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Freies Blatt · 1893-03-26 · 51 (26.3.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
51 (26.3.1893)
Date
1893-03-26
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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Nr. 51. Seite 6. - Freies leugnen ja das Blaue vo>» Himmel herunter!" nnb siskirte nun seine Zwischenriste. Tr. Menger fuhr dann fort: „Toetor -Lueger hat auch bebauptet, daß wir deshalb, weil einzelne Oubcu angeblich uim iiNjljlfoiibb O'elb hergeben, gegen den Anlisemitisnius auftreten. Ich bedauere nur die ungeheuere '.Niedrigkeit dieser Anschauung, wonach eine Partei von 110 Abgeordneten, die so große .Greise des dentichen Bürgerthnnis vertritt, wegen einiger tausend Milben für Pfahl-,wecke gegen ihre lieber-,eugnng wider den Antiieiiütismus austreten soll. Wir sind der Ansicht, daß die Menschen gleichberechtigt sind und daß' 'Jiiemaitb wegen seiner Religion ver folgen fei. Wenn auch geleugnet wird, daß es sich um die.Religion bandle, so bat doch Riemand es in der Hand, wenn eine anliseinitische Hetze besteh!, daß nicht große streife eine religiöse Hetze daraus machen. Auch Gründe wirlhschafklicher und politischer Matur lasten diese Agitation besonders für Wien als sehr bedauerlich erscheinen. Wien liegt an der (''mr,c zwischen Cften und Westen?ic natürliche wirthschaftlidie Aufgabe, die Wien groß gemocht hat, ist, die zzndnstrieprodnete des Rordens und Westens zu kaufen und an den Csten -,u verkaufen. Tic .rtansleuie im ganzen Cften, in Ungarn, in Galizien, Russisch- Polen. in den Tonansürstenthümern sind aber fast durchaus Juden. Was muß eine Stadt, die einen großen Tbeil ihres Erwerbes ans diesem berechtigten Zwischenhandel sieht, darunter leiden, wenn im ganzen Cften,befaiinr wird, daß von einer großen Partei mit agitakoriich^eniagogischem Talente eine Indenhetze in Wien getrieben werde? Tos sinteren.- von gan-, Wien, feiner Gewerbsleute, aller Hausherren, di: an der Prosperität Wiens wirkhichastlich interessirl sind, sollte sich gegen eine solche Agitation ausbäumen. Turch diese antisemitische Agitation 'werden den Juden allerdings sehr viele Ilnaniiehinlichkeiten und Schaden verursacht. Aber den endgiltigeu schaden haben davon doch nur die Ebriflen, weil insbesondere ihre Jugend durch diese Agitation verwildert." Tr. Menger kam auch aus die von Lueger neuerdings berührte Wiener >irenz Aifaire -,u sprechen und betonte, daß ein ealvrni'cher Ehrist sie angeregt habe. Mechaniker C ch ne ider wagte sich 'nuiimebr mit dem Zwischenrufe hervor: „Ein getaufter Jude war es!" Unter lebhafter Heiterkeit des Hauses bemerkte darauf der Redner: -„Bei Ihnen ist jeder ein Jude, der gegen -Tie ist! Cie haben ja die >1 u d o in a n i e " Rach dieser Abfertigung Cchneider's sagte Toetor stRenger: „Ein oalvinischer Ehrist hat es nach den (Glaubenssätzen seiner Religion für übel befunden, daß diese katholische Eeremonie in der Schule vorgenounnen wird," und hat, weil sein Töchterlein die Schule besuchte, verlangt, daß mit dieser Hebung ein Ende gemacht werde. Oiufem betreffenden -Bezirksi'chutrath wurde der Beschluß einstimmig gefaßt, und zwar aus Rücksicht aus die Kinder der helvetischen Eoutession. Eine christliche Aetion ist es also von'deuten, die sich christlich neunen, nicht, wenn sie den Juden einen Vorwurf ans der Cache machen." Cchließlich geißelte Tr. Mar Menger die grenzenlose Unverschänilheii der anlisemiincheu Cchandpreste Seine Aussprüche: „Cehr viel Mund, aber wenig Viciiiititiffc“, „Cie leugnen