Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 52 (2.4.1893)
- Date
- 1893-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 18. Freies Blatt. Nr. 52. der Genossenschaftsmitglieder;ur Wahl eiweS provisorischen Tireetors ein berufen. ' 'Mährisch jüdischer Landcsmassasonds.) Aus Brünn wird der »dienen Freien Presse" berichtet: In Folge Verhinderung deS Obmannes Julius Ritter v. Go mperz und deS Obmannstellvertreters W o h l m u t h wühlte die diesjährige, von 41 Telegirten besuchte Generalversammlung deS Mährisch-jüdischen LandeSmassafondS den kaiserlichen Rath Mandl;nm Vorsitzenden, auf dessen Antrag ein Glück wunschtelegramm an Ritter v. Gomper; anläßlich seiner Berufung in daS Herrenhaus abgesendet wurde. Ter Rechenschaftsbericht deS Euratoriunis pro 1d02 schließt mit einem Gebahrungsüberschuffe von 5085 fl. bei einem Mehraufwande von 1117 fl. gegen das Vorjahr, erwähnt des Rückganges des Fondsergebnisses in Folge des sinkenden Zinsfußes und der immer zunehmenden Ansprüche der Gemeinden, da nicht nur die alten, sondern auch die neuen Gemeinden ihre Anforderungen geltend machen. Für den Religionsunterricht wurden 13.800 fl., für Gemeinden 12 500 fl., an Personalunterstützuygen 12 1-40 fl„ für Bildungs- und Hnmauitätsanstalten 3115 fl., für Stipendien 000 fl verausgabt. Ter RevisionS- und Rechenschaftsbericht wurden genehmigt.. Zn Folge Aufforderung der Regierung wurde für die in Wien zu errichtende jüdisch-theologische Lehranstalt eine Subvention von jährlich 1000 fl., zunächst für zehn Zahre, bewilligt. Ter Voranschlag für 1803 weist 51.027 fl.. Einnahmen und 50.408 fl. Ausgaben auS: der Ueberschuß wird für den entfallenden Antheil der erwähnten Subvention, verwendet werden. Ein Antrag deS EnratoriumS wegen Einführung einer Oberaufsicht über den Religions- und Bibelunterrichl in den jüdischen Gemeindeschulen durch eigens hiezu bestellte, fachmännisch gebildete Vertrauensmänner, nui einerseits auf die Förderung und Hebung dieses Unterrichtes hinzüwirken und andererseits der Verwaltung des Fonds eine statistische Basis für die richtige Verwendung der Schnlsubventionen zu gewinnen, wurde nach einer längeren Tebatte grundsätzlich angenommen, die Bestellung der erwähnten Fach Männer jedoch der r.Schstjährigen Telegirtenversammlung Vorbehalten. BiS dahin wird daS Euratorium ermächtigt, geeignete Persönlichkeiten mit dieseni Amte zu betrauen. Ludwig Kosstltb über die Hilden. Einer ungarischen Tepntation gegenüber, die Ludwig Kofsurh kürzlich empsing, äußerte er sich in sehr sympathischer Weise über die Juden. Kossuth erzählte u. A, er habe einmal eine riberaus wichtige Botschaft an Klapka zu senden gehabt. Ein Judö^habe die Mission übernommen, sei drei Tage und Rächte durch Gräben und Moräste gekrochen, bis eS ihm' gelang, nach Komorn zu gelangen, lind als er nach glücklich beendeter Mission zurückkehrte, habe er sich, geweigert, irgend einen Ersatz seiner Auslagen anzunehmen Tas fei wieder ein Beispiel dafür, daß in dinier Race Eharakter und Vaterlandsliebe lebe. ,Allld ein Osterei.) Zn .Teutschlaud wurde in den letzten Tagen an verschiedenen Orten mit Flugblättern über angebliche .Ritualmorde", welche die Zuden zu Ostern begehen, in schamlosester Weise gehetzt. > Arbeiter siege» ven Antisemitismus.) Zn Rixdorf bei Potsdam fand vor einiger Zeit eine von unabhängigen Soeialisten einberufene