Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 52 (2.4.1893)
- Date
- 1893-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies H I a 11. Seite I'!. Nr. 52. schuldig, der, wie eS in dem gerichtlichen Urlheil heißt, sich verdient gemacht hat, dem Vaterland so brauchbare Wcisseti;n liesern. Meine Herren, j»ar nobilo. fratrum: St Befer itttü Ahlwardt! Sie gesichten jitfiittttnen! <Glocke der Präsidenten.) Präsident: Herr Abgeordneter, wegen dieser Aettßernng rnse ich Sie zur Lrdnnng. Sie ist beleidigend für den Herrn Abgeordneten 'Slöcker ttnsi beleidigend für den Herrn Abgeordneten Ahlwardt. Abgeordneter Richter: Ich habe auch maleriell yichtS dagegen z» bemerken, selbst wenn ich sormell dazu berechtigt wäre. Meine Herren, diese ganze Verhandlung hat wahrlich nicht — war bezweckt worden ist — in den Anssührttngen gegen dar Iudenlhum hiezu irgend etwas beigebracht. Aber wenn daS wahr wäre, daß ein solches Vorgehen gegen eine Elaste der Bevölkerung dem nationale» Tentschthum, dem Christenlhnm entlprüche, dann tvahrlich wäre eS sehr schlecht tim Teutschland und um daS .Tentschthnnt bestellt! l Sehr richtig! links.) Zum Glück denkt die große Mehrheit der Bevölkerting anders votn Werth de- Tentschthum« und ChristettihuniS, als eS Herr Stöcker darstelll (Widerspruch rechts.) Noch eine Bemerkung über, das allgemeine Wahlrecht, daS man hier znm Gegenstand des Angriffs gemacht hat DaS allgemeine Wahlrecht hat diesen Schaden nicht geschasie», sonder» hat ihn ostenbar gemacht, hat ans Licht gebracht, was die Folge solcher Agitationen ist. wie sie zuerst vor zwölf fahren von Herrn Stöcker eingeleitet und dann von weniger geichickien Renten sortgefevt worden sind bis zit diesem Herr» Ahlwardt herab. TaS all gemeine Wahlrecht hat also nnS den Schade» erkennen lassen, und eS wird auch die Heilung bringen, indem eS meines Erachtens dazu beiträgt, Elemente wieder ans dem Reichstag zu entfernen, über deren Z igrhörigkeit znm Reichstag beute llrtheile gestillt ivorden sind, die ich nicht zu wiederholen brauche. Bravo! links.) l Präsident: TaS Wort hat der Herr Abgeordnete Rickert. Abgeordneter Rickert: Meine Herren, ich habe nur ein vaar Bdinerlnngeit zu machen gegenüber deüt Herrn Abgeordneten Stöcker. Er meinte, ich hätte die Frage der Mahl ArnSwalde Friedeberg hier angerührt. TaS lvideripricht de» Thatiachen; der Herr Abgeordnete Stöcker ist es geweien, der mich, der ich gar nicht die Absicht hatte, in dieier Verhandlung -das Mort zu nehmen, gezwungen hat, zu sprechen, weil er anderen Leuten die Schuld der Ahlwardi'ichen Wahl znschob als denen, die sie ivirklich - trifft. Wenn der Herr Abgeordnete Slöcker sich.aus Herrn PaeSke bernsen — ich glaube, von i>in ist wohl die er tvähnle Broschüre — und dabei erllärl hat, daß daS Alles sestgesteilte That fachen wären,, so sieht »tan wieder, >v:e Herr Slöcker mit den Thal-ächeti umgeht. En liest nicht einmal seine „Nrenzzeilttng" ordentlich: sonst würde er wissen, dafst dieses Blatt Becichlignngen in Bezug auf die Behauptungen der Broschüre PäeSke ausnehme» mitßie. ''Näher gehe ich jetzt nicht daraus ein. Tie Anfänge deß Antisemitismus begannen in jenem Wahlkreise mit Verbreitung jener scheußlichen und gemeinen antisemitischen Flugblätter, die Herrn Stöcker auch begannt sein müssen, und die geeignet sind, Neid und Haß zu stchisren und die Bevölkerung aufznregen. Wenn Herr Stöcker an mich das Ansinnen stellt, ich möchle das Amt eines Vorstehers der Iiidetiichntztt-nppe, nie er sich ge jchmackvoll,a»sdrnckt, niederlegen, io irrt er. Ich tverde es mir — und das tviederhole ich ihm — zur Ehre anrechw», jo lange ich nberhaupt noch mein Mandat sühre und meiner Stimme mächtig bin, zn protestiren gegen die Ant: semiterei und ihren Urheber Herrn Stöcker. Ich bin nicht der Meinttng. daß diese antisemitische Betvegttng uns zur Ehre gereicht, sottketn ich glaube, daß sie eine