Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 52 (2.4.1893)
- Date
- 1893-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 52. Freies Blatt. Seite 15. gesammte kirchliche Richtung des Betreffenden, ob er der Mittelparlei« angehört oder welcher sonst,, näher zu unterrichten. Und der Herr hat selbst durch eine mit seiner Nainensunterschrist veröffentlichte Erklärung bekundet, daß daS, wa« in den Blättern dem Stadtschulrath Fürstenau vorgehalten ist, durchaus unwahr und unbegründet ist. Und ivie bringt Herr Stöcker das nun zusammen mit Herrn Ahlwardt? Weil eine Ahlwardt'sche Broschüre, die hier gar nicht inhaltlich erwähnt ist, sich auch mit den städtischen Behörden Berlins beschäftigt, »ind weil daS ein Stadtschulrath ist — und nebenbei ist die ganze Sache vorgelonnne» meiner Erinnerung nach in der Zeit, während Ahlwardt im Gesängniß saß — darum hält Herr Stöcker eS sür angezeigt, die Sache hier vorzubringe»! Es ist nur die Lerlcgenheit, eine Ausflucht zu suche», um nicht »och mehr aus die Sache eingehen zu müffeir, weil Sie sichep sind, daß Sie umsomehr bloßgestellt werde» in Ihrem ganzen Verhalten und Ihren antisemitischen Bestrebungen, die ich in der Thal sür durchaus »ngerechlsertigt »nd schädlich sür unser Volk und unser Vaterland erachte. lLebhaste» Bravo links.) Präsident: TaS Wort hat der Herr Abgeordnete Stöcker. Abgeordneter Stöcker: Meine Herren, ich bleibe dabei, daß das kein Beweis ist. Wenn ein Slinagogenvorstcher Herrn Richter' etwas sagt, so ist es : darum noch nicht wahr. Wo kommen wir den» hin, wenn Menschen vor Gericht | sage», sie haben von einem Verstorbene» etwagehört, und das Gericht glaubt, .! daß da« nun auch wirklich wahr ist?! Mir ist eine solche BeweiSsührung noch I nicht wieder vorgekommen. Ich kann nur annchmen, daß Herrn Richter sein gej wöhnlicher Scharfsinn verläßt, wen» e» sich »m Inden handelt; und ich bedauere j das in seinein Jntercffe, weil es beweist, daß er in politischen Dingen,' ähnlich j wie Herr Ahlwardt, auch nicht fähig ist, in höherem Style zu handeln oder zu s urtheilen. Wenn aber der Herr Abgeordnete Richter einen Synaqogenvorsteher! an sich als Wahrheiiszengcn äusührt, so sollte er sich doch an eine Verhandlung! i>» Landtag darüber erinnern. Als seinerzeit die Reustclljncr Angelegenheit schwebte, wurde constatirt, daß im Reustettiner Synagagenvorstandc unter drei Znde» zwei wegen Betrugs verurlheilt waren. TaS waren auch Synagogenvotsteher; daß man solchen Leute» glauben soll, nur weil sie etwas sage», verstehe ich nicht. Präsident: TaS Wort hat der 'Herr Abgeordnete Lieberinann von Loinienberg. Abgeordneter Lieb er mann v. Sonnenberg: Ich will dein Herrn Ab! geordnete» Richter versuchen, eine» Wahrscheinlichkeitsbeweis dafür zu sübrc», daß der verstorbene Herr MagnuS doch wohl ge—irrt hat, als er ihm die Aeuße rung von der Schmach als wirklich ausgesprochen darstellie. Damals fingen die antiskmilischen Wogen in Berlin gerade an, hoch zu gehen. Als man dieses angebliche Wort aus hohem- Munde gegen die antisemitische Bewegung au« Zttbeuleil beabsichtigte, hat eine lange Reihe von amijeinilischen Bolksveriaini» lungeu iinmer und immer wieder dieses Thema bcivroche». Tie Redner in diesen BolkSversaminlungen haben hunderte von Malen.