Volksversammlung statt, bei welcher eS zu einer entschiedenen Ablehnung der antisemitischen WirihschaftSreform kam Metallarbeiter Litfin führte u. A. auS, eS sei unwahr, wenn man behaupte, die Zuden w oll in nicht arbeiten. Zn London und Nordamerika gebe es sehr viele lüdii'che Arbeiter. Tie große Mehrheit der dortigen Schneider bestehe aus Zuden. Wenn die Zuden in Teutschlaud zumeist dem Handels stande angehören, so seien daran die (besetze schuld, die den Zuhen jahrhundertelang jeden anderen ErwerbSzweig .als den Handel und Schacher verboten hatten. Es sei Aufgabe der Soeialisten, die Arbeiter davor zu warnen, den Antisemiten HeereSfolge zu leisten, denn es sei für jeden Klarsehenden kein Zweifel, daß der Antisemitismus nur ein reaetionürer Vorspann sei, der einmal gegen den Liberalismus und daS anderemal gegen daS revolutionäre Proletariat auSgespielt werde. Tie Regierung bediene sich selbstverständlich nur des Antisemitismus so lange, als eS ihr für ihre Zwecke gut scheine. Tie Arbeiter werden sich niemals von den Antisemiten ködern lasten. Nachdem noch mehrere Arbeiter den Antisemitismus demaSkirt und den Racenhaß auf daS Entschiedenste zurückgewiesen halten, erklärte Schloster Sieg er ist, die Arbeiter müßten den Antisemitismus schon deshalb bekämpfen, weil derselbe gegen, den ersten soeiäldemokratischen Grundsatz: „Gleichheit alles besten, was Menschenantliy trägt," verstößt. Taß der Antisemitismus schon etwas geleistet Hot, bestreite er. Geleistet habe er nur etwas in der Aufreizung zum Elastenhaß. Taß die Regierung dagegen nicht eingeschritten, ja daß sie selbst gegen den Mann nicht vorgegangen sei, der Vormittags von der Kanzel herab die Nächstenliebe predigte und Abends in den Versammlungen die schlimmsten Aufreizungen gegen Andersgläubigebetrieb, gebe den Beweis, daß der Antisemitismus nur ein Werkzeug der Reaction sei. Teshälb mäste der Antisemitismus von der Soeialdemokratie aufs Entschiedenste bekämpft werden. Redner schloß mit den Worten: „Ich arbeite augenblicklich bei einem jüdischen Arbeitgeber, ich muß aber bekennen, daß ich noch niemals so nobel wie jetzt von einem christlichen Arbeitgeber behandelt worden bin. Selbstverständlich trete ich der jüdischen Ausbeutung ebenso entgegen wie der christlichen " (Eilt Freispruch.) Tie leipziger „Antisemitische Eorrespondenz" strengte gegen den „Fränkischen Kurier" stiegen eines Artikels, worin von Feigheit und Verlogenheit, der Hintermänner der „Antisemitischen Eorrespondenz" gesprochen wurde, eine EhrenbeleidignngSklage an. Wie nun auS 'Nürnberg berichtet wird, schloß der vor dem dortigen Schöffengerichte zur Verhandlung gelangte Preßproceß mit einem' Freispruche. Tie Schöffen waren offenbar der Ansicht, daß man sich keines Vergehens schuldig macht und nicht die Wahrheit verletzt, wenn man. antiseniitischen Hetzern Feigheit und Verlogenheit nachsagt. (Tie Fabel vom „Ritnalmordc" in Griechenland.) Tie in Athen erscheinende „Akropolis" vom 17. Wär; schreibt: „Beinahe hätten wir gestern antisemitische Bewegungen mit ernsten Seenen in Athen erlebt, der Stadt, wo die. religiöse Toleranz bis znm höchsten Grade entwickelt ist, und all das wegen eines Tischlers allzu lebhafter Phantasie. Ungefähr um die zehnte Stunde Früh hatte sich in der 'Nähe der Metropolitankirche und der Apollostraße eine erregte Volks-e menge bei dem kleine» Laden