ja das Blaue vom Himmel herunter" iiiib'Toii&omaitic" werden wohl die gestügelren Worte vermehren und in einer neuen Auslage des „Büch -mann" nicht fehlen. — In einer groß angelegten, staats mäiinische» Rede berührte der Führer der Teutschliberalen Toetor v. P len er auch eine Aeußerung Luegers, wonach die Wiener Antifeiiuicn sich einer besonderen Billigung des Mrpstes erfreuen würden, und wies auf die päpstliche Enenkliea „Xoviirniir reiiiiii" hin, welche Leo XIII. im Jahre l>i)l veröstentlichthat. Tr. v. Plener sagte: ,. Tie'e Enenkliea reichtiet sich durch eine überaus maßvolle, überlegene und edlx Mfutitititg und Cprache aus und hat gerade über die Verhältnine -,wischen Arbeit und Kapital eine sehr gute Ctelle. .Tiefe beiden Tinge/ heißt es darin, .sind nokhwendige Besiandtheile der heutigen gesellichatilichen Einrichtungen, und die Harmonie zwischen denselben ist nothwendig im Inlereste der ganzen Crhnung und der ganzen,.kosnijscheir Anordnung der bürgerlichen^Gesellschaft, und jede Verhetzung und alle Angriste gegen diefelbe^bringen nur Unfrieden rind Störung mit sich ' Wenn man überhaupt dieses Cchristsiück, welches mit einer gewisten überlegenen Weisheit abgesaßtist, in die Hand nimmt, so wird man stnden, daß das eigentlich die Cprache eines abgeklivten, liberal gesinnten Coeialresorniers des westlichen Europa ist, der "nicht entsernd an derartiges denkt, wie man es heute in agitatori scheu Reden vorführt, sondern der. mit einer gewisten Ueberlegenheit den großen europäischen Proeeß zwischen Eapital und Arbeit, zwischen Individuum und Ctaal überblickt und die Polikiker sowohl der Herr i'cksenden Elasten als. die populären Führer des BolkeS warnt, ihre Gegensätze irgendwie aus die Cpitze zu treiben, sie bei jeder Eontro verse derartiger Prinerpien ermahnt, einander uäherznkommen, nie Has Eine veNvirft, weil es der (Gegensatz des Andern ist, und darum in einer gewisten ansgleichenden Gerechtigkeit die Richtung der Coeial Blatt. resorm sür ganz Europa und die ganze Ehristeuheit vorzeichnet. Würden sich die Herren von diesem Mbanfcn der Encykliea etwas durchdringen lasten, so würde ei» ganz, anderer Ton bei den Versammlungen der sogenannten christlichen Partei gesührt werde», dann würde man eS begreifen, wenn Sie sagen, daß diese Agitation die Billigung Sr. Heiligkeit des Papstes findet." — Am Schluß der Debatte über das Finanzgesetz kam eS bei den üblichen „thatsächlichen Berichtigungen" zu einer heftigen Eontroverse zwischen dem Antisemitenhäuptling und Tr. Kronawetter, letzterer constatirte, daß die demokratische Partei nach ihrem Programme, an dessen Ausarbeitung er und Lueger theilgenommen hatten, immer an der Gleichberechtigung aller Eonsessionen festgehalten habe. Ans einen Versuch Lueger's, in daS demokratische Programm die antisemitische Heilslehre hineinzuzwänge», antwortete Tr. Kronawetter, daß Lueger zur Zeit der Ab: sastung des ProgramineS der demokratischen Partei noch Juden zu seinen Freunden zahlte und .ihn selbst zu Inden um Geld für Partei zwecke geschickt habe. Bei einer solchen Sendung, bezüglich deren er sich auch schriftlich answeisen könne, habe Geßmann mitgewirkt. Tie Antisemiten waren über Kronawetter's Worte nachgerade wüthend. Cie vertragen nicht die Wahrheit; int Parlamente läßt sie sich aber nicht so unterdrücken wie in den von ihnen veranstalteten Versanim hingen, wo man Jeden, der gegen falsche Angaben Widerspruch erhebt, niederschreit oder gar mißhandelt. Fortschrittliche Venammkiustcii.) Ter „ T e u t s ch - f o r t s ch r i t tliche