-behauptel: Herr Magnus — ich will das richtige Wort nicht brauchen — hat wissentlich die Univahrhcit gesagt. Man hat Herrn Magnus, so lange er lebte, häufig genug die Möglich keil geboten, die Leute, die ihn der wissentliche» Unwahrheit ziehen, zu fassen »nd die Wahrheit seiner Erzählung zeugeneidlich vor «Bericht beweisen zu lassen ES ist nicht wahrscheinlich, daß Herr Magnus das unterlasse» hätte, wenn cS ihm eben möglich gewesen wäre; denn man hot damals um ganz anderer Kleinig keile» willen die Vorkäinpfer der antisemitische» Bewegung nach Moabit geschleppt und dort von dem jüdische» Znjurieniichter Herrn Lion abunheiien lasse». Tie Wahrschcinlichkcil spricht also kaum sür die Wahrheilsliebe des Herr» MagnuS in diesem Falle. Rach der Lesart, die mir darüber bekannt wurde, hat Herr MagnuS selbst die Worte zu dem hohe» Herrn geäußert. Er hat dcuielbe», als er bei einem Wohlthätigkeitsconcert in dem Tcmpel zugegen war, angeredet: „Eure" — ich will den Titel lieber weglaffen — „beweisen diiich Ihr Er scheine», daß Sie so ganz die aittiseinitischc Heye, diese Schmach und Schande des Jahrhunderts, vernrtheilen", worauf der; hohe Herr nnwillig gesagt haben soll: „Herr MagnuS, ich hetze nicht". So ist mir der Fall dargcsteUl; aber ich. bin ebensowenig jetzt noch imstande, die Richtigkeit dieser Darstellung julislisch zu beweisen, wie Sie, Herr Richter, Ihre Lesart beweisen tönncii. Ter einzige, der eS kannle, war eben Herr Magnus bei seinen Lebzeiten, indein. er den Zeugen, der dabei gewesen sein sollte, zum Eid vor Gericht vortud. Zn dem Proceß, bei dem Herr Schmidt (Elberfeld)-beiheiligt gewesen ist, hat man diesen Zeugcu, den eiuzigen, der aus eigener Wahrnehmung bekniiden kannle, de» Herrn v. Norman» nicht geladen, sonder» Herr» v. Forckenbeck und »och ein paar andere Herren. Diese Herren habcu »ichtS Anderes beschwören können, als was Herr Richter uns heule mittheilte, nämlich: Herr Magnus hat uns die Geschichte bei seinen Lebzeiten selbst erzählt. Herr Richter ist doch fouft juristisch so klar »nd scharf; hier hat ihn sei» Juristenverstaud in Stich gelassen. Die Wahrscheinlichkeit, Herr Richter, spricht dafür, daß da» Wort nicht auS jenem hohe» Munde gekommen ist. Präsident: Tas Wort hat der Herr Abgeordnete Schmidt (Elbciseld) - Abgeordneter Schmidt (Elbcrseld): Meine Herren, ich will nur kurz bemerke», daß die Mitiheilnnge» von Herrn Stöcker, nach denen man an»ehinen -könnte, daß nur eine Person vernommen worden sei bei dem Proceß, dessen ich Erwähnung that, unrichtig sind. ES ist eine Reihe von Personen vernommen, wie der Herr Abgeordnete Licbermann v. «onnenbcrg kennt. Meine Herren, ich kan» Zhnen »och weiter sage», daß nicht nur Aeußerungen von MagnuS sestgestelll sind, sondern daß der verstorbene Sberbiirgermeister uoif Berlin mir perwiilich erklärt Hai, daß der Hösmarschall v. Rorma»» ihm mitgetheilt habe, die Acußernng sei gefalle», und zwar nicht in der Synagoge - wie Herr Lieberinann sagte, sondern bei einer Audienz, die einigen Herren ertheilt wurde. Also, meine Herren, danach ist von einer Wahrscheinlichkeit oder Unwahrscheinlichkeit nicht die Rede. Ich kan» mir za sehr wohl denken, daß eS den Herren sehr luibcqüein ist, daß hier nochmals -constatirt wird, daß dieses Wort gefallen ist; aber Sie habe» davon angesangen und haben behauptet, e« sei apokryph, lind daraus habe ich mich verpflichtet Lehaltcn, dargns hinzluvciscn, daß dieses Wort als ei» wiillich gefallenes gerichtlich scstgelcgt ist. Meine Herren, man wird in Tcnlschland de» Gerichten immer iio^ch mehr glaube» alS Herrn Stöcker und Herrn Liebermann v. Sonnen berg. (Lebhafter Beifall links. — Große Unruhe rechts.) . Präsident: DaS Wort hat der Herr Abgeordnete Richter. Abgeordneter. Richter: Meine Herren, der damalige Kronprinz hat die Aeußernngcn nicht bloß einmal gctha» im Februar 1880, sondern sie wiederholt am 14. Februar 188k, und mir sind sie nicht nur bezeugt norde» i/on dem Herrn Stadtralh Magnus, soudcr» auch von dem Abgeordnete» Wulssheim, und sie sind in der Lesscnllichleit verbreitet woide», ohne daß der Fürst irgend eine . Veranlassung'hatte, sie in Zweifel zu Hellen. Wen» man-alle Märchen, die in antisemitischen Versaminlunge» verbreitet wurden, zum Gegenstand von Verfolgungen machen 'würde,, dann würde eS nicht Gerichte und nicht Gefängnisse genug geben, um