Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 53 (9.4.1893)
- Date
- 1893-04-09
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Freies Lin zeitgemäßes Mort. RcchtSanwalt £. Goldmann in Danzig hat bei Hermann V a; a r u S in Berlin eine kleine Flugschrift über de» Antisemitismus licransgcgeben. ES ist, dies trotz de» Broschürenfluth, mit welcher der Bnchhündlermarkt überschwemmt wird, ein zeitgemäßes Wort, welches der Berfafser an seine Mitbürger, besonders an seine Glaubensgenossen richtet. Die Ausführungen des Rechtsanwaltes Goldmann erscheinen ' uns auch angesichts der Verirrungen des Zionismus bedeutungsvoll. Rachdein er dargelcgt hat, daß die zur Rechtfertigung des Antisemitismus gegcn die Juden erhobenen Vorwürfe der Begründung entbehren, fährt er also fort: Richt Alle sicherlich, welche der antisemitischen Bewegung sich anschlicßen, vermögen das'Unrechte dieser Bewegung zu erkennen; denn nicht Alle sind in der Lage, die hier in Betracht kommenden Fragen prüfen und über dieselben sich ein Unheil bilden zu können. Wenn in große Volksversaüimlungcn die lügnerischen Phrasen von der Vatjrlandslosigkcit der Juden, von der Sittenlosigkeit ihrer Religion hineingeworfen werden, wenn dort gar von böswilligen Volksverführern das alberne Märchen von dem Ritualmorde vorgetragcn und als wahr hingestellt wird, so kann man sich nicht darüber wundern, wenn große, Bolksmasien von Haß gegen ihre dem jüdischen Glauben angchörigezi Mitbürger erfüllt und denselben feindlich gesinnt werden. Unrühmlich aber und sehr bedauerlich ist cs, wenn gebildete Männer, welche ein-eigenes Urthcil sich;n verschaffen imstande wären, zur hohlen Phrase ihre Zuflucht nehmen und in einer so tiefernsten Angelegenheit sich mit der Redensart abfindc», daß der Antisemitismus einen „berechtigten Kern" habe. RichtS ist mehr geeignet, dieser Bewegung Vorschub zu leisten und sic r. it dem scheine des Rechtes auszustattcn, als diese Phrase von dem „berechtigten Kern". Lagen sich doch Viele in verzeihlicher Gedankenlosigkeit, daß. wenn gcbildctc.^zum Theil sogar gelehrte Männer von unzweifelhafter Ehrenhaftigkeit und in bevorzugter Lebensstellung den Antisemitismus nicht von sich weisen, sondern in ihm einen berechtigten .>tcrn anerkennen, derselbe etwas Wahres enthalten niüsic, und daß daher auch sie keine Veranlaffung haben können, sich von dieser Bewegung fern zu halten. Rein, der Haß, sei er nun gegen ein Individuum oder gegen eine Gesammtheit gerichtet, kann niemals gebilligt ivcrdc», und von einem berechtigten Kern kann bei einer Bewegung, welche von dem Haffe gegen die Mitmenschen ihren Ausgang genommen hat, schlechterdings keine Rede sein. Wenn somit meiner llcberzcugung nach dem Antisemitismus keinerlei Berechtigung zucrkannt werden kann, so bin ich doch weit entfernt davon, zu behaupten, daß bei meinen Glaubensgenoffen Alles untadclliail gut und in Ordnung sei. Im Gcgcnthcil, ich sinde Vieles zu tadeln, und ich bin der Meinung, daß es nicht wohlgcthan wäre, wenn ich mit meiner Ansicht zurückhielte. Ich glaube vielmehr, im wohlverstandenen Interesse meiner Glaubensgenoffen zu, handeln, wen» ich offen ausspreche,, was nach meinem Dafürhalten gebessert werden muffe. Hiebei -kann und will ich mich nicht auf das Gebiet theologischer T Nettigkeiten begeben, sondern lediglich im Interesse meiner Glaubens g.'uoffe» zur Sprache bringen, was mir vcrbefferungsbcdürslig erscheint und was Tauiendc mit mir als vcrbeffcrungsbedürftig empsinden. T:es aber ist in erster Reihe der Gottesdienst oder vielmehr die j A.i. wie derselbe in unseren Snnagogcu ausgeübt wird. Es ist nicht , tu rilligen, daß in demselben noch immer die heb'räijche Sprache die ' votber'.schende. ist, und cs muß mit Entschiedenheit verlangt werden, : daß überall die deutsche Sprache zugrunde gelegt werde. Die hej b.