Schmach für Teutschland, eine Schmach snr diesis Jahrhundert ist. Wenn der Herr Abgeordnete Stöcker daraus hingewiesen hat, daß tvir unser Tentschthum verleugnen, so möchte ich ihn daraus aufmerksam »lachen, daß die deutsche 'Nation eine Eulturnation ist. die ein derartiges Resultat de/ Barbarei, wie eS die.ansisemitische Bewegnng ist, nicht verträgt. Meine Herten, eS ist traurig genug, daß bei uns nicht geschieht, waS in Lesterreich geschieht, wo Mitglieder der höchsten Aristokratie eS sich als Ehre anrechnen, der sogenantlle» Jndenschntztrnppe anzugehören. (Zuruf) — Weint Herr Slöcker &ie , Berichte Uber die letzte Generalversammlung gelesen hätte, so tvürde er wissen, daß Mitglieder der höchsten Aristokratie sich gemeldet haben, ntiteinzutretrn, um diese Schmach des ZahrhnnderlS zu beseitigen. Leider sind die Mitglieder unserer höchsten Aristokratie in Teutschland abseits vom Stampfe: ich hasse aber, sie tverden eS auch bald alS eine Ehrensache bezeichnen, daß wir die antisemitische Bewegung so bald als möglich los werden. Tenn sie ist eilt Schandfleck ans deutscher Enltur und deutscher Geschichte. (Bravo! links.t Präsident: Tas Wort hat der Herr Abgeordnete Liebermann von Sounenberg. - Abgeordneter Liebermann v. Sonnenberg: Meine Herren, der Herr Abgeordnete Richter hal eS für uöthig gehalten, zn betonen, daß 'Niemand der im Reichstage anwesenden antisemitischen Abgeordneten Herrn Ahlwardt in Schutz genommen habe, bis schließlich der Herr Abgeordnete Stöcker sich dazn bereit gesunden. ES ist nicht meine Art, Jemand, der sich, wenn auch ganz ohne mein Znthun, in den Tienst derselben Sache gestellt bat, für die ich kämpfe, im Sliche zu lassen, wenn er sich in Roth oder Gefahr befindet, selbst wenn diese Nolh oder Gefahr selbstverschuldet ist. ES war aber snr mich im Lanke der.heutigen Berhandlnttgen bisher noch nicht :ie Mögltchlzit eingetreletn dem Herrn Abgeot,dneten Altltvardl cheizust-ringen. Ich betone ebenso, tvie es der Herr Abgeordnete Zimniermann. bereits gethan hat: tck^ . tt-etß von den Pläne» >tnd Absichten deS Herrn Abgeordnete» Ahlwardt eheinowenig, vielleicht.-- noch weniger als der Herr Abgeordnete RichtSb selbst. Tiefer'hat ganz äugen scheinlich die Grube ivohl vorbereitet, in die Herr Ahlivardt gestern gefallen ist. Ich f irne Herrn Ahlwardt'S Aeteiiniaterial nicht; icki ltabe nichts davon gewußt, daß er derartiges hier Vorbringen .tvürde. Ich war gestern einen Augenblick Iveggegangen, alS sich die Sache hier abspielte, st.ach meiner Ueberzengnng hätte der Herr Abgeordnete Ahlwardt am richtigsten - gehandelt, bettle zu sagen: ich muß mich dein Spruche'der BerlrauenSeommission fügen; ich behalte mir aber por, mein weiterer Material demnächst vorznlegen. und eS ist ja in danieit« werthester Weise von allen Seiten dieses Hauses betont, daß er daran'dnrchans nicht verhindert tverden toll Ich. will in feinem Interesse hosjett — ich muß allerdings sagen: ich befinde mich in einem Zwiespalt, ob ich eS hofsen oder sürchten toll — daß von dem Material, welches er noch vorlegen will, sich soviel alS erheblich beweist, daß er wenigstens in Bezug auf sein«. Gutgläubigkeit gerechtfertigt dasteht. 'Wie sich die-Angelegenheit aber auch entwickeln möge, die große nationale Bewegung,- die, der 'Herr Abgeordnete Rickert eben mit ganz , unveranttvorllichett Ausdrücken bezeichnet hat, wild darunter nicht leiden. Tie große national« Bewegung,. die ein Erwachen deS deutschenVollSgitste». anS Jahrzehnte langer Vetdnnkelttng itnd Trübung bedeutet, wird siegreich ihren Weg gehen mit oder ohne Herr» Ahlwardt. Wir einzeln« sind nur .Kämpfer» die zufällig in vorderster Reihe stehen: wenn wir falle», tritt ein Anderer an nnieren Platz. Bestätigen sich die Angrisse des Herrn Ahlwardt, dann wird daS einen Sturm für die Segel der antisemitischen Betvegttng bedeuten. Bestätige» sie fick) nicht, dann wild Herr