Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 53 (9.4.1893)
- Date
- 1893-04-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 53. Freie» Blatt. Seite 5. Bela TotHS eine interessante Erinnerung an , jenen denkwürdigen GerichtSsall, die uns einer Wiedergabe werth erscheint, obwohl die TodcS Nachricht sich inzwischen als falsch hcrausgcstcllt hat. Bela Toth schreibt: Einen Tag vor der Hauptverhandlung im TiSza Eözlarer Processe fuhr ich nach lliyiregyhaza, um den Kronzeugen, zugleich den einzigen Zkuge» in diesem Processe kennen zu lernen. Ich glaubte, daß ich meinem Blatte intcrcsiaute wichtige Dinge werde mitthcilcn können über jenen Knaben, auf den die Augen der ganze» Well gerichtet waren; allein Journalisten durften dem wohlverwahrten Jüngling nicht nahe».' Einer meiner Bekannten in Nstircgyhaza ricth mir nun, mich an den katho lischcn Bolksschullehrcr zu wenden, der jeden Tag zu Moriz Scharf gehe, um ihm Unterricht zu erthcilcn, und deshalb auch imstande sein dürfte, über seine Anlagen u. s. w. Auskunft zu geben. Ich folgte dem Winke und fuhr Ln Gesellschaft eines Wiener Eollcgcn vor die Wohnung des Lehrers. Wir trafen bloß seine Krau. Ich nannte ihr de» Grund unseres Kommens und übergab ihr meine Karte mit dem Bemerken, daß wir um 7 Uhr wieder erscheinen wollen, um mit dem Herrn Lehrer sprechen zu können. Alö wir um 7 Uhr wiedcrkamcn, empfing uns die Frau überaus mürrisch und erklärte kategorisch, daß ihr Mann heute nicht zu sprechen sei. Wir mußten nun unser Borhaben aufgcbcn und gingen zum Abendbrot. Ungefähr um 0 Uhr brachte ein sensationelles Gerücht die ganzc Stadt in Aufregung. Tic Juden, so hieß cS, wollte» Moriz Scharf, rauben, damit er gelegentlich der morgigen Bcrhandlung nicht als Zeuge erscheinen könne, . cs sei jedoch gelungen, sic abznschrcckcn. Alles war über diese Frechheit vcr blüfft und empört, und natürlich fuhr ich in rasender Eile zum Tele graphenamt, um die hochwichtige Nachricht nach Budapest gelangen zu lasten. Am anderen Tage machte der Präsident dcö Gerichtshofes zu Beginn der Bcrhandlung die Mitthcilung, daß Moriz Scharf sofort verhört werde» müste, denn obgleich die logische Reihenfolge dadurch gestört wird, sei dies »othwcndig geworden, weil in der vergangenen Nacht ein Raubvcrsnch gemacht wurde, wie dies aus dem Protokoll ersichtlich sei, das die Stadthauptinannschaft über den Fall ausgenommen. Earl Eölvps verlangte im Namen der Bcrthcidigung dic'Borlagc des Protokolls. Dies geschah denn auch am zweiten Tage der Ber- Handlung. TaS Gcständniß einer Frau und die Aussage von drei Ticnstmüdchcn wurden verlesen. Jene vier Frauenspersonen erklärte», und wollten ihre Erklärung mittelst Eides bekräftige», daß am. vergangenen Abend zwei Inden auf dem an das EomitatShauS grenzenden Hof nmhcrgingc», sich erkundigten, auf welche Weise man zu Moriz Scharf gelangen könnte, wie dick die Mauer sei, und auch Messungen anstcllten. Der eine Jude, der, seinem Aeußcrn nach zu schließen, ein polnischer gewesen sei, da er einen Kaftan trug und Schläfcnlöckcn halt-, merkte jedoch, daß sie mit ihren Fragen Verdacht erregen, und so machten sic sich bald aus dem Staube. Ter Eine ließ bei der erwähnte» Frau seine Karte, welche den Acten bcigclcgt wurde. Mit augehaltencin Athcm lauschte man auf die Worte des Präsidenten, und als derselbe die Karte zur Hand nahm, um den Namen zu verlesen, war die Spannung eine so hochgradige,, daß in dem überfüllten Ranin jeder Lufthauch hörbar war. Ter Präsident liest endlich den Namen, aber wer beschreibt das schallende Gelächter, das darauf folgte: der Raine war mein Name mit dem Beisätze Journälist. Mir ging nun aber plötzlich ein Licht auf. So wird in Nyiregyhaza gearbeitet!