Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 52 (2.4.1893)
- Date
- 1893-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441398--0524-4887047- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14. Freies Blatt. Nr. 52. keil rechts) mid verschüttet die ganze Ernte. Mit eiiiemiiiale steht an Stelle de- Anti'emitiSmuS die Wahl im Xreife ArttSivalde und der Freisinn mit seiner Agitation da; daS Ondenihum und Herr Ahlwardt find verschwunden über der deut'ch freisinnigen Agitation, welche die Vorfrucht nicht bloß der Socialdemokratie, sondern aller böten Agitalione» im deutschen Vaterlande ist. (Heiterkeit links.» Sonst würde ich Herrn Richter'- Ton nicht begreifen; waS er zu sage» hatte, ivar wirklich diese« Pathos nicht iverth. Wenn Herr Richter von FanatiSmu« spricht, von Wahrheitsliebe, mit der Absicht,anderen Leuten Fanatismus zuzusprechen, Wahrheitsliebe abzufprechen, so brauche ich darüber kein Wort zu verlieren; darüber weiß daS deutsche Volk und jeder Leier der „Freisinnigen Leitung" Bescheid genug. Taß Herr Richter aber hier sogar mit dem Lhristenthum Vorfahrt, begreife ich nicht. Sie sollten lieber in dem Rothen Hause, wo Sie >o großen Einfluß baden, aus den Swdtschulrath Fürstenau Ohren Einfluß venvendeu! Ta» ist wieder eine Sache, die zu den heftigste» Agitationen Beranlassnug gebe» wird. Wenn ein Stadtichulrath als Patronatsvertreter vernicht, eine» Geistlichen von feinem O rdinatioiiSgelübde abwendig zu machen — und dieier Geistliche bat das festgestcllt — dann ist ein Kampf gegen solche Demoralisation durchaus geboten. Och sage nochmals: »venu die Regierung den stampf gegen diese verderblichen Machte nicht aufuimmt, dann thun wir es und er werben unS damit Verdienste um das deutsche Volk. (Bravo! recht».) Präsident: Das-Wort hat der Herr Abgeordnete Ahlwardt. Abgeordneter Ahlwardt: Meine Herren, der Herr Abgeordnete Richter 'hat den Abgeoidnete» Stöcker und mich — allerdings nicht in deutscher Sprache — ein edle» Brüterpaar genannt. Meine Herren, so weit ist das Schicksal noch nicht vorgeschritten, daß »vir al« edle» Brüderpaar gemeiniain kämpfe» lönnien; vielleicht kommt noch die Zeit. Och für meine Person, obgleich ich jetzt mehrfach die Gesinnungsgenossen der Herrn Stöcke» bekämpfen muß, »vürde immerhin mich gar nicht dessen ubäine», ivenn wir ein Brüderpaar' in Zukunft einmal genannt werden sollten. Meine Herre», wenn ich nun meinerseits auch von einem edlen Brüdervaar reden muß, >o hat Herr Richter ja diesen anderen eklen Bruder i» der Per o» de» Herrn Xrähabn gestern selbst angeführt. Herr .sträbadn hat eben an mich eine Postkarte geschickt, die ich Herrn Richter hremit überliefere: er tagt ihm darin nicht eben die schönsten Tinge; im Gegetubeil, ich dars es hier gar n.cht vorleien, -ich bekäme dann sicher »nieder einen Otd- »uiigSruf, wie ich gestern schon einen bekommen habe. Aber von der Begegnung will er nichts wit'fen, bestreitet sie. er setzt die Begegnung erst in die nächste Zukunst. Meine Herreti, diese Richter-Xrähahn'sche Thätigkejt, Onden nützlich zu sein und dasjir Geld zu erhalten, ist aver bedeutend schöner und angenehmer al« meine Thätigkeit, zu lampten, mit der Aussicht, so uttd >o oft ins Gesäiigniß wandern zu müssen. Tann, meine Herren, hat Herr Rickert ge>'ägi, daß die Tentscheu eine Eulturnaiion seien und. deshalb die Juden dulden müßten. Ich bin der Meinung: »veil die Deutschen eine Cultnrnation sind, daruii, dürren sie diese« culturfeiudliche und alle Eultur zerstörende und ver gistcude Volk ebei» nicht dulden. TaS ist der Unterschied zwilchen Herrn Rtckert'S Ansichten und ineiuen. Run jammert Herr Ricken zu Ihnen (recht») hinüber, daß Sie sich mit dem Judenthum nicht ein bischen näher einlasien. Meine Herren, Sie »verden dieses Oammern ja wohl begreifen: nachdem dce Onden alles Geld baden, wollen sie jetzt a»»ch noch Ohre Titel haben, Ohre alive: brieften Rechte und Ihr Geschlechtsregister. Ja, meine