Ahlivardt vetmnlhlich verschwinden; da» wird der antisemitisch,» Br>t>egnng in ihrem.Fortschretten aber lein Hinderniß in den Weg lege». T aS, verehrter Herr Abgeordneter Rickert, kann ich .ihnen ln- 'stätigen, und zahlenmäßig beweisen, daß gerade, nachdem .ihre Bestrebungen gegen den Antisettiitisntns in Erscheinung getreten sind, die Bewegung ein viel j schnelleres Tempo eingeschlagen hat. Ich aäcke an Ihnen persönlich die lieber zengnng: denn ich bin lest .durchdrungen davon, daß Sie an» innerstem Herzen» drang in die Bleiche für da» Indenthnm gesprungen sind. Es mag das Ihrem Herzen alle Ehre machen. Ihrem klaren Blick macht .es leine Ehre. Heilet lettI Ter Hetr Abgeordnete. Rickert hat mit großem Pathos hier das Wort von der Schmach ttud Schande des Jahrhunderts in die Tebalt« geworfen. Herr Abgeordneter Rickert, dies Wort hat dereinst ein verstotbener Jude gefälscht und einem hohen Herin iat-chlich in den Mttnd gelegt;'jener hohe Herr hat e» niemals gesprochen. Man ioll >olche Fälschungen nicht tviedrtholen. Auch daS bekannte Gericht.setlettuitiiß, tvelches Sie wahrscheinlich gleich nachher vorreiten tverden, beweist nichts daitir; es betagt fiur, daß jener Jude anderen erzählt hat, das Wort gnS hohem Munde sei zu ihm gesvroäien, weiternichts. ES ivar nicht nöthig, glaube ich, daß bei der heutigen Tebatte die antisemitische Frage hier wieder verhandelt wurde: aber-die Herren drüben sorgen stet», daß sie nicht zur Rnhe lotnnten Htnn. Sie. wird dadurch immer mächtiger werden: fietvitd immer mehr an Tiefe nnd .straft gewinnen, je mehr man versncktch ihr Hinder »iss« >n den Weg;ttlegen, tvie ein lebendiger L.uell, der ans dem Innern. der Etde .kommt, hinter jedem Hinderniß anschtvillt, stärker nnd tu’er wird und darüber in mächtigem Bogen himvegslntbet oder es zerreißt. Tie atttiie'nziliiche Bewegnttg hatte mit der bentigen Verhandlung gegen den Abgeordneten Ahlwardt so gut wie-gar nicht» zu tbnn.' Aber ne ist schon so statt und io getvaltig geworden, daß sie -elbst inistande ist, a!tch unliebsame Er'cheinnngen ein Stück zt, tragen, ohne daß sie dadttrch Einbuße leidet Tie Herren von der Linken hätten nicht nötbig gehabt, die Fragen, die Vorlagen, zu verschieben: sie haben e» sich daher selber znzttschreiben, weint, der S.benter'vlg, den.ne zuerst erfochten hatten, nun auch stir sie dahin ist. ,Bravo! recht» ) Präsident: Ta« Wort hat der Herr Abgeordnete Stöcker. - ... Abgeordneter-Stöcker: Herr Rickert hat nicht gilt gethan, d:o« Wort von der Schmach des Jahrhunderts hier . anznbringen. TaS Wort ist vollständig apokryph;- eS witd ' lieb attck, nicht mehr »achtveifen laste», ob es lentais ausgesprochen worden ist. Aber ein andere« Wort aus demselben.erlauchten-Munde ist tvahr. Tr.'Telbrück hat-e» mit seinem Rainen 'vt'rburgt, daß dieser setbe crtanchte Mund mit tiefem Vetsländniß der detttjchen 'Roth gesttgt hat: man hätte früher etwas thu» sollen., Herr Rickert, warum citireii Sie denn dieieS Wort nie: man hätte irüher gegen dar Indenihnm etwas thnn sollen — y lZttrnfc linlS.) — Ja, was? Ta» werden Sie nie begrei-en? Aber da» ist ein echleS Wort, und es spricht für hohe StaatSweirheit, daß auch dieser er lagchie Psanit glaubte, man habe sich diese» Bolk über den stopt wachsen lanen Ta» 'Wort soll man eilire», lischt da» unechte. Tann tntiß ich Herr» Rickert noch >ägen: >o lange es 'Männer gibt, die wie die Tentschsteinniiigen ans jeden Wink für da» Indettlhnm etutrelen nnd nicht die geringste strtltk an demietben übe», obgleich sie daS striitsiren sogar bei gnieN Sache» io lrekilich vet-' stehen, so lange wird eine anliieiniti'che Betbegnttg. welche die Tiefen ntvetes Volke« dnrchwühlt, uiwermeidtich fein. Herrn Richter'» Istgrttnm. begreife ich vollauf. Gestern stand der Tentichsreisinn bei dieier Verhatttintig-so groß da, so groß wie selten; da komml heule Herr Rickert) mit ieittem (lngeichick Heiter-