- Wenn vier Zeugen auö mir, dem Rcdactionsmitglicd eines großen hauplstädtischcn Blattes, der ich überdies zu den ältesten und angcschcnstcn Familien jcncS Comitats vcrwandtschastlichc Bczichungen . hatte, cincn polnischen Juden mit Schlüfcnlockc» inachc» und eine» Eid darüber ablegcn wollte», daß ich die Mauern dcö EomitatShauscS gcmcsscn, waS mochte erst mit viel weniger gekannten Mensche», was mußte insbesondere mit dem Jungen geschehe» sein, den ein „SicherhcitS eommistär" und seine fürchterlichen Gesellen''während der 'Nacht ins Berhör nähme»'? Todesangst flößten ihm jene nnhcimlichcn Gesichter■ ein, aber »och mehr zitterte er vor seinen Glaubcnsgcnoffen, die ihn ja, wie ihm gesagt wurde, in finsterer Nacht rauben und ihm den Garaus machen wollten. TaS Torf Tisza Eszlar ist von der Oberfläche verschwunden, die die Hauptrolle» in jenem Drama übernommen hatten, sind nicht mehr. Mit dem Dorfe TiSza Eszlar, mit dem Buben stück des Antisemitismus ist, so hosfcu wir, auch der Antisemitismus selbst in Ungarn begraben worden. (Gcgcil die Zionistcil.) In Deutschland erschien eine Flugschrift gegen die dnrch den Antisemitismus hervorgcrufcnc und mit demselben vielfach verwandte zionistische Bcivrgung; die zeitgemäße Kundgebung deutscher Juden gipfelt in der Erklärung: „Nach Jerusalem gehe» wir nicht!" Auch die „A llg cmeinc Zeit u ng dcö I u de nt h u ms" bringt aus der Feder des Dr. I. K a st a n cincn Artikel, welcher den Zusammentritt einer Generalversammlung jüdischer Bcrtraucnsmänncr behufs Wahrung specicllcr Interesse» der jüdischen Glaubensgcnossenschaft befürworte», zugleich aber de» Autisemiren gegenüber betont: „Tic cuipsindliche Kräulung, welche diS gegenwärtige Bewegung sijr »nS deutsche Israeliten hat und habe» muß, liegt in dem Umstande, daß wir wissen, wir sind eines «Geistes mit dem deutschen Botte, und daß man trotzdem eine Scheidewand ausrichleu .will, lim uns hinter die Zeit von Moses Mendels' oh u znruckzndränge». Tenn das und nichts Anderes ist das Ziel unserer'erbitterten Feinde. Sie wolle» uns nnjcrcn Authcil an'dem Cultprlcbe» des deutschen BolleS rauben, den mißgönne» sie uns mehr »och als die vermeintlich unermeßlichen Schatze einiger'jüdischer l^roßrapitalisteu und Großhändler. Aber diesen unseren Antheil an dem unzerstörbaren deutschen Idealismus werden wir uns nicht rauben lasten!" 'Tie Worte: „Wir find eines Geistes init dem deutsche» Balte" sind nicht bloß für die arischen, sondern auch für die semitischen Bersechtcr 'der verderblichen Raccnthcoric sehr beachtenswertst. >Beleidigung des Clever Gerichkshofcs.1 T,e Strafkammer des Berliner Landgerichtes vcrnrthcilte den Redactenr B alter wegen Be-' lcidigung der Mitglieder des Landgerichtes Eleve, gelegentlich der Be sprcchnng dcS Proeesics Buschhoff i» der antisemitischen Zeitung „Bolk", zu drei Moliaten Gcfängniß. (Hcrtwig.). Ter Ehrcurath der Berliner Anwaltskainmcr ezthciltc dem Rechtsanwalt Hcrtwig wegen seines pflichtwidrigen Bcrhaltcns im Proceß Ahlmardt cincn BerwciS. :>fjwti Cardinälr für den corifcssioncUc» Frieden. - Cardinal Fürstbischof Tr. K opp hat die