassendes Berbol des jüdischen Schächlens ausgesprochen. Das hiesige „Baterland" constatirt, daß die Bewegung zu Gunsten eines Schächtverbotes von der protestantischen Bevölkerung einzelner Cantone ansgegangen und von dem Dhierschutzvereine gefördert worden ist, die Katholiken der Schweiz aber ihr gegenüber einen ablehnenden Standpunkt eingenommen haben. Das „Baterland" reprodiscirt die Rede de» katholischen Rationalrathes Jeanhenry ans Renchntel, Nr. SS. der unter Anderem sagte: „Man hat die Gefühle des Mitleides gegen die Dhiere angerufen. Ich hege alle Achtung vor dem Thierschutzvereine. Ich würbe es auch begreifen, wenn der Thierschutzverein die Znmuthuiig stellte, bas?fbe» ber Thiere äls heilig zu erklären und jede Töbtung zu untersagen. Was will er aber? Einfach eine speeielle Schlachtnngsart, eine Töbtung nach einein bestimmten Modus. DaS steht nicht mehr auf der Höhe eines Prineipes; baS ist krankhafte Enipsinbelei. . . Wie kann man bas Volk berufen, um zu entscheiden, ob der israelitische SchlachtmoduS ein religiöser Aet ist oder nicht.'? Das wäre gerade so, als wenn man von einem protestantischen Pastor verlangte, zu entscheiden, ob das Dogma der unbefleckten Empfängniß ein integrirender Bestandtheil des katholischen Glaubens sei. Es scheint uns. baß die Juden selbst uns zu sagen habe», was zu ihrer Religion gehört, nnb man muß staunen, baß protestantische Pastoren im Namen des Thierschutzvereiues behaupten, das jüdische Dogma habe mit dem Bkehschlachten nichts zu thun. ■ Gar kein Zweifel, daß wir einen religiösen Aet, einen vom mosaischen Gesetze gebotenen Gebrauch vor nnS haben. Demnach sind die die Gewissens- und Glaubensfreiheit garantirenden Artikel der Bundesverfassung hier anwendbar. Diese »Dreiheit ist nur durch die Bedürfnisse der ösfentlichen Crbmntg beschränkt. Run könnte man wohl nicht behaupten, daß die öffentliche Ordnung durch das Schächten verletzt werde: es ist nicht bewiesen worden, daß die israelitische Art des Schlachtend geausamer sei als die unserige." Dazu bemerkt das „Baterland" : „Das ist die Sprache der Bernunft, des gesunden Menschenverstandes und jenes wahren Dreiheitssinnes, der die Dreiheit nicht nur für sich reelamirt, sondern sie innerhalb der erlaubten Grenzen auch jedem Anderen gönnt. Hoffentlich wirb . diese Sprache auch von der Mehrheit des Schweizervolkes verstanden werden." Die Beniertnng des Wiener katholisch-conservativen Organs ist um so beachtenswerther, als auch in den österreichische» Alpenländern, namentlich in Steiermark, die Schächtfrage zu antisemitischen Agitationen ans gebeutet wird. Dir ZllDtllVrrsolgllllg in Rlllllällicn.) In Bukarest hat kürzlich ein von mehr als zweitausend Personen besuchtes israelitisches Protest Meeting stattgesunbe». Die Beranlastnug zu besten Eiiiberufung hatte die von der rninänischen Depiitirtenkammer beschlossene Beschränkung der Unentgeltlichkeit des- BolksschnlunterrichteS ans die Kinder rumänischer Botlbürger gegeben, welche Beschränkung nach den -in Rumänien vorhandenen „Rechts"anschaunngen auch die Kinder der . dort einheimischen, aber nicht naturalisirten Juden von der Wohlthat des freien Besuches der riimäiiischen Bolksschnlen auSschließen müßte. Bon einem Redner wurde die währenb der Inden- und Drciuben debatten in der Deputirtenkammer von antisemitischer Seite wiederholt ausgesprochene Behauptung, daß sich die Inden Rumäniens dem nationalen Bolksthum nicht assimiliren wollen, mit aller Entschiedenheit bekämpft und gerade die Erschwerung des Besuches rumänischer Bolks schule» durch die .Kinder jüdischer Eltern als ein Hinderniß für diese Aisittiilirnng bezeichnet. Der Deputirte Costaforu, eines der jüngeren und begabtesten Mitglieder der conservativen Partei, wendete sich gegen die Unbilligkeit, die alle Lasten eines rumänischen Staatsbürgers tragenden einheimischen Juden von den ösfentlichen Rechten eineS solchen ausschließen und mit den Dreniden ans gleiche Stufe stellen zu wollen. Ebenso sprach auch der soeialbemokratische Deputirte Morzum, welcher die Jnben znni unauögesetzteil Kämpfe für die Erlangung der staatsbürgerlichen Rechte aufforberte und die Solidarität der Jnteresten aller arbeitenben Elasten ohne Unterschied der Confession hervorhob. Ein-im Sinne einer Berwahrnng gegen die Ausschließung der einheimischen Jnben vom Rechte des nnentgeltlichen Bolksschulnnterrichkes gestellter Resolutionsantrag wurde' einhellig genehmigt. — Wie verlogen bie Behauptung der antisemitischen Deputirten über die Abneigung der Inden, sich dem rumänischen Bolkswesen zu assimiliren, wie sehr sie nur ein Borwand ist, bewies ein Borgang, der sich in den letzten Tagen in der Bukarester Kämmer abgespielt hatte. Auf der Tagesordnung stand das Gesuch des Advoeaten Cernea um Berleihung des rumänischen Slaatsbürgerrechtes. Cernea ist ein allseitig geachteter Mann, im ^ände geboren, bekennt sich zur griechischorthodoxen Religio», ist mit einer Rumänin verheiratet, hat also sänimrliche Eigenschaften, welche von einem Bewerber um das rumänische Staatsbürgerrecht gefordert werden können. Allein der sonst sehr schweigsame Deputirte Bratasianu beantragte unter Hinweis darauf, daß Cernea jüdischer Abkunft sei und früher Schwarz geheißen habe, die Zurückweisung dieses Jnbigenatsgesuches. Diesem Anträge traten namentlich die Deputirten Robesrn und Stephan esc» energisch entgegen, die Mehrheit der Kammer sprach sich jedoch für die Ablehnung des Jndigenatsgesuches Cernea's ans und erwies sich der Sympathien würdig, welche die Wiener Antisemiten für die Rumänen, einschließlich der rninänischen Jrredentisten, hegen. k