Herren, das kan» ich den Onden nicht verdenkeu. Hie und da kommt e« leider bei unS auch schon vor, daß Herrn Rickert's Wuii'ch erfüllt »vird, und daß sich von Ohne» — ich habe im Allgemeinen übrigens vor unserem deutschen Adel hohe Achtung — Mancher nutet, daß er durch Mischung seines edlen Blutes mit Ondenblut feinen Stamm bau in neu vergolden kann. Meine Herren, leider sind die Producte, die daraus hervorgehen, wiche Oammergestalten, daß die ganze Menschheit sich entsetzt. Deshalb hone ich. Sie werden Ohr Blut wenigstens rein halten und Herrn Rickert's Wunsch nicht Folge leisten. -Große Heiterkeit.) Meine Herren, Sie.sehen, mau »vollte mich'hier partout todt'chlagen in reinster Form; ^her bei . Ihnen Alle» hat sich schon allmälig die Unruhe gelegt; im Allgemeinen finde ich schon, daß Sie ganz liebrnsivürdig und nett zuzuhöre» verstehen. »Stürmische Heiterkeit.> Run. meine Herren,-ich bin Ihnen sehr dankbar dafür. Habe ich bei Ohne» in einer so kurzen Zeit die .gute Meinung wieder erivorben, seien Sie üb rzeugt, im Herzen der meisten Tellischen fehlt sie mir dlirchaus nicht Prä> ident: DaS Wort bat der Herr Abgeordnete Schmidt (Elberfeld). Abgeordneter Schmidt (Elberfeld i: Meine Herren, der Herr Abgeordnete Rickert hat heute da» Wort angeführt, welche« au« einem hohen Munde' ge fallen ist: der Antisemitismus ist eine Schmach des Jahrhunderts. Ich wundere mich lehr, daß -gerade der Herr Abgeordnete Stöcker e« unternimmt, den AuSspruch für apokryph zu erklären. Ter Herr Abgeordnete Stöcker müßte doch die Proceßaclen kennen, die nach der Reichstagswahl von 18X4, als ich gegen ihn zur Wahl stand, und 1885 gerührt worden sind. Bei der engeren Wahl 1884 in Siegen ist ein Flugblatt vertheilt gegen die Wahl des Herrn Stöcker: in diesem Flugblatt steht, daß die Bezeichnung des Antiseinitisiiuis als eine Schmach de« Jahrhundert« von jenem hohen Herrn gethan worden fei. Gegen best Herausgeber und den Drucker diese» Fliigblattes ist ein Proceß angestrengt worden; der Verklagte hat den Beweis der Wahrheit angetreten. E« hat auf. Requisition de« Gerichtes zu Siegen^ eine Berhaudlung und Zeugenvernehmung vor best, Amtsgericht Berlin stattgefunden; es sind eine Anzahl Zeuge» vernominen. Darauf ist von dem Amvalt des Berklagten noch besonders darauf hingeiviese», daß er »vünsche, e« werde der frühere Hosinarschall v. Normann auch noch vernommen. Das Gericht hat dann aber erklärt, daß eS »nuäthig fei, den Herrn v. Rorinann desbezüglich zu vernehmel», »veil das Gericht stach de» bisherigen Zengenverneh mungen als erwiesen annimmt, daß die Aenßerung von jenem hohe» Herrn gemacht'worden ist. (Hört! Hört! links.) Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Richter. Abgeordneter Richter: Ter Herr Stöcker hat auch mit Herrn Ahlivardt das gemein,' daß, wenn er in der Hauptsache geschlagen ist und er nicht« mehr . vorzubringen weiß, er dann die Ausmerksainkeit ans allerlei Nebendinge zu richten sucht, und »venn er sie noch so weit herholt. So ist er jetzt bpteit« dazu gekommen, zu erwähnen das Verhalten de« Stadtschulrathe« Fürstenau gegenüber einem um eine Pfarrstelle in Berlin ambireude» Geistlichen. Wenn diese Frage überhaupt irgendivo hingehört, gehört sie nicht vor de» Reichstag, nicht vor den Landtag, sondern vor die Generalsynode. Aber Herr Stöcker hat auch hier vorgetragen mit dem Grade von Wahrhaftigkeit, der ihin eigeisthüinlich ist. Ter Fall ist in öffentlichen Blättern durch den Stadtschulrath Fürstenau aufgeklärt wolden. Es ist nicht richtig, daß der Stadtschulrath Fürstenau es versucht habe, den bei ihm uin eine Pfarrstelle ambirenden Geistliche» von seinen» Ordinalionsgelübde abwendig zu mache», sondern die Unterredung, die Herr Fürstenau als Vertreter des Magistrates bei der Vergebung einer Stelle städtischen Patronat» gepflogen' hat, hat sich einfach Darauf bezogen, die kirchliche Richtung de« um die Stelle ambirenden Geistlichen