äi'el'e Sprache ist tcdk. Wie ehrwürdig die Erinnerung an dieselbe ' auch ''ein mag. >c bat ste ihre Bedeutung für uns doch längst verloren Frenld starrt uns der hebräische Test in den Gebetbüchern an, und fremd bleibt uns, was derselbe enthält, weil wir die Sprache nicht verstehen, in welcher er geschrieben ist. Ein (Gefühl des Verständniffes und der Freude übcrkommi uns erst, wenn wir im Eonimentar unsere liebe,- deutsche Muttersprache wicdcrsindcn und diese uns verdolmetscht,; was im Terte in der hebräischen Sprache niedergelegt ist. Läßt bei : solchem Sachverhäliniß es sich erivartcn, daß die zum Gebete versa», melken Personen sich in wahrer, frommer'Andacht zu Gott er-! beben? Rein, wie fromm und andächtig sie auch zu beten gewillt sein l mögen, io kommen sie doch über ein gedankenloses Rachsprcchen von; uuvcrirandenen Worten nicht hinaus. Wo wirklich zufolge inneren Hrrzensdranges der zu frommer Andacht. Erschienene sein Gebet zu; Gott emporsendet, da thut er eö nicht durch Rachsprechen der in dem Gebctbuche verzcichnelen hebräischen Terte, sondern cs ist die ihm von seiner ersten Jugend an liebgcwordcnc deutsche Muttersprache, in der er sich an den himmlischen Vater wendet. Wahre Andacht ist in der Gemeinde nur da vorhanden, wo deutsche Gesänge vorgetragen, deutsche Blatt. Nr. 53. Gebete gesprochen werden und in deutscher Sprache die Predigt gehalten wird. Ich hätte noch Mancherlei zu erwähnen, was bezüglich des Gottesdienstes und der Einrichtungen des Cultus nach meiner Ansicht einer Aenderung und Verbesserung dringend bedürftig wäre. Indeß würde mich dies hier zu weit führen, und muß ich es mir versagen, in gegenwärtiger Abhandlung auf diese . Punkte einzugehen. Was ich jedoch im Vorstehenden berührt habe, ist wichtig genug und steht zu meinem Thema in unmittelbarer Beziehung. Ist der Gottesdienst, wie er in unseren Synagogen ausgeübt wird, schon unserem eigenen Gefühle in vielfacher Beziehung nicht entsprechend, so kann cs uns nicht Wunder nehmen, wenn unsere dem christlichen Glauben angehörigen Mitbürger daran Anstoß nehmen und gar argwöhnen, daß derselbe irgend etwas Unrechtes, der Cultur oder der Sittlichkeit Zuwiderlaufendcs enthalte. Wie vielfach aber in Wirklichkeit bei unseren Mitbürgern christlichen Glaubens solcher Argwohn vorhanden ist, davon haben wir ganz und gar keine Vorstellung. So unglaublich es uns klingt, so ist es doch thatsächlich wahr, daß weite Kreise unserer dem christlichen Glauben angehörigen Mitbürger sogar das alberne Märchen von dem Ritualmorde glauben, und daß selbst Männer von Bildung, denen solcher Aberglaube gar nicht zuzutrauen wäre, sich von dem Vorurtheil, daß etwas Wahres an der Sache sein müsse, trotz aller dagegen erschienenen Schriften noch nicht haben frei nmchen können. Es ist eben nicht genügend, wenn wir, von der absoluten Unwahrheit solcher jedes Anhaltes entbehrenden Anschuldigung