Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 53 (9.4.1893)
- Date
- 1893-04-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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♦ AbooiiementSprei-: Wanjiätirig mit Postzusrndung . . fl. J.50. HaldjSdrig fl. i rr. Bierieljihrig fl. — .65 Qinjcln« Nummkr» 4 fr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus Erscheint an jedem Sonntage. Redaction und flbminiftration: Wien I. KeKerflätte 10. Nummer 53. Wien, 9. Äpril 1893. II. Jahrgang. 2lntisemitismus in der schule?) Km»» weiß ich, ist eS Demuth, Dummheit oder Heroismus zu benenne», jeiieS stille Dulden, mit dem die jüdischen Schüler gewisser Lehranstalten die antisemitischen Unfläthigkeilen ihrer-von der Racenhetze Blässe angekränkelten Mitschüler über sich ergehen lasse». Was da an manchen Anstalten zusammengeschimpft, an antisemitischen Großthateu seitens der kleinen Leute geleistet wird, ist schier unglaublich. Ich theile, um das Schattenbild zu beleuchten. ein Gespräch init, das ich jüngst mit meinem vierzehnjährigen Sohn führte, der ehedem das Hernalier Gymnasium, jetzt eines in einem der älteren Stadtbezirke besucht. „Du hast dich hoffentlich jetzt schon gut in der neuen Anstalt cingelebt?" fragte ich gelegentlich eines Spazierganges meinen Knabe». „Gut?" erwiderte er wchmüthig lächelnd. „Ich wollte, ich wäre in der Hernalser Schule geblieben!" „Und warum?" * J „Da hatten eit- .eicht so viel von den antisemitischen Ge chässigkeiten zu leiden wie hier." „Davon hast du mir ja nie erzählt." „Was würde es nützen; ändern läßt sich ja leider nichts!" „Warum nicht? Kannst du nicht Beschwerde führen?" „Das würde die Sache nur verschlimmern; wir sind in unserer blassenur 3 Juden und 28 Christen." „Und in Hernals hattet Ihr nicht unter der Antiscmitcnhrtze zu leiden?" „Nein; Niemand wagte ein Schimpfwort, während hier die stete Anrede S . . jud, D .. . . jud, Mauschelcbc» jc. ist." „Warum ums Himmrlswillen laßt Ihr Euch das gefallen?" „Ich sagte dir ja, Mama, daß cS.kein Mittel dagegen gibt." „Warum war cs aber in Hernalö anders?" „Da ist der Direktor der Anstalt, als ihm einst ein Fall von Beschimpfung jüdischer Schüler gemeldet wurde, energisch eingcschritten, hat mit strenger Bestrafung gedroht, und das wirkte " „Und warum soll das hier nicht auch wirken? Oder hältst du eure» Director für einen Antisemiten?" „Nein, unser Director ist ein überaus humaner, freidenkeader Herr, aber —" „Nun, aber?" # „Wenn ich den Anzeiger spiele, halle ich es gar nicht auS; ich habe dann die ganze Meute gegen mich, werde gehänselt und gestichelt, bin überhaupt nicht sicher, ob ich die Elasse mit eiPeiu Jahre absolvire. Besser schweigen und dulden." Noch lange, nachdem wir zu Hause angclangt, vibrirtcn diese Worte dcS bedauernswerthen KindeS in meinem Herzen nach. Ich hatte ihm vorgcschlagen, daß ich selbst zum Director gehen, ihn um seine Intervention bitten Wollte. Flehentlich bat er mich, dies nicht zu thun; eS werde seine und der anderen jüdische» Mitschüler Lage nur verschlimmern. Der Director könne wohl ein Verbot erlasse», aber im Lehrkörper seien antisemitisch gesinnte Wir veröffentlichen diese Zuschrift einer hochangeschencn Lame und lassen zugleich an alle unsere Leser die Aufforderung ergehen, und jeden vor kommenden stall antisemitischer Verhetzung in den Schulen mit Namendnennnng der betheiligten