klarzustellen. Bei der Bestellung eines Geistlichen — »nag sie mm von den Mitgliedern des Genieinde- ' kirchenratheS oder dem Patron erfolge» '— handelt es sich darum, zu erlnndeu,! ob der Geistliche nach seiner ganzen Richtung zu der betrefsenden' Äemeiude - päßt. Tenn »venn das nicht der Fall ist, so kann eine segenbringende Wirkjatn - feit nicht für möglich erachtet »verden. Da« ist da« Recht und die Pflicht eines j solchen Herrn, und der Herr Stadtfchulrath Fürsteila» hat »ur diesem Recht und dieser Pflicht genügt. Präsident: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Stöcker. Adgeordneter Stöcker: Meine Herren, ich-will mit diesen Sachen da« Haus nicht »veiler aufhalten. (Zurufe links.) Um einen ambirenden Geistlichen , handelt es sich nicht. Her» Richter! Wenn Sie über solche Sachen reden, dann informire» Sie sich genauer! Es handelt sich um einen Geistlichen, der von; der Gemeinde gewünscht ivar; das nennt man nicht ambiren. Aber obtvohl er ■ von der Gemeinde getvünscht »var, ist er von dem Stadtschulrath eilten» Examen i unterzogen, »vclche« daraus hinauSging, das Ordinationsgelübde dieses Geistj lichen wankend zu machen, ei» Gelübde, »velches die Stadt Berlin von dem i anzustellendeii Geistlichen selber fordert. Ich »veiß in der Geschichte der Pfarr! berufungen nicht«, »vaS so empörend auf einen Mann von Wahrhaftigkeit »virke» muß »vie chieseS Vorgehen. (Unruhe links) ttebrigen« gebe ich mde Herrn Richter gern zu, daß daS eigentlich nicht hieher gehört. Aber die Broschüre von Ahlivardt gehört hieher; und da ist das Rothe Haus mit feinen Manipit latiouett angegriffeiü, Hier ist mm leider eine von den Manipulationen enthüllt, »velche den Zorn des Volkes »vächrust Uber die Art, »vie der Fortschritt handelt. (Zustimmung. Zurufe.) Run noch ein Wort dem Hern» Abgeordnete» Schmidt (Elbetfeldt gegenüber. Wa« er sagte, ist mir »vohl bekannt. Aber die Sache liegt io Der Gerichtshof, wenn ich mich recht erinnere (Ah^! linkS) — geiviß, meine Hetren, »varten Sie doch, es ist »och nicht aller Tage Abend! — der Gerichtshof vernahm Jemand, der aus dem Munde des bekannten Jude» Magnus, der aber tobt wäd, jenes Wort gehört haben »vollte. Auf dieses Zeugniß hin nahm der Gerichtshof an, daß eS auch wirklich ausgesprochen »var. (Zurufe.) Meine Herren, Sie »verden mir doch zugeben, anzunehmen, daß, »veil Jemand euvas von einem Juden gehört hat, das Gesagte auch wahr sein muß - dazu gehört mehr, als eine »virkliche Rechtsprechung vermag. (Unruhe links.) Präsident: TaS Wort hat der Herr Abgeordnete Richter. Abgeordneter Richter: Meine Herren, ich erkläre hiemit: der verstorbene Stadtrath Magnus, ein hochangesehener Mann (sehr wahr! links), langjähriger Vorsteher der hiesigen Synagogengemeinde, den Niemand »vährend seitteS Lebens bezüglich seiner Wahrhaftigkeit angetastet und angeziveifell hat, hat mir persönlich gegenüber bezeugt, daß der verstorbene Kaiser ihn» gegenüber diese Aenßerung so gethan hat, wie sie damals öffentlich verbreitet worden ist und wahrend der . Lebzeiten de« Herrn jahrelang auch umvidersprochen »veiler verbreitet ist. (Widerspruch rechts. Zustitnmung links.) Wenn Herr Stöcker demgegenüber nichts Anderes hat, als allgemein die Glaubwürdigkeit jüdischer Eide anzuziveifeln, so beweist auch dies, daß er zu HerrlrAhlwardt hingehört. (Sehr gut! links) Den» er hat sich genau desselben schuldig gemacht vor dem Moabiter Gericht! Tie Herren sind einander würdig. (Bravo! links.) Ich kann dies nicht in Abrede stellen. Der Herr Abgeordnete Stöcker hat sich jetzt auf Worlattslegungen zurückgezogen und versucht darzulegen, wa» ambiren und nichtambire» ist. Ich weiß, daß der betreffende Geistliche präsentirt war von den kirchlichen Gemeindebehörden. Man mag ja darüber rechten, ob überhaupt ein PatronatSrecht gerechtfertigt ist oder nicht, aber fq lange ein Patronat besteht, hat der Patron a»»ch das Recht und die Pflicht, sich über die