dürchdrungen, uns darauf beschränken, in Wort und Schrift dieselbe zu widerlegen und von unseren Mitbürgern christlichen Glaubens verlangen, daß dieselben durch eigene Forschung sich von der völligen Haltlosigkeit und Unwahrheit jenes Vorwurfes selbst die Uebcrzeugung verschaffen möge». Es ist vielmehr unsere Pflicht, unseren Gottesdienst von den durch das innere Wesen desselben in keiner Weise gebotenen, denselben entstellenden, veralteten Formen zu befreien und ihn in einer den Anschauungen und den Gefühlen der Jetztzeit entsprechenden Weise nmzugcstaltc». Manches Unheil wäre von meinen Glaubens-' genoffen abgcwendct worden, wenn die Rabbiner chrcn Beruf, die Gemeinden zu erziehen und zu belehren, zu allen Zeiten richtig-erfaßt hätten und zeitgemäßen vernünftigen Reformen zugängig gewesen wären. Ich bin überzeugt davon, daß ein großer Theil des Mißtrauens und des Haffes gegen unsere dem jüdischen Glauben angehörigc Bevölkerung beseitigt werden könnte, wenn zunächst der Gottesdienst in unseren Synagogen in dem angcdcutetcn Sinne ernstlich reformirt würde. Hier würde sich ein schönes Feld für die Wirksamkeit der zur Belehrung der Gemeinden berufenen Rabbiner eröffnen, und hier müßten — wenn nicht mit den Rabbinern, so gegen dieselben — von gebildeten, die Sache ernst erfassenden Gcmcindcmitglicdcrn zweckentsprechende Reformen energisch angcstrcbt und hcrbcigeführt werden. ' Von großer Bedeutung erscheint cs mir aber auch, daß meine Glaubensgenossen ihr eigenes Verhalten im bürgerlichen Leben einer Prüfung unterziehen und sich ernstlich die. Frage vorlcgc» mögen, ob dasselbe nicht manchmal ein derartiges sei, daß Rcid auf der einen, mangelnde Achtung auf der anderen Seite dadurch hervorgcrnfen werde», ob somit ihr Verhalten nicht manchmal dazu angcthan sei, denjenigen bösen Leidenschaften Rahrnng zu geben, welche das Lcbensclcmcnt der antisemitischen Bewegung auSmachen. Wenn ein jeder meiner Glaubens genossen sich nur in jedem Augenblicke gegenwärtig halten wollte, daß er in den Augen eines großen Thciles unserer Mitbürger christlichen Glaubens gcwiffermaßcn das Iudcnthum zu rcpräscntiren hat, insofern für jede seiner Handlungen und Bewegungen die Gesammtheit verantwortlich gemacht zu werden pflegt, so wäre unendlich Vieles gewonnen. Redliche Arbeit, treue Pflichterfüllung auf der einen, gerechtes Selbstbewußtsein auf der anderen Seite, in welchem wir mit bescheidenem Ernste die Achtung uns nicht versagen lassen wollen, auf welche wir im bürgerlichen, wie im staatsbürgerlichen Leben Anspruch haben, das ist eS, was wir überall zu bcthätigen uns bestreben mögen. Und in diesem Streben wollen wir uns auch nicht scheuen, den Kampf, gegen, den Antisemitismus aufzunchmcn. ^as Uebermaß von Bescheidenheit, mit welchem wir bisher ungerechte, maßlose Kränkungen und Berleumdungen über ^uns haben ergehen laffen, ist nicht zu billigen. Gewiß wollen wir es dankbar anerkennen, daß hervorragende Männer christlichen Glaubens, durchdrungen von der Ungerechtigkeit und Sitten - losigkcit jener nicht bloß dem Judenthum, sondern dem gesammten Staatswohle feindlichen Bewegung, dieselbe mannhaft bekämpfen und in die Schranken zurückzuweisen sich bemühen. Aber es erscheint mir nicht angemesscn, daß wir in dieser unsere Existenz bedrohenden Angelegenheit die müßigen Zuschauer bilden. Ich meine vielmehr, daß es