die Verleumdungen, die in autiscinitischcn Versammlungen sortgesetzt verbreitet werden, zu ahnden. — Herr Stöcker ist nun soweit gekomme», daß er schon nach Rcusteltin reise» muß, um einen Synagogeuvorsteher zu finde», deffen Wahrhajiigkeit er a»;aciseln kann. Ein so angesehener Man», wie der verstorbene Stadlrath MagnuS steht mir in seiner Wahr. Hastigkeit und Wahr.hasiigkeitSlicbe hundertmal HLH§r als ei» ehemaliger Hosprediger, von dem da« Gericht erklärt hat, daß er sich eines fahrlässige» Meineides'schuldig gemacht hat. (Lebhasler Beifall linl«. Unruhe rechts.) Präsident:-Ich habe zunächst zu bemerken, daß hier ans dem Bureau von den Anwesenden außer von mir gehört worden ist, daß Herr Abgeordneter Lieberinann v. Sonnenberg mit Bezug aus den Herrn Abgeordneten Schmid (Elbcrseld) den Ausdruck „unverschänil" gebraucht hat. Ich rufe lhn deswegen' zur Srdnling! Das Wort hat der Herr Abgeordnete Stöcker. * Abgeordneter Stöcker: Wenn der Herr Abgeordnete Richter sagt, daß mir ein fahrlässiger Meineid voin Gericht »achgewiesen wäre, so anlworle ich ihm, daß da« eine Unwahlhcit ist, eine grobe Unwahrheit. Das. gehört ja zu '' dem BetriebSlnalerial der deutsch freisinnigen Partei und d-.r Iudenpreffe und erscheint jedesmal bei neue» Wahle» aus der Tagesordnung. Wahr ist es nalürlich nicht. Sehen Sie, Herr Richter, das find Tinge, die wir an Ihnen- , bekäinpscn! Sie sind sonst unbesangen genug, die Tinge;u erkennen. Wen» 1 c» sich nicht um das Iudeulhum handelte, so würde» Sie'solche grobe» Un- ■ richtigkeile», bei denen Sie ans der Stelle ertappt werden, nicht äußern. Aber! Sie wissen gar nicht, was Sie lhun, wenn cs für da» Iudenlhum gehl. Ist! daS iiiä'l lläglich sür den Führer eiuer Partei? Wenn Herr Schmidt- (Elberj ,eldvon Reuen, sagt, die Sache sei bewiesen, so. erwidere ich ihm: ob es drei oder' vier Zeugen gewesen find, darüber habe ich nichts gesagt.« Tie Zeug?), : habcu aber nichts Anderes ausgesagl, als das; ein lödler Mann jene Aeußeriliig! erzählt hat. Wenn Richter eliras für wahr halten können, bloß ivril cs ihnen; von einem lodlc» Man» erzählt wird, io spricht da» nicht für die Anloriläl der - Gerichte. ES ist eine epnslc Sache, wenn im denlichen Volle der Glaube an die Gerichte, wo cs sich nin Juden und poliliickic Vclcidiguugsproecsse handelt, . nachgelassen har. Solche Tinge, wie sie damals in Siegen gesthelien sind, lreiien .luyt mich, sonder» die Gerichte. Uiid nun »och ein Wort! - Unbequem ist e» uns gar nicht, daß jenes Wort svou dem erläuchleu Herrn eolporlirt wird. Wir , | möchten nur von seiner hohe» Gestalt dieses Wort gern wegwische». sHeilerkeil.links.)! Es ist rein ein patriotischer Grund. Wir wollen nichi, daß die Jude» mit einem! großen Todicn ihre Geschäfte machen. TaS ist freilich sehr jüdisch, aber deutsch , ist cs nicht. zBravo! rechts. > | . Präsident: Das Wort hak der Herr Abgeordnele Rickert. > Abgeordneter Rickert: Meine Herren, ich ivill »irr scststeUen, daß, als ich j von der Schmach des Anluemiiisinus sprach, ich den Rainen des hochgeseierieu - Kaisers nicht geuannl habe; -.Sehr richtig! linkSI ich habe lediglich von mir ' gesprochen, daß ich.die anliscinilischc Bckvcgung /für eine Schmach Halle. Erst - dem Hkich» Abgeordneten Stöcker war cS Vorbehalten, de» Rainen des Kaisers in diese Debatte zu ziehe». lZuruse.s Herr Slöcker hat eS nachher gesagt. Ich möchte aber jetzt wissen, Herr Eollegc Slöcker, wenn Sie so bemüht gewesen ■ sind, dies Wort von dem. hehren Standbild jenes denlschen Kaisers, wie Sie i sage», wegzuwische», >v a r u m haben Sic Ihre- Bemühuiege» nicht da angestellt, als jener erlauchte Mund »och nicht geschlossen war'? (Sehr richtig! links.) Ta hat.Herr Stöcker geschwiegen, Und iva» hat die „Kreuzzeitung" am 6. Januar damals erklärt unter Bezugnahme aus den