des armen Zuden Raphael Monsypstr, welcher Kessel flickt und anderes HauSgeräth ausbestert, angesammelt. Tie Menge tobte und schrie, Stöcke wurden geschwungen und Fäuste geballt gegen diesen Unglücklichen, von dem ein Gerücht behauptete, er Hütte versucht, zwei kleine Christenkinder ezu ergreifen, um ihr Blut zu rituellen Zwecken zu gebrauchen. Tie Nähe des israelitischen Passah Festes hatte diese Meinung begünstigt. (Es muß bemerkt iverden, daß dieser Aberglaube bis vor wenigen Zähren in Griechenland unbekannt war und. erst durch die Vorgänge in Oesterreich und Teutschlaud hier Eingang fand.) Zum Glücke befand sich ganz in der Nähe das Gebäude der Provinzial-Präfectur; dorthin führte ein Gendarm den Mann, indem er sich durch die Menge hindurchdrängte. Die Menge fuhr aber fort, zu lärmen, und verlangte, man solle den Schuldige» sogleich zur Staatsanwaltschaft bringen. Ties geschah, und zwar mit Hilfe eines geschlosieueu GefüngnißwagenS, um den Mann vor thätlichen Angriffen zu schützen. Tie Menschenmasse folgte tumultuirend hinterher, während der Vertreter des Staatsanwaltes von Zeit zu Zeit auSstieg und sie zum AuSeinandergehen zu bewegen versuchte. Und was stellte sich schließlich als Ursache des ganzen Aufruhres heraus'? Raphael Monsyp>'-r hatte zwei Tage vorher ein, kleines Gefäß, daS er gekittet, zum Trocknen herausgestellt. Die beiden kleinen Kinder deS Nachbars E p i t o S, von denen das größere kaum ein Alter von acht Jahren hatte, versuchten dasselbe heimlich wegzunehme». Ter Handwerker lief den Kindern nach nnh nahm ihnen den Gegenstand wieder ab, allein nach einer Stunde war derselbe wieder verschwunden. Als er gestern Früh die Kinder wieder Vorbeigehen sah, hielt er das eine fest, bis das andere das entwendete Object wieder bringen würde. Sogleich erhoben die Kinder ein großes Geschrei, welches die Aufmerksamkeit der Nachbaren erregte. Für den besagten Tischler genügte dies, die obige Fabel zu verbreiten. 2ius antisemitischen Vereinen und Versammlungen. AuS den „Hausherren-Vereine»".) Rur kurze Zeit konnte die von den ..Hausherren-Vereinen" ciiitjfleitete Agitation gegen den Bürgermeister über ihren wahren Zweck täuschen. Man hat e», wie nun Jedermann einsieht, bloß darauf abgesehen, Wähler des ersten Wahlkörpers unter dein Vorwände einer Wahrung ihrer wirihschaslliche» Interessen dafür zu gewinnen, daß sie bei den bevorstehende» GeineinderathSwahlen für antiiemitische Candidaten stimme» sollen. Als Anwälte der Hausbesitzer machen sich jetzt auch Liechtenstein, <Aeß»ia»n, Pattai, Lueger »ud andere' strikeude Gemeinderälhe bieit, welche sich vorher nur als Speeiatisten für die Leiden de» „kleinen Manne»" gerirle». Z» treffende» Worle» belenchlele Bürgermeister Dr. Prix selbst die gegen ihn in Scene gesetzte Hetze. In einer am 28. März abgehaltenen Per saminlung fortschrittlicher Wähler des ersten Bezirkes sagte er: „Auf eininal tauchte die Frage aus, wieso die Hausherren die MietbzinSkreuzer einznheben gezwungen sind, und eines Tage» tvnrde ich von einer Tepntation überrascht, metchS mich i» dieser Angelegenheit zu sprechen wünschle. Es ist behauptet worden, ich sei nicht höflich gewesen. Ich erklärte bereits auf eine diesbezügliche Interpellation im Gemeinderathe, daß dies vollständig »»wahr ist. Tie Herren waren eine Viertelstunde bei mir. Wir sprachen die Sache durch. Allerdings