Bürgerverein in Baden" berief für letzten Sonntag -R'achmittags.in den großen Saal des „Hotel Fuchs" in Leobersdorf eine Versaininlnug ein. Ter geräumige Saal war dicht gefüllt, die überwiegende Mehrheit der Theilnehmer bildete die bäuerliche Bevölkerung aus Leobersdorf und den umliegenden Gemeinden! Die Städte Wiener Reustadt, Baden, Mödling und Böslau hatten stattliche Abordnungen fortschrittlicher Wähler entsendet, weiter waren die Crte Perchtoldsdorf, Günselsdorf, Guntramsdorf, Alland, Schönau, Tattendors, Weißenbach vertreten. Eine sympathische Begrüßung wurde seitens der Versammlung dem Herrenhansmitgliede Landtagsabgeordneten Rirolaus T nmba, dem Reichsrathsabgeordneten Profeffor Tr. Marchet, dem Landtagsabgeordneten Freiherrn v. Toblhoff und dem Bürger meister Rothaft von Leobersdorf zutheil. Rach der einleitenden Ansprache ^deö Vereinsobniannes Profesior Dr. Rainer v. R e i n ö h l, in der derselbe der Hosfnnng Ausdruck gab, daß die fortschrittliche Idee den verbündeten Gegnern zum Trotze in der ländlichen Bevölkerung immer tiefere, breitere Wurzeln fassen möge, hielt Abgeordneter Tr. Marchet einen mit allseitigem, Beifall aufgenommenen Vortrag über den bäuerlichen und gewerblich n Eredit. Herrenhaus Mitglied Landtagsabgeordneker Rirolaus Tnmba besprach im Auschluste an diese Ausführungen die Bemühungen des Landtages zur Förderung der Raisteisenschen Tarleheitsrassenvereine und erklärte es als Pflicht der Sparrasten auf dein Lande, dieselben zu unterstützen. Ter Redner richtete an die Versammlung den Appell, in allen Fragen des östentlichen Lebens sich nicht durch Cchlagworte und Hetzreden irre leiten zu lasten. Zur Förderung der Interessen des Bauern- und Gewerbestandeö diene vor Allem die Schule, und derjenige, der an diese tastet, begehe ein.Verbrechen am Volke. Was für daS politische Leben sehr verlsirngnißvoll sei, das sei leider die große Zerklüftung, die Gehässigkeit, daS Uebelwollen, die Verhetzung der, Elaste», der Eon fessionen, der Rationen, der Parteien unter einander. (Beifall..) Die Kämpfe, die setzt heransbeschworen, seien unnütz, denn wirthschaftliche Fragen können weder vom eleriealen noeif vom liberalen, noch vom antisemitischen Standpunkte gelöst werden. Auf diesem Gebiete gebe es nur Ein Mittel: den Fortschritt. Dumba schloß unter stürmischem Beifall und Hochrufen mit den Worten: „Huldigen auch Sie dieser Ueberzeugung, und für mich, der nahezu 2h Jahre Ihren Wählerkreis vertritt, wird es keine schönere Genngthuiing gebe! als die, zu wisien, daß die Wählerschaft treu zu der forlschrsitsichön Mirtei hält." Hierauf hielt Tr. Rainer v. Reinöhl einen Vortrag über den christlichen Staat nach cleriealer und liberaler Anschauung, in welchem er betonte, daß die Feinde der Aufklärung das Volk immer am Gängelbande führen wollen und in ihren ruchlösen Plänen von den Antisemiten thatkrästigst nnterflntzt werden. Tie Versammlung wurde sodann vom Vorsitzenden Brause weiter mit Taiikeskundgebnngen für die Vereinigte. Linke, sür die Abgeordneten Tnmba und Dr. Marchet sowie für Professor Tr. v. Reinöhl geschlosien. — In einer strebe, welche Vicebürgermeister Tr. Grübl am 20. d. M. im „Brigitte n a n e r FortschrittSelub" hielt, sagte er: „Wenn Jemand unzufrieden ist aus weiß Gott welchem Grunde, wird, er in den meisten Fällen Antisemit! Wird Einer von einem Ehristen angeschmiert, wird er Antisemit: wird ein Beamter präterirt und sind seine Vorgesetzten auch lauter Ehristen, wird er Antisemit! Tie Unzufriedenheit

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