bei seiner Rückkehr aus Rom nntcr den Empsangsgästcn anwesenden Rabbiner der Breslauer Cultus gemeinde, Tr. Rose nt ha l und Tr. Guttmann freundlich begrüßt und sich zu ihnen geäußert: „Mein Streben war immer ans den Frieden gerichtet. S c i.e n Sic v c r s ich c r t, i n in eine m B e z i r k wird der co»sc ssio»cllc Friede gewahrt bleibe», ganz so wie er cS bisher gewesen ist." Gras Ballcstrrm, welcher die Rabbiner vorstclltc, sagte zum Cardinal:- „Bei her Beerdigung dcö Fürstbischofs Heinrich in der Zeit des CulturkampfeS bat sich nur ein Einziger, welcher in jciucur Titel daS Wort .Königlich' führt, bcthciligt, und dieser Einzige war der l'öniglichc Landrabbincr Tilti» Das vergessen wir nie!" Auch der ncuernanntc Cardinal Krementz hat den Rabbiner Tr. Frank empfangen, um die namens oer Jude» von Cöln übcrbrachtcn Glückwünsche cntgcgcnzunchnicn. Sr. Frank gedachte dankbar der Sympathie», mit welcher der Cardinal seinerzeit für die verfolgten russischen Inden in Wort und Schein eiiigelzeken und sprach die Hoffnung aus, daß S'e. Eminenz nach wie vor den Frieden .unter den verschiedenen Coniessionc» in der Cölncr Tiöeejc fördern werde. Der. Cardinal.dankt^- in freundlichen Worten nnd.be mcrktej daß er auch fernerhin ein S,chirmcr des Friedens und der Eintracht nntcr dcn Confcfsioncn sein werde und von Herzen wünsche, daß dieselben jn den Werken der «Zolles und Nächsten liebt wetteifern möchten. 'N'achdcm sich der Cardinal noch über die gegenwärtige Lage der russischen Juden erkundigt halte, verabschiedete er sich von dein Rabbiner in der'srcnndlichsten Weise. (Ter rituelle Mörder Przuchalla. Einem Berichte der „Posencr Zeitung" zufolge, hätte Posen vor . wenigen Tagen beinahe das Glück genossen, sich zu der Bcdeulnng Xantenq oder Tisza Eszlars cmporzuschwingen. Ein Arbeiter, namens M. Przychalla, wollte nänttich vor einigen Tagen de» kleinen dreijährigen Jungen ciires feiner Ber' wandten nach seiner Wohnung bringen. Er haue, da der Kleine laut schrie, ihn ans seinen Arni genommen und suchte ihn so viel dls möglich zu bxsänftigcn. Sein eiliger Schrill sowohl wie -sein etwas jüdisches Aussehen müssen nun wohl den Berdachk der Passanten erregt haben. Es verbreitete sich mit Blitzesschnelle in der Straße das Gerücht, daß das Kind entführt sei und von den Jude» zu Ritual zwcckc» geschlachtet werden solle. Im Augenblick halten sich Hunderte angcsammell, die auf den Mann' emdrangen »nd ihm den Knaben zu entreißen suchten. Ter Arbeiter wurde zu Boden gestoßen, nird er wäre schwerlich mit dem Leben davongetommen, wenn nicht die Polizei dazwischen getreten und ihn vor der.Wuth der Menge geschützt hätte. Erst nachdem die. Schutzleute, die den Mann kannte», die Leute über den Sachverhalt aufgeklärt hatten, gelang es, die Trdnuug wicdcr herznstellcn. Przuchalla, das bcdaucrnswcrthe arische Tvier der . un verzeihlichen Judcnhetzc, hatte indessen derartige Berletzunge» davon getragen, daß er nach dem städtischen Krantenhanie gebracht werden mußte. . (sillv die Zllden scuchcnlicrdc?' Gegenüber den namentlich zur. Zeit der letzten Choleragesahr von den Antisemiten gellend gemachten Borwürfc», daß die Inden von allerlei Krankheiten heimgcincht und ein besonders geeignetes Cl'jca zur Weiterverbreit»».,» der Seuchen seien, thcilts kürzlich Mcdieinalinspcetor Tr. Re jucke in einem in.der „Deutschen Medicinische» Wochenschrift" enthaltenen Aussatz über die