Personen wiffen zu taffen, damit wir die geeigneten Schritte veranlaffe» und gegen diese empörendsten Erscheinungdsorme» der Seelenpest mit aller Energie Vorgehen können!. Die-Redaction. j Lehrer, die ihn die Rüge, die den christlichen Schülern erthcilt worden, entgelten lassen würden. Täglich, sobald mein Sohn »ach Hause kam, fragte ich ihn nun: „Mit welchen Titulaturen hu man dich heute,beehrt?" „Wie gewöhnlich," erwiderte er. „S . . jud, D . . . . jud, Judenhund." - ' " ■ Auf meine wiederholle Frage: „Wollt Ihr Euch das wirklich bieten lassen?" stets dieselbe Antwort: „Wenn wir Beschwerde führe», haben wir noch mehr zu leiden." „So suche doch jenen Mitschülern klar zu machen," mahnte ich, „daß sie sich selbst erniedrigen, indtzin' sie Euch beschimpfen; frage sie, ob ihre Religion ihnen nicht gebietet, mit christlicher Liede alle Menschen zu umfassen, was sie wohl einpfinden würden, wenn man ihnen ihren Glaube» zum Vorwurf machte und sie deshalb beschimpfte." .„Ach, Mama, du kennst diese Gesellschaft nicht! Mit Vernunftgründcn ist da nichts auszurichtcn. DaS Einzige wäre, sie tüchtitz verhauen, aber du weißt ja, da gibt eS Messerstiche und schließlich — das Leben hat doch wohl einen höheren Zweck, als eS solchen-Gesellen gegenüber aufS Spiel ^zu setzen." So wurde eine ganze Zeit lang, wie ich mir täglich berichten ließ, weiter geschimpft, bis mir endlich die Geduld riß, >uid ich beschloß, ohne Wissen meines SohneS zum Director zu gehen und ihm Mittheilung zu machen, welcher Geist unter seinen Schülern herrsche. Der Director, ein human denkender, vorurlheilsfreizr Man», versprach mir, die Angelegenheit zu untersuchen und Stellung gegen die tadelnswerthen Ausschreitungen zu nehmen. Ich betonte, daß ich ohne Wissen meines Sohnes vvrgcfprochen, dieser also auch nicht als Angeber genannt werden dürfe. In diScretester, aber eindringlicher Weise wurde die Angelegenheit alSbald seitens des Ordinarius in der Elasse behandelt. Mein Sohn kam Nachmittags nach Hause und erzählte mir, daß der E lassen lchrer gleich bei seinem Eintrilt entrüstet das Elussenbuch aus daS Katheder geworfen habe und seinem Unwillen über das, was ihm zu Ohre» gekommen, in beredten Worten Ausdruck gegeben, daran die Warnung knüpfend, daß derjenige, der einen jüdischen Mitschüler feiner. Eonfession wegcu zu beschimpfen wage, strenger Bestrafung gewärtig sein könne. Die Worte des allgemein geliebten Lehrers wirkten. g ' Wiederum fragte ich läglsch, wenn mein Sohn nach^Hause kam: „Nun, wer hat heute geschimpft?" „Niemand," war die stete Antwort. Selbst der Sohn des sattsam bekannten Antisemiten Kraut mann, der sonst jeden jüdischen; Mitschüler per „S-.-jud" auredete, legle seine» antisemitischen j Gelüsten die Zügel strengster Zurückhaltung an. Eine Abwehr gegen den antisemitischen Unfug in der dsstntlichen Schule ist also möglich. Die Autorität der Lehrer wird überall respeclirt. Ein wahrhaft gebildeter, auf der seiner Zeit' stehender'Lehrer, der seinen Beruf als Volköbildncr in der boten Bedeutung erkannt, wird de» antisemilische» Ausschreitungen zu - steuern wissen; falls nicht, so hätte er das Recht verwirkt/noch Pädagoge zu sein. Der Lehrberuf ist ein z» hoher, idealer, als daß Individuen, die cs nicht verstehen, veredelnd, bildend, zu , allem Guten anregend auf die Jugend einzuwirken, in dieser! Sphäre thätig sein dürfen. U. /